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Hanoi - Bomben auf die Stadt im Strom

Mit Post für die amerikanischen Kriegsgefangenen in Nordvietnam reiste Telford Taylor, einst US-Chef-Ankläger in Nürnberg, heute Rechtsprofessor in USA, kurz vor Weihnachten nach Hanoi. Während seiner Mission geriet er in die schwersten Luftangriffe der Kriegsgeschichte. Im folgenden Bericht schildert Taylor die Folgen des Bombardements für die Zivilbevölkerung und seine Begegnung mit amerikanischen Kriegsgefangenen. Der US-Jurist Taylor schließt nicht aus, daß sich sein Land in Vietnam der Kriegsverbrechen schuldig mache.
aus DER SPIEGEL 3/1973

Hanoi war gut vorbereitet, als am Abend des 18. Dezember 1972 wieder amerikanische Flugzeuge über der Stadt erschienen.

Schulen und Universitäten waren geschlossen, alle Einrichtungen des Erziehungswesens auf das Land ausgelagert. Theater und andere öffentliche Einrichtungen (Kirchen ausgenommen) waren zugesperrt, Bootsfahrten auf den Seen der Stadt verboten und alle notwendigen Vorkehrungen getroffen, um Menschenansammlungen zu vermeiden.

Das Alarmsystem aus Sirenen und Lautsprechern, die in der Stadt ohne starken Verkehrslärm leicht zu hören sind, funktionierte prompt: Sobald sich feindliche Flugzeuge der Stadt bis auf 50 Kilometer näherten, wurde Voralarm gegeben; weitere Warnungen folgten. und wenn die Maschinen schließlich auf 30 Kilometer herangekommen waren, heulten die Sirenen auf, jedermann eilte in einen Unterstand.

Diese Unterstände sind praktisch überall. Auf buchstäblich jeder Straße stößt man alle paar Meter auf etwas, das aussieht wie eine versenkte Mülltonne, aber groß genug ist, um einem Erwachsenen Schutz zu bieten.

(c) SPIEGEL »New York Times Special Features.

Oft sind diese Unterstände mit Beton verstärkt und haben einen Deckel aus Zement oder dickem Bambus.

Die Hauptstraßen sind gesäumt von anderen, größeren Bunkern. die jeweils etwa ein halbes Dutzend Menschen aufnehmen und in die man durch niedrige Eingänge gelangt. In der Nähe der meisten öffentlichen Gebäude wurden zusätzliche Keller ausgehoben -- bis zu sechs Meter tief und groß genug für 50 oder mehr Menschen.

In einem dieser Bunker verbrachte ich mehrere Stunden. Er liegt hinter dem Hotel »Hoa Binh« und wurde nicht nur von den Hotelgästen aufgesucht (indischen und polnischen Mitgliedern der Kontrollkommission, französischen Journalisten und kubanischen Seeleuten. die mit ihren Schiffen in Haiphong festlagen), sondern auch von Nordvietnamesen, die in den kleinen Häusern neben dem Hotel wohnten.

Schon bald war zu erkennen, daß sich die Bombardierungen im allgemeinen auf den späten Abend, die sehr frühen Morgenstunden und den frühen Nachmittag konzentrierten. Die Jagdbomber flogen ihre taktischen Einsätze kurz nach dem Mittagessen; sie dauerten nur selten eine volle Stunde.

Abends begann der Alarm gewöhnlich um acht oder neun Uhr. Vor Mitternacht waren dann die B-52 über der Stadt und erschütterten mit den dumpfen Detonationen ihrer Bomben-Teppiche -- die jemand treffend mit dem Klang einer gedämpften Kesselpauke verglich -- die Unterstände und Bunker.

Die Nachtangriffe dauerten gelegentlich bis fünf Uhr morgens. Normalerweise konnte man jedoch damit rechnen, nach zwei Uhr einigen ungestörten Schlaf zu finden, und auch morgens und am späten Nachmittag blieb es im allgemeinen ruhig.

