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PERSONALIEN Hans Dietrich Genscher, Helmut Schmidt, Katharina Focke, Hans Ketzer, Eugen Gerstenmeier, Quintin Viscount Hailsham

aus DER SPIEGEL 44/1970

Hans-Dietrich Genscher, 43, Bundesinnenminister, qualifizierte sich von Amts wegen für eine Reise nach Übersee. Falls nicht Verhandlungen mit der Gewerkschaft ÖTV dazwischenkommen, wird der Freidemokrat in fünf Wochen nach Mexiko fliegen. Seine Aufgabe: Leitung der deutschen Delegation bei der am 1. Dezember stattfindenden Amtseinführung des neuen mexikanischen Präsidenten Luis Echeverria Alvarez, 47. Außenminister Walter Scheel hatte die Mexiko-Mission seines Parteifreunde am letzten Donnerstag im Kabinett mit dem Hinweis begründet, Präsident Echeverria Alvares sei trüber auch einmal Innenminister gewesen.

Helmut Schmidt, 51, Verteidigungsminister, verschanzte sich hinter Nachbarn. Der Sozialdemokrat, der ein Wochenendhaus am Brahmsee (Kreis Rendsburg-Eckernförde) besitzt, war vom Landeskongreß der schleswigholsteinischen Jungsozialisten am Samstag vorletzter Woche einstimmig aufgefordert worden, »einen Fußweg zwischen seinem Grundstück und dem See für die Öffentlichkeit zu schaffen«. Der SPD-Vize »hätte gegen eine solche Lösung nichts einzuwenden«, gibt jedoch zu bedenken: »Mein eigenes Wochenendgrundstück ist so geschnitten, daß ein Betreten des Ufers für die Allgemeinheit nur ermöglicht werden kann, wenn auch andere Privatgrundstücke mit allgemein zugängigen Wegen ausgestattet würden.« Juso-Antragsteller Jochen Roggenbock: »Wenn Schmidt anfängt, ziehen die anderen mit.«

Katharina Focke, 48, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeskanzleramt, mag aus politischen Gründen die Qualität ihrer Dessous nicht ändern. Das in Hamburg gegründete (Werbe-) »Komitee für moderne Frauen und Mädchen« hatte der Kanzler-Gehilfin drei hellblaue Papier-Höschen geschickt und mit einem beigefügten Fragebogen erfahren wollen, ob »die Idee der Wegwerf-Produkte das Sauberkeitsverhalten positiv beeinflussen« könne. Die Staatsekretärin, die einen der Mini-Slips »mal an einem freien Wochenende getragen« und sich darin »ziemlich dürftig gefühlt« hatte, mochte die Hygiene-Frage nicht beantworten und schrieb statt dessen auf den Fragebogen als »zusätzliche Bemerkung": »Ihre drei Höschen stürzen mich in einen unlösbaren Konflikt zwischen privatem Bedarf nach Zeitersparnis und politischer Verantwortung für Abfallbeseitigung als ein ernstes Problem des Umweltschutzes.« Ingrid Stelter, 22, Berliner Aktrice ("Groupie")« zitterte für 1000 Mark, Das frühere Go-Go-Girl (Maße: 91-58-86) mühte sich bei Temperaturen um fünf Grad, Schwedens Männer für das deutsche Fünf-Mark-Magazin »Daily Girl« (Auflage 190 000) zu erwärmen. Die Werbedame, die »nie einen Führerschein besessen« (Stelter) hatte, lenkte in Rocker-Begleitung einen Motorroller 30 Minuten lang um den Stockholmer Königspalast. Die Eskorte war für 450 Mark Honorar und Jahresabonnements des Sex-Blattes von »Daily Girl«-Verleger Christian Herrmann engagiert worden, um »vorschnelle Passanten« abzuwehren. Kälte und Kameras störten das barbusige Modell wenig, das Herrmann auch schon »bei den Sexfilm-Fritzen herumgereicht« hatte, denn »ich mußte das Gleichgewicht halten und habe gar nicht gemerkt, daß ich nackt bin«. Auftraggeber Herrmann: »Das Mädchen ist eisenhart.«

Hans Ketzer, 51, CDU-Linker« stellte Erinnerungen an die Zukunft an. Der Ex-Arbeitsminister, dem während seiner Amtszeit »einer der Saaldiener immer die Tür aufgehalten« hatte, mußte sich nach dem Bruch der Großen Koalition wieder eigenhändig Zugang zum Plenarsaal verschaffen. Seit zwei Wochen aber stehen ihm wie früher Bundestags-Bedienstete bei. Orakelte Katzer: »Da habe ich gefragt -- wie, ist es denn schon wieder soweit?«

Eugen Gerstenmeier, 64, Oberkonsistorialrat a. D., bekundete »außerordentliches Vergnügen« über die Parteiflucht der Freidemokraten Mende, Starke und Zoglmann. Der schwäbische Christdemokrat, der Anfang 1969 vom Amt des Bundestagspräsidenten zurücktreten mußte, weil er 281 000 Mark dafür kassiert hatte, daß er im Dritten Reich nicht Professor geworden war, prophezeite bei einer Bonner Weinprobe im Haus der Landesvertretung Baden-Württembergs am vergangenen Mittwoch neue Regierungschancen seiner Christen-Union. Geratenmaier, nach Auffassung des CDU-Vorsitzenden Kiesinger »in Geldsachen unzurechnungsfähig«, über seine Stimmung nach dem Austritt der drei: »Wenn ich den Bleistift nehme und rechne, dann freue ich mich ganz naiv.« Quintin Viscount Hailsham, 63 (l.), Chef des britischen Oberhauses, hielt nicht Schritt mit der Jugend. Als auf der Hochzeit der Hailsham-Tochter Frances Hogg, 20, mit dem Bankierssohn Richard Hoare, 27, die drei als Schleppenträger angeheuerten Kinderpagen -- von der großen Hochzeitsgesellschaft (800 Gäste) eingeschüchtert -- davongelaufen waren, mußte der Brautvater beim Gang zum Traualtar in der St. Margaret"s Kirche selbst den Schleier in die Hand nehmen, Weil Ersatzschlepper Hailsham jedoch zu langsam ging und die Braut zu entschleiern drohte, mahnte Tochter Frances ihren Vater: »He, Daddy, reiß mir doch nicht den Schleier runter.«

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