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AFFÄREN Hat's reingebuddelt

Jahrelang verschwanden Steinbeile und römische Scherben aus einem Mainzer Museum. Ein Kustos transferierte die Bodenfunde heimlich nach Hessen, um sich dort als Archäologe einen Namen zu machen.
aus DER SPIEGEL 29/1972

Der Mainzer Archäologe Wolfgang Selzer, 46, Kustos im Mittelrheinischen Landesmuseum zu Mainz, darf keine Dienstpost mehr unterzeichnen. keine Vorträge halten und -- so Museumsdirektor Karlheinz Esser -- »auf unbestimmte Zeit nicht als Museumsrepräsentant in Erscheinung treten«.

Selzer, Fachmann für fränkische Ausgrabungen, wird von Kollegen gemieden, seit bislang geheime Untersuchungsberichte der Museumsleitung an die Hausjuristen des Mainzer CDU-Kultusministers Bernhard Vogel immer neue Überraschungen offenbaren: Seit 1970 schwelt in Rheinland-Pfalz eine Kunstraub-Affäre. in der Wolfgang Selzer die Hauptrolle spielt.

1951. beim Bau seines Wohnhauses in Lorsch an der hessischen Bergstraße, war der damalige Archäologie-Student Selzer »auf die Reste einer römischen Villa« gestoßen. Als er »aus einer gewissen Hochstimmung heraus« mit römischen Scherben aus seinem Garten und anderen Lorscher Grabungsfunden ein kleines Heimatmuseum aufbauen wollte, war der Bestand an Ausstellungsstücken noch recht spärlich. Im Altertumsmuseum der Stadt Mainz, dem er in den folgenden Jahren beim Sichten der im Krieg dezimierten Bestände half, sah sich der Student deshalb »aus einem heute mir unerklärlichen Zwang« nach weiteren Schätzen um.

Immer wenn er sich unbeobachtet wähnte, machte sich der Archäologe im Museumsdepot an Kisten und Kästen zu schaffen. Mal war es eine Nadel mit Petschaftkopf aus der Hügelgräber-Bronzezeit (1550 bis 1200 vor Christus). mal ein Armreif aus der La-Tène-Zeit (550 bis um Christi Geburt), mal ein Henkelkrug aus der Römer-Epoche, die in den Jahren 1953 bis 1955 in der Aktentasche des Studenten verschwan -- den. Er stahl. wie er 15 Jahre später zugab. mindestens fünfzig Objekte.

Ausgestellt im Museum zu Lorsch, fand das Diebesgut regen Beifall der Heimatforscher. Selzer, der bald darauf über »Die fränkische Keramik in Rheinhessen und Starkenburg« zum Dr. phil. promovierte und Angestellter im Mainzer Museum wurde, kaschierte die Diebstähle mit fingierten Grabungsberichten. Angebliche Fundumstände in Lorsch (Beispiel: »1954 bei der Anlage eines Spargelfeldes") trug er sorgsam in eine Kladde ein.

Doch 1964 beging der Dieb einen gravierenden Fehler -- ein Kollege schöpfte ersten Verdacht. In einer Festschrift ("Laurissa Jubilans") zur 1200-Jahr-Feier des Klosters Lorsch gab Selzer bekannt: 1954 sei dem kleinen Heimatmuseum »mit einem leider anonymen Schreiben« ein umfangreiches Paket übersandt worden, »das säuberlich geordnet eine Fülle fränkischer Bodenfunde barg: Waffen, Schmuck, bronzene Schnallen und Geräte, Perlenketten, zwei kostbare vergoldete Bügelfibeln, eine interessante kleine Adlerfibel und Reste eines Kammes aus Bein«.

Bei der Lektüre der Festschrift entdeckte Archäologie-Professor Kurt Böhner manch Ungereimtes: So waren die »kostbaren vergoldeten Bügelfibeln« aus dem Paket nicht, wie Selzer behauptete, »beim Autobahnbau südlich von Lorsch«, sondern in der Nähe von Niederselters bei Limburg geborgen worden. Bereits 1899 als es noch keine Autobahn gab -- hatte das Mainzer Altertumsmuseum die Fibeln angekauft.

