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Markus Feldenkirchen

Der gesunde Menschenverstand Kreatives Täterraten

Markus Feldenkirchen
Eine Kolumne von Markus Feldenkirchen
Eine Kolumne von Markus Feldenkirchen
Der Reporter vor Ort erfüllt eine wichtige Aufgabe im Journalismus: Er berichtet, was er mit eigenen Augen gesehen hat. Wenn er aber nichts sieht, wird er zur tragischen Figur, man könnte auch sagen, zum Hanswurst.
aus DER SPIEGEL 10/2020
Foto:

Grafissimo/ Getty Images

Besonders undankbar ist der Einsatz nach einem Attentat, wenn der Reporter in irgendwelche Livesendungen geschaltet wird, die Nähe und Information suggerieren und doch meist nur hilflos dahingestammelte Spekulationen liefern.

Wie das konkret aussieht, konnte man am Montag zum Beispiel auf n-tv beobachten. Gerade war im hessischen Volkmarsen ein Auto in den Karnevalsumzug gefahren und hatte viele Menschen verletzt. Mehr wusste man zum Zeitpunkt der Schalte nicht. Trotzdem ging es gleich live nach Volkmarsen, konkret: zur Alex. Am Ende blickte sie brav in die Kamera, während der Moderator im Studio ihr erzählte, was hinter ihr los war. "Wir sehen hinter Ihnen auch Menschen, noch im Kostüm, die natürlich bei der freiwilligen Feuerwehr vermutlich engagiert sind und sich dort einbringen. Eh, ja. Wir sehen dort auch einen Bauzaun, der jetzt aufgebaut wird, um eben dort die Rettungsmaßnahmen in keiner Form irgendwie zu stören. Ja, ehm, Alex, ehm, vielen Dank erst mal für den Moment." Die Alex konnte nur nicken, weil sie die kostümierten Feuerwehrleute am Bauzaun nicht sah. Der Nachrichtenwert der Schalte war überschaubar. Aber immerhin, man war live! Und immerhin richtete die Alex keinen Schaden an.

Nach Attentaten lauern Tausende AfD-Anhänger an ihren Twitter-Schleudern.

Nach Attentaten bittet die Polizei regelmäßig darum, keine ungesicherten Meldungen zu verbreiten. Was sie mit dieser Bitte verhindern möchte, illustrierte "Bild Live" in der Attentatsnacht von Hanau geradezu vorbildlich. Dort spekulierten gleich zwei Reporter vor Ort um die Wette, wie ein Zusammenschnitt des Portals "Übermedien" dokumentiert. "Ich habe aus relativ gut unterrichteten Quellen in Hanau hier erfahren – aber ich muss dazusagen: es sind nur Spekulationen – dass es sich bei dem Täterumfeld um Russen handeln könnte", erzählte der eine Reporter. "Es kann ja auch sein, dass die Betreiber der Bars schlicht und ergreifend kein Schutzgeld bezahlen wollten", spekulierte der andere. "Was glauben oder fühlen die Menschen vor Ort?", hakte der Moderator später nach. "Glauben oder wissen kann man ja zu dieser Stunde wohl kaum sagen. Aber was hörst du?"

DER SPIEGEL 10/2020
Foto: cgs

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"Es gab hier die Angst, dass es sich um einen rechtsextremen Anschlag handeln könnte", erklärte der erste Reporter. "Aber die meisten Spekulationen, die ich bisher wahrnehmen konnte, gehen eher in die Richtung, dass es sich um eine Milieutat handeln könnte." Wer sich am kreativen Täterraten beteiligt, sollte wissen, dass Tausende AfD-Anhänger an ihren Twitter-Schleudern lauern, in der Hoffnung, was Neues gegen Migranten raushauen zu können.

Ich weiß nicht, welchen Stuss ich mir zusammengestammelt hätte, wenn ich nach einem Attentat in Hanau stünde und gefragt würde, was die Menschen vor Ort denn so fühlen und was den Täter getrieben haben könnte. Ich kann nur hoffen, dass mich niemals jemand in eine solche Lage bringt.

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