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ÄGYPTEN / FARUK Haschisch mit Honig

aus DER SPIEGEL 13/1967

Gegen 22 Uhr wuchtete sich der 130-Kilo-Mann aus dem Sessel, schaltete das Fernsehen ab und ging ins Schlafzimmer. Sechs Sandwiches und vier Tüten Kartoffelchips hatte Ägyptens Ex-König Faruk, 45, vor dem Heimkino mit drei Flaschen Soda hinuntergespült. Nun wollte er essen gehen.

Aus der obersten Schublade seiner Kommode holte er eine 6,35-Millimeter-Beretta-Pistole im Halfter und schnallte sie auf die linke Seite seines überbordenden Bauches. In die Taschen stopfte er zwei 1000-Dollar-Noten, einige 10 000-Lire-Scheine und zwei goldene Dosen mit Pillen gegen zu hohen Blutdruck und Nierenbeschwerden. Es war der 17. März 1965. Der Vertriebene rüstete sich in Rom zu seiner 4252. Nacht im Exil.

Im weißen Fiat 2300 fuhr Faruk zunächst zu seiner bevorzugten Gefährtin Irma Capece Minutolo, 20, der fülligen Tochter eines neapolitanischen Taxifahrers. Doch er blieb nur auf einen kurzen Imbiß. Dann flitzte er zur Auserwählten dieser Nacht, Annamaria Gatti, 25, nicht besonders hübsch, aber hübsch üppig.

Es war Mitternacht, als sich das Paar im Restaurant »Isle de France« niederließ. Faruk eröffnete mit zwölf durch Tabasco-Sauce geschärften Austern; dazu einem Liter »Evian«-Mineralwasser. Darauf attackierte er eine Hammelkeule für vier Personen mit Pommes frites, Bohnen und Salat; dazu Ingwerlimonade. Ein Sahne-Dessert und ein paar Flaschen Coca-Cola bildeten den Schluß. Behaglich lehnte sich Faruk zurück und entzündete eine Havanna. Plötzlich erzitterte der Koloß, die Zigarre entglitt ihm, der Kopf kippte nach hinten, die weit aufgerissenen Augen starrten zur Decke: Gehirnschlag.

So starb der einst mächtigste Monarch des Morgenlandes, wie er gelebt hatte: im Banne des Ewig-Weiblichen und Ewig-Leiblichen.

Das Symbol eines vergeudeten Lebens war tot. Seine Mutter: »Er war ein Monster.« Nichts erinnerte daran, daß demselben Mann 28 Jahre zuvor eine der glanzvollsten Königskarrieren bevorzustehen schien.

Gut aussehend, intelligent und in England erzogen, hatte Faruk 1937 nach dem Tode seines Vaters als Siebzehnjähriger den Thron bestiegen. Sofort begann er mit kühnen sozialen Reformen. Er wurde Ägyptens populärster Potentat. Das Volk liebte ihn, und der Ministerpräsident des Libanon schwärmte: »Er ist nicht nur der König von Ägypten, sondern der König aller Araber.«

Die rätselhafte Wandlung vom bewunderten Monarchen zum verachteten Lebemann hat erst jetzt der amerikanische Autor Michael Stern, 55, in einer Faruk-Biographie zu erklären versucht*.

Biograph Stern, zwölf Jahre lang Faruks Nachbar in Rom, sprach mit Ministern und Mätressen, Politikern und Psychologen. Sein Ergebnis: Faruk stand unter dem Zwang einer ruinösen Neurose,. die seine Beziehung zum anderen Geschlecht schon trübte, als er noch ein stattlicher junger Pharao war, und die sein Leben zerstörte. Er wollte siegen, wo er nicht siegen konnte, stark erschei-

* Michael Stern: »Farouk«. Verlag Bantam Books, New York; 280 Seiten; 75 Cent. Deutsche Rechte Bechtle Verlag, München.

nen, wo er schwach war. Denn dort, wo ein Mann nach dem klassischen arabischen Liebeslehrer Scheich Nefzaui »mindestens anderthalb Handbreiten« lang sein muß, war der König kindlich kurz geblieben: maximal eine halbe Handbreite.

