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KENIA Hatz auf Leo

Niedergemetzelt von Wilderern und Jagdtouristen, sterben Afrikas letzte Löwen. Bald können sie nur noch in eingezäunten Reservaten überleben.
aus DER SPIEGEL 4/2004

Paul Gathitu ist bekümmert. Vom Kragen bis zum Stiefelschaft militärolivgrün camoufliert, sitzt der Wildhüter martialisch in seinem Büro am Rande des Nairobi-Nationalparks und sinniert über den Lauf der Welt. »Keine Ahnung, wann es losging«, seufzt der Mann, dessen Aufgabe der Erhalt der Tierwelt ist, »doch plötzlich ist es wie im Krieg.« Seine Truppe schwer bewaffneter Ranger befinde sich in dieser Schlacht gegen Wilderer und Massai-Krieger permanent auf dem Rückzug.

Es starben in Massen: Afrikas Nashörner, das Horn zu Arzneipülverchen zermalmt; die Elefanten, aus deren Stoßzähnen Schachfiguren geschnitzt wurden; die Gorillas, von skrupellosen Milizionären zu Wurst verarbeitet. Schimpansen wurden in kleine Reservate gesperrt, Wildhunde nahezu ausgerottet und Krokodile in Zuchtbecken zu Lederlieferanten degradiert. In Burundi und im Kongo vernichten hungrige Kombattanten den Nilpferdbestand. Und nur wer Glück hat, bekommt noch eine Seekuh an Afrikas Ostküste zu sehen.

Allein dem König der Tiere schien all der Raubbau an der Natur wenig anhaben zu können. Wenn ein Löwe aufbrülle in seinem Zorn, glaubten schon die alten Ägypter, »bebt der Boden, und die Tiere erzittern«. Selbst bei Johann Wolfgang von Goethe »herrscht er über alles Getier, und nichts widersteht ihm«.

Das stimmt so nicht mehr. Gerade einmal 23 000 Löwen soll es in Afrika noch geben. Vor 20 Jahren waren es noch ungefähr 200 000, schätzt Laurence Frank, ein Wildbiologe von der Universität im kalifornischen Berkeley: »Die Löwen stehen kurz vor dem Aussterben.« Auch Paul Gathitu befürchtet, »dass wir sie in ein paar Jahren nur noch im Zirkus oder im Zoo zu sehen bekommen«.

Den Kampf der Löwen ums Überleben hat kaum jemand so richtig mitbekommen. Während grimmige Regenbogenkrieger im Friesennerz regelmäßig Spektakel zur Rettung gestrandeter Meeressäuger veranstalten, Poster von niedlichen Koalabären Kinderzimmer zieren sowie Elefanten die Herzen einer ganzen Tierretter-Generation schneller schlagen lassen, hat der »Panthera leo« vielerorts weitgehend unbemerkt sein Leben ausgehaucht.

In Nordafrika ist der Berberlöwe bereits ausgerottet, seit 1922 dessen letzter Vertreter in Marokko erschossen wurde. In Westafrika hat das stolze Fabeltier kaum noch eine Überlebenschance, seit in Ländern wie Benin oder Burkina Faso zur Aufbesserung des klammen Staatshaushalts sogar Touristen mit der Flinte auf die Großkatze anlegen dürfen.

Im berühmten Etoscha-Nationalpark in Namibia existieren gerade noch 300 Löwen, und auch in Kenia schätzen Wildhüter die Zahl frei lebender Tiere nur noch auf einige hundert. Im traditionsreichen, 1946 gegründeten Nairobi National Park lebten Ende der neunziger Jahre noch 40 Stück. Heute sind es kaum mehr als 10. Die anderen wurden von Massai-Hirten massakriert.

»Zwar wurden die Tiere immer schon verfolgt, heutzutage jedoch besitzt jeder Gewehre und Gift«, sagt der Wissenschaftler Laurence Frank. Selten ist der Kampf der rot gewandeten Nomaden gegen die Löwen so unbarmherzig geführt worden wie derzeit. Allein am Rande des Nairobi-Parks fielen vergangenen Sommer zehn Löwen den Kriegern zum Opfer. Als Rechtfertigung für ihre Hatz führen die hoch gewachsenen Steppenjäger an, dass die Raubtiere sich des Nachts an ihren Rinderherden bedienten.

Zu Hunderten schwärmen die Massai regelmäßig aus, singen Kriegslieder und ziehen mit vergifteten Pfeilen und Speeren auf die Löwenjagd. »Unsere Krieger werden nicht aufhören, ehe alle Löwen getötet sind«, verkündete Godfrey Ntapaiya, ein Massai-Führer aus dem kenianischen Kitengela, und droht: »Wenn die Regierung unsere Rinderherden nicht beschützt, lösen wir das Problem durch die Ausrottung der Katzen.«

In anderen Gemeinden sieht es nicht anders aus. Am Rande des »Massai Mara«-Schutzgebiets kommt es immer wieder zu Blutbädern an den Tieren, die immerhin die Wappen diverser afrikanischer Staaten schmücken. Oft wird den Löwen das Fell abgezogen, der Kopf abgeschlagen, werden die Klauen herausgerissen - Schädel, Mähne und Krallen sind Trophäen, die Mut und Stärke der Jäger belegen.

Da liegt der Verdacht nahe, dass die Massai den Großkatzen nicht nur aus Notwehr auf den Pelz rücken. Die Löwenpirsch sei beinahe zum Volkssport geworden, grollt die kenianische Tageszeitung »East African Standard«. Die Großkatzen würden »systematisch geschlachtet«.

So dürfte es wohl nicht mehr lange dauern, bis auch der letzte kenianische Löwe in freier Wildbahn zur Strecke gebracht ist, fürchten Naturschützer. Schon jetzt fordern viele Kenianer, die Nationalparks vollständig einzuzäunen. Der König der Tiere im Gehege - nicht zum Schutz der Menschen, sondern zur Rettung vor ihnen. THILO THIELKE

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