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VEREINE Hartnäckige Hand

Einer kleinen Gruppe religiöser Eiferer gelingt es immer wieder, Politiker vor ihren Karren zu spannen. *
aus DER SPIEGEL 48/1984

Ein bunter Verein hat sich gesucht und gefunden: eine kaiserliche Hoheit, ein rechter Prinz, ein uralter Bergsteiger, führende Bundeswehroffiziere und der ehemalige General, den Verteidigungsminister Manfred Wörner einst zu Unrecht verfolgte.

Ein Astronaut, der sich nach einem Mond-Besuch für die Laufbahn des Wanderpredigers entschieden hat, schmückt die Liste als Ehrenmitglied. Angeführt wird der illustre Klub von einem - wie er sich selbst nennt - »leidgeprüften Berufsschullehrer«, der sich noch lieber als »Publizist« ausgibt.

Was also haben die Herren Otto von Habsburg, Hubertus Prinz zu Löwenstein, Luis Trenker, die Generäle Gerd-Helmut Komossa und Hans-Kurt Nolzen, der Ex-General Günter Kießling und der Apollo-16-Flieger Charles Duke gemein, daß sie sich der Führung des Niedensteiner Religionslehrers Heinz Matthias anvertrauen?

Ihnen geht es, so die Eigendarstellung des überwiegend freikirchlich-evangelikalen »Arbeitskreises Christlicher Publizisten« (ACP), um die Verkündigung des unverfälschten Wortes Jesu in den Medien. Ein leuchtendes Vorbild, das ein »deutliches Zeichen christlichen Glaubens« gegeben hat, ehrte der ACP Ende Oktober in Kassel: den Christdemokraten und Alt-Nazi Theodor Oberländer.

Er hatte 1960 das Amt des Bundesvertriebenenministers abgeben müssen, nachdem Details aus seiner Vergangenheit ruchbar geworden waren. Oberländer war 1923 beim Hitler-Putsch dabei, schloß sich 1933 der NSDAP an und wurde 1940 als Ostexperte bei der berüchtigten

Ukrainer-Truppe »Nachtigall« eingesetzt. An deren Mordtaten aber, so ließ sich Oberländer später in zahlreichen Prozessen bescheinigen, sei er nicht beteiligt gewesen.

Sozusagen als Ausgleich, das plant wenigstens Missionar Matthias, soll demnächst ein Sozi mit dem ACP-Preis bedacht werden: der Berliner SPD-Spitzenkandidat Hans Apel. Er hatte dem ACP mal einen freundlichen Brief über die Kraft des Glaubens geschrieben.

Apel allerdings denkt gar nicht daran, die merkwürdige Auszeichnung anzunehmen. Doch viele honorige Persönlichkeiten sind schon auf das christliche Firmenschild hereingefallen.

Arbeitsminister Norbert Blüm sandte dem ACP nachdenkliche Sätze über »unverzichtbare Hefe« im »Sauerteig« der veröffentlichten Meinung. Der rheinland-pfälzische CDU-Ministerpräsident Bernhard Vogel wünschte Kraft im Kampf »gegen die negativen Strömungen der Zeit«, Jupp Derwall empfahl eine »hartnäckige Hand«.

In der Republik gibt es fast keinen prominenten Berufspolitiker mehr, den Matthias nicht schon heimgesucht hat: von Hans Koschnick bis Helmut Schmidt, von Manfred Rommel bis Gerhard Stoltenberg. Selbst in die Wohnstube von Barbara Genscher und Loki Schmidt sind die Kreuzzügler schon vorgedrungen. Nach dem Kaffee und Kuchen, so enthüllen Hofberichte im Vereinsblättchen, wird dann immer gebetet.

Sie kämpfen nicht nur für die Verbreitung ihres Evangeliums, die Saubermänner ziehen auch gegen linke Pfarrer, gegen »Widernatürlichkeiten« und »Scheiße« (Matthias) auf Leinwand oder Bühne zu Felde. Das Grüppchen verbucht wachsende Erfolge.

