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»Hast du schon gebetet?«

Als Großmacht hatte sich Saudi-Arabien bis jetzt gefühlt -- mit Öl und Geld lenkte der altvaterisch regierte, innerlich zerfallende Staat Konjunkturen und Kabinette. Nun wanken die Säulen saudischer Macht: Schon flogen, von der Welt unbemerkt, Ölquellen in die Luft. Mit Geld können sich die Prinzen Sicherheit sowenig erkaufen wie der Schah. Ein Wegbrechen der West-Bastion Saudi-Arabien hätte katastrophale Folgen für die Industrieländer.
aus DER SPIEGEL 34/1979

Grellrot schoß die Stichflamme wie ein Riesenpfeil gen Himmel. Sekunden später erschütterte eine gewaltige Detonation die Ortschaft Abkeik südlich der saudiarabischen Hafenstadt Dhahran am Persischen Golf.

Die Hauptleitung, die von den Ölfeldern bei Abkeik zu den Piers am Golf führt, war zerstört. Weithin sichtbar wogte ein Flammen-Inferno um das Leck.

Das war kein gewöhnlicher »Blow-out«, wie die Fachleute jene Explosionsunfälle nennen, die sich trotz aller Vorsichtsmaßnahmen auf allen Ölfeldern der Welt ereignen. Das war Sabotage, und zwar nicht der erste Fall in Saudi-Arabien, der erste Fall noch nicht einmal in Abkeik. Dort war schon vor über einem Jahr ein Bohrloch gesprengt worden.

Und im Februar explodierte die Pipeline bei Ras Tannura. Der Ölstrom für die Tanker an den Löschköpfen versiegte. Kurz danach berichteten Ingenieure der Aramco von einem Anschlag bei Hufuf, einer Oase im Ölgebiet zwischen der Saudi-Hauptstadt Riad und dem Golf.

Die Welt erfuhr von den Anschlägen nichts, für die Saudi-Prinzen in ihren klimatisierten Palästen in Dschidda und Riad aber waren es Urerlebnisse: die Ölquellen, Lebensnerven ihrer Macht, in Gefahr durch einen Gegner, der nicht zu packen ist.

Da hatten die Herrscher aus der Wüste jahrelang über die Welt bestimmt, ganz nach eigenem Gusto und scheinbar unangreifbar. Ein Kopfnicken ließ ganze Wirtschaftszweige aufblühen, ein Stirnrunzeln unter weißem Kopftuch bedeutete das »Aus« für Konjunkturen und Industrien.

Wer mochte aufbegehren gegen ein Land, das mehr Öl exportiert als jedes andere, wer wollte die Wüstenherrscher zum Feind haben, deren einzige Sorge ist, wie sie Geld ausgeben, nicht, wie sie Geld herbeischaffen können?

Geld besitzt Saudi-Arabien -- ein Land von einem Drittel der Fläche der USA, bevölkert aber nur von drei bis vier Millionen Menschen -- soviel wie eine Großmacht. Allein die Währungsreserven betragen rund 20 Milliarden Dollar.

Mit Geld regelten die Saudis bisher alles. Sie streuten ihre Zuwendungen nach allen Seiten, hielten sich mit der Politik des offenen Geldbeutels Palästinenser und Südjemeniten auf Abstand und sollen, so meinen Gutunterrichtete, sogar Fidel Castro viel Geld geboten haben für den Fall, daß sich der Kubaner von den Sowjets abkehre. Geld, so das saudische Kredo, bedeutete Sicherheit, Einfluß, Macht und Reichtum.

Und jetzt das -- Anschläge auf das Öl, und keine Möglichkeit, sich herauszukaufen. In den Wüstenpalästen ging die Angst um. Wen hatte man zu schmieren vergessen?

Als Täter bekannten sich die Männer der »Befreiungsfront der Arabischen Halbinsel«, eine Gruppe militanter saudischer Monarchie-Feinde. Genußvoll berichtete Radio Bagdad über die Anschläge, denn der Irak unterstützt die Partisanen der Befreiungsfront. Die können sich in den felsigen Wüsten des fast menschenleeren Landes beinahe nach Belieben bewegen.

Die Saudis mühten sich nach Kräften, den Anschein von Unbefangenheit. zu wahren, die Anschläge wenigstens totzuschweigen -- in Wahrheit aber waren sie zutiefst geschockt. So hat der überraschende Schwenk der bislang US-freundlichen Saudis ins Lager der radikalen Araber, die den ägyptisch-israelischen Separatfrieden ablehnen, handfeste Hintergründe: Nicht nur die Ölquellen, die allein dem Land Reichtum und politisches Gewicht sichern, sind in Gefahr, bedroht ist direkt auch das Leben der saudischen Machthaber.

Damit kündigt sich eine Entwicklung an, die für den Westen katastrophale Folgen haben könnte. Den Zusammenbruch der West-Bastion Persien mit seinem Schah und seinem Öl konnte er wirtschaftlich wie sicherheitspolitisch noch einigermaßen verkraften, vor allem zunächst, weil die Saudis die Ölproduktion erhöhten und Ägyptens Sadat konsequent auf US-Kurs blieb.

