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BUNDESKANZLER Hausarrest

aus DER SPIEGEL 51/1960

Zu den bundesrepublikanischen Adventsbräuchen gehört es seit Jahren, daß in dieser stillen Zeit alle westdeutsche Regierungsgewalt von einem Liegestuhl ausgeht.

Infolge der Anfälligkeit seiner oberen Luftwege ans gleichmäßig temperierte Heim in Rhöndorf gefesselt, bestimmt nämlich der Kanzler jeweils im Dezember die Richtlinien der Politik in einem Sessel, der mit wenigen Handgriffen in eine Liege verwandelt werden kann: Der alte Herr braucht nicht das Bett zu hüten - wovor die Leibärzte wegen der Gefahr einer Alters -Lungenentzündung warnen - und kann sich doch von Zeit zu Zeit ausstrecken,

um in Ruhe seinen politischen Gedanken nachzunicken.

Obwohl die Kontinuität der Politik auf diese Weise gesichert ist, war den Bonner Christdemokraten der Katarrh Adenauers diesmal besonders schmerzlich; des Kanzlers Wetterempfindlichkeit fiel gegen die körperliche Frische des SPD-Kanzlerkandidaten Willy Brandt ungünstig ab.

Amtliche Regierungssprecher und inoffizielle CDU-Gesundbeter waren deshalb zunächst bemüht, das Fieber des Kanzlers zu drücken. Beschwichtigende Hinweise auf die »weiter gesunkene Temperatur« machten - zusammengezählt - Konrad Adenauer schließlich zu einem medizinischen Phänomen mit einer Tiefsttemperatur, die bei Sterblichen tödlich ist.

Adenauers Ärzte, Frau Dr. Ella Bebber-Buch aus Rhöndorf und der emeritierte Bonner Internist Martini, sahen sich allerdings am letzten Wochenende genötigt, die sorgsam gepflegte Version von der »leichten Erkältung« des Kanzlers zu zerstören.

Nach ihrem Rat mußte der Bonner Regierungschef sowohl das für den 4. Dezember mit Charles de Gaulle geplante Treffen in Paris als auch den Besuch bei Harold Macmillan am 12. Dezember in London absagen. Bis mindestens zum Jahresende wurden dem Kanzler Auslandsreisen ärztlich strikt verboten - seine Auftritte vor dem CDU-Kultur-Kongreß in Gelsenkirchen und beim Landtagswahlkampf im Saargebiet waren schon vorher abgesagt worden. Und wann er wieder durch seinen Hausgarten spazieren darf, wußten bis zum letzten Wochenende selbst die Arzte noch nicht zu sagen.

Die Verordnung der Ärzte: strenger Hausarrest. Der nichtamtliche CDU -Kommentar: Das Wichtigste ist, wir kriegen ihn gesund über den Winter.

Nachdem über eine Woche lang auf Pressekonferenzen und mittels vertraulicher, aber zum Druck bestimmter Informationen die »festen Reise-Absichten« des Kanzlers täglich unter das Bundesvolk getragen worden waren, mußte die kurzfristig erteilte Reise -Absage um so dramatischer wirken - eine Pressepolitik, die nur durch die Gesundbeter-Neurose jener Regierungspolitiker erklärt werden kann, die mit Blick auf Willy Brandt gehofft hatten, daß die obligate Dezember-Krankheit des Kanzlers erstmals seit vielen Jahren tatsächlich nur ein Schnupfen sei.

Seit dem Bundestagswahlkampf im Jahre 1957 war Konrad Adenauer an den oberen Luftwegen so ernstlich erkrankt, daß er sein Amt nicht aufsuchen und politisch wichtige Verabredungen nicht einhalten konnte:

- im November/Dezember 1957,

- im Dezember 1958,

- im August 1959,

- Ende Dezember 1959 und

- im Februar 1960.

