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Artikel 44 / 69

»Halt uns nicht für dumm, Amigo«

Englands diplomatische Vertretungen in Lateinamerika haben ihre Sicherheitsmaßnahmen verstärkt, um gegen Überfälle revolutionärer Untergrundkämpfer gewappnet zu sein. Das neue Abwehrsystem entwickelte der Ex-Botschafter Sir Geoffrey Jackson, der die Kidnapper-Praktiken aus eigener Erfahrung kennt: Er wurde 1971 von der uruguayischen Befreiungsbewegung entführt und neun Monate in Haft gehalten. Über seine Erlebnisse bei den Tupamaros hat er jetzt einen Bericht geschrieben, aus dem der SPIEGEL Auszüge veröffentlicht.
aus DER SPIEGEL 48/1973

Mein Abenteuer begann offiziell am 8. Januar 1971. Könnten wir jedoch die Urheber selbst befragen, so würden sie zweifellos zugeben, daß die Anfänge ihrer Operation weit in das Jahr 1970 zurückreichten,

Damals nämlich begann ich zu ahnen -und für meine Frau war es intuitiv noch deutlicher -, daß sich die innere Unruhe meines Gastlandes Uruguay unter Umständen direkt auf unser privates Leben auswirken würde. Schon Anfang 1970 spürte ich jene Anhäufung ungewöhnlicher Situationen, wie sie der selige lan Fleming so genau beschrieben hat. Sein James Band sagt irgendwo: »Beim erstenmal ist es bloßer Zufall, beim zweitenmal Pech und beim drittenmal Aktion des Feindes.«

© 1973; deutschsprachige Rechte: Mohrbooks, Zürich.

Vom Londoner »Observer« veröffentlichte Zeichnung des britischen Malers Michael Heslop.

Wenn immer häufiger nachts das Telephon klingelt, wenn sich bei einsamen Spaziergängen am Strand, durch Sanddünen und Kiefernwälder immer öfter bewegliche Silhouetten am Horizont zeigen und man plötzlich Begegnungen mit verliebten Jugendlichen, hat, die in immer derselben unglaubwürdigen Trioformation auftreten, wenn man regelmäßig beim Golfspiel auf entlegenen Rasenflächen von gewollt lässigen jungen Leuten gestört wird, dann beginnt man zu begreifen, daß sich das eigene Privatleben verändern wird.

Dieser kaum spürbare Stimmungsumschwung traf mit sehr viel bedrohlicheren Anzeichen inner- und außerhalb Uruguays zusammen. In -- Montevideo selbst verstärkten die Guerrilleros ihre Aktionen, denen die Polizei nicht gewachsen war. Die Streitkräfte zeigten sich auf diese Herausforderung ebensowenig vorbereitet wie die Bevölkerung Uruguays, da sich Armee und Volk von altersher daran gewöhnt hatten, daß sich das Militär nicht in die Innenpolitik einmischt.

Die vom Norden Lateinamerikas heranrollende Welle von Entführungen hatte Anfang 1970 mit der Verschleppung und Ermordung des deutschen Botschafters in Guatemala, Graf von Spreti, die Katastrophenstimmung verschärft. Ähnliche Vorkommnisse ereigneten sich in immer größerer Nähe; nacheinander wurden in Brasilien der amerikanische, der deutsche und der schweizerische Botschafter entführt, und jedesmal mußte die Freilassung teuer erkauft werden.

Mir schien, daß Depeschen nicht mehr ausreichten, die gespannte Situation zu erörtern. Zum Glück stand in London eine Konferenz der in Lateinamerika tätigen britischen Handelsattachés bevor, und da sich heutzutage alle Botschafter -- ich nicht ausgenommen -- als Handelsexperten betrachten, beschloß ich, selber nach England zu fahren. Ich konnte bei dieser Gelegenheit die für mich zuständige Abteilung des Außenministeriums darüber informieren, daß ich in Montevideo jederzeit mit einer brutalen Aktion rechnen mußte.

In London stieß ich auf eine mitfühlende Kenntnis der Lage in Lateinamerika und meiner Rolle in Uruguay. Mehr wollte ich nicht. Einer unserer dienstältesten Beamten sprach in einer wortkargen Unterredung die Hoffnung aus, daß die Lage sich nicht unerträglich zuspitzen möge, woraufhin ich ihn fragte, ob er jemals Mäuse im Haus gehabt hätte. Mehr brauchte ich nicht zu sagen -- er schüttelte voll Mitgefühl den Kopf.

In den nächsten Wochen sollten meine Frau und ich jenes Gefühl nur zu gut kennenlernen, das man niemandem zu erklären braucht, der Mäuse oder Ratten in den eigenen vier Wänden gehabt hat -- jene Gewißheit, daß ganz in der Nähe eine nie sichtbare, aber immer anwesende Intelligenz wachsam und feindselig lauert.