Ein Wegbrechen Saudi-Arabiens aber nach Persien-Muster würde die gesamte Situation schlagartig zuungunsten des Westens ändern und eine amerikanische Intervention in Nahost fast unvermeidlich machen.

Gewiß, die Unterschiede zwischen dem Persien des Schah und König Chalids Saudi-Arabien liegen auf der Hand: In Persien zog sich eine vorwiegend auf Geheimpolizei und Armee gebaute Autokratie den Haß der Volksmassen zu, die am Öl-Reichtum nicht teilhatten und unter dem technokratischen Modernismus des Herrschers litten, so daß schließlich ein religiöser Fanatiker leichtes Spiel hatte.

Im fast menschenleeren Saudi-Arabien gibt es solche städtischen Massen nicht, besteht keine Kluft zwischen der religiösen und der politischen Führung des Landes, bekommen die Einwohner von den Segnungen des Öl-Reichtums durchaus ihren Anteil ab.

Und doch steht dieses Saudi-Arabien, an dem das Schicksal des Westens hängt, auf tönernen Füßen, ist seine Führungsschicht tief verunsichert, scheint die politische Zukunft des Landes ungewiß. Die Führungsmacht des Islam hat, hierin Persien doch vergleichbar, im Ölrausch die eigene Basis erschüttert, auf der Selbsteinschätzung und Moral der Saudis einst ruhten.

Einen Vorgeschmack auf das, was in Saudi-Arabien geschehen könnte, hat die Königsfamilie schon erhalten. Offen drohte der heutige irakische Präsident Saddam Hussein im Namen der arabischen Friedensgegner: »Wir werden den Kampf in die Schlafzimmer der Prinzen tragen.«

Daß dies wörtlich zu nehmen ist, erfuhren die Prinzen spätestens auf der Tagung der Arabischen Liga in der somalischen Hauptstadt Mogadischu unmittelbar vor der ägyptisch-israelischen Einigung.

Die Somalis hatten ihre arabischen Gäste in getrennten Bungalows eines Hotelareals untergebracht. »Nur mit größter Mühe«, berichtete ein hoher somalischer Staatsbeamter, »gelang es uns, die palästinensische Delegation von Aktionen gegen die Saudis abzuhalten. Wir mußten den Palästinensern mit Gewalt ihre Waffen abnehmen.«

Im sogenannten Friedenspalast von Bagdad, wo sich die Liga nach dem israelisch-ägyptischen Friedensschluß traf, war das Klima für Pressionen gegen die anfangs immer noch einer gemäßigten Haltung zuneigenden Saudis weit günstiger. »Wir haben die Mittel, alle zu bestrafen, die mit dem Verräter-Regime Sadats zusammenarbeiten«, hatte der irakische Außenminister Saadun Hammadi gedroht.

Als sich Saudi-Außenminister Saud Al Feisal trotzdem noch gegen die Sanktionen wandte, die Syrien, der Irak, Libyen, Algerien, Südjemen und die PLO über Ägypten zu verhängen wünschten, setzten die Separatfriedens-Gegner die Hebel an.

Die PLO hatte bereits bekanntgegeben, ein palästinensisches Sonderkommando werde den geflüchteten Schah von Persien tot oder lebendig in den Iran bringen -- als sei es eine Selbstverständlichkeit, auf solche Art mit islamischen Herrschern zu verfahren.

Über Nacht marschierten südjemenitische Truppen 70 Kilometer tief in das Gebiet der Arabischen Republik Jemen (Nordjemen) ein und bedrohten den als saudiarabisches Einflußgebiet geltenden Pufferstaat.

Das hatten die Saudis zuallerletzt erwartet. Denn mit Millionen-Krediten und der Aufnahme diplomatischer Beziehungen hatten sie den kommunistischen Südjemen mehrere Jahre lang davon abhalten können, im Norden aktiv zu werden. Aden schickte sogar die Befreiungsfront von Dhofar in die Verbannung, die den Sultan Kabus von Oman, einen bewährten Saudi-Freund, stürzen wollte.

Es war gewiß kein Zufall, daß Moskaus »Prawda« zur Zeit des südjemenitischen Einmarsches in den Nordjemen meldete, der antisaudische Führer der Befreiungsfront von Oman, die seit Monaten völlig stillhielt, sei von Sowjet-Außenminister Gromyko empfangen worden.

Im Süden und Norden von Feinden umgeben, wurden sich die Saudis über Nacht ihrer Ohnmacht bewußt: Mit all ihren Milliarden hatten sie sich eine gesicherte Herrschaft ebensowenig erkaufen können wie der Schah des Iran. »Wir sind einer schönen Fata Morgana nachgejagt«, gestand ein Saudi-Sprecher bei der Arabischen Liga, »der Traum ist aus.«

Vorbei sind die Zeiten, in denen ein Machtwort aus der Wüstenmetropole Riad den Nahen Osten in Panik versetzte.

Das islamische Herzland mit den heiligen Städten Mekka und Medina finanzierte das kostspielige Libanon-Abenteuer des sozialistischen Syrien mit, unterstützte Moslem-Bewegungen rund um den Globus.