Aufklärungsflugzeuge, von den Nordvietnamesen »Spione« genannt, wurden für gewöhnlich im voraus ausgemacht und lösten keinen Sirenenalarm aus. Ihre Ankunft über der Stadt wurde jedoch über Lautsprecher gemeldet. Die Fla-Schützen feuerten wie wild -- aber ohne erkennbaren Erfolg.

Hanoi -- -- der Name der Stadt bedeutet soviel wie »innerhalb des Stroms« -- liegt am Westufer des Roten Flusses am Rande des Delta-Gebiets.

Wohin man in dieser Stadt auch geht. stets stößt man sehr bald auf eine Brücke, die über einen der vielen Wasserarme führt. Die Verkehrswege sind daher durch Luftangriffe besonders verwundbar.

Um von Hanoi nach Haiphong oder zu den Kohlebergwerken von Hong Gai an der Küste des Golfes von Tonking zu gelangen. muß man den breiten Hauptstrom des Roten Flusses überqueren. Die große »Long Bien«-Straßen- und Eisenbahnbrücke aber ist nicht mehr passierbar -- zwei Brückenbogen wurden zerstört -, Fahrzeuge und Fußgänger benutzen jetzt zwei einspurige Pontonbrücken, die den Angriffen bisher standgehalten haben.

Am Ostufer der Brücke liegt Gia Lam. Das Dorf, durch das die Straße und die Eisenbahnverbindung nach Haiphong führt, war in der ersten Nacht das Hauptangriffsziel der B-52. Gia Lam glich bald einem Trümmerhaufen, seine Umgebung einer Kraterwüste. Die Verluste an Menschenleben waren groß -- unter den Einwohnern ebenso wie unter den Reisenden auf der stets belebten Straße. Die Eisenbahnschienen wurden an vielen Stellen aufgerissen, die Straße blieb jedoch trotz weiterer Bombenangriffe für den Verkehr offen.

Während dieser ersten Angriffe auf Gia Lam wurde der Terminal des nahegelegenen internationalen Flughafens durch zahlreiche schwere Bomben zerstört und ein Teil der Rollbahn in einen Krater verwandelt.

Das Pentagon hat die Bombardierung des Flughafens als Irrrum bezeichnet

und für diese Behauptung spricht. daß der Flughafen nicht wieder bombardiert wurde, obwohl es bestimmt möglich gewesen wäre. ihn völlig lahmzulegen. wenn man es gewollt hätte. Gleichwohl hatte schon die Beschädigung der Rollbahn zur Folge, daß die regulären Sonnabend-Flüge der schweren Aeroflot-lljuschins nach und von Hanoi eingestellt werden mußten. Die Flugverbindung zur Außenwelt wurde, wenn auch unter Gefahren und mit Unterbrechungen, mit den kleineren Maschinen

Bombenteppich auf das größte Krankenhaus.

Am Mittag des 21. Dezember donnerten Jagdbomber über das Hotel. Die Bombenexplosionen waren beunruhigend nahe, und bald ging in unserem Bunker das elektrische Licht aus. Als Entwarnung gegeben wurde, hörten wir, das zentrale Elektrizitätswerk sei zerstört worden.

Keinen halben Kilometer entfernt trafen wir auf der Lei Thuong Kiet, einer breiten Straße, die durch das Diplomatenviertel führt und an der auch das Hotel Hoa Binh liegt, auf einen großen Menschenauflauf: Unmittelbar hinter der kubanischen Botschaft war eine Bombe niedergegangen, die mehrere große Wohngebäude und die meisten Fenster der Botschaft selbst zerstört hatte. Die Bunker hatten guten Schutz geboten: Trotz. der schweren Zerstörungen gab es nur ein Todesopfer und ein halbes Dutzend Verletzte.

