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GEHEIMDIENSTE / RADIO FREIES EUROPA Harte Nuß

aus DER SPIEGEL 12/1971

Die polnische Abteilung beim amerikanischen Radio Freies Europa (RFE) am Münchner Englischen Garten suchte am vorigen Dienstag einen Polen.

Weil Warschaus Nachrichtenagentur PAP die Rückkehr eines Geheimdienstoffiziers gemeldet hatte, der jahrelang bei RFE beschäftigt war, zählten die Rundfunkleute die Anwesenden und mutmaßten, wer von den Dienstreisenden, Kranken oder Urlaubern des 130 Mann starken polnischen Dienstes wohl der Verräter sein könnte.

Die Antwort kam einen Tag später -wieder aus Warschau. Einer internationalen Pressekonferenz stellte sieh Hauptmann Andrzej Czechowicz, 33, vor -- laut »Neues Deutschland« »einer jener unerschrockenen Kundschafter, deren Wirken der Sicherung des Friedens gegen die Globalstrategie des Imperialismus dient«.

Diplomhistoriker Czechowicz war 1962 nach Abschluß seines Studiums Mitarbeiter des polnischen Innenministeriums geworden. Nach gründlicher Ausbildung -- so der »unerschrockene Kundschafter« auf der Pressekonferenz -- habe er sich 1965 im Anschluß an eine Englandreise In Köln als »politischer Flüchtling« abgesetzt. Sein Auftrag: Erkundung des Betriebs beim CIA-finanzierten Radio Freies Europa, »einer der gefährlichsten Agentenzentralen und Diversionszentren imperialistischer Geheimdienste«.

Über das Ausländerlager Zirndorf bei Nürnberg und die britische Rheinarmee kam Czechowicz an sein Ziel. Am 1. Juni 1966 erhielt er den RFE-Dienstausweis Nr. 14132, Als Researcher (Monatssalär: 1460 Mark) wertete er vor allem polnische Periodika aus. Czechowicz hatte aber auch Zugang zur Hörerpost und zu geheimen Akten.

Den RFE-Oberen fiel der Flüchtling nie auf. Ältere Emigranten-Kollegen erinnern sich vor allem an seine deftigen Flüche im Funktionärspolnisch der Nachkriegszeit. Einige wußten, daß Czechowicz kräftig trank und sich bei Schlägereien mit Gastarbeitern das Nasenbein und mehrere Finger gebrochen hatte.

US-Sicherheitsleute fanden letzte Woche Czechowiczens Dienstwohnung im elften Stock der Schwabinger Klopstockstraße 8 (Telephon 34 42 74) in unordentlichem Zustand vor und schlossen auf überhastete Abreise.

Zu Hause in Polen enthüllte Czechowicz, daß er durch seine RFE-Arbeit zur Entlarvung einer Reihe von Agenten beitragen konnte, die »fast ausschließlich demoralisierte Elemente« seien.

Freundlichere Worte fand der Geheimdienstmann für Bundeskanzler Willy Brandt, der angeblich Radio Freies Europa als ein Hindernis der Entspannungspolitik schließen möchte. Czechowicz: »Brandt tut, was er kann, aber er wird eine harte Nuß zu knacken haben, denn der US-Geheimdienst wird diesen Schritt mit aller Macht bekämpfen.«

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