Schecks aus Saudi-Arabien bewirkten den Bruch zwischen Moskau und Somalia. Von Saudis bezahlte gemäßigte Palästinenser beschützten die von linken Palästinensern bedrohte ägyptische Botschaft in Beirut.

Die reichen Emire prüfen nicht mal, ob ihr Dollar-Segen auch immer die richtigen Zielgruppen erreichte. »Die Saudi-Araber schickten auch unseren marxistischen Rivalen monatliche Schecks«, klagte dem SPIEGEL gegenüber Osman Salih Sabbe, Chef der moslemischen Befreiungsfront von Eritrea.

Im Vollgefühl ihrer Macht verstiegen sich die Öl-Prinzen zu Aktionen, die in keinem Verhältnis zur tatsächlichen politischen Bedeutung und der strategischen Möglichkeiten ihres Landes standen. Zwei Jahre lang stationierten sie Truppen in Jordanien und beteiligten sich sogar an der »Arabischen Friedenstruppe« im bürgerkriegszerrissenen Libanon.

Da die Saudi-Soldaten sich aber drallen Libanesinnen und hochprozentigen Getränken in einem Ausmaß widmeten, das die sittenstrengen Tiraden aus der Heimat lächerlich erscheinen ließ, zog Riad seine Truppen aus Beirut im Februar wieder ab. Um die Moral der Saudi-Streiter aufrechtzuerhalten, wurden die Heimkehrer aus dem sündigen Beirut in den tiefsten Süden Saudi-Arabiens versetzt, wo sie wieder zu den Grundsätzen des Propheten zurückfinden können.

Auch auf die Loyalität des Offizierskorps ist kein Verlaß. Im Januar dieses Jahres rebellierte Mohammed Ahmed Suweili, Kommandant der Garnison von Charradsch; 37 Soldaten schlossen sich an. Suweili soll sich, vielen Saudis völlig unverständlich, dem Befehl widersetzt haben, streikende fremde Arbeiter niederzuschießen.

Wie in der Außenpolitik, so versuchen die Saudis auch im Innern, alle Probleme mit Geld zu lösen. Geld ist der geistige Mittelpunkt im Saudi-Lehen geworden, es liegt buchstäblich zu Bergen gehäuft bei den Geldwechslern in den Suks von Dschidda und Riad.

In gewaltigen Holzschubladen türmen sich zu wirren Haufen die guten Währungen der Welt: Deutsche Mark, Dollar, Schweizer Franken -- und natürlich saudische Rial. Lachend und wild gestikulierend drängen sich die Kunden heran, die Fäuste voller Tausender.

Verächtlich nimmt der Wechsler die Hunderter entgegen, die ihm westdeutsche Besucher zum Umtausch reichen. Flink zählt er die Geldscheine ab, dann fliegen sie auf den bräunlich-blauen Mark-Berg, bestehend aus Tausendern und Hunderten.

Ohne richtig hinzusehen, greift er dann ins Rial-Gebirge und blättert die Summe ab, der Rest fliegt zurück auf den Haufen. »Jallah Jallah« (schnell, schnell), wer ist der nächste?

Geld ist etwas, das die Saudis mit der Großspurigkeit Neureicher umherstreuen. Typische Szene in einem TV-Geschäft, in dem der saudische Kunde fragt: »Was kosten bei euch die Farbfernsehgeräte?« Der Verkäufer nennt die Preise: 1500 Rial, 2000, 3500.

»Habt ihr kein Gerät, das teurer ist?« will der Kunde wissen. Der Verkäufer verneint. »Gut, dann nehme ich das zu 3500 Rial.«

Auf den Bedarf solch kaufkräftiger Kunden sind denn auch die Basare von Riad und Dschidda zugeschnitten. Relativ selten finden sich in den Läden billige Plastikbehälter, Glitzer und Ramsch, die sonst im Nahen Osten das Bild der Verkaufsviertel bestimmen.

Die Akzente setzen Geschäfte, die überquellen mit den Erzeugnissen der modernen Unterhaltungs-Elektronik, protzige Auslagen sündhaft teurer Juwelierläden, in denen Prunkstücke wie brillantenbesetzte goldene Armbanduhren zu jenen Waren gehören, die von der Laufkundschaft schnell mal gekauft werden.

Geld scheint nirgends ein Problem zu sein, jedenfalls versucht der Staat, seinen Bürgern dieses Gefühl zu vermitteln. Wer zum Beispiel bauen will, dem gibt die Regierung ein Darlehen von rund 70 Prozent der Bausumme wie hoch die auch sein mag. Das Grundstück erhalten saudische Bauherren meist noch als Gratis-Draufgabe. Zinszahlung und Tilgung beginnen Rechtens erst nach zehn Jahren.

In der Praxis des Alltags verzichtet aber die Regierung schon nach Fertigstellung des Baus auf die Rückzahlung des Darlehens. Verständlich, daß unter solchen Voraussetzungen die Baulust der Saudis keine Grenzen kennt.

Das ganze Land wirkt wie eine einzige große Baustelle. Oft werden Gebäude mit den neuesten technischen Einrichtungen mitten in die Wüste gestellt, wo ein Netz von Asphaltstraßen den Rahmen angibt, in den die Städte in atemberaubendem Tempo hineinwachsen.