Nur einige Meter entfernt ragte die Einzäunung des berüchtigten »Hilton Hanoi« empor, eines der Lager für amerikanische Kriegsgefangene. Zwei Straßenzüge weiter befand sich der Bahnhof. dessen Hauptgebäude jetzt in Trümmern lag. Höchstwahrscheinlich war die Bombe auf die Kuba-Botschaft für den Bahnhof bestimmt gewesen.

In jener Nacht und am kommenden Morgen wurden die unvermeidlichen Folgen des Einsatzes von B-52 auf Ziele in der Stadt in ihrem ganzen tragischen Ausmaß deutlich.

In An Duong im Nordosten Hanois war eine Wohnsiedlung durch einen Bomben-Teppich dem Erdboden gleichgemacht worden. Die etwa 20 Wohnblocks waren nur noch Kleinholz; wenn man näher herangehen wollte. mußte man sich einen Weg zwischen riesigen Kratern suchen. 135 Personen. so teilten die Nordvietnamesen mit. seien getötet. 126 verletzt worden.

Bach Mai ist ein Stadtteil im Süden Hanois. Dort liegt, etwa 2,5 Kilometer südlich des Bahnhofs und knapp einen Kilometer nördlich des kleinen Flugplatzes Bach Mai, das größte Krankenhaus und medizinische Forschungszentrum Nordvietnams.

Einzelne Gebäude des riesigen Komplexes waren, wie man uns erklärte, bereits im Juni 1972 und dann wieder am 19. Dezember getroffen worden. Doch der Angriff am frühen Morgen des 22. Dezember, als B-52 einen Teppich schwerer Bomben über den gesamten Komplex legten, machte die Anlagen praktisch dem Erdboden gleich. Den noch kann ich trotz des konzentrierten Angriffs einfach nicht glauben, daß da', Krankenhaus wirklich das Ziel des Angriffs war; viel wahrscheinlicher ist. daß die Bomben den Flugplatz und die nahe gelegenen Kasernen und Öllager treffen sollten. Glücklicherweise waren die Patienten noch vor den Angriffen in Sicherheit gebracht worden, aber 25 Angehörige des Krankenhaus-Personals, darunter ein Arzt und 15 Schwestern. wurden getötet.

Gegen Ende der ersten Bomben-Woche begann eine neue Evakuierungswelle. An verschiedenen Sammelpunkten wurden Busse zusammengestellt, zahlreiche Familien taten sich zusammen und mieteten Lastwagen, andere fuhren mit dem Fahrrad oder machten sich gar zu Fuß auf den Weg aufs Land. Nach halbamtlichen Berichten war Hanoi bis Weihnachten zu 75 bis 80 Prozent evakuiert.

Nicht alle Evakuierten gelangten freilieb in Sicherheit, denn die Bomber operierten auch über den angrenzenden Provinzen. Offiziell wurde berichtet (was mir Verwandte einiger Opfer auch bestätigten), daß am 23. Dezember in zwei Dörfern westlich von Hanoi schwere Verluste zu beklagen waren und einige der verwundeten Evakuierten in die Krankenhäuser der Stadt zurückgebracht werden mußten.

Der Heiligabend brachte eine kurze Ruhepause. Um sieben Uhr abends hielt Michael Alten, stellvertretender Dekan der Yale University Divinity School, im Foyer des Hotels Hoa Binh einen Weihnachtsgottesdienst der während des Vaterunsers dramatisch durch Tieffliegeralarm unterbrochen wurde.

Trotz der Störung glaubte man allgemein. daß die Stadt am Heiligabend nicht bombardiert werden würde. In der überfüllten Kathedrale von Hanoi wurde eine Mitternachtsmesse gelesen. Eine Orgel war nicht vorhanden, aber ein Harmoniom und ein gemischter Chor mit einem beachtlichen Knabensopran sorgten für die Weihnachtsmusik. Schuberts »Ase Maria, Grubers »Stille Nacht. Heilige Nacht« und andere Gesänge wurden vorgetragen. Gottes dienst und Predigt wurden in vietnamesischer Sprache gehalten, doch der Priester gab für die ausländischen Hörer eine Zusammenfassung der Predigt in französischer, englischer und deutscher Sprache.

