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CHINA / TIBET Hass und Heiligkeit

Pekings KP will sich bei Olympia als strahlende Supermacht feiern - und setzt mit der brutalen Unterdrückung der Tibeter das Weltsportfest aufs Spiel. Aber auch der Dalai Lama steht unter Druck: Kann er die aufgebrachten Landsleute in der Heimat weiter auf Gewaltlosigkeit verpflichten?
Von Erich Follath und Wieland Wagner
aus DER SPIEGEL 13/2008

Nach vorn gebeugt, als ruhe alle Last der Welt auf seinen Schultern, das berühmte und oft so befreiende Lächeln eingefroren, sein charakteristischer, sonst stets sprühender Optimismus wie weggeblasen: Deprimiert empfängt der 14. Dalai Lama in diesen Tagen die Weltpresse in seinem indischen Exil. Ein Friedensnobelpreisträger, dem offensichtlich alle Friedenspartner abhandengekommen sind, ein Gottkönig ohne Land, ein Sisyphus vom höchsten Gebirge der Welt, dem wieder, wie schon sein ganzes tragisches Leben lang, Felsbrocken entgegenrollen.

Die blutigen Ausschreitungen in seiner Heimat haben ihn ratlos gemacht. Er fordert eine unabhängige internationale Untersuchung der Vorfälle, obwohl er weiß, dass Peking dem nie zustimmen wird. Er verlangt von den chinesischen Machthabern dringend Zurückhaltung und die Einhaltung der Menschenrechte; aber der Dalai Lama predigt Gewaltlosigkeit auch seinen eigenen Landsleuten. »Mir fehlen die Mittel, den Konflikt zu entschärfen«, sagt der berühmteste Asylant der Welt, den so viele Menschen in Ost und West verehren, in Deutschland sogar mehr als den Papst.

»Wir bräuchten dazu ein Wunder«, sagt Tenzin Gyatso, 72, dessen Titel »Ozean der Weisheit« bedeutet: »Aber Wunder sind nicht realistisch.« Selbst einen Amtsverzicht als politisches Oberhaupt der Tibeter, einen Rückzug ins Privatleben, möchte der 14. Dalai Lama nicht mehr ausschließen. Und immer wieder sagt er: »Ich verstehe die Chinesen nicht, ich verstehe sie wirklich nicht. An einer solchen Eskalation kann ihnen doch nicht gelegen sein.«

Einen »Scheinheiligen« hat ihn Pekings Premier Wen Jiabao genannt, ihn persönlich für die Gewalt auf Lhasas Straßen verantwortlich gemacht; »Spalter der Nation«, »Wolf in Mönchskutte« - das sind nur einige der Beschimpfungen, mit denen führende chinesische Kommunisten den Dalai Lama überhäufen.

Tibet, seine Heimat, das mythische Shangri-la, steht wieder einmal im Mittelpunkt des internationalen Interesses; aber nicht auf eine Weise, wie der Apostel der Gewaltlosigkeit sich das wünscht. In Tibet hat die Besatzungsmacht China den »Volkskrieg« ausgerufen und die Region nach den gewalttätigen Ausschreitungen weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten. Von einem »Kampf auf Leben und Tod« sprach der tibetische Parteichef Zhang Qingli. 16 Tote zählte nach längerem Verschweigen der Vorfälle Pekings KP auf den Straßen der tibetischen Hauptstadt Lhasa ("Geheiligte Erde"); von fast hundert Toten wollen die Exil-Tibeter wissen.

Panzer rollen seit dem vergangenen Wochenende durch die Straßen, Militärs patrouillieren an allen zentralen Punkten und riegeln den Jokhang-Tempel in der Stadtmitte sowie die Klöster Sera, Drepung und Ganden in der Umgebung ab.

