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BEITZ-REISE Hausmeierei

aus DER SPIEGEL 6/1961

Nach zwei Stunden und zehn Minuten, um 14.40 Uhr am Montag der vergangenen Woche, beendete Polens Ministerpräsident Józef Cyrankiewicz die Audienz in seinem Warschauer Amtssitz: »Herr Beitz, Sie sind hier stets willkommen. Wenn Sie nach Polen reisen, betrachten Sie sich immer als persönlicher Gast.«

Einen Tag später rapportierte Berthold Beitz, Generalbevollmächtigter des Krupp-Konzerns, im Bonner Kanzleramt. In seiner Gegenwart formulierten Bundeskanzler Adenauer und AA -Staatssekretär Carstens drei Sätze, die alsbald vom Presseamt veröffentlicht wurden: »Herr Berthold Beitz hat mit Billigung des Bundeskanzlers und des Auswärtigen Amtes zwei Reisen nach Warschau unternommen. Nach Rückkehr von seinen Reisen hatte er dem Bundeskanzler berichtet. Es ist vorgesehen, daß nunmehr weitere Besprechungen zwischen amtlichen Stellen stattfinden.«

Eine sechs Wochen währende Episode war zu Ende. Zwar forderten die westlichen Regierungen bei ihren diplomatischen Missionen in Bonn sogleich Sonderberichte über die neue Ostpolitik

der Bundesregierung an, die mit jenem Kommuniqué begonnen haben sollte. In Wahrheit aber waren die drei Kanzler -Sätze ein Schlußwort: Sie befriedigten die dringendsten Bedürfnisse der beiden Männer, die sich seit Dezember vergangenen Jahres aus unterschiedlichen Motiven mit dem deutsch-polnischen Verhältnis beschäftigt haben.

Nicht am Start, sondern am Ziele waren mit der Verlautbarung:

- Konrad Adenauer, weil er damit nicht zuletzt vor dem neuen US-Präsidenten Kennedy - seine politische Beweglichkeit nachgewiesen hatte, und

- Berthold Beitz, dem bescheinigt

wurde, in Warschau mehr als nur ein unverantwortlicher Privatmann

gewesen zu sein, der seinem außenpolitischen Hobby nachgegangen ist.

Hinter diesem Effekt tritt an Bedeutung zurück, was nun noch durch »Besprechungen zwischen amtlichen Stellen« - folgen kann: Bonner Großmut bei der Erfüllung polnischer Wirtschaftswünsche und Toleranz gegenüber polnischen Kultureinflüssen in westdeutschen Konzertsälen und Gemäldeausstellungen. Mehr wird es nicht sein.

Auf diplomatischem Wege - durch Winke, die Botschafter Grewe verschiedentlich in Washington erhielt - war dem Kanzler schon seit längerem bedeutet worden, daß es die amerikanische Regierung nur warm begrüßen könnte, wenn sich die Bundesrepublik dem amerikanischen Vorbild in der Behandlung Polens angleichen würde.

Gestützt auf die in Amerika weitverbreiteten Gefühle der Achtung und des Mitleids für die Polen, die ersten Opfer des Hitler-Regimes, hat Washington Polen wirtschaftspolitisch stets gegenüber anderen kommunistischen Staaten bevorzugt.

Der triumphale Empfang des damaligen Vizepräsidenten Nixon 1959 in Warschau und das Wirken einer bei Wahlen nicht bedeutungslosen polnischen Minderheit in Amerika haben diese

polenfreundlichen

Sentiments in den Vereinigten Staaten noch verstärkt.

Der bevorstehende Amtsantritt John F. Kennedys, der ebenso wie sein Konkurrent Nixon während der Wahlkampagne mehrmals vor polnisch - stämmigen Mitbürgern gesprochen hatte, ließ es

Konrad Adenauer daher angezeigt erscheinen, sein Mäntelchen in den neuen Wind aus Washington zu hängen.

Daß der Bonner Kanzler die Windstärke dabei nicht genau kannte, verdoppelte nur sein Bestreben, sich den mutmaßlichen Intentionen des neuen jungen Herrn im Weißen Haus anzupassen: Allgemein freundliche Töne gegenüber Moskau, der durch Adenauers Eingreifen schließlich doch noch zustande gekommene Abschluß eines neuen deutsch-sowjetischen Handelsvertrags und die Wiederaufnahme des Interzonenhandels sollten den guten Willen des Bonner Regierungschefs in Amerika deutlich machen. Was zwischen Bonn und Moskau spielte, war für Washington inszeniert.