Rendite ist etwas, worauf die Saudis nicht achten müssen. So wurde zum Beispiel in Taif im Hedschasgebirge auf einem Felskegel ein Hotelpalast errichtet, der vor Glas und Marmor nur so blitzt. Alle Genüsse der französischen Küche sind zu haben, aber Gäste gibt's selten.

Ins parkettbelegt spiegelnde Restaurant kommen abends höchstens ein paar Scheichs aus dem benachbarten Ort zum Dinner bei Kerzenlicht. Die Ober in makelloser Livree sind bei weitem in der Überzahl. »Auf die Kosten kommt es doch nicht an«, meinte ein westlicher Landeskenner, »man kann sich das eben leisten, und man tut's.«

Mit Geld, so glauben die Prinzen in Riad, läßt sich alles erreichen, etwa Beduinen seßhaft zu machen. Die Wüstenbewohner ziehen noch immer wie zu Mohammeds Zeiten mit ihren Kamel- und Schafherden durchs Land und widerstehen den Verlockungen der Geldgesellschaft.

Doch alle Anstrengungen der Regierung, sie anzusiedeln, verfingen nicht. So erhält jeder Beduine, der das Umherziehen aufgibt, von der Regierung ein Geldgeschenk und einen funkelnagelneuen amerikanischen Straßenkreuzer. Viele Beduinen nahmen das Geschenk entgegen und blieben dann doch der gewohnten Lebensweise treu. So stehen heute oft mitten in der Wüste Buicks und Pontiacs mit Klimaanlage und elektrischem Fensterheber vor ärmlichen Beduinenzelten.

»Ein Kamel«, so der Beduine Said Ibn Abd el-Asis, »ist mir zehnmal lieber als dieser Wagen, und mein Zelt, Allah weiß es, ist hundertmal besser als ein Haus.«

In den Häusern, die ihnen die Regierung kostenlos zur Verfügung stellt, halten sie es ohnehin nicht aus. Wenn sich der Beduine schon entschließt, seßhaft zu werden, dann will er wenigstens im Freien schlafen. Die Hofmauer ist wichtiger als das Haus selbst, und sie wird in den Beduinen-Siedlungen auch gebaut, bevor noch das Haus selbst fertiggestellt ist.

Sosehr die Beduinen umworben werden, für einige andere Gruppen der Bevölkerung gelten die Segnungen der Geldgesellschaft nicht, zumal nicht für die Frauen und die ehemaligen Sklaven.

Frauen zählen immer noch zur beweglichen Habe der Männer, die in der Öffentlichkeit nicht anders als schwarz verschleiert gezeigt werden darf. Im Eisenbahnzug von Riad nach Dhahran am Persischen Golf suchen sich die Ehemänner einen möglichst abgelegenen Platz, drücken die Frau auf einen Ecksitz, bauen noch Gepäck als Sichtblende davor und setzen sich selbst ans äußere Ende der Sitzreihe.

Wenn dem saudisehen Reisenden die Luft rein erscheint, geht er auf einen Tee in den Speisewagen. Die Frau, verborgen so gut es geht, darf sich nicht von der Stelle rühren.

Schlimm ergeht es Frauen, die, von ihrem Mann verstoßen, bei der elterlichen Sippe keine Aufnahme finden. Sie haben nicht die geringste Chance, einen Job zu finden, selbst wenn sie eine Berufsausbildung vorweisen können.

Darin geht es den ehemaligen Sklaven des Wüsten-Königreiches kaum besser. Zwar erhielten sie, als die Sklaverei vor 17 Jahren offiziell abgeschafft wurde, die saudische Staatsbürgerschaft. Aber Bürger zweiter Klasse blieben sie doch, die Nubier, Nigerianer und Äthiopier. Nur wenigen gelang der soziale Aufstieg. Viele verzogen sich in Elendssiedlungen irgendwo entlang den Überlandstraßen, so auch einige hundert ehemalige Sklaven aus Nigeria, die sich 75 Kilometer östlich von Dschidda niederließen.

Dort lebten sie unangefochten bis zum Oktober vergangenen Jahres, als Soldaten im Sklavendorf erschienen und dessen Bewohner barsch aufforderten zu verschwinden, das Gelände werde für eine neue Straße gebraucht.

Normalerweise dankt ein Saudi Allah auf den Knien, wenn er ein Stück Land besitzt, über das die Regierung eine Straße legen will -- denn die Entschädigung ist großzügig, viele wurden selbst nach Saudi-Begriffen auf diese Weise reich. Bei den Ex-Sklaven aber erschienen den Behörden Geldausgaben unnötig. Doch die hochgewachsenen, stämmigen Nigerianer machten Schwierigkeiten. Mühelos prügelten sie die schmächtigen Beduinen-Soldaten krankenhausreif.

Die kamen wieder, per Hubschrauber. Aus der Luft schossen sie auf alles, was sich bewegte. Zum Schluß waren 30 Ex-Sklaven tot und 120 schwer verletzt. Die Überlebenden wurden gefangengenommen, die saudischen Pässe der Überfallenen vernichtet.