Verzweifelte Tibeter, die irgendwo noch ein funktionierendes Telefon oder einen Internet-Zugang auftreiben, berichten von Haus-zu-Haus-Durchsuchungen, von Verhaftungen, Schlägen und Folter: Die Machthaber stellten ein Ultimatum, und das lief am Montagabend ab. Wer als Demonstrant erkannt wurde, sich nicht zuvor gestellt und Mitaufständische denunziert hatte, um eine angeblich »milde Strafe« zu akzeptieren, den traf »die volle Härte des Gesetzes«, wie es die KP nennt.

Dutzende der mehr als tausend Festgenommenen seien auf offenen Lastwagen demonstrativ durch Lhasa gefahren worden, berichteten Augenzeugen - mit hängendem Kopf, die Hände auf dem Rücken mit Handschellen gefesselt. Über hundert Frauen und Männer aber hätten sich freiwillig gestellt, vermeldete der tibetische Vize-Gouverneur und behauptete: »Manche waren direkt an Plünderungen und Brandstiftungen beteiligt.« Sein Chef Qiangba Puncog zog dazu buchhalterisch Bilanz der »schweren Verbrechen der Dalai-Lama-Clique": 214 Geschäfte seien bei den Unruhen der letzten Tage in Flammen aufgegangen, 56 Autos beschädigt und 61 Polizisten verletzt worden.

Trotzdem erlosch der Widerstand nicht: Während es am Rande Lhasas selbst Dienstag noch zu weiteren Zusammenstößen mit den Sicherheitskräften kam, legten Einwohner Toilettenpapier auf die Straßen - als Aufforderung an die Chinesen, endlich aus Tibet abzuziehen.

Das Staatsfernsehen jedoch lieferte zur Wochenmitte Bilder, mit denen die KP-Führung belegen wollte, dass in Lhasa wieder Normalität eingezogen sei: Chinesische Händler räumten Schutt aus ihren zerstörten Läden, andere deckten ausgebrannte Fensterhöhlen mit Plastikplanen ab. Eine Reporterin berichtete vor einer ausgebrannten Mittelschule; die Botschaft: Die Aufständischen hätten selbst vor Bildungseinrichtungen nicht Halt gemacht. Und unter den Chinesen in Lhasa liefen noch immer hartnäckig wohl von den KP-Autoritäten gestreute Gerüchte um, das Leitungswasser sei verseucht: Der Dalai Lama habe es vergiften lassen, warnte ein Verkäufer norwegische Touristen, die letzten, die mit Flug CA 4111 die Stadt Richtung Peking verließen.

Doch wenn sich auch über Lhasa spätestens Mitte der Woche eine Art Friedhofsruhe legte, weil sich kaum jemand aus dem Haus traute und den übermächtigen Sicherheitskräften selbstmörderisch entgegenstellen mochte, breitete sich der Aufruhr gleichwohl wie ein Flächenbrand in anderen Teilen der Volksrepublik aus.

In den Provinzen Sichuan, Gansu, Yunnan und Qinghai, wo eine größere Anzahl Tibeter leben als in der von Peking mit willkürlichen Grenzen versehenen sogenannten Autonomen Region Tibet, gingen die Menschen auf die Straße. Nach Angaben der Exil-Tibeter kamen bei den Protesten bis zum Mittwoch 39 Menschen um. Es waren Mönche und Gläubige, die den Dalai Lama hochleben ließen, dem Verbot trotzten, sein Bild zu zeigen, ihrem verehrten Gottkönig ewigen Gehorsam schworen; aber in mehreren Städten schlossen sich auch Studenten den Demonstranten an.

In Lanzhou, der Hauptstadt von Gansu, wurden die Straßen Richtung Tibet gesperrt, auch Xiahe wurde von der Außenwelt abgeriegelt. Dort liegt das buddhistische Kloster Labrang, von dem aus 400 Mönche auf die Straße gingen - gemeinsam mit mehreren tausend Sympathisanten hätten sie die Flagge Tibets geschwenkt und Lobgesänge auf den Dalai Lama angestimmt, berichteten Augenzeugen.

