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PARTEITAG Hand in der Tasche

aus DER SPIEGEL 31/1965

Die 1500 Delegierten im Bukarester »Palais der Republik« sprangen von ihren Plätzen und riefen: »Hurra!«

Zufrieden blickte der rumänische Parteichef Nicolae Ceausescu, 47, auf das jubelnde Parteivolk. Sein gefühlsbetonter Appell, die Einheit und Geschlossenheit der Kommunisten angesichts der »imperialistischen Bedrohung« wiederherzustellen, hatte seine Wirkung getan.

Sogar der chinesische KP-Generalsekretär Teng Hsiao-ping hatte, von der Ovation überrumpelt, in die minutenlangen Hochrufe auf den Sozialismus eingestimmt.

Zum erstenmal seit 1960, als eine Konferenz von 81 kommunistischen Parteien in Moskau zusammentrat, hatten sich die miteinander verfeindeten Richtungen im Weltkommunismus - Russen, Chinesen, Jugoslawen, Albaner und deren jeweiliger Anhang - wieder an einem Ort, in Bukarest, versammelt.

Äußerer Anlaß war der IV. Parteitag der rumänischen KP, die in den letzten Jahren immer mehr in die Position eines neutralen Schiedsrichters im sowjetisch-chinesischen Hausstreit hineingewachsen ist.

Die Rumänen genossen ihre Rolle als Gastgeber von 56 KP-Delegationen mit sichtlichem Behagen. Streng achteten sie auf Neutralität. Die anwesenden Bruderparteien hatten sich vorher verpflichten müssen, in Bukarest jede offene Polemik zu unterlassen.

Ob Russen, Chinesen, Jugoslawen oder Albaner - alle bekamen in Bukarest den gleichen Bahnhof. Die Begrüßungsartikel und Photos der KP-Delegationschefs im rumänischen Parteiorgan »Scînteia« waren alle gleich groß. Der Beifall der Kongreß-Teilnehmer war für alle Bruderdelegationen gleich stark.

In den Straßen der 1,3-Millionen -Stadt Bukarest wehten lediglich rumänische Fahnen; die bei KP-Kongressen sonst üblichen Partei-Ikonen ausländischer KP-Führer fehlten.

Die feindlichen Genossen aus Moskau und Peking - der sowjetische Parteichef Leonid Breschnew und der rotchinesische Generalsekretär Teng - waren in Bukarest zunächst durch eine zwanzig Meter breite Tribüne voneinander getrennt.

Während Breschnew im nachtblauen Maßanzug den »gemeinsamen Haß« auf die imperialistischen Aggressoren beschwor, steckte der Chinese Teng beide Hände in die Taschen seiner khaki farbenen Stalin-Litewka; so konnte er nicht applaudieren.

Breschnew revanchierte sich bei der Teng-Rede, indem er ständig mit seinem Gehilfen Andropow flüsterte - auch dann noch, als die Delegierten sich beim Schlußapplaus von ihren. Plätzen erhoben.

Doch die anfängliche Kühle zwischen Breschnew und Teng wich bald einer geschäftsmäßigeren Atmosphäre. Dreimal trafen sich Russen und Chinesen in der letzten Woche an einem unbekannten Ort außerhalb von Bukarest, zu Geheimgesprächen. Einziges Thema: eine Kompromißformel, die es beiden Parteien ermöglicht, angesichts des Vietnam-Krieges einen Waffenstillstand zu schließen.

Parteitagsgäste Teng, Breschnew

Dreimal geheim verhandelt

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