Wie man bei prominenten Politikern missioniert, führt der amerikanische Prediger Newman Peyton vor, selbst ACP-Mitglied und -Preisträger. Er hat, als Präsident eines spendensammelnden »World Leadership Council«, rund 25 Staatschefs in aller Welt bekniet. Und auch Ex-Astronaut Duke spürt es ganz deutlich: »Ich glaube, daß Gott mich berufen hat, mit Regierungshäuptern zu sprechen.«

Daran nehmen sich die Matthias-Prediger ein Beispiel. Und sie suchen sich den Zugang zu Politikern und Medien mit einem hausgemachten Papierchen zu erleichtern: Gegen einen Jahresbeitrag von 100 Mark, Studenten die Hälfte, stellt der ACP wertlose Presseausweise ("Presse-Paß") aus, bisher mehr als 200 Stück. ACP-Werbung: »Der Paß ist Mitgliedskarte und zugleich ein geheimer Schlüssel, der viele Türen öffnet.«

Während gutgläubige Christen auf den Trick reinfallen, brauchen der Baptist Matthias und sein Gefolge den Presse-Paß schon lange nicht mehr. Unter dem christlichen Banner strömen sie durch die offenen Pforten der Funkhäuser - zu sogenannten Presseseminaren. »103 christliche Fernsehbeiträge«, rühmt sich Matthias, habe er schon »durchbringen« können. Vor der geballten Nächstenliebe der ACP-Akteure kapitulieren selbst Intendanten und Chefredakteure.

Das war nicht immer so, in den siebziger Jahren galt Missionar Matthias als Schrecken der Funkhäuser. In einem vertraulichen Schreiben warnte die ARD-Geschäftsführung damals vor diesem »besonders unbedarften und lästigen« Herrn und sprach den Betriebsleitungen Mut zu: »Möge Gott daher auch Ihnen die Kraft verleihen, das Zusammentreffen mit diesem Menschen ohne größeren Schaden zu überstehen.«

Doch dessen Hartnäckigkeit zahlte sich aus. Regelmäßig besucht der Klub das ZDF und den NDR, den Bayerischen und den Süddeutschen Rundfunk.

NDR-Intendant Friedrich Wilhelm Räuker, der sich selbst zum evangelikalen Spektrum zählt, ist mittlerweile sachte auf Distanz gegangen. Zwar läßt er sich hin und wieder vom ACP zu Podiumsdiskussionen über Medienfragen überreden, ist aus dem Verein aber schon vor Jahren ausgetreten. Räuker heute: »Sonderbündeleien sind nicht der rechte Weg zum Heil.«

In Bünden sonder Zahl hat Matthias schon immer mitgemischt: in der Genfer »International Christian Mission to the Communist World« etwa, bei der »Hilfsaktion Märtyrerkirche«, in der »Christlichen Ostmission« (SPIEGEL 35/1981), seit neuestem auch in der »Siloah-Blindenmission« - umstrittene, aber wohlhabende Spendenvereine meist, deren Konzernzentralen sich mit Vorliebe in den USA ansiedeln.

Selbst die Deutsche Evangelische Allianz, ein Zusammenschluß von evangelikalen Christen, möchte mit Matthias nichts mehr zu tun haben. Nach langen Streitereien mußte der Publizist 1979 seine Gruppe, die er bis dahin eigenmächtig als »Evangelische Allianz Nordhessen« führte, umbenennen.

Auch die Amtskirche beobachtet Matthias'' Treiben mit Verwunderung. Oberlandeskirchenrat Günter Bezzenberger vom Kasseler Landeskirchenamt: »Mir scheint, daß der öffentliche Aufwand in keinem Verhältnis zur Bedeutung des Vereins steht.« Da wird auch der Vorrat an potentiellen Trägern des ACP-Preises knapp, in dessen Genuß schon Ernst Albrecht sowie die Chefredaktionen von »Hör zu« und »Reader''s Digest« gekommen sind. Ohnehin verleiht der ACP seine Auszeichnungen am liebsten an die eigenen Leute - Trenker und Duke, Prinz zu Löwenstein und General Komossa haben ihn schon.

Bei der Kasseler Tagung, wohin sich auch »Tagesschau«-Sprecher Werner Veigel als Laudator verirrt hatte, wurden zusätzlich die ACP-Mitglieder Kießling und Peyton geehrt. Dazu noch ein Toter, der sich nicht mehr wehren kann: Konrad Adenauer, der vor 24 Jahren seinen Minister Oberländer entließ - Enkel Konrad nahm die Urkunde entgegen.

Den Auftrag, Gottes Wort in allen Medien zu verkünden, nimmt Matthias allerdings nicht so genau. Den SPIEGEL, der mit ihm reden wollte, beschied er militant: »Ich kann Ihnen doch nicht die Patronen liefern, mit denen Sie mich nachher zusammenschießen.« _(Mit Preisträgern Kießling, Oberländer, ) _(Laudator Veigel, Preisträger Peyton und ) _(Adenauer-Enkel Konrad, am 26. Oktober in ) _(Kassel. )

Mit Preisträgern Kießling, Oberländer, Laudator Veigel, PreisträgerPeyton und Adenauer-Enkel Konrad, am 26. Oktober in Kassel.

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