Das körperliche Handikap wurde beim heranwachsenden König zum Komplex. Er suchte als junger Mann Qualität durch Quantität zu kompensieren; Was immer er tat, tat er maßlos. Fuhr er Auto, raste er (seine Spezialhupe jaulte wie ein überfahrener Hund). Wenn er aß, fraß er (zwölf Eier zum Frühstück). Am Spieltisch setzte er aberwitzig (Einzeleinsatz bis zu 25 000 Dollar). Witterte er Geld, log, stahl und betrog er (einschließlich Leichenfledderei). Über allen Lastern aber stand seine Gier nach Frauen.

Bevor er als junger Herrscher seine erste Frau Farida heiratete (Biograph Stern: »Faruk fürchtete, in der Hochzeitsnacht zu versagen"), versprach er seiner Mutter, der Auserwählten »für den Rest meines Lebens treu zu sein«. Er brach das Versprechen nach Schätzungen seines Biographen mit etwa 5000 Frauen.

Die Frau, die Faruk den Weg aus seinen Nöten in seine endlosen Abenteuer wies, war die französische Nachtklub-Sängerin Annie Berner aus Marseille. Sie war eben erst 20, als der König sie in Kairos Nachtklub »Scarabée« traf, in seinen weißen Cadillac verlud und auf einen von Auto-Liebhabern bevorzugten Parkplatz an der Straße von Kairo nach Heliopolis chauffierte.

Gerade in dieser Nacht machte die ägyptische Sittenpolizei Razzia; ein Photoreporter des Wochenblattes »Al Mussawar« war dabei. Mit einer Maschinenpistole ging der ertappte Monarch auf die Störenfriede los, zerschmetterte den Photoapparat des Reporters am Boden und feuerte eine MP-Salve in die Luft. Dann lachte er brüllend auf, gab Gas und verschwand mit Annie im Dunkel. Sie wurde trotz ihrer Jugend seine Lehrmeisterin, und er vergaß nie ihre erste Lektion, die sie ihm in dieser Nacht auf dem Cadillac-Rücksitz erteilte: »Es kommt nicht auf die Größe an, es kommt darauf an, was du damit machst.«

Die teuersten Nachtklubs Kairos hielten stets einen Tisch für den König reserviert. Unverhohlen stellte .Faruk jedem Rock nach, dessen Inhalt ihm gefiel. Luftlinien-Stewardessen wurden nachts in ihrem Hotel geweckt, mit der Begründung, der Monarch erwarte sie in seinem Palast. Ein amerikanischer Luftwaffenmajor, dessen Frau Faruks Aufmerksamkeit erregt hatte, wurde von der US-Botschaft überstürzt versetzt. Die Filmschauspielerin Nadja Gray, die m Begleitung einen Klub besuchte, erhielt eine Einladung an den königlichen Tisch mit dem Zusatz: »Diese Einladung, Madame, gilt nur für Sie.«

Selbst Königinnen waren vor Faruk nicht sicher. Als die griechische Herrscherin Friederike mit ihrem Mann Ägypten einen Staatsbesuch abstattete, plauderte sie eines Abends mit der Königin Farida. Da trat Faruk ein, befahl seiner Frau, den Raum zu verlassen, löschte einige Lichter und kam auf die junge griechische Königin zu. Sie bluffte »Haben Sie den großen Mann direkt vor der Tür gesehen? In der Uniform eines Admirals? Das. ist mein Mann, und ich liebe ihn sehr.« Faruk hielt inne, lachte, schaltete das Licht wieder ein und verließ die Szene.

Einmal wurde der Monarch im Schlafzimmer einer Engländerin, deren Ehemann nach Alexandria gereist war, durch Geräusche im Erdgeschoß gestört. »O mein Gott, das ist mein Mann«, entsetzte sich die Dame des Hauses. Der König ohne Kleider wurde auf dem Balkon abgestellt. Stundenlang wartete er im nächtlichen Regen zitternd und fluchend, bis seine Leidensgefährtin ihn aus dem Haus lassen konnte. »Ich liebe keine schwierigen Frauen«, pflegte Faruk seine Erzählung über diese Nacht zu beenden. »Ich sah sie nie wieder.«

Mit der jüdischen Schauspielerin Lillian Cohen verabredete sich der arabische Herrscher für ein Wochenende auf Zypern. Er flog mit seiner Privatmaschine über das Mittelmeer zum Rendezvous« und als die Schauspielerin am nächsten Morgen erwachte, fand sie auf ihrem Nachttisch 50 Pfund. Der König war, schon wieder entwichen. Washingtons Nahost-Experten aber witterten hinter dem Abstecher die Vorbesprechung für einen türkisch -- ägyptischen Pakt.