Einst gab es den »Johnson-Krieg«, jetzt ist es der »Nixon-Krieg.

Am ersten Weihnachtstag und in der folgenden Nacht blieb es ruhig. Aber diese Bombenpause wurde durch die schweren Angriffe, die dann folgten. mehr als wettgemacht. In der Nacht zum 27. Dezember belegten B-52 das Gebiet neben der belebten Hauptverkehrsstraße Kham Thien, mitten in der Altstalt, ein paar Straßenzüge südwestlich des Bahnhofs. mit Bombenteppichen.

Unter der Wucht der Bomben und Detonationen stürzten die leichten Bauten zusammen und flogen in alle Richtungen. Ohne Evakuierung, ohne die Bunker wären entsetzlich viele Menschen ums Leben gekommen; trotz allem wurden noch 215 Tote und 257 Verletzte gemeldet.

Viele Quadratmeter dichtbesiedelter Wohnviertel wurden in eine Kraterlandschaft verwandelt. Das ganze Gebiet bot ein Bild verzweifelten Elends, viele überlebende wühlten in den Trümmern und suchten nach Angehörigen.

Die Vietnamesen sind ein gefühlsbetontes Volk, liebevoll zueinander und mit sehr engen familiären Bindungen. Die tiefe Trauer über den Verlust eines Angehörigen ist ebenso groß wie die Freude, einen nahen Verwandten gesund wiederzutreffen. Und so sind die bombardierten Gebiete immer wieder Schauplatz erschütternd freudiger Begegnungen ebenso wie hysterischer Hingabe an den Schmerz.

Erstaunlich ist dabei das Fehlen jeglichen Grolls gegen den einzelnen Amerikaner. Die kontrollierte Presse strotzt von Schmähungen der »imperialistischen Kriegsverbrecher«, doch es wird nichts getan, um die Öffentlichkeit gegen die gefangenen Flieger aufzubringen. Der Feind wird personalisiert -- einst gab es den »Johnson-Krieg«, jetzt ist es der »Nixon-Krieg«; die Schurken auf den Propagandaplakaten sind der Präsident und die B-52, nicht aber die Amerikaner als Volk. Stundenlang bin ich gemeinsam mit Scharen von Vietnamesen über Bombentrümmer geklettert, leicht als englischsprechender Ausländer erkennbar, aber nie hörte ich ein Wort des Vorwurfs.

Wenn man sich in Hanoi in der Nähe eines festen Bunkers aufhält und ihn auch benutzt, ist die Gefahr einer schweren Verletzung gering. In einigen Straßen haben sich Familien in den größeren Bunkern vorübergehend häuslich niedergelassen. Reisen durch Gebiete, in denen es keine Unterstände gibt, sind sehr viel gefährlicher. Eine Autofahrt von Hanoi zum Flugplatz etwa kann entnervend sein; man kommt sich splitternackt vor, wenn man über die Ponton-Brücken fährt und dann durch den oft bombardierten Bezirk Gia Lam jagt.

Von Anfang an schien es klar, daß aufgrund der Evakuierung und der Disziplin der Bewohner die Zahl der Verluste bei den Bombenangriffen bemerkenswert niedrig bleiben würde. Bei meiner Abreise schätzte ich die Zahl der Toten in Hanoi auf etwa 2000, doch diese Zahl war nach offiziellen nordvietnamesischen Berichten, die am 4. Januar herausgegeben wurden, noch zu hoch gegriffen (Hanoi meldete den Tod von 1318 Menschen).

