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KABELFERNSEHEN Hase und Igel

Über zwei Jahre hat der Stuttgarter Regierungschef Späth seine Kollegen hingehalten, die das Kabelfernsehen in vier Pilotprojekten testen wollen. Jetzt steht ein TV-Alleingang in Südwest bevor.
aus DER SPIEGEL 46/1980

Widerwillig trat der baden-württembergische Ministerpräsident Lothar Späth ein politisches Erbe an, das ihm sein Vorgänger Hans Karl Filbinger hinterlassen hat.

Im Mai 1978, drei Monate vor Filbingers Abgang, hatten die elf westdeutschen Länderchefs einmütig vereinbart, in vier Regionen der Bundesrepublik testweise das Kabelfernsehen einzuführen -- so auch in einem Zipfelchen des Südweststaates: Außer München, Berlin und Dortmund sollte das Gebiet Mannheim/Ludwigshafen über die badisch-pfälzische Landesgrenze hinweg für ein Pilotprojekt verkabelt werden.

Zweierlei machte die Versuche brisant:

* Die Kabeltechnik bietet Platz für mehr Fernsehkanäle als bisher die drahtlosen Sender; rund zwei Dutzend wären möglich.

* Der Zuwachs an TV-Programmen ermöglicht wiederum Privatfernsehen, das von dem jeweiligen Bundesland gesetzlich zugelassen werden kann.

Für Späth, der das Monopol des öffentlich-rechtlichen Fernsehens für Nonsens hält, bot das Mai-Abkommen, S.83 so mußte es scheinen, ideale Möglichkeiten: Privatfernsehen war nur noch eine Frage der Zeit. Um so verwunderlicher, daß er, kaum war er ins Amt gelangt, an dem Abkommen herummäkelte.

Es waren nicht die Zukunftsaussichten -- die hielt er für erfolgversprechend. Unzufrieden war er mit dem Konzept: zu teuer, technisch zu aufwendig, zu langwierig. Dem Schwaben ging es, wie sich bald herausstellte, mit der neuen Technik nicht schnell genug voran.

Insgeheim setzte er an, die Kollegen allesamt zu überrunden. Eine von ihm berufene »Expertenkommission Neue Medien« kam zu dem Schluß, die angepeilten Pilotprojekte seien eigentlich als überholt anzusehen, und faßte statt dessen eine frappierend einfache Lösung ins Auge.

»Unter Ausnutzung bereits vorhandener oder sofort ausbaufähiger lokaler Kabelnetze«, so formulierten es Späths Medienkommissare in einem einstimmigen Grundsatzbeschluß, sollten »in einer geeigneten Region Baden-Württembergs stufenweise zusätzliche und neue Nachrichtenübermittlungen erprobt« werden.

Dahinter verbirgt sich eine simple Lösung von schwäbischer Schlitzohrigkeit: Die Stuttgarter nutzen einfach schon vorhandene Kabel, von denen es in Baden-Württemberg mehr gibt als irgendwo sonst, während die TV-Pioniere anderswo zeitraubende Umwege gehen, um beim Medien-Fortschritt die Ersten zu sein -- sie planen gigantische Versuchsnetze.

Späth hingegen kann sich den Umstand zunutze machen, daß viele S.85 Gegenden des Südweststaats schon engmaschig verkabelt sind. Die Bundespost hat in den letzten Jahren nämlich fleißig Strippen gezogen, um in abgeschatteten Tallagen und in Großstadtarealen mit störenden Hochhäusern den Empfang der bestehenden TV-Programme über Kabel zu ermöglichen oder auch -- wie in der denkmalgeschützten Tübinger Altstadt -- die optisch störenden Antennen von den Dächern zu holen.

Fast 80 Gemeinden sind im Späth-Land bereits mit sogenannten Breitbandkabeln ausgerüstet, die mehr als die ortsüblichen Programme übermitteln könnten. Rund 50 000 Haushalte zapfen das Fernsehen mittlerweile wie Strom aus der Steckdose.

In diese bestehenden »Inselnetze« könnten nach den Vorstellungen der südwestdeutschen Medienkommission von 1982 an neben ARD und ZDF etliche Regional- und Lokalprogramme eingespeist werden -- von einer zentralen Sendestation aus. Mehrere Inselnetze brauchen dafür nur sternförmig miteinander verbunden zu werden, mit Richtfunk, Kabelrundfunk oder vorwiegend auch mit der modernen Glasfasertechnik, und schon läßt sich die ganze Region im Umkreis von etwa 50 Kilometern vom Kabelstudio aus berieseln.

