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Nordirland Hamlet ohne Prinz

Im Kampf um die Wiedervereinigung Irlands will die IRA letzt modernste Waffen einsetzen -- amerikanische M-16-Gewehre, erprobte Todesbringer in Vietnam.
aus DER SPIEGEL 39/1972

Sir Harry Tuzo, Oberkommandierender der britischen Truppen in Nordirland, schlug auf den Tisch und herrschte seinen Besucher, den fanatischen Protestanten-Pfarrer und -Politiker lan Paisley, an: »Es wird keine Untersuchung geben, ich mache diese Tortur nicht noch einmal mit.«

Der General wird wohl dennoch die Tortur durchstehen müssen: Zum zweitenmal in diesem Jahr werden seine Truppen beschuldigt, unbewaffnete Zivilisten erschossen zu haben.

Bei einem Feuergefecht zwischen Fallschirmjägern des 1. Bataillons und Angehörigen der protestantischen Privatarmee UDA wurden am 7. September in Belfast zwei Männer erschossen; beide unbewaffnet -- und Protestanten.

Am Sonntag, dem 30. Januar, hatten Angehörige desselben Fallschirmjäger-Bataillons bei Zusammenstößen mit Demonstranten in Londonderry 13 Zivilisten erschossen. Alle waren unbewaffnet -- und Katholiken.

So wie damals von den Katholiken, wird die britische Armee heute von den Protestanten des sadistischen Mordes bezichtigt.

Die Zusammenstöße zwischen UDA und britischer Armee sind kein Zufall. Seit Wochen steuern militante Protestanten und gemäßigte Politiker auf Kollisionskurs: Londons Nordirland-Minister William Whitelaw versucht. alle sieben -- im mittlerweile suspendierten -- Stormont-Provinz-Parlament vertretenen Parteien zur Teilnahme an einer Konferenz zu bewegen, die am 25. September »irgendwo in England« (Whitelaw) stattfinden und sich um eine politische Lösung des blutigen Konflikts bemühen soll.

Die Führer der katholischen Oppositionspartei SDLP jedoch machen ihre Teilnahme davon abhängig, daß die Briten zuvor alle 238 noch internierten Katholiken freilassen.

Selbst wenn Whitelaw geneigt wäre, dieser Forderung nachzugeben -. er kann es kaum wagen: Die protestantische Arbeitervereinigung LAW ("Loyalist Association of Workers") droht mit einem Generalstreik, der ganz Nordirland lahmlegen würde. UDA und ihre Schwesterorganisation »Vanguard« wollen die Freilassung der Internierten notfalls sogar mit Gewalt verhindern. Sie fürchten, die Entlassenen würden sofort in der IRA untertauchen -- und gegen Protestanten bomben.

Während sich die politischen Extreme auf diese Weise gegenseitig blockieren, wachsen die Zweifel am Sinn der Whitelaw-Konferenz: Da die eigentlich Mächtigen der Auseinandersetzung -- IRA und UDA -- an der Konferenz nicht teilnehmen dürfen, könne sie von vornherein, so der »New Statesman«, nicht mehr sein als eine »Hamlet-Aufführung ohne den Prinzen -- man ist versucht zu fragen: welcher Prinz«?

Die beiden derart geadelten Privatarmeen »steuern unterdessen in neue Wasser: Dem »Daily Telegraph« scheint nach dem Zusammenstoß zwischen britischer Armee und UDA schon eine Entwicklung in Sicht, die den »Eckpfeiler der Existenz Ulsters zerstören kann: die historische Treue der Protestanten zum britischen Königreich«.

Die IRA hingegen will ihren Kampf um die Wiedervereinigung ganz Irlands in einer neuen Dimension fortsetzen (siehe SPIEGEL-Interview, Seite 104). Sie verfügt inzwischen -- so erfuhr der SPIEGEL in Irland -- über modernste amerikanische Schnellfeuergewehre des Vietnam-Typs M-16 und drahtlos zündbare Landminen.

Zunächst aber sucht sie ein blutiges Spektakel: »Um die Augen der Weltöffentlichkeit auf unser Problem zu lenken«, so ein IRA-Offizier, »werden wir am Tage vor der Pariser EWG-Gipfelkonferenz zum erstenmal in ganz Großbritannien bomben -- von Schottland bis Wales, von London bis Birmingham«

* Nach seiner Zerstörung durch eine IRA-Landmine hei Dungannon.

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