Nach den Maßstäben des Zweiten Weltkriegs sind diese Verluste nicht sehr groß. Meine Erregung beruht denn auch nicht so sehr auf den Zahlen, sondern darauf, daß jede glaubwürdige Rechtfertigung für die Angriffe fehlt und daß es unsinnig ist, eine so unkontrollierbare Mordwaffe wie die B-52 in dichtbesiedelten Gebieten einzusetzen, wenn die Folge nur völlig unnötige Zerstörung und Gemetzel sein kann.

Immerhin gelang es den Nordvietnamesen, mit ihren Sam-Raketen zahlreiche B-52 abzuschießen. Die Besatzungen sprangen mit Fallschirmen über Hanoi und Umgebung ab und wurden gefangengenommen. Am 19. Dezember bereits, einen Tag nach der Wiederaufnahme der Bombardierung Hanois, wurden die ersten gefangenen Flieger auf einer »Pressekonferenz« vorgeführt, die nachmittags im Internationalen Club stattfand.

Die angekündigte Veranstaltung konnte man freilich keineswegs als »Pressekonferenz« bezeichnen, es war einfach eine Zurschaustellung. In einem großen Raum waren um einen freien Platz in der Mitte Bänke aufgestellt worden, auf denen nordvietnamesische Beamte mit ihren Frauen und Angehörige des Diplomatischen Corps saßen. In der Mitte nahmen dann Kameraleute Aufstellung.

Ein Beamter des Außenministeriums redete aufgeregt in ein Mikrophon, die Kameraleute schalteten die Scheinwerfer ein, und nacheinander wurden dann sechs Offiziere der U.S. Air Force in den Raum geführt, alle gekleidet in die rotgraue Kluft der Kriegsgefangenen.

Die großen Männer aus den Südstaaten und dem Mittleren Westen, neben denen die »Gastgeber« wie Zwerge wirkten, bewegten sich mit weiten, langsamen Schritten und sahen in dieser Umgebung wie Marsmenschen aus. Bis auf einen hatten sie alle kleine Verletzungen, der letzte trug einen großen Verband um den Kopf. Keine Racheakte an gefangenen Piloten.

Nervös und bestürzt durch das Gedränge und den Tumult blinzelten die Männer einige Sekunden lang in das grelle Licht, nannten ihren Namen und ihren Rang und gingen ab. Zwei fügten hinzu, sie seien in der Gefangenschaft gut behandelt worden.

Weitere 14 gefangene Offiziere wurden am 21. und 22. Dezember auf »Konferenzen« gezeigt, zu denen ich keine Einladung erhielt. Auf der Veranstaltung am 22. verteidigte Luu Quy Ky, der Generalsekretär des vietnamesischen Journalistenverbandes, die Vorführungen damit, angesichts der Dementis aus Washington sei es erforderlich, den Beweis dafür anzutreten, daß man tatsächlich B-52 abgeschossen habe. Einleuchtender scheint mir, daß diese sichtbaren Beweise der erfolgreichen Luftabwehr vor allem die Moral stärken sollten.

Die nordvietnamesische Haltung gegenüber den gefangenen Fliegern ist merkwürdig ambivalent. Stets heißt es, das Volk sei sehr stolz auf die Ergreifung dieser abgestürzten Riesen, aber nirgends gibt es einen Hinweis dafür, daß bei der Gefangenennahme persönliche Rache geübt worden sei oder geübt werden sollte. Ich habe nie gehört, daß die Besatzungen etwa gelyncht oder angegriffen worden seien, wie es während der letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs in Deutschland manchmal der Fall war.

Gleichwohl: in bezug auf die amerikanischen Kriegsgefangenen waren die Nordvietnamesen sowohl wenig mitteilsam wie auch wenig zuverlässig.

Wir waren nach Hanoi gekommen, um den amerikanischen Gefangenen Weihnachtspost zu überbringen. Bei der Ankunft erklärten wir unseren Gastgebern, es sei uns sehr daran gelegen, die Verteilung der Post wenigstens teilweise selbst zu beobachten, damit wir den Angehörigen der Gefangenen nach unserer Rückkehr berichten könnten, wir hätten die Aushändigung mit eigenen Augen gesehen. Diese Bitte wurde schweigend aufgenommen, aber nie gewährt.