Dann konnte die saudische Zeitung »Okas« ihren Lesern melden, »ausländische Elemente« seien zur Räson gebracht worden, die sich »gegen die Feststellung ihrer Identität gewehrt haben«. Das entspricht der landläufigen Auffassung. Von Ausländern, die um des Geldes willen aus vielen Ländern zusammengeströmt sind, ist nach Saudi-Auffassung nichts zu erwarten als die Mentalität von Sklaven.

Diese Einschätzung kommt deutlich zum Ausdruck, wenn zum Beispiel saudische Firmen per Zeitungsanzeigen nach Fremdarbeitern fahnden, die vor Ende ihres Kontraktes das Land verlassen haben. Solche Anzeigen, täglich oft über mehrere Seiten, lesen sich wie Steckbriefe für entsprungene Sklaven. Etwa:

Der Mechanische Betrieb El-Madar, Reg.-Nr. 2203, gibt bekannt, daß er seinem Angestellten Asaad Abdu Sakr erlaubte, den Urlaub im Libanon zu verbringen. Dieser ist nun verstrichen, ohne daß Sakr sich an seiner Arbeitsstätte wieder eingefunden hat.

Die Firma warnt andere davor, ihn zu beschäftigen, und bittet jeden, der weiß, daß er ins Königreich zurückgekehrt ist, die Firma unter der Nr. 35854 anzurufen oder die nächste Polizeistation zu verständigen.

So wie Ausländer das Königreich nur verlassen können, wenn es ihre Arbeitgeber erlauben, dürfen sie auch nur einreisen, wenn sie in Saudi-Arabien ein Arbeitsverhältnis haben oder geschäftliche Tätigkeit nachweisen können. Touristen gibt es in Saudi-Arabien nicht.

Wie Lichtgestalten aus einer anderen Welt empfangen die in langwallende schneeweiße Dschallabias gehüllten Saudi-Beamten die verschwitzten Reisenden in der Kühle der Ankunftshalle des Flughafens von Dschidda. Jedem ist klar, daß er den Eintritt ins Land gleichsam als persönliche Gunst gewährt bekommt. »Ihr habt hier nichts verloren«, fährt einer der Paß-Kontrolleure eine Palästinenser-Familie an. »Ihre Papiere sind zwar in Ordnung«, erklärt er einem Kollegen, »aber es sind doch Palästinenser.«

Auch solche Erfahrungen passen zum äußeren Bild einer Diktatur, und dennoch unterscheidet sich das Königreich Saudi-Arabien von einem Regime wie dem des Schah im Iran: Die Ausschreitungen der persischen Beamten schienen jedem der Opfer von oben gesteuert, zum System der Unterdrückung und Einschüchterung zu gehören. An kompetenzüberschreitende Willkür der ausführenden Organe glaubten die Iraner erst in zweiter Linie.

Undenkbar im kaiserlichen Iran eine Episode, die sich jüngst in Dschidda ereignete: Das Bankenviertel der Hafenstadt, wo alle wichtigen Geldinstitute der Welt ihre Niederlassungen haben, wird von einem einzigen Polizisten bewacht, und der, Abdallah, war nirgends zu finden.

»Chef an Abdallah, Chef an Abdallah«, klang es beschwörend über den Polizeifunk? »wo bist du?« Abdallah blieb verschollen. Per Funk sandte der Chef Männer in Teestuben, wo Abdallah zu verkehren pflegt, an Orte, wo er schon mal im Schatten ruht. Doch erst nach Stunden meldete sich der Ordnungshüter wieder. Erleichterung beim Chef, nur eine milde Verwarnung an Abdallah.

In Saudi-Arabien mildert orientalischer Schlendrian die Härte der Regierung und selbst der Religion. Das System der Überwachung wirkt weniger perfekt als in ideologisierten Ein-Parteien-Staaten wie Libyen und Südjemen. Weder König noch Prinzen kümmern sich viel darum, was ihre Staatsdiener anstellen, solange es keine Skandale gibt. Schlechtes Funktionieren der Bürokratie dem Monarchen anzulasten fällt niemandem ein.

Viele Ausländer empfinden die Behandlung durch die Saudis dennoch als schmählich. »Kehrt zurück, wenn ihr auf eure Würde bedacht seid«, forderte Kairos linkes Wochenmagazin »Rose el-Jussif« die 750 000 Ägypter auf, die im petrodollarschweren Saudi-Arabien die Infrastruktur und den Verwaltungsapparat am Leben erhalten.

Die Wüsten-Millionäre sahen die Gefahr nicht als sonderlich groß an. Sollte es denkbar sein, daß die Ärzte, Lehrer und Bauarbeiter aus dem armen Nilland auf ihre im Vergleich zu ihrer ägyptischen Heimat fürstlichen Löhne verzichten würden?

Viele halten es trotz der Aussicht auf Wohlstand in der neuen Heimat nicht aus. Denn die Erdöl-Großmacht Saudi-Arabien ist selbst nach orientalischen Maßstäben im Inneren ein tiefer Sumpf von Korruption, Unfähigkeit und Rechtlosigkeit.

Auch die kleinste Dienstpflicht eines Beamten ist nur gegen Bakschisch zu erhalten. Ausschreibungen öffentlicher Aufträge gewinnt stets die Firma, die dem Behördenleiter das höchste Schmiergeld zahlt. Für Ausländer ist ein saudischer »Sponsor« unerläßlich, sein Name sogar in den Einreisepapieren anzugeben.