In Aba, in der Provinz Sichuan, setzten Demonstranten einen Markt mit Benzinbomben in Brand. Mehrere von ihnen sollen von der Polizei erschossen worden sein. »Ich habe mich mit meiner Familie in den letzten vier Tagen zu Hause versteckt«, berichtete ein tibetischer Polizist, der für die Tempelanlagen in Aba zuständig ist, dem SPIEGEL am Telefon. Seine Polizeiwache sei bei den Protesten abgebrannt; die Ordnungshüter hätten sich zunächst in die Obhut der Armee geflüchtet, erst spät nachts habe er zu seiner Familie zurückkehren können.

In der Provinz Gansu stürmten - wie die Bilder zweier kanadischer Fernsehreporter beweisen - berittene Demonstranten die Berge hinunter und versammelten sich vor dem Kloster Bora nahe der Stadt

Hezuo. Gemeinsam mit Mönchen und Demonstranten auf Mopeds umzingelten die Tibeter ein Regierungsgebäude, holten die chinesische Flagge vom Mast und hissten die tibetische, bevor sich Polizei und Armee nach stundenlangem Straßenkampf das Terrain zurückeroberten.

Ein paar Blöcke weiter brachen die Bora-Mönche sogar in chinesische Geschäfte ein und verwüsteten sie. Bewusst schonten sie dabei allerdings die Ladenbesitzer und beendeten ihre Angriffe erst, als ein Lama sie darum bat - und all das, während die KP-Oberen übers Staatsfernsehen verkündeten, sie hätten die Situation »überall völlig unter Kontrolle«.

Die Touristenregion ist wie ausgestorben, in den Hotels haben statt der üblichen Rucksacktouristen jetzt Sicherheitskräfte Quartier gemacht. Wollen die Bewohner Abas das sogenannte Autonomiegebiet für die tibetische Minderheit Richtung Chengdu verlassen, werden sie an Straßensperren kontrolliert: Chinesische Soldaten mit Maschinengewehren filzen Autos mit Metallsuchgeräten und schauen in die Kofferräume. Aus der Gegenrichtung rollen gleichzeitig Militärlaster mit Nachschub an jungen Soldaten an.

Selbst in Peking wagten es etwa 50 Jung-Akademiker von der Zentralen Universität für Nationalitäten, sich gegen die Autoritäten aufzulehnen - sie veranstalteten einen Sitzstreik und riskierten so ihre Freiheit, mindestens aber ihre Karriere. Die Protestierer seien von ihren Professoren überredet worden, in ihre Wohnheime zurückzukehren, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua.

Doch von den meisten Protesten erfuhr Chinas Öffentlichkeit so gut wie nichts - als könnte ein Nachrichten-Blackout, ein Abschalten von CNN und BBC, eine Verbannung internationaler Berichte und die Ausweisung Hongkonger Journalisten das Vorgefallene ungeschehen machen.

Aber die Nachrichten und Bilder gingen um die Welt. Dafür sorgen vor allem die PR-bewussten und auf moderne Massenmedien setzenden tibetischen Jung-Politiker im Exil; über ihr weltweites Netzwerk verbreiten sich ihre Botschaften und erzeugen so einen globalen Aufschrei gegen Peking.

Von Athen bis Amsterdam, von Washington bis Wellington, von Den Haag bis Tokio gingen Demonstranten auf die Straße und solidarisierten sich mit der unterdrückten Minderheit; auch in Berlin zogen Hunderte vor die Botschaft der Volksrepublik China. Besonders intensiv waren die Proteste in den angrenzenden Staaten Nepal und Indien, wo mehr als 80 000 Exil-Tibeter leben.

Auch in Taiwan, wo am Sonntag gewählt wird, stehen die Ereignisse vom Dach der Welt plötzlich im Zentrum des Interesses. Peking, das den Inselstaat als abtrünnige Provinz sieht, konnte sich große Hoffnungen machen, dass die der Festland-KP am nächsten stehende Kuomintang-Partei siegt und damit die »Wiedervereinigung« näher rückt. Jetzt aber sieht sich Präsidentschaftsfavorit Ma Ying-jeou in der Defensive - und hat die »Repression in Tibet« scharf verurteilt. Selbst einen Olympia-Boykott will er erwägen - wie manch europäischer Politiker auch (siehe Seite 120).