Die Botschaftsangehörigen, die mich nach der Rückkehr aus London auf dem Flughafen von Montevideo erwarteten, zeigten nicht das sonst übliche Begrüßungslächeln: bald verstand ich den besorgten Ausdruck auf ihren Gesichtern: Noch nie zuvor hatte ich eine solche Anzahl von Sicherheitspolizisten erlebt, eine geräuschvolle Motorrad-Eskorte begleitete uns auf dem Weg zur Botschaft, und dann berichtete mir mein Stellvertreter, was geschehen war.

Am Vormittag desselben Tages hatte ein Terroristenkommando einen jungen Zweiten Sekretär der US-Botschaft, Gordon Jones, gekidnappt: einem zweiten Diplomaten war es gelungen, sich noch gerade rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Ein anderes Kommando hatte den US-Polizeibeamten Dan Mitrione, der im Rahmen eines Ausbildungsprogramms nach Uruguay geschickt worden war, abgefangen und verschleppt.

Der Fall Mitrione hatte ein grausames Ende. Nie wird Lateinamerika vergessen können, wie der amerikanische Berater ungefähr eine Woche später ermordet aufgefunden wurde -- derart zugerichtet, daß wohl selbst viele seiner Tupamaro-Henker ein schlechtes Gewissen und böse Vorahnungen bekamen.

Von diesem Augenblick an hatte auch ich keine Ruhe mehr. Die Entführungen der Tupamaros waren jetzt nicht mehr gelegentliche Einzelaktionen, auch im benachbarten Brasilien wurde diese Taktik von ähnlich gesinnten Guerilla-Organisationen gegen Diplomaten angewendet. Und seit einiger Zeit schon waren angesehene Persönlichkeiten Uruguays verschleppt und eingesperrt worden -- ein Bankier, für den Freunde das Lösegeld bezahlten, der Vorsitzende der National Energy Corporation und dann der Amerikaner Claude Fly, ein älterer Gelehrter von zierlicher Gestalt. Spezialist für geologische Untersuchungen.

Fly hat mit seiner äußerst liebenswürdigen Art sogar auf seine Wächter einen starken Einfluß ausgeübt. Die legendären Berichte von seiner Unerschrockenheit, die später bei meinen eigenen Wächtern die Runde machten -- einer nannte den gefangenen Amerikaner gar einen Heiligen -- bedeuteten für mich eine Quelle des Trostes.

Die wachsende Zahl von Präzedenzfällen war nicht der einzige Grund für meine Unruhe. Hinzu kam immer irritierender die wie ein zunehmender Luftzug spürbare Überwachung, das immer stärkere Gefühl der unsichtbaren Gegenwart einer feindlichen Macht. Im täglichen Leben mehrten sich ungewöhnliche Zwischenfälle in einer erschreckenden Weise. Sogar der Straßenverkehr in Montevideo, der schon zu normalen Zeiten von Zynikern als Einladung zu jedwedem Tupamaro-Überfall bezeichnet wird, neigte von Tag zu Tag zu weiteren Exzessen.

Es verging kaum ein Tag. an dem uns nicht ein Auto in rascher Fahrt aus der Bahn drängte -- vermutlich, um unser Reaktionsvermögen zu testen.

Das Gefühl, heimlich beobachtet zu werden, verstärkte sich und wurde schließlich zur Gewißheit. Manchmal dachte ich, meine Verfolger und Überwacher hätten jeglichen Sinn für Heimlichkeit, ja Diskretion verloren. Wir gewöhnten uns in der Botschaft daran, einen Motorroller. wiederzuerkennen, der mit demselben Nummernschild und nur gelegentlich ausgewechselter Besatzung in der Nähe des Botschaftsgebäudes herumkurvte und intimer dann auftauchte, wenn mein Dienstwagen vor der Botschaft parkte.

Auf der Wiese im Park eine »Familie« von Verfolgern.

Ich erinnere mich, eines Tages die Aufmerksamkeit meiner Mitarbeiter auf ein junges Liebespaar gelenkt zu haben, das am Fuß der Außentreppe miteinander schmuste. Auf ihren Motorfahrrädern sitzend, hielten sie sich umschlungen, und der junge Mann sang dabei die spanische Version von »I've got you under my skin«.

Ich machte meinen Sicherheitsspezialisten Mick darauf aufmerksam, daß der Gesichtsausdruck der beiden jungen Leute mit dem, was sie taten, nicht übereinstimmte: Ihre Augen hatten jenes verschleierte, stumpfe Aussehen, das man von vielen zentralamerikanischen Putschen her kennt -- es fehlte ihnen das Leuchten, das normalerweise mit ihrem angeblichen seelischen Zustand einhergeht.