In dieser Situation, in der sich Konrad Adenauer zu beflissenen Vorleistungen verpflichtet fühlte, ohne dadurch seine - im kleinen Kreis gelegentlich larmoyant vorgetragenen - Altmännersorgen vor der unbekannten Politik des

Jungmanns Kennedy überwinden zu

können, traf es sich nun, daß des Kanzlers staatspolitische Absichten mit dem persönlichen Ehrgeiz des Krupp-Generals Beitz übereinstimmten:

Dabei war das Verhältnis zwischen Kanzler und Beitz lange Zeit gespannt gewesen. 1958 hatte Adenauer den im Ostgeschäft rührigen Manager noch der nationalen Unzuverlässigkeit geziehen, weil Beitz bei seinen Handelsreisen nach Moskau Kontakte mit den Kreml -Größen nicht scheute.

Derlei Vorbehalte verdrängte Adenauer in den letzten sechs Wochen, weil Berthold Beitz ihm Gelegenheit verschaffen sollte, ein Ost-Thema aufzugreifen, das in Amerika nicht nur zur nüchternen Politik gezählt wird, sondern an manches Herz greift.

Der 47jährige Pommer Berthold Beitz, seit Ende 1953 Hausmeier bei Krupp, führt seine guten Beziehungen zu Polen auf eine Zeit zurück, in der die meisten Deutschen keine Gelegenheit nahmen, freundschaftlich mit dem östlichen Nachbar Volk zu verkehren.

Beitz war als junger Ölkaufmann im September 1939 zur Verwaltung der polnischen Ölfelder nach Galizien, unter anderem nach Boryslaw, abkommandiert worden. Auf diesem Posten, den er bis zu seiner Einberufung im März 1944 innehatte, verbargen Beitz und seine Frau Else mehrmals Juden und Polen vor der Gestapo. Eine nach den USA ausgewanderte Gruppe Boryslawer Bürger stellte dem couragierten Ölverwalter nach dem Krieg eine einschlägige Dankesurkunde aus.

Seine Vorstellung über eine neue deutsche Polenpolitik umreißt Berthold Beitz heute: »Eine betonte Wiedergutmachungspolitik würde die sehr stolzen Polen vor den Kopf stoßen. Man

muß ihnen Achtung bezeigen. Im Krieg haben sie ganz schön viel von uns in die Schnauze gekriegt.«

Für des Kanzlers gen Osten gerichtete und auf den Westen gemünzte Politik war Beitz besonders brauchbar, weil er als Privatmann jederzeit hätte desavouiert werden können - zumal Adenauer seit Jahren von Ostreisen des Kruppschen Generalbevollmächtigten ohnehin keine Notiz genommen-hatte.

Der Eifer des Amateurdiplomaten Beitz hat wegen der Nichtbeachtung durch den Bonner Profi niemals nachgelassen. Müde zu werden, hat sich Industriekarrierist Beitz verboten: Nach seiner - hohen - Meinung von sich selbst kleidet ihn die Attitüde des Rastlosen.

Schon am 12. Februar 1958 hatte Osthändler Beitz das erste politische Gespräch in Warschau geführt. Er wurde begleitet von seinem »Stabschef« für das Informationswesen, dem Krupp-Direktor Professor Carl Hundhausen (der Bonner Unwillen hervorrief, als er im März vorigen Jahres den SED-Sekretär Walter Ulbricht auf dem Leipziger Messestand begrüßte).

Außenminister Rapacki hatte Beitz damals zum Nachmittagskaffee geladen. Gegen Ende der zweistündigen Kaffee -Unterredung schlug Vater Beitz (drei Kinder) zum Zeichen des guten Willens dem Vater Rapacki (zwei Kinder) einen vorübergehenden Töchteraustausch vor, der allerdings bis heute nicht stattgefunden hat.

Im Krupp-Verwaltungsgebäude in Essen wird heute versichert, daß bei der seinerzeitigen Besprechung der polnische Gesprächspartner »für Deutschland viel interessantere Aspekte« vorgetragen habe, als sie heute noch denkbar seien.

Obwohl sein Rapacki-Gespräch im Frühjahr 1958 das amtliche Bonn unbeeindruckt ließ, fühlte sich Beitz im September 1959 verpflichtet zu erkunden, wie die polnische Regierung auf Adenauers unverbindliche freundliche Ansprache zum 20. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen reagierte.

Der mit Diktatorialgewalt ausgestattete Herr über 100 000 Krupp-Beschäftigte ließ einen seiner Mitarbeiter aus dem Urlaub zurückkommen und entsandte ihn nach Warschau. Die damalige Unterhaltung des Beitz-Botschafters mit Außenhandelsminister Trampczynski bewies das zunehmende Desinteresse der polnischen Regierung an den belanglos-gönnerhaften Erklärungen, mit denen sich bundesdeutsche Politiker von Zeit zu Zeit an Polen wenden.

Es dauerte damals drei Monate, bis Adenauer beiläufig Gelegenheit nahm, sich anläßlich eines Empfangs von Beitz über die Stimmung in einer Regierung unterrichten zu lassen, zu der Bonn keine Kontakte hat.