All das eine PR-Katastrophe, ein GAU, wie er für Chinas Machthaber nicht schlimmer sein könnte. Plötzlich ist das hässliche Gesicht des chinesischen Kommunismus wieder allgegenwärtig:

Bilder von 1989 werden heraufbeschworen, als die Panzer der Partei auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking friedliche Demonstranten niederwalzten und bis zu 3000 Menschen ums Leben kamen; Bilder von den schweren Unruhen in Lhasa 1959, als dort und im ganzen Land über 80 000 Tibeter bei einem gescheiterten Volksaufstand starben und der Dalai Lama

ins Exil gezwungen wurde. Und das gerade jetzt, da sich Peking im Glanz der Olympischen Spiele zeigen will. Für Chinas Führung ist das bedeutendste Fest des Sports mehr als nur eine prestigeträchtige Großveranstaltung: Mit Olympia verbindet China seine Rückkehr als Großmacht auf die Weltbühne.

Seit sieben Jahren schon läuft die Uhr auf diese Zeitenwende hin, werden die 1,3 Milliarden Bürger des größten Volkes der Erde darauf eingestimmt. Wir sind die Supermacht neben den USA, heißt die Botschaft - und schon heute der Staat mit den größten Devisenreserven, 2008 dann wohl Exportnation Nummer eins. Der Westen schaut wieder zu uns auf, sollen die imposanten neuen Türme und Sportanlagen von Peking den Chinesen suggerieren.

Bei den Olympischen Spielen, beteuerte Premier Wen vergangenen Dienstag auf seiner jährlichen Pressekonferenz zum Abschluss der Pekinger Sitzung des Volkskongresses - schon ganz der joviale Gastgeber -, solle »das Lächeln von 1,3 Milliarden Chinesen« vom Lächeln aller Völker der Welt erwidert werden. Sein Auftritt zeigte aber auch, dass Peking die weltweite Empörung über seine Unterdrückungspolitik in Tibet diesmal nicht so forsch ignorieren konnte wie früher. Live im Fernsehen, gab sich der Premier geradezu bemüht, westlichen Reportern Fragen nach Tibet zu beantworten.

Doch dann betete Wen die altbekannten Phrasen herunter, wonach die Behauptungen des Dalai Lama, er strebe nicht nach Unabhängigkeit Tibets, sondern nach einem friedlichen Dialog, nichts weiter seien als Lügen. Andererseits sah er sich gezwungen, auf die Bitte eines französischen Reporters einzugehen, die ausländische Presse nach Tibet reisen zu lassen - man werde die Möglichkeit »prüfen«, versprach er auf Nachfragen.

Warum aber gefährdet China seinen Ruf in der Welt so vorsätzlich und dramatisch? Was hat es mit Tibet und dem Dalai Lama auf sich, dass die KP-Führung bei den jetzigen Demonstrationen so extrem reagierte, und welchen Anteil an der Eskalation tragen möglicherweise die jungen, radikalen Tibeter, die den friedlichen »Mittelweg« des Dalai Lama nicht mehr mittragen wollen, sondern die Konfrontation mit den Besatzern suchen?

Und wichtiger noch: Was genau ist in Lhasa passiert? Was geschieht da jetzt, während der Weltöffentlichkeit die Augen zugebunden sind?

Peking sieht die Unruhen in Tibet als Angriff auf die territoriale Integrität und Souveränität des Landes - und weiß eine große Mehrheit der Chinesen hinter sich: Sie gehören zu 92 Prozent zur ethnischen Gruppe der Han; aus ihrer Sicht vertritt Peking gegenüber Tibet ureigene Interessen des Reiches der Mitte.