Mick dagegen erkannte sie an ihren Nummernschildern, mit denen er sich schon früher beschäftigt hatte: die Spur führte zu einem Studenten, von dem bekannt war, daß er Verbindungen zu Terroristen unterhielt.

Gegenüber meinem Haus lag ein hübscher, wenn auch um diese Jahreszeit etwas mitgenommener Park, in dem sich an warmen Tagen gern Leute aufhielten, um sich zu erholen oder gelegentlich auch ein Picknick zu halten. Plötzlich jedoch schien aus dem Picknick eine Non-Stop-Veranstaltung mit

* Überführung seines Leichnams nach den USA, August 1970.

rotierender Besetzung geworden zu sein.

Praktisch den ganzen Tag über lagerte unweigerlich eine junge Familie auf dem Rasen dort drüben und genoß das schöne, warme Wetter. Es war eine ganz normale Familie. Der junge Mann döste vor sich hin oder spielte mit dem Baby; die junge Frau ließ aus ihrem Transistorradio Musik ertönen und richtete alles für das Essen her.

Aber es spielte sich allzu oft dasselbe ab, und alles verlief zu sehr nach demselben Schema. Trotzdem wirkte die Szene nach außen hin so normal, daß ich die jungen Leute nicht bei der Polizei anzeigen und schon gar nicht verlangen konnte, sie zu verscheuchen.

Nun schätze ich es nicht sehr, hereingelegt zu werden; es ist mir peinlich vor mir selber und vor denen, die mich hereinlegen wollen. Deshalb ließ ich meine Überwacher nicht im Zweifel darüber, daß sie erkannt worden waren. Wenn sie an mir vorüberkamen, blickte ich ihnen direkt in die Augen. Ich glaube, daß ich deshalb später, als ich von ihren Gesichtern nur noch die Augen zu sehen bekam, einige meiner Beschatter wiedererkennen konnte,

Jackson verbietet seiner Leibwache, Schußwaffen zu tragen.

An einer der »jungen Mütter« fielen mir die unverkennbar orientalischen Augen auf. Ich vermute, daß sie, ebenso wie einer der Männer -- er hätte ihr Bruder sein können -, der mich später verhörte, aus dem Nahen Osten stammte.

Die Abstände-zwischen den Patrouillengängen der Stadt-Guerrilleros wurden immer kürzer, die Fahrzeuge, in denen sie aufkreuzten, immer größer. Wenige Tage vor meiner Entführung fuhr eine riesige ältere Buick-Limousine fast den ganzen Tag in regelmäßigen Abständen an meinem Haus vorbei, nachdem am Tag zuvor ein De Soto mit langen Heckflossen auf meiner Rückfahrt vom Amt unseren Weg gekreuzt hatte.

Das Gesicht, das aus der Buick-Limousine blickte, war dasselbe, das ich dann im Rückspiegel meines Daimler sah, als ich mich auf der ersten Etappe meiner Fahrt in die Gefangenschaft befand. Das längliche Clowns-Gesicht des De-Soto-Fahrers dagegen sollte später, vom Schlaf in einen Zustand der Unschuld versetzt, wieder auftauchen

in dem unterirdischen Käfig, in dem mich die Tupamaros gefangenhielten.

Solange Mick bei mir war, wußte ich mich gut abgesichert, und zwar weit über den an ihn ergangenen Befehl hinaus, der normalerweise nur reine Routine-Inspektion zur Pflicht macht. Gerade deswegen eben machte ich mir auch Sorgen um ihn und war fast ein wenig erleichtert, als er versetzt wurde und sich widerstrebend von mir verabschieden mußte.

Ich hatte immer mehr das Gefühl, Mick sei wirklich in Lebensgefahr, falls die Tupamaro-Aktivität um mich herum tatsächlich gegen mich persönlich gerichtet war und nicht nur eine umfassende Übung zur Sammlung von Fakten darstellte. Ich bezweifle kaum, daß man zuallererst auf ihn geschossen hätte, wenn er bei meiner späteren Entführung dabei gewesen wäre, und so war ich froh, ihn in Sicherheit zu wissen.

Aus diesen Gründen untersagte ich auch meiner Leibwache und der Mannschaft in dem ständigen Begleitwagen, auf den ich nach der Ermordung Mitriones Anspruch hatte, Schußwaffen bei sich zu tragen.

Diese Eskorte hatte nur den vorbeugenden Zweck, mögliche Angreifer zu behindern oder mir notfalls die Flucht zu erleichtern. Oft war es schon vorgekommen, daß mein Fahrer Hugo das gewaltige Heck meines siebensitzigen Daimler hin- und herwedeln ließ und dadurch eine verdächtig aufdringliche »camioneta« zur Seite zwang, während er unserem schnellen Begleitwagen ein Zeichen gab, uns zu überholen und dem Verfolger, der sich vordrängen wollte, den Weg abzuschneiden.

