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Briefe

HAMSTERFAHRT
aus DER SPIEGEL 37/1966

HAMSTERFAHRT

Zunächst mit einigem Erstaunen, dann mit wachsendem Ärger lese ich Ihren Artikel über die Freßlust deutscher Touristen im Kurhotel der dänischen Nordseeinsel Fanö. Leider hatte ich erst nach Wiedereinführung der Selbstbedienungsfreiheit das »Vergnügen«, für längere Zeit Gast dieses »renommierten« Hauses zu sein. Zwar bleibt in Ihrem Aufsatz unklar, ob die Bemerkung, die Deutschen fräßen wie Schweine, von Direktor Jensen stammt. Sicher aber ist, daß dieser Dilettant der Gastronomie sich anmaßt, seine deutschen Gäste durch einen Essensknigge Manieren beibringen zu wollen.

Wuppertal KURT JUNKER

Es scheint ungewöhnlich, daß der Direktor eines »Kurhotels« seinen Gästen aus der Wohlstands-Bundesrepublik schriftliche Anweisungen erteilen muß, wie man am kalten Büfett maßhalten und gleichzeitig satt werden kann, doch wer je deutsche Touristen im Angriff auf fette skandinavische Delikatessen erlebte, kann die Defensiv-Taktik des um seinen Profit bangenden Hotel-Managers durchaus verstehen.

Kopenhagen NILS SVENSON

Die dänische Zeichnung »über Deutsche« aus der Zeitung »Politiken«, die Sie als Illustration Ihrem Bericht »Man nehme« beifügten, ist deshalb bemerkenswert, weil sie wieder beweist, daß Völker, die in ihrer Mentalität (und in ihrem Äußeren) dem »Deutschen« zum Verwechseln gleichen, den »Deutschen« am treffendsten karikieren ...

Koblenz HERBERT HOLZING

Wie recht hat »Politiken« mit seiner Meldung, »sie (die Deutschen) fraßen wie Schweine«. Sie tun's auch noch, allerorten nämlich, wo das mehrpreisfreie »kalte Büfett« für sie aufgebaut ist.

In Restaurationen freilich, die eines »kalten Büfetts« ermangeln, wird laut und ausfallend über zu hohe Preise geschimpft, der Ober beleidigt, weil er kein Deutsch spricht, und über die Alkoholeinschränkung (in Schweden) räsoniert. Meine Landsleute, nicht die Skandinavier, waren der Grund, daß ich Schwedisch und Dänisch erlernt habe.

Lehrte (Nieders.) VOLKER LISSEG

Alles, was ich bereits von deutschen Touristen im Ausland erlebt habe, wurde durch ein Schauspiel auf der Fähre »Scania« von Kiel nach Korsör restlos in den Schatten gestellt. Wie die Wilden fiel dort eine große Zahl deutscher Mitreisender über das kalte Büfett her. Man schubste und traktierte sich gegenseitig mit spitzen Ellenbogen und fraß wahrlich wie die Schweine. Dabei verzichteten einige, keineswegs unterernährte, bundesrepublikanische Wohlstandsbürger sogar auf die gebräuchlichen Teller und stopften sich gleich an Ort und Stelle von den Platten die nordischen Delikatessen in den Hals. Käse wickelte man ausgerechnet in Servietten, die mit Verhaltensregeln am kalten Büfett beschriftet waren. Bliebe noch zu erwähnen, daß kurze Zeit nach dieser gewaltigen Essensschlacht vier freßgewaltige Germanen bei ausgesprochen ruhiger See sich auf dem Achterdeck über die Reling beugten und »die Fische fütterten«.

Münster JÜRGEN FELDKAMP

Kein Wunder, daß deutsche Gastronomen, die sonst zumeist mehr als bereit sind, ausländische Eß-Sitten zu übernehmen, sich davor scheuen, in ihren Gaststätten kalte Büfetts nach skandinavischem Vorbild aufzubauen: Profit hätten lediglich die Produzenten von Plastikbeuteln und die Hersteller von Mayonnaise; die Restaurateure würden bei deutscher Magenkapazität ihren Ruin ansteuern.

Bielefeld HOLGER JACOBSEN

Man betrachte einmal in bundesdeutschen Hafenstädten der Nord- oder Ostsee das Auftreten der Skandinavier. Die Touristenschiffe aus diesen Ländern bringen nämlich in der Regel ein ganz erheblich trinkfreudiges Publikum mit. Da deren Umrechnungskurs aber weniger günstig ist, stürzen sie sich auf die billigsten Schnapssorten und lassen sich vollaufen. Sicher haben sie, genau wie wir Deutschen, die unbegründete Sorge, daß das preiswerte Zeug plötzlich weg sein könnte.

Horn (Nordrh.-Westf.) ERNST ZULEGER

Es bleibt zu hoffen, daß die gegenwärtige und die kommende Wirtschaftskrise unter anderem ein Gutes im Gefolge haben werden: Ein großer Teil Deutscher wird seinen Urlaub (wenn überhaupt) in unseren Bergen und an unserer Küste verbringen müssen. Und das wird für alle, die jetzt den Mund über die schrecklichen Deutschen aufmachen, so überaus heilsam und zugleich schmerzlich sein.

Westercelle (Nieders.) ANNEMARIE HEISEKE

Politiken

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