Und bestünde die Volksrepublik nur aus Chinesen, und nicht auch aus unzufriedenen Minderheiten, hätte die Regierung sich auch die Mühe sparen können, im Internet Berichte über die Unruhen in Tibet zu blockieren. Allein auf dem beliebten Internet-Portal sina.com fanden sich zeitweilig rund 470 Web-Seiten mit Zehntausenden Kommentaren wütender Chinesen: »Nicht nachlassen im Kampf gegen Terroristen«, hieß es da an die Adresse der Regierung, oder: »Schützt das Vaterland, bekämpft die Separatisten.«

Der Volkszorn lässt sich nicht nur als Folge der nationalistischen Indoktrination abtun, mit deren Hilfe Chinas Kommunisten ihre Macht auch in Zeiten des real existierenden Kapitalismus bewahren wollen. Der Kampf gegen aufmüpfige Minderheiten an den - besonders mit Bodenschätzen gesegneten und strategisch wichtigen - Rändern des Riesenreichs berührt zugleich ein tiefes Trauma: die alte Angst der Chinesen vor dem Zerfall der Nation, vor »Iuan«, dem Chaos.

Und daher könnte es sich keine chinesische Regierung leisten, westlichem Druck nach Zugeständnissen gegenüber Tibet nachzukommen. Olympia hin, Olympia her. Insofern steckt die chinesische Regierung in der Klemme: Eigentlich wollte sie die Spiele nutzen, um wachsende innere Gegensätze aller Art - soziale Spannungen, ethnische Aufstände - zu übertünchen. Doch nun sorgt ausgerechnet Olympia dafür, dass sich die bestehenden Risse weiter vertiefen.

Dabei zeigte sich Peking in der Zeit seit der Vergabe der Spiele empfänglich für Kritik, allerdings nur, was seine Außenpolitik angeht. Die ätzenden Vorwürfe von Hollywood-Stars wie Mia Farrow wegen Pekings Nähe zu den Machthabern im Sudan und deren Völkermord in Darfur ("Wollen wir ein Genozid-Olympia?") haben die KP-Herrscher dazu gebracht, einer Uno-Truppe zuzustimmen und sich womöglich an ihr sogar zu beteiligen.

Alle Hoffnungen auf eine Verbesserung der Menschenrechte im Land selbst aber haben sich zerschlagen. Trotz der Proteste von Organisationen wie Human Rights Watch wird Dissidenten wie Yang Chulin ("Wir brauchen kein Olympia, wir brauchen bürgerliche Freiheiten") und dem Aids-Aktivisten Hu Jia wegen »Subversion« der Prozess gemacht. Zwar darf der chinesische Uno-Botschafter Li Baodong noch Selbstkritik üben ("Es ist noch ein langer Weg für uns, Menschenrechte zu fördern und zu verteidigen"), aber die Regierung in Peking sieht sich in dieser Beziehung schon jetzt als Vorbild. Außenminister Yang Jiechi: »Die Chinesen genießen voll und ganz alle Rechte und völlige Religionsfreiheit.«

Der Hass der KP schlägt dem Dalai Lama entgegen, weil er bei seinen Treffen mit Politikern in aller Welt sanft, aber bestimmt das Gegenteil behauptet. Einen »kulturellen Genozid« wirft er den Machthabern vor, eine gezielte Überfremdung seiner Heimat durch Han-Chinesen, denen jede tibetische Tradition zum Opfer falle. Peking reagiert auf die Angriffe unter anderem deshalb so empfindlich, weil sie schwer zu leugnen sind.

Lhasa ist heute eine überwiegend chinesische Stadt - durch den mit Steuergeschenken geförderten Han-Zuzug sind die Tibeter eine Minderheit in ihrer eigenen Hauptstadt: nur noch etwa ein Drittel von 400 000 Einwohnern. Bars und Bordelle haben den Charakter des heiligen Ortes dramatisch verändert, Militärs patrouillieren überall; das höchste Gebäude der Stadt, gesäumt von quietschbunten Plastikpalmen, ist das Hauptquartier der Geheimpolizei. Die erfolgreichsten Geschäftsleute sind allesamt Chinesen, die aus ihrer Verachtung für die »rückständigen Einheimischen« kaum ein Hehl machen.