Aus Sicherheitsgründen hatten wir uns auch angewöhnt, auf der Hinfahrt zum Amt und besonders auf der Rückfahrt zu meiner Wohnung ständig die Route zu verändern. Ich war überzeugt, außerhalb des Stadtzentrums am meisten gefährdet zu sein, denn die engen Straßen des Geschäftsviertels in der Altstadt, das komplizierte, verschachtelte Straßensystem der Innenstadt und die Unberechenbarkeit der motorisierten Verkehrsteilnehmer schienen weder einen Überfall noch ein Entkommen zu begünstigen.

Zwischen der Innenstadt und meiner Wohnung liegt die Rambla, eine schöne, aber beunruhigend einsame und außerhalb der Hauptverkehrszeiten völlig verlassene Fahrstraße. Daher fühlte ich mich nur in der Innenstadt sicher und war jeden Morgen erleichtert, wenn ich das belebte, in sich geschlossene Zentrum erreichte.

Unterdessen mußte meine Arbeit und mein offizielles Leben weitergehen, obwohl das Gefühl wuchs, daß wir in unserer Wohnung eingesperrt waren. Schließlich schien ein britischer Botschafter nicht mehr, sondern eher weniger gefährdet als andere. Immerhin war einer meiner Botschafter-Kollegen nach zwei, drei häßlichen Zwischenfällen an sein Haus gefesselt und mußte sein Amt von seiner schwer bewachten Villa aus leiten. Da er aus einem Nachbarland stammte, das für Uruguay große politische Bedeutung hatte, galt er selbstverständlich als ein hervorragendes Angriffsziel für die Stadt-Guerrilleros.

Dagegen konnte nach herkömmlicher Meinung ein britischer Botschafter. hinter dem die Zuneigung des ganzen uruguayischen Volkes stand, niemals angerührt, geschweige denn mißhandelt werden.

Die Rolle Großbritanniens im Unabhängigkeitskampf Uruguays vor zweihundert Jahren ist im uruguayischen Volk noch immer lebendig; ich fragte mich allerdings, ob den Tupamaros von ihrer Weltanschauung her wohl erlaubt sei, diese altehrwürdige Auffassung zu teilen.

Als ich am 8. Januar 1971 morgens meiner Frau auf Wiedersehen sagte, ahnte ich nicht, daß ich mich mit dem dürftigen Aurevoir für den größten Teil des Jahres begnügen mußte.

Ich hatte mit einem britischen Geschäftsmann für 10.15 Uhr ein Gespräch in meinem Amt verabredet, und ich habe in meinem Dienst immer darauf bestanden, daß man niemanden warten läßt, der die britische Botschaft aufsucht -- schon gar nicht einen reisenden Geschäftsmann, diesen am wenigsten gewürdigten Helden unserer Zeit. Daher trat ich rasch in unser Badezimmer, gab meiner Frau einen Kuß und sagte ihr, ich würde sie vom Amt aus anrufen lassen, sobald ich zum Mittagessen nach Hause abgefahren sei.

Es war herrliches Wetter, die Straße ungewöhnlich ruhig. Der Präsident von Uruguay war nämlich soeben abgereist, um einen Urlaub am Meer zu verbringen, und er hatte viele seiner Sicherheitspolizisten mitgenommen. Wie immer war ich erleichtert, als wir von der offenen Uferpromenade in die schmalen, belebten Seitenstraßen einbogen, die zur Botschaft führen, und während wir langsam durch die mit parkenden Autos vollgestopften Einbahnstraßen vorrückten, scherzte ich mit meinem Fahrer. Wir hatten die Stelle erreicht, an der wir fast jeden Tag warten mußten, bis die Lieferwagen vor den Geschäften mit Abladen fertig waren. Vor uns stand ein großer roter Lkw, den ich zunächst gar nicht weiter beachtete. Doch kaum waren wir auf gleicher Höhe mit ihm, da fuhr er vom Randstein an.

Für meinen Fahrer blieb nicht viel Platz zum Ausweichen; ohne unser Hupen zu beachten, setzte der Laster sein Manöver fort und schrammte rücksichtslos unseren linken vorderen Kotflügel. Mit sichtlicher Resignation machte Hugo die Tür neben sich auf und wollte aussteigen, um die Personalien des Lkw-Fahrers aufzunehmen.

Statt dessen öffnete sich das Führerhaus des Lastwagens, und der Fahrer sprang herunter. Aus dem Nichts tauchte ein junger Mann auf und schlug Hugo hart auf den Kopf. Gleichzeitig ertönte ein heftiges Rattern automatischer Waffen, das mir endlos anzuhalten schien. Der stärkste Lärm rührte von einer in einem Obstkorb versteckten Maschinenpistole her, die ein scheinbar harmloser Zuschauer in der Hand hielt -- eine Raffinesse, auf die meine Entführer sehr stolz waren, wie sie mir später erzählten.