Eine nebenan installierte Empfangsanlage gibt die althergebrachten TV-Programme weiter, neben den ortsüblichen auch andere regionale Dritte und Auslandsprogramme. Und als Dreingabe gibt es ein paar Hörfunkkanäle für Stereo-Fans. So, für schätzungsweise zehn Millionen Mark einschließlich Studio, bricht hierzulande das neue Medienzeitalter an -- nicht in Ballungsgebieten wie Rhein-Main oder Ruhr, in Metropolen wie München und Berlin, sondern im Schwarzwald oder auf der Schwäbischen Alb.

In der zweiten Phase des Kommissionsmodells, etwa ab 1984, ließe sich die Programmpalette beispielsweise um Satellitenprogramme erweitern, ebenso um Bildschirmtext über Kabel, einen »offenen Kanal« für die Bürger und Abonnenten-Fernsehen, das spezielle Sport- oder Bildungsprogramme nur gegen Extragebühren nach Zeiteinheiten liefert.

In der dritten Phase schließlich, von 1986 an, könnte mit rund tausend ausgesuchten Teilnehmern »die gleichzeitige Nutzung« verschiedener »Formen der Individualkommunikation«, vorwärts und rückwärts über Breitbandkanäle, erprobt werden -- zum Abruf von Daten, als Fernschreiber oder als Bild-Telephon.

Alles in allem soll die Realisierung dieses Plans, inklusive teurem Glasfasereinsatz, ungefähr siebzig Millionen Mark kosten -- ein Pappenstiel, gemessen an dem Aufwand, der bei den Pilotprojekten der anderen Bundesländer noch getrieben werden muß, ehe da auch nur das erste Testbild, frühestens 1983, über die bis dahin antiquierten Kupferkabel transportiert werden kann.

Der Bilderbuch-Schwabe Späth kann sich mithin leicht ausrechnen, wieviel Zeit und Geld er spart, wenn er den Vorschlägen seiner Experten folgt. Bis die, wohl Anfang nächsten Jahres, ihren Schlußbericht vorlegen, hat sich der regierende Mentor zwar Funkstille auferlegt, aber sein Sprecher Matthias Kleinert weiß längst, daß »die Gediegenheit S.87 und Intensität der Arbeit der Kommission natürlich an der Intention des Ministerpräsidenten nicht spurlos vorbeigehen«.

Der Alleingang Späths hängt nun vor allem davon ab, ob ihn die Ministerpräsidenten-Konferenz diese Woche in Kronberg/Taunus billigt. Widerstände könnte es bei der SPD, insbesondere von Hessens Landeschef Holger Börner, geben, aber auch von manchen CDU-Kollegen, die Späth mit seinem Solo verärgert hat.

Denn an den Pilotprojekten der anderen hatte er kaum ein gutes Haar gelassen, hatte mal grundsätzliche Zweifel am Sinn »zeitlich und räumlich begrenzter« Feldversuche angemeldet, dann aber auch wieder Sorgen wegen der unüberschaubaren gesellschaftspolitischen Folgen der in Aussicht gestellten Programmvielfalt geäußert. Für den Mannheimer Bereich gab er dem CDU-Nachbarn Bernhard Vogel eine Absage. Der blieb mit seinem Pilotprojekt in Ludwigshafen allein.

Noch mehr der Widersprüche: Im November vorigen Jahres rühmte er in einer Grundsatzerklärung vor dem Stuttgarter Landtag die »Vorteile« der Pilotprojekte, kündigte aber im gleichen Atemzug einen gründlichen Neubeginn in seiner Expertenkommission an.

Noch im Sommer dieses Jahres lavierte Späth scheinbar unsicher, hielt die Länderchefs mit dem Argument hin, die von ihm im Februar berufenen 31 Sachverständigen -- Professoren, Verleger, Journalisten, Intendanten, Vertreter von Verbänden, Gewerkschaften und Parteien -- müßten erst »ihre Arbeit abgeschlossen« haben, ehe Baden-Württemberg eine »Entscheidung über Art und Umfang der finanziellen Beteiligung an möglichen Pilotprojekten treffen« könne.

Zugleich aber klagte er dem Präsidenten des Deutschen Industrie- und Handelstages, Otto Wolff von Amerongen, sein Leid, daß die Weichen in die Medien-Zukunft aus lauter Säumigkeit zu spät gestellt werden könnten: »Bei einer weiteren Blockade technischer und politischer Entscheidungen« bleibe »uns lediglich die Alternative, ob wir amerikanische oder japanische Patentrechte kaufen«.

Als er dann Ende September den anderen Regierungschefs noch immer versicherte, er habe »nie einen Zweifel daran gelassen«, daß für seine Regierung »der Beschluß der Ministerpräsidenten vom 11. Mai 1978 bindende Grundlage für unsere weiteren Beratungen« sei, wußte er schon von den ganz anderen Konzepten seiner Expertenkommission.

So läßt sich absehen, daß die anderen weiter wie die Hasen um die Spielregeln feilschen werden, während Späth den Igel spielt: Er hat den Wettlauf in die Kabel-Zukunft fast schon gewonnen.

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