Von der Steigerung des Lebensstandards profitieren Tibeter am wenigsten, obwohl es ihnen materiell zweifelsohne heute so gut geht wie noch nie. Doch sie sind spirituell ausgehungert und hängen mehrheitlich immer noch - vielleicht sogar verstärkt - an ihrer geistigen und politischen Vaterfigur. Der 14. Dalai Lama war, das wissen sie, von frühester Jugend an ein demokratisch orientierter Reformer; die meisten haben auch zumindest so viel Kontakt zur Exilregierung in Dharamsala, dass sie um das dortige, freigewählte Parlament wissen.

Einen vergleichbaren Respekt haben sich die chinesische KP und ihre »Volksbefreiungsarmee«, die 1950 das bis dahin de facto unabhängige Tibet überfiel, bis heute nicht erworben.

Die Tibeter genießen keine wirkliche Religionsfreiheit. Zwar dürfen sie ihre buddhistischen Zeremonien im privaten Rahmen durchführen, zwar sind einige Klöster restauriert und werden wieder von Mönchen bewohnt, aber das geistige Band zu ihrem Gottkönig wird von der Partei zerschnitten. Wer auch nur ein Dalai-Lama-Bild besitzt, wird verhaftet, oft gefoltert.

Der Potala-Palast, der klassische Sitz des Dalai Lama, soll nur als Touristenattraktion erhalten werden: Tibet - reduziert auf ein spirituelles Disneyland. Und so entlud sich in der vorvergangenen Woche, als unbewaffnete Mönche bei einer friedlichen Demonstration eingeschüchtert und dann verhaftet wurden, der lange aufgestaute Zorn der Tibeter - und mündete wohl auch in unkontrollierte Gewalt gegen chinesische Polizisten und Geschäftsinhaber, auf die Pekings Statthalter mit verschärfter Repression reagierten. Mehrere Mönche versuchten daraufhin, Selbstmord zu verüben. Eine Spirale ohne Ende, allenfalls mit Erschöpfungspausen.

Der Dalai Lama bekämpft jede Form von Gewalt - und reagierte deshalb äußerst empört, ja verbittert auf den Vorwurf des chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao, er »und seine Clique« hätten die blutigen Unruhen in Lhasa angezettelt. Wen sprach sogar davon, ihm lägen »zahlreiche Beweise« dafür vor. »He, Premier, komm her und zeig sie mir und der Welt«, rief der Friedensnobelpreisträger bei einer Pressekonferenz am Dienstag aus. Tatsächlich ist der berühmteste Asylant der Welt den chinesischen Machthabern immer entgegengekommen: zuerst Mao, von dessen ideologischer Überzeugungskraft er lange geblendet war; später Deng Xiaoping und allen Nachfolgern an der KP-Spitze.

Längst hat der 14. Dalai Lama den Kampf um einen eigenständigen, unabhängigen Staat aufgegeben und fordert für sein Tibet »nur« noch eine wahrhaftige kulturelle Autonomie. In mehreren Gesprächsrunden, die letzte 2006, ließ er seine Unterhändler mit Pekings Verhandlungsführern Kompromisse ausloten - ohne jeden Erfolg.

Er hoffte auf die aktuelle Harmonisierungskampagne der KP und ihren graduell verständnisvolleren Umgang mit allen Religionen. »Ich bin der letzte tibetische Führer, mit dem es einen friedlichen Übergang geben könnte. Und wenn es an meiner Person liegen sollte, so bin ich bereit, mich aus der Politik zurückzuziehen und als einfacher Mönch weiterzumachen«, sagte der Gottkönig schon im vergangenen Jahr.