Die Gefangenen wurden bis zur Wiederaufnahme der Bombenangriffe nicht wieder erwähnt. Da erst teilte man uns mit, es sei geplant gewesen. uns zu einem Lager zu bringen, aber jetzt sei die Autofahrt zu gefährlich.

Am späten Nachmittag des 21. Dezember erklärte man uns plötzlich, das Kriegsgefangenenlager sei bombardiert worden, und wir würden sofort hingefahren werden.

Nach dem, was man uns am Vortage gesagt hatte, erwartete ich eine lange Fahrt. Doch dann stellte ich erstaunt fest, daß unser Ziel nur fünf Kilometer vom Hotel entfernt war: im südwestlichen Teil von Hanoi, nahe dem Stadtteil Tu Liem, wo man uns am Tag zuvor umfangreiche Bombenzerstörungen in einem Wohngebiet gezeigt hatte.

In dem Lager lebten zwei Gruppen von Gefangenen -- insgesamt 13

mit denen wir kurz zusammentrafen. Nach allem, was ich erfuhr, müßten eigentlich noch mehr Gefangene im Lager gewesen sein, aber einer der Soldaten erklärte uns, sie seien der »Zoo«, und das hieß wohl, daß seine Gruppe abgesondert untergebracht war und stets vorgeführt wurde, wenn ausländische Beobachter kamen. Die Gefangenen waren offenbar in guter körperlicher und seelischer Verfassung; jedenfalls brachten sie in den paar Minuten, die sie sich mit uns unterhalten durften, keinerlei Klagen vor.

Schutzbunker nur für Wachen.

Der Bombenschaden im Lager war gering: Durch die Explosionswellen war am Dach und an den Wänden eigentlich nur Putz abgeplatzt. Ich fragte einen der Gefangenen, wo sie bei dem Angriff gewesen seien, und er antwortete, sie hätten unter ihren Betten gelegen.

Weil sich das Lager in einem stark gefährdeten Gebiet befand, war ich über diese Antwort verwundert und fragte zurück, warum sie keinen Bunker aufgesucht hätten. Ihnen ständen keine zur Verfügung, erwiderten sie, die Unterstände würden von den Wachen benutzt.

Zwei Tage später wurde mitgeteilt, einige dieser Kriegsgefangenen seien bei einem Luftangriff leicht verwundet worden; französische Journalisten, die das Lager am 23. Dezember besichtigten. bestätigten dies. Die Franzosen berichteten auch, die Gefangenen hätten im Anschluß an unseren Besuch Schaufeln erhalten, um sich selbst Unterstände zu graben.

Trotzdem bin ich eigentlich sicher, daß niemals die Absicht bestand, die Gefangenen einer Gefahr auszusetzen, sondern daß eher grobe Fahrlässigkeit vorlag. Die nordvietnamesische Regierung betrachtet die amerikanischen Gefangenen offenbar als wertvolles Faustpfand. und sie hat daher allen Grund. ihre Sicherheit soweit als möglich zu gewährleisten. 1965 und 1966, als die amerikanischen Bombenangriffe auf Nordvietnam begannen, drohte die Regierung in Hanoi wiederholt damit, sie werde die gefangenen amerikanischen Piloten nach der Rechtsprechung von Nürnberg als Kriegsverbrecher aburteilen. In den letzten Jahren aber hat sie diese Absicht, sofern sie überhaupt je ernsthaft gemeint war, offenbar wieder aufgegeben.

In Hanoi befassen sich zwei Organisationen mit Kriegsverbrechen, die eine im Auftrage der Stadt, die andere als Regierungskommission.

