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Briefe

Hartes Management-Seminar
aus DER SPIEGEL 12/2001

Hartes Management-Seminar

Nr. 10/2001, Erziehung: Eine neue Werbekampagne soll junge Väter zum Karriere-Ausstieg auf Zeit zwecks Kinderbetreuung ermuntern

»Ich bin Hausmann und Vater« klingt für mich genauso wenig sexy wie »Ich bin Hausfrau und Mutter«. Ich kann einfach nicht verstehen, wieso jemand nach 20 Jahren Schule und Studium/Ausbildung sich freiwillig auf eine solche Position zurückziehen sollte. Den zu Hause bleibenden Müttern und Vätern wird eingeredet, dass nach all den Jahren der Ausbildung ihre wahrhaftige Erfüllung zwischen Kleinkinderturnen, selbst gemachtem Biomöhrenbrei und musikalischer Früherziehung liegt. Was für einen Unterschied soll es machen, ob eine Frau abends zu einem angeödeten Hausmann nach Hause kommt oder ein Mann zu einer angeödeten Hausfrau?

BRAUNSCHWEIG CLAUDIA MAYERL

Als Vater von zwei Söhnen übernehme ich seit acht Jahren die Erziehungsaufgaben, während meine Frau voll erwerbstätig ist. Von Männern habe ich bislang nur zustimmende Reaktionen erlebt, während dumme Sprüche ausschließlich von Frauen kommen: »Na, wie fühlt man sich als Hausmann?« Da ist man als Vater beim Kinderarzt den mokanten Blicken 200-prozentiger Diplom-Mütter ausgesetzt, die mit verstohlenem Grinsen darauf warten, dass Mann vor lauter Ungeschick das Kind aus der Hand fallen lässt. Im Supermarkt begrüßen einen ehemalige Schulkameradinnen mit der Frage: »Bist du arbeitslos?«

UETZE (NIEDERS.) RALF BIEROD

Solange wir Kindererziehung stets auf »Windeldienst« reduzieren, wird die Akzeptanz dieser Aufgabe bei beiden Geschlechtern wohl kaum steigen. Fragt sich nur, wer den »dirty job« dann zukünftig noch übernimmt - vermutlich nur noch Promis und Arbeitslose.

HAMBURG CHRISTOPH BENDFELDT

Noch immer ist das Vorurteil verbreitet: Hausmänner sind Faulmänner. Chefs und Vorgesetzte reagieren meist mit Unverständnis oder Spott auf das Ansinnen, sich lieber um das Kind als um die Karriere zu kümmern. Der so genannte Erziehungsurlaub ist aber keine vertrödelte Gammelperiode, sondern ein ziemlich hartes Management-Seminar.

TÜBINGEN UWE VON SELTMANN

Bevor immer wieder die angeblich so schlechten gesellschaftlichen Vorgaben beklagt werden, mögen sich die Mütter einmal fragen, ob sie überhaupt darauf vorbereitet sind, ihren Partner als Nur-Hausmann zu akzeptieren. So mancher Karrieremutter fällt doch mehr als ein Zacken aus der Krone, wenn sie bei einer Party ihren Partner als Hausmann vorstellen soll!

BREMEN FRIEDRICH-WILHELM HEUMANN

Angesichts des derzeitigen Rentenrechts werde ich meinen vier Kindern dringend empfehlen, eine berufliche Karriere anzustreben, anstatt sich durch eigenen Nachwuchs zu belasten. Die nicht existierende Familienpolitik ist die Ursache für Geburtenrückgang und Rentendesaster.

VAIHINGEN (BAD.-WÜRTT.) ANDREA RANDOLL VERBAND DER FAMILIENFRAUEN UND -MÄNNER E. V.

Deutschland ist kein familienfreundliches Land und hat innerhalb der EU eine Schlusslichtposition. Dies liegt nicht in erster Linie an unzureichenden materiellen Leistungen, sondern in erster Linie an der absolut unzureichenden Betreuungssituation für Kinder aller Altersgruppen (in Deutschland-West). Die Verschleuderung menschlicher Ressourcen, die bestausgebildete Frauengeneration, die es in Deutschland je gab, für lange Zeiträume auf die ausschließliche Mutterrolle festzulegen, ist beispiellos und hat Konsequenzen: 40 Prozent der Akademikerinnen bleiben kinderlos, bei den Hauptschulabgängerinnen sind es 21 Prozent. Alle Beteiligten sind gefordert: Länder und Kommunen, die erkennen müssen, dass Ganztagsschulen und -kindergärten ein wichtiger positiver Standortfaktor sind; Arbeitgeber und Gewerkschaften, die Familienpolitik zum Thema von Unternehmenskultur und Tarifverhandlungen machen müssen. Das Thema Wahlfreiheit zwischen Beruf und Kindern ist das Thema von gestern. Heute muss es um die Realisierungsmöglichkeit eines Lebens mit Kindern für Mütter und Väter in einer wesentlich durch Erwerbsarbeit geprägten Gesellschaft gehen.

BERLIN RENATE SCHMIDT STELLV. SPD-VORSITZENDE

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