Das Verfahren hat für Ausländer den Vorteil, daß sie nur an einen Mann, den Sponsor, zu zahlen haben, der alle weiteren Wege ebnet. Wohl dem, der von einem der etwa 3000 Prinzen der weitverzweigten Königsfamilie oder sogar von einem der 31 noch lebenden Söhne des Reichsgründers Abd el-Asis III., »Ibn Saud«, betreut wird -- ihm öffnen sich alle Tore.

Doch vor alltäglichem Ungemach, hervorgerufen durch Schlamperei und Unfähigkeit, kann auch ein Sponsor, so hochgestellt er immer sein mag, nicht schützen. Wenn etwa ein Wasserrohr platzt, stehen tagelang ganze Straßenzüge unter Wasser, bevor die zuständige Behörde sich dazu bequemt, den Schaden überhaupt zur Kenntnis zu nehmen.

Unlängst versuchte das Hofamt einen amtlichen Kranwagen zu mobilisieren, um die durch einen Unfall gesperrte Straße nach Mekka für eine königliche Autokolonne wieder freizumachen. Vergebens. Alle Appelle über Polizeifunk halfen nicht, einen Kranwagen aufzutreiben. Schließlich erging die Funk-Order: »Sucht Kran bei ausländischen Firmen!«

Die Summe alltäglicher Unzulänglichkeiten dieser Art macht, so ein ägyptischer Architekt in Riad, »das Leben zu einem mühsamen Hindernisrennen«.

Einen Rechtsstaat westlicher Prägung darf man hier erst recht nicht erwarten. Jeder Polizist zum Beispiel kann jeden Bürger ohne weiteres verhaften und einsperren. Im Gefängnis, in einem großen Raum, muß der Häftling mit vielen anderen zusammen so lange aushalten, bis absolut niemand mehr in dem Verlies Platz hat.

Dann, das kann Wochen dauern, werden die Inhaftierten ebenso schnell und ohne Angabe von Gründen aus dem Gefängnis herausgetrieben, wie sie festgesetzt wurden.

Einen Richter sehen die meisten der Eingesperrten nie. Einen Rechtsbeistand gibt es nicht, wohl aber setzt es Prügel, wenn einer eines der täglichen Gebete versäumen würde.

Darauf halten die Saudis -- auf die Religion, den Islam. Käme es auf die Häufigkeit der religiösen Unterweisung, auf die Anzahl der Gebete an, müßten sie der Vollkommenheit schon recht nahe sem.

Daß viele ernsthaft danach streben, ist nicht zweifelhaft. Auf die Frage nach dem richtigen Weg musterte in Riad ein ehrwürdiger Scheich mit wallendem Bart den Fremden erstaunt und fragte zurück: »Hast du heute schon gebetet, mein Sohn?« Er wartete die Antwort nicht ab und dozierte: »Wenn du gebetet hast, dann bist du immer auf dem richtigen Weg.«

Der ist selbstverständlich den Moslems vorbehalten. Noch bevor der Fremde der heiligen Städte Mekka und Medina überhaupt ansichtig werden kann, muß er mit seinem Wagen umkehren. Mekka mit dem heiligen Stein, der Kaaba, und Medina mit dem Grab des Propheten und 800 000 ausländischen Pilgern jährlich sind die geistigen Zentren des Königreichs. In Mekka, dem Sitz zahlreicher panislamischer Institutionen, erscheinen drei wichtige Tageszeitungen, von hier strahlt der stärkste Sender des Königreichs seine frommen Programme aus.

Denn dem mächtigen Staat Saudi-Arabien fehlt eine Staatsidee, die Religion ist die alleinige geistige Substanz des Königreichs, die buchstabengetreue Erfüllung ihrer Vorschriften erste Bürgerpflicht.

Funfmal am Tag erschallen aus unzähligen Lautsprechern die Gebetsaufrufe des Muezzin und übertönen mühelos selbst den lautesten Verkehrslärm. Dann schließen alle Geschäfte für eine halbe Stunde. Täglich stehen die genauen Gebetszeiten der einzelnen Städte, jeweils nach dem Stand der Sonne berechnet, in der Zeitung. Die liefert außer den Börsenkursen aus aller Welt hauptsächlich noch Artikel, die von Religion handeln, dann einige Sportberichte, vielleicht mal einen politischen Aufsatz. Von acht Textseiten

das ist die Faustregel -- sind fünf Seiten dem Wirken Allahs gewidmet und drei Seiten dem Sport.

»Es ist fast nicht mehr auszuhalten«, stöhnte ein saudischer Geschäftsmann, »was soll ein Mensch mit einem solchen Blatt anfangen?«

Mit Rundfunk und Fernsehen steht es kaum besser. Fast jede zweite Sendung hat einen religiösen Bezug, wenn sie nicht schlicht eine Predigt überträgt.

Buchstäblich jede saudische Familie besitzt deshalb einen Video-Recorder. Sie hat die Möglichkeit, sich entweder illegal einen gewagten ägyptischen Fernsehfilm mit Bauchtanz zu beschaffen oder legal einen nach Saudi-Art gesäuberten westlichen Spielfilm.