Faruks Freuden entzündeten sich nur an üppigen Kurven. Ein junges, französisches Starlet, das neben Audrey Hepburn und Cary Grant in dem Film »Charade« eine kleine Rolle gespielt hatte, war verdutzt, aus dem Schlafzimmer des damals schon emigrierten Faruk im letzten Augenblick nach fruchtlosen Versuchen mit 41 Dollar und der Entschuldigung entlassen zu werden: »Meine Liebe, Sie sind mir zu dürr.«

Faruk war Nachkomme eines albanischen Söldnerhauptmanns, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit einer Streitmacht des türkischen Sultans nach Ägypten einrückte und sich durch Gewalt und List zum Wesir des Landes aufwarf.

Wie sein Ahnherr, so fühlte sich auch

Faruk nicht als Ägypter, verachtete das Volk, über das er herrschte, und umgab sich mit ausländischen Ratgebern, deren mächtigster ein öliger Italiener namens Antonio Pulli wurde.

Pulli hatte sich als junger Elektriker das. Vertrauen Faruks erworben, als er ihm im Buhen-Alter eine elektrische Eisenbahn reparierte. Von jenem Tage an gewann Pulli durch Jahrzehnte ständig wachsenden. Einfluß.

Er wurde geadelt und Minister. In seinem Büro im Abdin-Palast hing ein gläserner Kasten an der Wand, in dem an 30 Haken 30 Schlüssel baumelten. Und an jedem Schlüssel klebte ein Zettel mit dem Namen einer Frau,. ihrer Adresse und der Beschreibung des Eingangs zu ihrem Haus -- Faruks letztes Aufgebot

Trotz der dringenden Bitte seiner Regierung, sich von den ausländischen Beratern zu trennen, hielt Faruk an Antonio Pulli und dessen drei Freunden fest. Nur zu einer Konzession fand er sich mit dem ihm eigenen Humor bereit: Er ließ sie zu Moslems machen und befahl, sie wie alle Moslems zu beschneiden.

Drei Italiener stimmten zu, einer aber weigerte sich. Faruk lud ihn zu einem Glas Wein ein, schüttete ein Betäubungsmittel hinein und ließ den Widerspenstigen im Schlaf zum Moslem schneiden.

Noch bei seiner Thronbesteigung schlank und wohlproportioniert, hatte Faruk damals schon jenen unappetitlichen Appetit entwickelt, der ihn zum Fettwanst aufquellen ließ. Ein reguläres Mittagessen enthielt Hummer, Brathuhn, Frikassee und Lammkotelett mit Kartoffeln, Erbsen, Reis und Artischocken; zum Nachtisch Pfirsiche mit Eiscreme. 300 frische Austern wurden jede Woche von Kopenhagen nach Kairo eingeflogen.

Als Moslem nahm Faruk zwar Haschisch (mit Honig vermischt), aber er trank keinen Alkohol. Statt dessen schüttete er Unmengen Pepsi-Cola in sich hinein.

Er selbst war einer der größten Aktienbesitzer von Pepsi-Cola, und als in Ägypten das Gerücht zirkulierte, Pepsi-Cola enthalte Bestandteile des für Moslems verbotenen Schweinefleisches, ließ er den Mufti zu sich rufen und öffentlich verkünden, daß Allah mit dem Genuß von Cola-Getränken einverstanden sei. Faruks Pepsi-Cola-Aktien waren soviel wert wie nie zuvor.

Des Königs Geldgier war so legendär wie seine Neigung zum Schmausen und Schmusen.

Der US-Bankier Winthrop Aldrich, eine Zeitlang Botschafter am Hof von St. James, hatte bereits über den jungen Faruk geurteilt: »Ich habe noch keinen Laien getroffen, der über die internationalen Goldbewegungen so gut Bescheid weiß.«

Als König eröffnete Faruk in der Schweiz mehrere Nummernkonten. Er füllte sie mit Hilfe internationaler Waffenhändler, durch die er seine Armee mit verrotteten Waffen ausrüsten ließ. Seine Jacht »Fakre-al-Behar«, die er für 86 000 Dollar erworben hatte, verkaufte er seiner eigenen Regierung für 316 000 Dollar.

Bei einem Gastmahl im königlichen Abdin-Palast bat Faruk den Prinzen Seif el Islam, einen besonders kostbaren Dolch abzulegen. Der Dolch wurde einem Diener übergeben und nie wieder gesehen.