Der Lastwagenfahrer stieg in meinen Daimler, setzte sich hinter das Steuer und machte die Tür auf der anderen Seite für einen zweiten jungen Mann auf. Ein dritter langte mit dem Arm um den Türpfosten und öffnete fachmännisch die hintere Tür von innen, während ein vierter, der an der rechten hinteren Tür neben mir aufgetaucht war, einen Furientanz aufführte und mich mit wütenden Zeichen aufforderte, ihm die Tür zu öffnen.

Stand der Schießwütige unter Drogeneinfluß?

Das aber erledigte für ihn der dritte junge Mann, der inzwischen links von mir in den Fond gestiegen war, woraufhin Akteur Nummer vier schießend einstieg. Warum er schoß, war unerklärlich. Immerhin hätte er mich beinahe umgebracht, wie er selber sagte, als er sich mit seiner rauchenden Automatik auf meinem Schoß niederließ.

Auf dem Sitz neben mir und im Dach über meinem Kopf hatten sich scheinbar ganz langsam zwei Löcher gebildet. »Hab' Sie beinahe totgeschossen, Old Man«, schrie der Jüngling mich vorwurfsvoll an, während er mir auf den Kopf hämmerte.

Unterdessen war ich bestrebt, meine Brille zu retten, denn beinahe instinktiv nahm ich an, sie noch gut brauchen zu können. Es war vielleicht töricht von mir, in meine Brusttasche zu greifen, doch als meine Hand mit dem Brillenetui wieder herauskam, gab es eigentlich keinen Grund dafür, daß Akteur Nummer drei anfing, mit mir zu ringen und mich zu schlagen.

Ebenso hätte Akteur Nummer vier darauf verzichten können, mir zuerst einen klassischen Hieb mit dem Lauf seiner Pistole zu versetzen und mir dann mit dem Griff seiner Waffe auf das Schläfenbein zu trommeln.

Inzwischen setzte sich der Daimler in Bewegung. Wieder hatte ich das merkwürdige Gefühl von Zeitlupentempo, verstärkt dadurch, daß einer der jungen Männer versuchte, mich an jeder Bewegung zu hindern, während mir zum erstenmal seit vielen Jahren jemand auf dem Schoß saß, der älter war als zwei, drei Jahre. Ich hatte endlich Muße, mir

* Untergrundkämpfer Amilivia und Sales, die unter dem verdacht verhaftet wurden, die Jackson-Entführung vorbereitet zu haben.

genau anzusehen, was geschah und wer die handelnden Figuren waren.

Meine Angreifer trugen keine Masken; es waren für lange Zeit die letzten Menschengesichter, die ich sehen sollte. Mit der Bedienung des Daimler waren sie offensichtlich gut vertraut -- mit seiner für Uruguay recht fremdartigen Schaftung, mit den Türschlössern und der Servolenkung: ich stellte mir im Geist die vielen Gelegenheiten vor, bei denen eine solche Vertrautheit hatte erworben werden können.

Zwei des Teams machten den Eindruck, als hätten sie mehr Zähne, als ihr Mund eigentlich fassen könnte, bis mir klar wurde, daß dieses Phänomen eine Grimasse bloßer Anspannung war. Die beiden anderen schienen völlig gelassen.

Der Jüngling, der mich mit seiner Pistole belästigt hatte -- wofür er, wie man mir später sagte, bestraft wurde-, war kaum älter als ein Schüler der sechsten Klasse, und so erregt, daß ich mich fragte, ob er etwa unter Drogeneinfluß stand.

Das Gesicht des Fahrers, das ich im Innenspiegel deutlich sehen konnte, war mir von früheren Begegnungen mit meinen Verfolgern bekannt. Der Mann hatte stumpfe Gesichtszüge, einen Schnurrbart etwa im Zapata-Stil. und sein Mund war krampfhaft verzerrt, aus Konzentration oder aus reiner Angst.

Gleichzeitig versuchte ich angestrengt, im Rückspiegel zu beobachten. was hinter mir los war. Mein Fahrer lag noch auf der Straße. Walter und Carlos hatte ich bei dem Überfall aus meinem Begleitwagen in den Feuerhagel hineinspringen sehen. Ich hoffte inständig, meine Angreifer möchten noch rechtzeitig erkannt haben, daß ihre Opfer unbewaffnet waren.

Wenig später machte sich mein weniger brutaler Bewacher daran, mir die Augen mit einem Tuch zu verbinden, das viel zu klein war. Bei ihren sonst so gewissenhaften Erkundungen war den Guerrilleros entgangen, daß ich Hutgröße 62 habe.

