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Hans und Grete

aus DER SPIEGEL 13/1966

Die in Rom lebende katholische Schriftstellerin ("Geh fort, wenn du kannst") Luise Rinser, 54, anläßlich der Hochzeit von Beatrix und Claus von Amsberg in der Münchner Illustrierten »Quick« über das Thema »Wie geht eine Kronprinzessin in die Ehe?":

Die Frage lautet: Darf der künftige Regent eines Landes vor der Heirat sich vergewissern, ob seine Braut ein Kind haben wird oder nicht? Mit anderen Worten: Dürfen zwei, von deren Fortpflanzungsfähigkeit der Weiterbestand einer Dynastie abhängt, vor der Hochzeit miteinander schlafen? ... Nennen wir die beiden Heiratskandidaten Hans und Grete, wie immer hochgeboren sie auch heißen mögen. Also: Hans und Grete mögen sich gern und wollen heiraten ... Wenn sie fest entschlossen sind zu heiraten, also bis zum Tode eines Partners in der Einehe treu zusammenzubleiben und Kinder zu haben ... dann ist in dem Augenblick, in dem die beiden sich Treue geloben, also sich das Eheversprechen geben, auch schon die Ehe geschlossen ...

Wie nun aber, wenn zwei sich dieses Versprechen nicht geben, vielmehr es abhängig machen vom Erfolg oder Nichterfolg des Beischlafs? Ein solcherart bedingtes Eheversprechen ist meines Erachtens keines, sondern ein Widerspruch in sich, denn Ehe ist etwas Unbedingtes, ein Ja und kein Wenn-dann ...

Wenn Hans und Grete durchaus für den Weiterbestand ihrer Linie sorgen müssen, was dann? Sie geben sich kein Eheversprechen, sondern schlafen miteinander und warten den Erfolg ab. Tritt Schwangerschaft ein, gut. Dann heiratet man. Tritt sie nicht ein, dann sagt man sich bedauernd aber entschieden adieu. Irgend etwas daran ist mißfällig. Aber was?

Erstens: Man weiß, daß oft Jahre vergehen können, bis eine Frau empfängt ... Auch wiederholte Mißerfolge vor der Ehe sind demnach kein schlüssiger Beweis für wirkliche Kinderlosigkeit. Und damit fällt eigentlich schon das ganze Gebäude der Probe-Ehe zusammen ... Was ist mit der als nicht heiratswürdig befundenen Braut? Sie ist bereits öffentlich als Heiratskandidatin bekannt. Wird sie aus dem bedingten Verlöbnis entlassen, so weiß jedermann, warum: Sie ist ausprobiert worden und hat nicht funktioniert ... Wer wird gern »weiterprobieren«?

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