Als Böhner den Kustos vorsichtig darauf ansprach, packte den Dieb die Angst. Heimlich, wie er sie fortgeschafft hatte, brachte er Mainzer Museumsstücke nach und nach wieder zurück. Und die Transaktion über den Rhein und retour wäre womöglich nie herausgekommen, wenn die Heimatfreunde von Lorsch ihrem Mitbürger Selzer nicht plötzlich den Zutritt zum Stadtmuseum verwehrt hätten. Selzer: »Da konnte ich nichts mehr machen.«

Statt sich nun seinen Oberen zu offenbaren und reinen Tisch zu machen, ließ der Kustos weiteres Unheil zu: In der Zwischenzeit, 1966, hatte der Kölner Archäologe Walter Meier-Arendt in Lorsch für ein neues Buch recherchiert und sorglos Selzers Mitteilungen übernommen. Als »die ersten falschen Fundortangaben« ruchbar wurden, wehrte sich Meier-Arendt »mit Händen und Füßen ... dagegen, daß Selzers Angaben in meinem Kreisinventar richtiggestellt wurden«, weil er Selzers »Wort als Kollege vorbehaltlos vertraute«.

1967 wurde das Museum in »Mittelrheinisches Landesmuseum« umbenannt und in die Regie des Landes Rheinland- Pfalz übernommen. Selzer stieg vom Angestellten zum Beamten auf. Er hatte. wie er sich heute erinnert. zu jener Zeit »schon so großen Abstand zu all den Dingen gewonnen«, daß er auch »vor der Eidesleistung keinen Anlaß zu einem Geständnis sah«. Erst am Aschermittwoch 1970- Meier-Arendts Buch ("Inventar der ur- und frühgeschichtlichen Gelände-Denkmäler und Funde des Kreises Bergstraße") war schon zwei Jahre auf dem Markt -- platzte der Schwindel durch Recherchen hessischer Kollegen.

Als Selzer nach dem Mainzer Karneval aus einem kurzen Urlaub heimkehrte, lagen die Beweise auf dem Tisch. Mühsam sortierte eine Kommission von Kollegen Steinbeile, Scherben und Adlerfibeln aus den Lorscher Beständen in hessische und rheinland-pfälzische Kisten. Das Fazit monatelanger Ermittlungen: 17 Objekte, die bereits in der Fachliteratur als »Lorscher Funde« registriert sind, gehören »mit Sicherheit«, 31 Fundstücke »mit großer Wahrscheinlichkeit« ins Museum nach Mainz. Bei 54 Fibeln, Tonstücken oder Lanzenspitzen war die Herkunft bislang nicht zu klären, weil sich Selzer, der kleinlaut Hinweise gab, nur noch fragmentarisch erinnern kann.

Bisweilen auch bleibt er hartnäckig: »Beim Ausheben einer Pflanzgrube für einen Baum« in seinem Lorscher Garten will der Kustos 1956 auf eine Herkules-Statuette aus dem zweiten oder dritten Jahrhundert gestoßen sein. Kollegen und Ministerial-Beamte argwöhnen jedoch, daß die Terrakotta-Statuette vielleicht erst seit kurzem in der Gartenerde gelegen haben könnte: Im Mainzer Museum ist nach dem Krieg ein Herkules gleicher Art verschwunden -- Inventar-Nummer R 5888.

Museumsdirektor Esser, der seinen Mitarbeiter in Sachen Herkules zunächst in Schutz genommen hatte, räumt jetzt ein: »Natürlich könnte er es auch eingebuddelt haben.« Zwar urteilte das Kultusministerium. Selzer habe »durch die Entwendung von Fundstücken ... den Tatbestand des Diebstahls ... erfüllt« -- straf- und disziplinarrechtlich freilich sei das Delikt aus den Jahren 1953/55 verjährt.

Museumsdieb Selzer gibt nun den Rat. daß »auch andernorts« recherchiert wird: »Es gibt noch mehr solcher Fälle.« Sein eigener Fall behindert nicht einmal die Karriere. Selzer kann nach Ansicht seines Chefs Karlheinz Esser »1973 mit seiner Regelbeförderung vom Kustos zum Oberkustos rechnen«.

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