Sein aggressiverer Partner versetzte mir immer wieder Pistolenschläge und brüllte mich an, ich solle die Augen zumachen. Sehr bald erreichte ich das Stadium, in dem man sich sagt: »Jetzt kommt es auch nicht mehr darauf an« und blinzelte verstohlen unter dem Tuch hervor, soviel ich konnte. Beim Umsteigen an der Klostermauer eine Ohnmacht simuliert.

Bei dem Zusammenstoß mit dem Lastwagen war der linke vordere Kotflügel des Daimler halb abgerissen worden, so daß er jetzt bei der Fahrt ständig gegen das Rad schlug. ich hoffte, daß dieses fürchterliche Getöse eine vorbeikommende Polizeistreife alarmieren und womöglich eine Rettungsaktion auslösen würde.

Plötzlich aber fiel mir ein, daß ich auf der Fahrt in die Innenstadt nicht einmal den gewohnten Wachtposten oben auf dem Gaswerk gesehen hatte, der die Straße in ihrer ganzen Länge überblicken kann. Zu meinem Schrecken erinnerte ich mich, daß der Präsident beim Verlassen der Hauptstadt einen großen Teil der gut ausgebildeten Sicherheitspolizisten mitgenommen hatte.

Außerdem waren die Straßen im Stadtzentrum jetzt so unnatürlich leer, daß ich annehmen mußte, ein ausgeklügeltes Absperrungssystem meiner Entführer sei wirksam geworden: Sie hatten freie Fahrt in Vorortstraßen, in denen gegen zehn Uhr vormittags schon der Zustand relativer Verkehrsstille herrschen mußte.

Unser Tupamaro-Fahrer hielt eine recht gute Geschwindigkeit ein, und nach kaum fünf Minuten stoppten wir in einer langen und wie ich enttäuscht feststellen mußte -- sehr leeren Straße, die ich von früher her kannte. Sie führte an der einen Seite eines Klosters entlang und endete am Fluß, der bei Montevideo in Wirklichkeit schon der Ozean ist.

Jetzt schien mir der Zeitpunkt gekommen, an meinen Notplan zu denken, den ich mir seit langem für einen solchen Vorfall zurechtgelegt hatte. Als meine Entführer mich aus dem Wagen schoben und zu einem älteren, blau -gestrichenen Chevrolet drängten, ließ ich mich zusammensacken, als sei ich ohnmächtig geworden. Es war kein großes Kunststück, denn der Kopf schwamm mir ohnehin noch von den Schlägen.

Dennoch fühlte ich mich zumindest in so guter Form, daß ich einen Fluchtversuch unternommen hätte, wenn nur die geringste Deckung vorhanden gewesen wäre. Aber es gab keine Deckung. Grau und leer erstreckte sich die Straße in die Weite, ähnlich einer Lehrbuch-Zeichnung perspektivischer Verkürzung.

Die Standardfolter des Untergrunds: die »esposas«.

Wenigstens aber sollten sich meine Entführer die Mühe machen, mich zum nächsten Transportmittel zu tragen. Als sie mich in die offene Tür des wartenden Lieferwagens hoben, hörte ich plötzlich von hinten die besorgt flötende Stimme einer alten Dame, die wissen wollte, ob sie dem armen Herrn nicht irgendwie behilflich sein könne.

Nein, antwortete einer meiner Entführer, der Herr sei in guten Händen; es sei ihm schlecht geworden, und man bringe ihn sogleich ins Krankenhaus, ich kam zu dem Schluß, daß es weder für mich noch für die Dame gut sein würde, wenn ich jetzt einen Fluchtversuch riskierte. Resignierend hörte ich die Lieferwagentür zuklappen.

Ich begann, mit einer inneren Buchführung meine Resignation abzumildern -- eine Übung, die ich später ständig wiederholte. Auf der Habenseite registrierte ich, daß meine Frau in jedem Falle auf Witwenrente zählen konnte und daß mein Sohn ein erwachsener Mann war, der sich selbst ernährte. Meine Aktentasche enthielt nichts, was meiner Regierung schaden oder sie in Verlegenheit hätte bringen können -- oder was die Gefahr vergrößert hätte, in der ich schwebte; mit meiner Arbeit war ich up to date, und mein Jahresbericht für 1970 war schon zum Abtippen gegeben worden.

Mein brutalerer Begleiter unterbrach meine Überlegungen. Er riß den rechten Ärmel meiner Jacke auf, dann den Hemdsärmel. Ein anderer versuchte fieberhaft, mir eine Injektionsnadel in den Rücken der linken Hand zu bohren, gab es aber auf, weil der Wagen zu sehr schüttelte, und befahl dem Fahrer anzuhalten. Ich fragte, ob sie etwa vorhätten, meinen Handrücken mit dem Tupamaro-Wappen zu tätowieren, und zum erstenmal hörte ich einen Tupamaro lachen.