Das Komitee der Stadt Hanoi ist in einer alten Pagode auf einer Halbinsel im Hoan-Kiem-See untergebracht. Das Wesentlichste dort ist eine Ausstellung von Landkarten, Photographien und Literatur, außerdem werden Fragmente und Splitter von Bomben gezeigt, die angeblich auf die Stadt abgeworfen wurden.

Als ich diese Stätte kurz vor der Wiederaufnahme der Bombenangriffe besuchte, erklärte man mir, während der »Nixon-Bombardierungen« von April bis Oktober 1972 seien 780 Bomben und 560 Raketen auf Hanoi niedergegangen. Außer Photographien von Schäden, die durch Splitterbomben angerichtet wurden, gab es nur wenig Beweismaterial für die »Kriminalität« der Bombardierungen

Diese Splitterbomben bestehen aus zahllosen »Miniaturbomben«, die in einer großen Bombenhülle zusammengehalten werden; während des Abwurfs öffnet sich die Hülle, und die Miniaturbomben werden über ein weites Gebiet gestreut. Das erste Beispiel für diese Technik war die »Pineapple«-Bombe, ein Metallgehäuse von etwa 15 Zentimeter Länge, das mit Steuerflossen ausgestattet war, um ein Auftreffen mit der Spitze zu gewährleisten. Angeblich enthielt das Gehäuse 250 Kugeln. Beim Aufprall jagten die Geschosse mit einer Geschwindigkeit von 1250 Metern in der Sekunde auseinander: sie erzeugten schwere Körperverletzungen durch winzige Sprengsplitter und stellten die Chirurgen vor schwierige Probleme. Die »Guava-Bombe« (auch dieser Typ wurde gezeigt) soll etwa die gleiche Wirkung haben, wobei allerdings noch mehr Munitionsteilehen in den einzelnen Kleinstbomben enthalten sind.

Zu den neueren Waffen gehören

* die »Spider-Bombe«, die beim Aufprall nicht explodiert, sondern als Zeitbombe liegenbleibt;

* die »sphärische Bombe« mit einer Plastikhülle, deren Splitter auf Röntgenbildern nicht sichtbar sind;

* die »Flechettes«. kleine Metallpfeile, die durch Artilleriegranaten oder Raketen ausgestreut werden.

Im April 1972, so erklärte man uns, hätten die Amerikaner erstmals eine »Panzer-Abwehr-Bombe von starkem Durchdringungsvermögen und mit hoher Wärmeentwicklung eingesetzt. um Luftschutzbunker zu zerstören.

Diese Waffen, so behaupten die Vietnamesen, seien gegen Zivilisten eingesetzt worden, und aus den Splittern und Photographien in der Ausstellung geht hervor, daß tatsächlich Zivilisten von diesen Waffen getroffen wurden.

Splitterbomben sind in den Annalen der Kriegsführung natürlich alles andere als neu, und würde man sie etwa gegen Raketenbasen oder Kasernen einsetzen, so stünde die Frage der Kriminalität überhaupt nicht zur Debatte. »Warum tun wir das, was wir tun?«

Die Anklage der Vietnamesen stützt sich jedoch nicht nur auf die Splitterbomben, sondern auf die gesamten Luftangriffe, wobei das Hauptgewicht auf den zivilen Verlusten liegt.

Der Richter, der über diese Anklage urteilen will, begibt sich auf ein höchst kontroverses Gebiet. auf dem das »Gesetz« alles andere als klar ist. Um die Anklage zu beurteilen, kann man außerdem Hanoi und Haiphong nicht isoliert betrachten, sondern in Verbindung mit anderen Städten, die unter dem gleichen oder einem noch schlimmeren Schicksal gelitten haben -- Coventry, Hamburg, Berlin, Dresden, Tokio, Hiroshima und andere denkwürdige Stätten von Kriegsgreueln.