Die saudischen Zensoren, die selbst Szenen herausschneiden, in denen nur ein Kuß angedeutet oder eine Frau im Badeanzug zu sehen ist, schaffen es, aus einem eineinhalbstündigen Western eine Endfassung von 20 Minuten Dauer herzustellen.

Das Defizit an Information und Unterhaltung schafft Unzufriedenheit: Bei allem finanziellen Wohlstand ist es dem einzelnen nicht möglich, sich Freuden zu verschaffen, die in den meisten viel ärmeren Teilen der Welt als harmlos gelten.

»Kann ein Mensch denn den ganzen Tag beten?« fragte ein Saudi in Dschidda und gab gleich selbst die Antwort:,, Es geht nicht, es ist unmenschlich.« Die Folge ist, daß die Saudis ihre fromme Gesinnung überwiegend vortäuschen.

Viele führen ein Doppelleben, entziehen sich allen Beschränkungen, die der Staat ihnen auferlegt. Beispiel Alkohol: »Saudi-Arabien«, so sagen Landesbewohner, »ist die größte Bar des Mittleren Ostens.« Offiziell freilich sind alle alkoholischen Getränke verboten. Ausländer werden bei der Einreise nach verborgenem Whisky durchsucht.

Im Hotel bringen grinsende Ober statt der verlangten »Bloody Mary« (Tomatensaft mit Gin) ein gepfeffertes Tomatensaft-Getränk, das sie »Virgin Mary« (Jungfrau Maria) nennen. Der Preis entspricht freilich dem des Originalmixgetränks, wie auch die Apfelsaft-Preise durchaus Champagner-Niveau erreichen.

Trotz aller Restriktionen finden hochprozentige Getränke den Weg in die mauerumschlossenen Villen. Alkoholismus wird mit Prügelstrafen geahndet, aber immer mehr Saudis greifen zur Flasche, setzen sich oft betrunken ans Steuer und rasen hinaus in die Wüste. Massenhaft zeugen zu zerknüllten Metallhaufen verformte Automobile vom Ende solcher Saufpartien.

Weil Hochprozentiges zu schmuggeln immerhin riskant und beim Schwarzhändler nur teuer zu kaufen ist, verfielen Saudis auf neuartige Formen von Alkoholgenuß. In einem Luxushotel in Riad etwa bestellen sieh ehrbare Mittelklasse-Saud is völlig legal alkoholfreies Bier von Guinness oder Schlitz und mixen es mit billigem, alkoholartigem Parfüm. Unter Aufbietung einiger Willenskraft gelingt ihnen ein duftender Rausch.

Sowenig wie die Alkohol-Exzesse konnte die saudische Führung bisher die Sexual-Delikte eindämmen. Offizielle Informationen darüber werden nicht gegeben, aber immer wieder versichern saudische Stadt-Bürger, daß sie es nicht wagen, ihre Kinder, gleich ob Mädchen oder Jungen, auch nur am Tag allein auf die Straße zu lassen.

Allzuoft sei es vorgekommen, daß Kinder in einem Auto in die Wüste entführt, mißbraucht und umgebracht worden seien. Sehr oft auch gäben sich reiche Leute als Taxifahrer aus -- zu keinem anderen Zweck, als ihre männlichen oder weiblichen Fahrgäste in der Einsamkeit der Wüste sexuell zu bedrängen.

Im August vergangenen Jahres, so berichteten libanesische Zeitungen, führte der indonesische Arbeitsminister Klage über die saudischen Arbeitgeber einiger hundert indonesischer Hausgehilfinnen: Die Mädchen seien eingesperrt und durch Schläge und Drohungen gefügig gemacht worden. »Es ist ein Wunder«, so der Minister, »daß die Mädchen wenigstens mit dem Leben davonkamen.«

Wo es nicht mit Gewalt geht, da hilft etwas Geld. Viele reiche Saudis pflegen in den Wartehallen der Flugplätze zu lustwandeln und vor allem junge westliche Fluggäste zu Sexpartys nach Haus einzuladen. Großzügige Belohnung ist ihnen sicher.

Diese Erosion der Sitten betrachten viele Saudis vom alten Schlag mit Entsetzen: Zu Lebzeiten von König Feisal habe es das nicht gegeben; dieser Herrscher habe noch mit eiserner Hand durchgegriffen.

Vom regierenden König Chalid läßt sich das nicht sagen. Der Feisal-Nachfolger ist schwer herzkrank und verläßt sich nur noch aufs Beten. Seine Autorität erscheint heute schon ausgehöhlt. Die Zeitungen zitieren ihn kaum noch, sondern begnügen sich mit Photos; politische Erklärungen geben die Prinzen ab. Sie üben die Regierungsgeschäfte aus und kämpfen um Einfluß und Machtpositionen.

Für die Zeit nach Abtritt oder Ableben des Königs steht als Nachfolger Kronprinz Fahd fest, der Kampf geht um den Posten des künftigen Kronprinzen.