Aber als mir dann der junge Mann eine Blutprobe abgenommen und mir die erste von vielen Drogenspritzen verabreicht hatte, war es mit dem Spaß vorbei: Meine Peiniger legten mir die berüchtigten Handschellen der Stadt-Guerillas an, jenen Schmetterling aus starkem Stahldraht mit einem doppelten Sperrhaken in der Mitte, offenbar eine Standardvorrichtung des Untergrunds.

Ich versuchte, mit einer nicht sehr überzeugenden Methode der schmerzhaften Prozedur zu entgehen, indem ich erwähnte, daß ich vor vielen Jahren als 44jähriger Botschafter in Honduras mit meinem Herzen Schwierigkeiten gehabt hätte. Aber meine Entführer waren an derlei Erklärungen nicht interessiert, die Antwort meines blonden Quälgeistes war »Ruhe!« und ein Schlag auf den Kopf.

Sein Freund drehte das doppelte Gewinde meiner »esposas« oder »Ehefrauen«, wie diese Fessel im Spanischen genannt wird, noch fester und injizierte dadurch in meinem Geist die Vorahnung unmittelbar bevorstehender Auslöschung. Ich sagte den Folterern, das Ganze sei ein grober Fehler -- wir Briten bezahlten kein Lösegeld und tauschten auch keine Geiseln aus.

Wieder kam die Antwort: »Ruhe!« und ein Pistolenhieb auf meinen Nacken, während der Schmetterling um meine gekreuzten Handgelenke immer enger wurde, bis ich kein Gefühl mehr darin hatte. Das eine Handgelenk sollte drei Monate lang völlig gelähmt bleiben, wurde dann aber wieder gesund, offenbar durch die wunderbare Fähigkeit des Körpers, einen durchtrennten Nerv durch andere Nervenstränge zu ersetzen.

Eine Zeitlang war die Straße ziemlich holprig gewesen, und plötzlich rumpelte der Lieferwagen mit nur geringer Verminderung seiner Geschwindigkeit über etwas, das mir wie ein Kanalgitter am Straßenrand vorkam. Ungefähr hundert Meter weit fuhr der Wagen in einer engen S-Kurve und dann geradeaus in einen fast völlig dunklen Raum, Hinter uns schlug ein Garagentor zu.

Nach dem Tumult der letzten zwanzig Minuten wirkte die Stille bedrückend, fast unheilvoll. Sie wurde nur von tappenden Fußtritten und von dem Klappen einer Art Falltür unterbrochen. An Armen und Beinen wurde ich aus dem Lkw

gezogen und in eine Art Loch hinabgelassen, das nicht viel länger war als ich.

Niemand sagte ein Wort, und nachdem ich etwa einen Meter tief auf dem Rücken hinabgelassen worden war, drängte man mich nach vorn, und ich glitt an einer splittrigen, etwa mannshohen Leiter hinab. Wieder wurde ich an Armen und Beinen gepackt, durch eine enge Öffnung gezerrt und dann nicht allzu hart auf den Boden gelegt.

Man nahm mir das Tuch von den Augen, und ich sah rund um mich im Kreis Schuhe stehen, vor mir ein Paar sehr schön geschnittener, brauner, genarbter Männerslipper, dazu eine Stimme: »Ay, pobrecito -- ach, der arme Kerl -, was hat er für Pistolenschläge abgekriegt. Bringt mir einen Lappen und ein bißchen Alkohol.«

Die Stimme, die ein auffallend leises, fast vergnügtes Spanisch sprach, schien mir seltsam bekannt -- ich mußte sie vorher schon einmal gehört haben. Sie klang fröhlich und dabei zugleich sehr böse, obwohl die Hand, die mir das Blut von der Stirn wischte, sanft und sogar geschickt war.

Ich streckte mich aus, wendete den Kopf und blickte mich um. Im Licht einer nicht allzu starken elektrischen Birne sah ich in Höhe meiner Augen eine Fläche aus glattem Beton und oben ein Konglomerat aus rauhen Steinen und Zement, rechts von mir ein Quadrat aus dickem, festem Maschendraht und ein oder zwei senkrechte Balken. Ich stutzte, blickte noch einmal hin und brach in Gelächter aus.

Ebenso belustigt und vielleicht sogar mit etwas gespieltem Groll fragte die leise Stimme: »Und warum, Herr Botschafter, finden Sie Ihre Lage so komisch?«

»Weil es hier genauso aussieht wie auf Pressephotos von Tupamaro-Verstecken -- es könnte geradezu eine Karikatur sein«, antwortete ich.