Bei diesen ein- bis zweimal pro Jahr auftretenden Erkrankungen, die von Amts wegen als »überdimensionaler Schnupfen« oder »Grippe« ausgegeben werden, handelt es sich um einen Katarrh, der oft von Fieber begleitet ist und jedesmal für den regierenden Patienten die Gefahr einer ausgedehnten Bronchitis heraufbeschwört. Die Ärzte fürchten dabei, daß die akute Bronchitis chronisch wird, was bei alten Menschen die Lunge erheblich gefährden kann.

Auf diese Gefahr ist schon im Frühjahr 1959 in einer ärztlichen Aufzeichnung hingewiesen worden, die Professor Martini damals anfertigte, und zwar auf Wunsch jener CDU-Führungskräfte, denen die dunklen Punkte im Gesundheitsbild des Kanzlers Argumentations-Hilfe bei ihrem Vorschlag einer Adenauer-Kandidatur für die Bundespräsidentschaft leisten sollten.

Abgesehen aber von der besonderen Empfindlichkeit der Luftröhre und der Lunge Adenauers stand in der Aufzeichnung des Professors Martini, daß die an sich noch stabile Konstitution des Regierungschefs keine Dauerbelastungen mehr vertrage. Konferenzen, an denen der Kanzler teilnehme, sollten deshalb nicht länger als anderthalb bis zwei Stunden dauern. (Die Tagesordnungen der Kabinetts-Sitzungen werden denn auch tatsächlich meistens so arrangiert, daß die Angelegenheiten, deren Behandlung die Konzentration des Regierungschefs erfordern, anfangs diskutiert werden.)

Für den Fall einer bequemeren Verwendung des Kanzlers - auf einem ruhigeren, dem Präsidenten-Posten wurde in der Aufzeichnung festgestellt, daß Adenauer so mindestens noch ein Jahrzehnt bei angemessener Gesundheit werde ahntieren können.

Anfang dieses Jahres konstatierten des Kanzlers Ärzte, der Staatsbesuch in Japan habe ihren Patienten mehr beansprucht, als dessen Alter es erlaube. Für seinen ersten Cadenabbia-Urlaub wurden ihm daher längere Spaziergänge, häufiges Boccia-Spiel, größereAusflugsfahrten mit dem Auto und längerer Aufenthalt in der Sonne untersagt.

Vor allem die Einschränkung seiner Spaziergänge, die er bis dahin - notfalls auch bei Regenwetter - im Urlaub wie im Garten des Palais Schaumburg unternommen hatte, ärgerte den Kanzler. Die Vorschriften, die ihm fürs Essen und Trinken erteilt wurden, hielt er indessen ohne Murren ein - obschon sein Magen so gut wie alles verträgt.

Seine Erkrankung in diesem Winter wird der Überanstrengung zugeschrieben, die dem Kanzler die zweistündige Rede im überfüllten und verräucherten Bonner »Bürgerverein« abverlangte, als er am Vorabend des SPD-Parteitages Atomfallen für die Sozialdemokraten aufstellte. Schweißnaß verließ der 84jährige das Rednerpult.

Mit dieser Rede hatte Adenauer den Wahlkampf eröffnet. Eine Woche später stand der Mann, an dem die CDU auch diesmal ihre Wahlkampf-Strategie orientiert hat, unter ärztlich verordnetem Hausarrest.

Bundespressechef Felix von Eckardt, vom Kanzler erst unlängst verspottet ("Für welche Partei wollen Se denn nun 1961 kandidieren?"), verschärfte den Rhöndorfer Hausarrest noch, als er die Erkrankung seines Chefs komplizierter darstellte, als sie war: »Eine Art von Grippe mit einer leichten Mandelentzündung.«

Des Kanzlers Familie und seine Gehilfen im Palais Schaumburg waren böse. Hausärztin Ella Bebber-Buch widerrief ausdrücklich: »Die Mandeln sind nicht in Mitleidenschaft gezogen.«

Kanzler-Leibarztin Bebber-Buch in Rhöndorf: Bett verboten

Kanzler-Leibarzt Martini

Mandeln frei

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