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Hand in Hand aus dem Fenster

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aus DER SPIEGEL 44/1987

Eine Stunde nach Öffnung hatte sich die New York Stock Exchange am 24. Oktober 1929, einem Donnerstag, in ein Tollhaus verwandelt. Broker und Boten schrien, gestikulierten oder hasteten umher, als seien sie von Sinnen.

Nach freundlichem Beginn waren die Kurse unaufhaltsam abgesackt. Alle wollten nur noch raus aus dem Markt - egal zu welchem Preis. Doch es gab niemanden mehr, der die verzweifelt herausgebrüllten Verkaufskurse akzeptierte. Das Chaos war komplett.

Auch auf der Straße wurde es schließlich laut. Von Gerüchten über ungeheuerliche Vorgänge hinter der eindrucksvollen Fassade des Börsen-Tempels angelockt, strömten immer mehr Neugierige in die Wall Street. Polizei-Kommissar Grover Whalen schickte einen Trupp seiner Leute los, die für Ruhe sorgen sollten.

Ein Mann erschien auf dem Dach eines Bankgebäudes. Die Menge glaubte, ein ruinierter Spekulant wolle Selbstmord begehen, und starrte gebannt nach oben. Aber der erwartete Sprung in die Tiefe blieb aus. Es war nur ein Arbeiter, der mit Reparaturen auf dem Dach begann.

Am frühen Nachmittag erschien einer der bekanntesten Repräsentanten der New Yorker Hochfinanz im Börsensaal: Richard Whitney, Vizepräsident der New York Stock Exchange, war von den führenden US-Bankiers beauftragt worden, durch gezielte Käufe den Sturz ins Bodenlose abzufangen.

Der gut inszenierte Auftritt hatte den gewünschten Effekt. Die in Panik geratenen Börsianer schöpften neuen Mut, die Kurse stiegen wieder.

Doch der eigentliche Crash stand noch bevor. Am nächsten Montag war der Verkaufsdruck wiederum so stark, daß der Ticker es nicht schaffte, die neuesten Katastrophen-Kurse auszuspucken. Mancher war schon bankrott, ohne es zu wissen.

Von einer kurzen Erholungsphase im Frühjahr 1930 abgesehen, fielen die Aktien unaufhörlich - bis Mitte 1932. Schien an einem Tag die Talsohle erreicht, erwies sich diese am nächsten Tag als Gipfel, von dem es erneut abwärts ging.

Spekulanten, die genügend Reserven hatten, um die ersten Tage zu überstehen, erwischte es an den nächsten. Börsianer, die ihrer Nachschußpflicht bei kreditfinanzierten Aktien in den ersten Wochen noch nachkommen konnten, waren in den Wochen darauf am Ende. Aktionäre, die den Kursverlust der ersten Monate verkrafteten, wurden schließlich doch in den Pleite-Strudel hineingerissen.

So wurde die Leiche eines Börsianers aus dem Hudson gefischt, dessen Taschen noch 9,40 Dollar und einige Aufforderungen seines Brokers zu Nachschuß-Zahlungen enthielten. Und zwei ruinierte Spekulanten mit Gemeinschaftskonto entschieden sich für den gemeinsamen Freitod. Hand in Hand sprangen die beiden aus einem hochgelegenen Fenster des New Yorker Ritz-Hotels.

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