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SCHÜLER RAUSCHGIFT Haschu waschu

aus DER SPIEGEL 27/1969

In Bonn vernahm unlängst der SPD-Bundestagsabgeordnete Dr. med. Rolf Meinecke: »Ganze Schulklassen nehmen gemeinsam Rauschgift.« Der politische Mediziner hielt das »für ein Gerücht«.

Sein Landsmann und Berufskollege, Dozent Dr. Johann Burchard, hält dagegen die Bonner Botschaft keineswegs für aufgebauscht. Als Oberarzt in der Psychiatrischen Klinik des Hamburger Universitätskrankenhauses versuchte er, Süchtige zu kurieren, und ist mit alarmierenden Zahlen vertraut: »Zwei Drittel meiner rauschgiftsüchtigen Patienten sind Pennäler, Seit etwa drei Jahren kann ich auf meiner Station den neuen Schülersport, Haschisch zu rauchen, verfolgen.«

Der neue Sport schäumte mit der Sex-Weile in bundesdeutsche Schulen. Zwar werden zwischen Flensburg und Konstanz allwöchentlich Pennäler beim Haschisch-Handel und bei Rauschgift-Partys ertappt; doch sie bilden lediglich eine unvorsichtige und unrepräsentative Minderheit: »nur wenige Fälle werden uns bekannt«, weiß Regierungskriminalrat Günter Labitzke, Rauschgiftdezernent im Wiesbadener Bundeskriminalamt (BKA). Denn: »Die Dunkelziffer ist bei diesen Delikten gegen das Opiumgesetz sehr hoch.«

Labitzkes Kripo-Kollegen in den Haupthandelsplätzen für Rauschgift wie Hamburg, Köln, München und Frankfurt bestätigten die Dunkelziffer ebenso wie die Beobachtung des Psychiaters Burchard: Seit Anfang 1966 greifen immer mehr Jugendliche, zumeist Schüler, zum Rauschgift.

In den Jahren davor waren Suchtmittel unter Deutschlands .Tugend kaum bekannt. So wurde zum Beispiel 1962 in der ganzen Bundesrepublik nur gegen 23 minderjährige »Rauschgifttäter« ermittelt. Fünf Jahre später registrierte die Polizei innerhalb eines Jahres schon zwölfmal soviel minderjährige Suchtgefährdete.

Inzwischen sind diese Zahlen längst überholt: Allein in Hamburg würden im vergangenen Jahr 127 minderjährige Rauschgiftverteiler und -verbraucher (70 Prozent mehr als im Vorjahr) von Kripo-Streifen hochgenommen.

Diese Hamburger Halbwüchsigen bevorzugen wie Teens in anderen Großstädten neben Pervitin-ähnlichen Aufputschmitteln zumeist Haschisch-Zigaretten.

Anfangs paffen die Schüler ihre selbstgedrehten Röllchen freilich eher aus Angabe als aus Lust, wie BKA-Labitzke annimmt: »Zigarettenrauchen hat schon zu Schulzeiten unserer Väter als Attribut der Männlichkeit gegolten. Und nachdem es jetzt in den Schulen schon Raucher-Zimmer gibt, locken Haschisch-Zigaretten, weil sie verboten sind.«

Dr. Eckbert Zylmann, Präsident der Hamburger Gesundheitsbehörde, hält dagegen ein anderes Rausch-Motiv für verbreiteter: »Rauschgifte werden dort immer am stärksten konsumiert, wo Gruppen sich entrechtet oder zurückgesetzt fühlen.«

Die Entrechteten siedelt Präsident Zylmann in den »intellektuelleren Schichten« an: unter Studenten und Oberschülern, »die sich selbst als progressiv, dabei aber wurzellos und ohnmächtig fühlen«.

Rauschgift-Experten geben sowohl dem Kriminal- als auch dem Medizinal-Beamten recht: Neugier und Nachahmungsdrang reizen Schüler, Rauschgift zu probieren. Wenn sie sich danach immer öfter in Rauschzustände versetzen, nennen sie »Unbehagen am Karrieredenken einer kritiklosen Konsumgesellschaft« als häufigstes Argument. Doch Psychiater Burchard weiß, daß dieses Argument »oft nur als eine unehrliche Selbstrechtfertigung akuter Rauschgiftsucht verstanden werden kann«.

Burchards Diagnose rauschgiftkranker Schüler sieht entsprechend düster aus:

* »Körperlich entsteht ein Erschöpfungszustand, Mattigkeit, Appetitlosigkeit und mangelnde Leistungsfähigkeit.«

* »Seelisch entsteht Gleichgültigkeit, Konzentrationsschwäche, Desinteresse an ihrer Umwelt, Vergeßlichkeit. Sehr groß ist auch die Gefährdung, immer stärkere Rauschgifte zu nehmen.«

Die weitverbreitete Ansicht, daß Haschisch keine Sucht erzeugt, widerlegt Psychiater Burchard aus Erfahrung: »Ich behandelte auf meiner Station einen 17jährigen Oberschüler, der nur eine einzige Dosis Haschisch nahm und sofort süchtig war. Er zeigte schließlich eine Gleichgültigkeit allen Menschen und Problemen gegenüber, wie man sie auch bei langjährigen Alkoholsüchtigen beobachten kann.«

Die Jung-Süchtigen sind vielfach in Beat-Lokalen auf den Geschmack und ins Geschäft gekommen. Sie wissen, wo die Händler zu treffen sind, beispielsweise im »Grünspan« und im »Speak Easy« in Hamburg-St. Pauli oder Im »5. A. U.« und im »PN-Hithouse« in München-Schwabing. Die Ware wird meist woanders übergeben -- ein Erfolg der Kripo-Razzien.

Schutzleute wie Schüler kennen sich gleich gut in Notierungen und Verbraucher-Verhalten aus: »Ein Gramm Haschisch kostet zwischen drei und' acht Mark -- je nach Qualität und Nachfrage«, berichtet Kriminalhauptmeister Franz Resch aus München. Sein Hamburger Kollege, Oberkommissar Hans Schwartz, unterscheidet schwache und starke Raucher so: »Manche mischen ein ganzes Gramm dieses Zeugs in den Tabak für eine Zigarette, andere kommen mit derselben Menge für fünf bis sechs Zigaretten aus.«

Rauschgifte wie Morphium, Heroin, Kokain oder LSD werden von deutschen Schülern seltener verlangt: Sie sind teurer und noch gefährlicher als Haschisch.

Die gutgemeinten Aufklärungsaktionen von Jugendbehörden und Gesundheitsämtern finden kaum ein Echo. Immer mehr deutsche Schüler orientieren ihren Rauchgenuß lieber an Slogans, wie sie die Hamburger Studentenzeitung »uni-life« ausgab: »Haschu Haschisch in den Taschen -- haschu imma waschu naschen.«

Haschisch ist »fun« für junge Leute. Und damit zeichnet sich auch in der Bundesrepublik eine Schülerbewegung ab, die ihren Vorbildern In England, Holland, Schweden und Dänemark nacheifert. Fachleute fürchten, es sei nur eine Frage der Zeit, bis es junge Deutsche so weit wie junge Skandinavier gebracht haben:

Allein in Kopenhagen werden zur Zeit rund 120 rauschgiftsüchtige Jugendliche unter 17 Jahren in Kliniken stationär behandelt,

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