»Nun, der hat ja Nerven«, sagte die Stimme zu einer anderen, weniger kultiviert-liebenswürdigen Stimme, die mich sofort anbellte: »Für wen halten Sie uns denn?«

»Das weiß man doch.«

»Aber sagen Sie es, sprechen Sie es aus!«

»Für Tupamaros natürlich, wenn Sie darauf bestehen«, antwortete ich.

Die erste Stimme griff ein. »Sie haben jetzt ein paar Injektionen bekommen. Falls Sie nicht gegen Tetanus geimpft sind, müssen wir es jetzt tun -- wegen Ihrer Wunden und Abschürfungen.«

Ich erklärte mich einverstanden, mein Inquisitor fuhr fort, er habe auch Verständnis dafür, daß ich wohl ein wenig nervös sei, deshalb wolle er mir auch gleich eine Spritze geben, damit ich bei dem bevorstehenden Verhör etwas entspannt sei. Auch diesmal spürte ich keine übermäßige Reaktion, und ich glaube überhaupt, daß ich dem Einfluß der injizierten Drogen zu keiner Zeit völlig erlag.

Ich muß dann eingeschlummert sein. Ein hartnäckiges Zupfen am linken kleinen Finger weckte mich auf: Ich begriff, daß mir jemand meinen Siegelring vom Finger ziehen wollte, und fauchte ihn an wie ein wildes Tier. Zum Glück habe ich mir als passionierter Schwimmer den Ring recht eng machen lassen.

Manschettenknöpfe, Brieftasche und Armbanduhr hatte ich schon eingebüßt, aber das genügte meinem Leichenfledderer nicht. Als er sich an mein Kreuz heranmachte, auf dessen Halskette ich lag, versicherte ich ihm, daß er das nicht kampflos bekommen werde.

Daraufhin meinte die leise Stimme halb spöttisch, halb rücksichtsvoll, meine Fetische könne man mir ja belassen. Über diesen Punkt kamen wir später zu einer Verständigung, doch war mir schon damals klar, daß ihnen weniger an dem Kreuz als an der Kette lag, denn sie dachten offenbar, ich könnte mich womöglich umbringen.

Ich lag noch immer auf dem Boden, doch hatte ich mich inzwischen umgeblickt und gesehen, daß alle Gestalten um mich herum weiße Ku-Klux-Klan-Kapuzen trugen. Zweck dieser Maskerade ist es unter anderem zweifellos, Schrecken zu erregen.

Der Bursche mit der leisen Stimme begann mich auszufragen. Viele der Fragen kamen mir so belanglos vor, daß ich manchmal dachte, man wolle vielleicht nur meine Standhaftigkeit oder meine Reaktion auf ein Wahrheitsserum testen. So wurde ich etwa gefragt, ob es eine direkte Flugverbindung zwischen Großbritannien und Montevideo gebe; welche Luftfahrtgesellschaft die Strecke bediene, wie oft in der Woche und an welchen Tagen. »Meine Regierung zahlt kein Lösegeld.«

Ich gab absichtlich möglichst redselig Antwort und überschwemmte den Inquisitor mit so vielen Details, daß er es satt bekam und das Thema wechselte. Er wollte nun meine Ansichten über die innenpolitische Lage Uruguays und über den Präsidenten wissen.

Ich erklärte ihm, von einem ausländischen Diplomaten könne er wirklich keine Äußerungen darüber erwarten. Noch einmal legte ich meinen Entführern ausführlich dar, daß meine Regierung, wie der Fall meines Kollegen Cross in Kanada bewies, weder die Zahlung von Lösegeldern praktiziere noch den Austausch von Geiseln begünstige. Im übrigen hätte ich nun gern erfahren, ob meine Leute wohlauf seien und auf welche äußersten Umstände ich mich gefaßt machen müßte.

Meine erste Frage übergingen die Tupamaros völlig. Was aber mich selbst betreffe, so dürfe ich mich beruhigen: Die Tupamaros seien keine Mörder.

An diesem Punkt glaubte ich, eines ganz klarstellen zu sollen, Ich erklärte ihnen, ich hätte das Sterben schon hinter mich gebracht, als in meinem Wagen auf mich geschossen worden sei.

»Es macht Ihnen also nichts aus zu sterben?«

»Doch, sehr viel sogar, aber der Mensch kann nur einmal sterben. Einer unserer Dichter hat gesagt: »Den Tod fürchte ich nicht, doch fürchte ich sehr, zu sterben -- und diesen Abschnitt habe ich hinter mir. Meine Familie ist in Sicherheit, man wird für sie sorgen. Also ist von jetzt an jeder Augenblick für mich ein »yapa«, eine unverhoffte Zugabe«

Im nächsten Heft

Jackson will sich in der Zelle mit Gymnastik und Beethovenmusik fit halten -- Gespräche mit Kommandoführer »El Flaco": Kann ein Priester Tupamaro werden? -- Explosion im Waffenlager der Untergrundkämpfer

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