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Hausmitteilung Harry Bohrer

aus DER SPIEGEL 41/1985

Datum: 7. Oktober 1985 Betr.: Harry Bohrer In der Nacht zum Dienstag vergangener Woche starb in London an einem Herzversagen Harry Bohrer, 69. Er war viele Jahre Verlagsrepräsentant des SPIEGEL in der britischen Hauptstadt. In Wahrheit war er etwas ganz anderes. Ohne ihn gäbe es keinen SPIEGEL. Von den vier Gründungsmitgliedern - ein Engländer, zwei Emigranten, Staff Sergeants der britischen Streitkräfte, ein Deutscher - war Bohrer nach Überzeugung des Deutschen Rudolf Augstein der wichtigste.

DER SPIEGEL ist ein Besatzungskind. Seine britischen Väter, Pressekontrolleure in Hannover, entwarfen ihn 1946 nach dem Vorbild angelsächsischer Nachrichtenmagazine, Titel: »Diese Woche«.

Bohrer, bei Hitlers Einmarsch in Prag 1939 emigriert, war in jungen Jahren Organisator einer Glasbläserfabrik im Erzgebirge. Er eignete sich den Journalismus an wie andere Leute eine neue Pelerine. Ohne ihn, sagt Augstein, hätte er dem Unternehmen keine Chance gegeben.

Bohrers Kompagnon, Major John Chaloner, auf Jahr und Tag genauso alt wie Augstein, 61, sagt heute: »Harry Bohrer spielte eine hervorragende Rolle als geduldiger Trainer der kleinen Redaktion.«

Nach fünf Nummern »Diese Woche« verloren nicht die britischen Väter in Hannover, wohl aber deren Überväter in London, Paris und Moskau die Geduld an diesem ungebärdigen, aber britischen Kind. Das Blatt mußte innerhalb von 24 Stunden in deutsche Hände übergehen, innerhalb von drei Stunden mußte ein neuer Titel her. Herausgeber Augstein, mit einer vorläufigen Lizenz versehen, nannte sein Blatt DER SPIEGEL. Am 11. Juli 1947 feierten die deutschen Zeitungsleute zusammen mit ihren britischen Paten die endgültige Lizenzierung.

Harry Bohrer war der zuverlässigste, klarblickendste, taktvollste Freund, den das Blatt je hatte.

Seine Ansichten waren nicht übertragbar. »Großbritannien«, so schrieb er uns 1982 über den Falkland-Krieg, »hat etwas Besseres verdient, als jede Woche verspottet zu werden.« Vielleicht, vielleicht nicht.

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