Als Faruks Schwester Fawzia, vorübergehend mit dem Schah von Persien verheiratet, zu Besuch in Kairo weilte, ließ Faruk aus ihrem Gepäck die persischen Kronjuwelen stehlen.

Des Schahs verstorbener Vater wurde in Ägypten beerdigt. Und obwohl Faruks Ehrengarde den aufgebahrten Leichnam bewachte, fehlte plötzlich das mit Edelsteinen besetzte Schahschwert.

Schah Resa Pahlewi zum ägyptischen Botschafter in Teheran: »Sagen Sie Ihrem König, er sei ein Dieb.« Schwert und Kronjuwelen wurden erst nach der ägyptischen Revolution 1952 in Faruks Schatzkammern sichergestellt.

Vom Araber-König Ibn Saud pumpte sich Faruk 50 000 Goldpfund mit dem Versprechen, sie zurückzuzahlen, »wenn die Zeiten wieder besser sind«. Er verbuchte das Darlehen als Einnahme mit der Bemerkung: »Bessere Zeiten werde ich nie mehr erleben.«

Seine jährliche Apanage ("Ich bin ein armer König") betrug 1,8 Millionen Mark. Mehr als das Vierfache verlor er im gleichen Zeitraum allein am Spieltisch: acht Millionen Mark.

Wenn er beim Roulett oder Bakkarat gewann, summte er die Nationalhymne. Er summte selten. Und wenn er verlor, schreckte er vor keinem Betrug zurück.

Bei einer Poker-Partie hielt er drei Könige in der Hand, sein Gegenspieler aber hatte das noch bessere Blatt: ein Fullhouse. Unberührt begann Faruk, die Spielchips auf dem Tisch in seine Tasche zu stopfen.

»Aber Sie haben nur drei Könige«, kam der laue Protest. Darauf Faruk: »Ich bin der vierte König.«

In einer einzigen Nacht verlor Faruk 85 000 Dollar beim Chemin-de-fer. Doch als er in den Palast zurückkehrte, zählte er die Coca-Cola-Flaschen in seinem Eisschrank und ließ das gesamte Personal wecken, weil eine Flasche fehlte.

Seine erste Frau Farida, die ihm drei Töchter, aber keinen Erben schenkte, quälte er, bis sie in die Scheidung einwilligte.

Er erzählte ihr, daß die Gefährtin seiner letzten Nacht ihn angeschwärmt habe: »Majestät, Sie waren so gut, daß ich Sie bezahlen würde, wenn Sie nicht König wären.«

Er verließ eine Gesellschaft vor ihren Augen mit seiner Geliebten und schlug ihr ins Gesicht, als sie sich darüber beklagte.

Er zeigte ihr ein mit Totenköpfen versehenes Päckchen, das angeblich ein giftiges Pulver enthielt, welches keine Spuren hinterlasse; Farida trank seitdem nur noch aus Flaschen, die in ihrer Gegenwart geöffnet worden waren.

Erst im heiligen Palästinakrieg gegen die Juden, als die Nation abgelenkt war, traute sich Faruk, seine vom Volk verehrte erste Frau zu verstoßen.

Die zweite, Narriman Sadek, hatte Antonio Pulli für ihn entdeckt. Pulli arrangierte ein scheinbar zufälliges Treffen der beiden bei einem Juwelier. Faruk zog der damals Sechzehnjährigen bei dieser ersten Begegnung ihren Verlobungsring vom Finger und sagte: »Sie sind jetzt verlobt mit Ihrem König.« Narriman konnte ihm zwar einen Sohn gebären, bevor auch sie geschieden wurde, aber Faruks Schicksal war nicht mehr aufzuhalten; dem moralischen Verfall folgte der politische Sturz.

Als Ägyptens junge Offiziere 1952 den fetten Kapaun schließlich von seinem Thron und aus ihrem Lande vertrieben, da ließ er in seinem Palast in Alexandrien der Welt größte pornographische Sammlung an Photos, Büchern, Filmen und Apparaten zurück. Die neue ägyptische Regierung gestattete bei einer Auktion aller Faruk-Schätze nur jenen Käufern einen Blick hinein, die mehr als 500 Dollar bei der Versteigerung geopfert hatten.

In Rom stiegen zur selben Zeit, nach dem Einzug des vertriebenen Lotter-Königs, die Preise von 16 Dollar auf 32 Dollar pro Callgirl.

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