Ob es einen Nachfolger für ihn geben sollte, ob nicht auch eine Frau Dalai Lama werden könnte, ob es statt der Suche nach einer neuen Wiedergeburt eine Art Konklave mit einer Wahl unter Äbten sein dürfte - alles ließ er offen. »Vielleicht wird es ja auch zwei Dalai Lama nach mir geben«, sagte er. »Einen von Pekings Gnaden und einen von den Tibetern nach spiritueller Tradition Erkannten.«

Dass die KP als atheistische Kraft sich anmaßt, auch für Wiedergeburten zuständig zu sein, hat sie bereits bewiesen, als sie 1995 den zweithöchsten tibetischen Würdenträger, den Panchen Lama, selbst ernannte und den vom Dalai Lama bestimmten Jungen mitsamt seinen Eltern entführte. Bis heute ist der Aufenthaltsort der Verschleppten unbekannt. Der Peking-Panchen verurteilte pflichtgemäß die »Verbrechen der Dalai-Clique«.

Zu viel, viel zu viel hätte der 14. Dalai Lama hingenommen, sagen die jungen Wilden von Dharamsala. Sich den gewaltfreien Mahatma Gandhi zum Vorbild zu nehmen, wie der Dalai Lama es tat, sei ja gut und schön - aber dann müsse man auch vergleichbare Erfolge aufweisen.

»Gandhi brachte Indien die Unabhängigkeit, und wo stehen wir heute?«, fragte 2007 provozierend Kelsang Phunsok, der Präsident des Tibetischen Jugendkongresses in Dharamsala. »Der Begriff Gewalt ist für mich nicht tabu. Zurzeit kommen wir mit der Haltung unseres verehrten Führers nirgendwohin - wir sind wie die Pandabären der internationalen Politik: Jeder hätschelt uns, keiner tut ernsthaft was für uns. Wir müssen unser Schicksal in die eigenen Hände nehmen.«

Als sich vor einigen Jahren ein Mitglied des Jugendkongresses bei einer Protestaktion zu Tode hungerte, prangerte der Dalai Lama das an; die Jung-Tibeter aber feierten ihren Mann als »Märtyrer«. Nicht ganz auszuschließen, dass nun einige von ihnen daran denken, aus dem pazifistischen Kampf einen à la Palästina zu machen. Für den Verdacht einer gezielten militärischen Provokation vergangene Woche in Lhasa fehlt jedoch jeder konkrete Anhaltspunkt.

Beim Kampf um Olympia haben die Jung-Tibeter bisher eher auf phantasievolle, denn auf gewalttätige Aktionen gesetzt. Sie ließen »Free Tibet«-Plakate auf der Großen Mauer ausrollen, kämpften mit allen legalen Mitteln und sogar einer Teilnehmerliste beim IOC um eine eigene tibetische »Nationalmannschaft«. Sie starteten Sternmärsche zur chinesischen Grenze und publicityträchtige Demonstrationen vor Botschaften.

Nachdem die Jugendlichen zunächst die Spiele in Peking boykottiert sehen wollten, haben sie sich inzwischen der Dalai-Lama-Meinung angeschlossen, man müsse sie nutzen, um auf die Sache des unterdrückten Volkes aufmerksam zu machen.

Anders als der 14. Dalai Lama allerdings will der Tibetische Jugendkongress weiter für die volle Unabhängigkeit kämpfen. Für die Jungen ist der Gottkönig nicht mehr von dieser Welt, wenn er sagt: »Im Buddhismus geht es stets darum, wie man mit seinen negativen Kräften und Emotionen umgeht. Ich bete auch für die Chinesen - sie, gerade sie, brauchen unser Mitgefühl.«

Die jungen Wilden registrieren chinesische Provokationen seismografisch genau - etwa, wenn Tibets KP-Chef Zhang sagt, die Partei sei »Vater und Mutter des tibetischen Volkes« und wisse genau, »was für die Kinder gut ist - das ZK ist der wahre Buddha der Tibeter«. Auch der Dalai Lama hat »großes Verständnis für die Ungeduld der jungen Leute«, wenn er so etwas hört und zugeben muss, dass sein »Mittelweg« bisher kaum Erfolge gehabt hat.

Doch er sieht keine Alternativen zu seinem Kurs, da mögen ihn Pekings Politiker noch so provozieren und dämonisieren: »Wir müssen als Nachbarn Seite an Seite miteinander leben.« ERICH FOLLATH,

WIELAND WAGNER

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