Prinz Sultan Ibn Abd el-Asis, Minister für Verteidigung und Luftfahrt, zugleich auch steilvertretender Ministerpräsident, rechnet sich gute Chancen aus. Er erweitert seine Hausmacht, um am Tage X ins Amt seines Kronprinzen-Bruders Fahd nachzurücken. Doch diese Ambition teilt mit ihm sein Neffe, Außenminister Saud Al Feisal.

Der hält sich an den todgeweihten König, um dessen Kamarilla auf sich einzuschwören. »Das schafft der nie, der säuft doch wie ein Loch«, urteilt ein arabischer Diplomat in Dschidda, der offenbar noch glaubt, Koran-Tugendhaftigkeit sei alleinige Voraussetzung für hohe Ämter im Heiligen Land.

Dritter und verbissenster Anwärter auf den Kronprinzen-Posten ist Emir Abdallah, Oberbefehlshaber der Nationalgarde. Als Chef einer Neben-Armee, die geschaffen wurde, um der Armee auf die Finger zu schauen, sind seine Chancen nicht schlecht.

Angesichts der Gefahren von außen und innen haben die Prinzen ihre Streitereien zur Zeit ein wenig zurückgestellt und »Scheckbuch-Allianzen« geschlossen, wie es arabische Linke in Beirut ausdrückten.

Einen Ausweg aus der Verunsicherung hat noch keiner der Prinzen gefunden. Während Dynastie-Oberster König Chalid den USA »Desinteresse an den Vorgängen in Afghanistan und am Horn von Afrika« vorwirft, sucht der in 17 Jahren Regierungspraxis erfahrene Fahd die Politik des Landes nach einer behutsamen Bestandsaufnahme neu zu orientieren.

Nach dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Kairo fürchtet er, weitere Zugeständnisse an Syrer, Irakis und Palästinenser könnten es Mode werden lassen, Riad politisch zu erpressen, und sucht deshalb Bewegungsraum zu gewinnen.

Das ist nicht einfach. Auf die USA als Schutzschild will sich Saudi-Arabien nicht mehr allein verlassen. Das untätige Verhalten Washingtons angesichts der Entmachtung des Schah von Persien und die passive Haltung der Amerikaner am Horn von Afrika haben die Prinzen an der Zuverlässigkeit Washingtons zweifeln lassen, zur Rettung orientalischer Dynastien einzugreifen. »Angesichts der Ereignisse im Iran haben wir keine festumrissene Politik«, gab Außenminister Saud zu.

Von radikalen Araberstaaten wie Syrien und Libyen politisch unter Druck gesetzt, im Süden von einem erklärt kommunistischen Regime bedroht, ging Riad zum ägyptisch-israelischen Frieden stärker auf Distanz, als Washington erwartet hatte. Eine militärische Auseinandersetzung mit dem hochgerüsteten Irak, dem radikalsten der Friedensgegner, könnte das Land auf sich allein gestellt nicht bewältigen.

Andersherum: Das von US-Präsident Carter mit so viel persönlichem Einsatz vollbrachte Jahrhundertwerk des ägyptisch-israelischen Vertrags könnte der Hebel sein, der das lebenswichtige Saudi-Arabien aus seiner Nähe zum Westen drückt -- dann wären alle Durchbrüche von Jerusalem und Camp David am Ende nur verhängnisvoll gewesen.

Sich aber ganz dem radikalen syrisch-irakischen Lager anzuschließen, meinen die Saudis, hieße, ihre konservative Monarchie in Frage zu stellen. So schwankt die Ölgroßmacht, von der der energiebedürftige Westen abhängt, in ihrer Politik hin und her.

Der innerarabische Dauerzank bietet gelegentlich Raum zu politischen Manövern. Das neue irakisch-syrische Zerwürfnis und die Probleme des irakischen Machthabers Saddam Hussein gaben dem Saudi-Kronprinzen Fahd Gelegenheit, sich durch einen taktischen Schlenker vorübergehend den Rücken freizuhalten: Die Sicherheitsorgane des Wüstenlandes sollen künftig mit ihren irakischen Kollegen »eng zusammenarbeiten«. Ein Partnerwechsel freilich ist das noch nicht.

So wird das alte Spiel mit 01 und Geld derzeit neu gemischt. Ein amerikanisches F-16-Geschwader wartet auf dem grenznahen Stützpunkt Nadschran auf den Einsatz im Nordjemen, falls es dort zu einem linken Staatsstreich kommen sollte.

»Die Krise zwischen Saudi-Arabien und dem Südjemen spitzt sich in aller Stille zu«, schrieb die libanesische Zeitung »el-Safir«. Das Blatt will wissen, daß Somalia mit Saudi-Arabien gemeinsame Aktionen gegen den pro-sowjetischen Südjemen plane.

Jedenfalls erhalten die Somalis trotz ihrer pro-ägyptischen Politik »alle Gelder, die wir wollen« (so ein Somali-Beamter in Saudi-Arabien). Auch die Beziehungen zu Ägypten sind stärker, als sie nach der erklärten panarabischen Linientreue sein dürften.

Militärische Sachverständige in Dschidda behaupteten dem SPIEGEL gegenüber, im Norden Saudi-Arabiens seien Teams von Experten zur Wartung von Raketenstellungen eingeflogen worden -- Fachleute aus Kairo.

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