Die Ergebnisse unserer Bombenangriffe sind ohne Frage schrecklich, aber Hanoi ist nicht die einzige Stadt, die solchen Schrecken zu durchleiden hatte. Diese Bombenangriffe mögen unmoralisch und sinnlos sein, aber wo ist das Gesetz, nach dem man die Einsätze als verbrecherisch bezeichnen kann?

Als ich nordvietnamesischen Juristen diese Frage stellte, gaben sie zwei Antworten. Die erste lautete, unsere Bombenangriffe seien Teil eines Aggressionskrieges, den die Vereinigten Staaten gegen ihr Land führten. Selbst wenn man annimmt, diese Prämisse sei richtig, ist das noch keine zufriedenstellende Analyse; denn wenn Aggression allein der Prüfstein des Verbrechens ist wäre jede militärische Operation seitens des Aggressors ein Kriegsverbrechen -- ein Standpunkt, der auch in Nürnberg vorgebracht und meiner Ansicht nach zu Recht abgelehnt wurde. Daraus würde auch folgern, daß die Nordvietnamesen. die nach ihrer eigenen Überzeugung keine Aggressoren sind, Saigon völlig zu Recht in Schutt und Asche bomben dürften.

Ihre zweite und stichhaltigere Antwort lautet, die Gesetze des Krieges dürften nicht auf dem Stand von Nürnberg eingefroren bleiben, sondern müßten der Entwicklung der Ereignisse entsprechen. Die Nutzlosigkeit und Unmenschlichkeit der »strategischen« Bombenangriffe sei längst deutlich erwiesen: sie müßten deshalb ebenso verboten werden wie der Einsatz von Giftgas nach dem Ersten Weltkrieg.

Dazu kann ich nur »Amen« sagen. Die Objektivität verpflichtet jedoch zu der Antwort, daß seit einem halben Jahrhundert jeder Versuch. ein solches Gesetz in Kraft zu setzen, gescheitert ist und daß der Anstoß dazu hauptsächlich von Ländern ausging, die keine strategische Luftwaffe haben. Ich fürchte, ich bin in juristischen Fragen zu sehr Traditionalist, um dieses Argument in seinem gesamten Ausmaß zu akzeptieren.

Aber die Bombenangriffe auf Hanoi werfen gewiß ernsthafte juristische Fragen auf nach dem Prinzip der »Verhältnismäßigkeit der Mittel« -- nach der Regel, daß die militärische Zielsetzung und die angerichteten Schäden und Leiden in einem angemessenen Verhältnis zueinander stehen mussen.

Ein einzelner feindlicher Soldat ist ein legitimes Ziel, gleich ob er sich an der Front befindet oder auf Heimaturlaub ist: es entspricht jedoch nicht mehr dem Prinzip von der Verhältnismäßigkeit der Mittel. wenn man einen Häuserblock dem Erdboden gleichmacht. um diesen Soldaten in seiner Wohnung zu töten.

Vor allem unter diesem Gesichtspunkt könnten unsere Bombenangriffe auf Hanoi als verbrecherisch angesehen werden Die militärischen Ziele scheinen, selbst in der Beschreibung des Pentagon. so unbedeutend und liegen so weit von unserem eigenen Land entfernt, daß der Tod und die Zerstörung. die wir nach Nordvietnam tragen, als mutwillige Ausschweifung erscheinen. Dieser Eindruck wird durch den für mich unerklärlichen Einsatz der B-52 verstärkt, die ihre Bombenteppiche legen, nur um kleine Ziele in den Stadtgebieten zu treffen.

Angesichts der schrecklichen Folgen muß die legalistische Betrachtungsweise dieser Ereignisse Unwillen errregen. Ob Bach Mai und Khan Thien »Verbrechen' sind oder nicht, ist für die Opfer von geringer Bedeutung.

Warum tun wir das, was wir tun? Sowohl im Inland als auch im Ausland stellen Millionen Menschen diese Frage, und der Präsident hat die Pflicht, sie zu beantworten.

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