Beitz sah einen neuerlichen Wink des ihm bestimmten Politikerschicksals in der Einladung, die er im Juni 1960 auf der Posener Messe von Ministerpräsident Cyrankiewicz erhielt.

Der polnische Regierungschef lud den leitenden Angestellten des Krupp-Konzerns mündlich ein, als Staatsgast nach. Warschau zu kommen.

Das in Frankfurt am Main etablierte polnische Handelsbüro fragte ein paar Monate später in Essen an, ob der Generalbevollmächtigte bereits: eine Lücke auf seinem Terminkalender ausfindig gemacht habe, die er mit seinem Besuch in Polen schließen könnte.

Die polnische Regierung hatte ein sachliches Interesse an einem potenten westdeutschen Gesprächspartner: Die Polen möchten künftig jährlich für 150 Millionen Mark mehr Ware an die Bundesrepublik verkaufen als bisher (knapp 300 Millionen), was die freiwirtschaftliche Bundesregierung nicht garantieren kann.

Wohl aber kann die Bonner Regierung den Polen Kredite einräumen, eine Möglichkeit, die nach Warschauer Meinung über einen Mittelsmann wie Beitz am ehesten ventiliert werden könnte.

Ziemlich kurzfristig meldete sich Beitz für den 6. Dezember des vergangenen Jahres in Warschau an. Professor Hundhausen reiste zwei Tage vorher, um das Programm für den Staatsbesucher festzulegen. Mit einer betriebseigenen zweimotorigen Learstar landeten Beitz und Frau Else auf dem Warschauer Flughafen.

Am nächsten, Tag, dem, 7. Dezember, führte Beitz jene Gespräche, auf die gestützt Konrad Adenauer in der vergangenen Woche »weitere Besprechungen zwischen amtlichen Stellen« ankündigen ließ.

Von 10.33 bis 11.45 Uhr waren Beitz und Hundhausen bei Ministerpräsident Cyrankiewicz. Der polnische Regierungschef, der für eine konventionelle Unterhaltung ausreichend gut Deutsch spricht, hatte einen Dolmetscher hinzugezogen. Cyrankiewicz beschwerte sich eingangs über die Reden deutscher Minister, mit denen sie sonntags unter den Vertriebenen die Erinnerung an die alte Heimat wachzuhalten pflegen.

Namentlich nannte der polnische Regierungschef als Sonntagsredner: Bundespräsident Lübke, Kanzler Adenauer, Wirtschaftsminister Erhard und Verkehrsminister Seebohm. Vom deutschen Kanzler sagte er, der alte Herr beschränke sich auf »Krokodilstränen«, wenn er auf Polen zu sprechen komme. Die Klage des polnischen Ministerpräsidenten wegen der mangelhaften Belehrung der deutschen Schulkinder über das deutsche Unrecht an Polen konterte Berthold Beitz mit einem Hinweis auf die jüngsten KZ-Prozesse in der Bundesrepublik, in denen doch nichts mehr beschönigt werde.

Cyrankiewicz stimmte mit Beitz darin überein, daß in der Tat endlich einmal ein Schlußstrich gezogen werden müsse. Ministerpräsident Cyrankiewicz: Es sei wohl richtig, daß neue Fäden am leichtesten mit Hilfe kultureller Beziehungen geknüpft werden könnten, etwa polnischen Leihgaben für Ausstellungen in Deutschland.

Unmittelbar anschließend - am 7. Dezember 1960 - verhandelte Beitz mit Außenhandelsminister Trampczynski. Die Polen zeigten sich bestürzt über die Kündigung des Interzonenhandelsabkommens durch Bonn. An dieser Kündigung könne abgelesen werden, in welchen Verdruß Planwirtschaften kommen könnten, die mit westlichen Ländern nur kurzfristige Abmachungen haben. Die - damals sich schon abzeichnende - Wiederaufnahme des Interzonenhandels sei kein Gegenbeweis: Warschau besitze nicht die Verhandlungsstärke, die der DDR durch die Inselexistenz Westberlins gegeben sei.

Die polnischen Planwirtschaftler regten an, über Handelsabkommen mit einer garantierten Mindestlaufzeit von drei Jahren zu konferieren. Gegenvorschlag von Beitz: Besprechungen über einen langfristigen Kredit der Bundesrepublik an Polen.

Die - bis dahin noch im eigenen Auftrag übernommene - politische Mission des Berthold Beitz war nach diesen beiden Unterredungen vorerst abgeschlossen. Einen leichten politischen Anstrich hatte lediglich noch das Souper, zu dem Ministerpräsident Cyrankiewicz seinen Staatsgast und dessen Frau ins nahe Schlößchen Natolin einlud, dem ehemaligen Versammlungsort der

polnischen Stalinisten aus der Gomulka -Vorzeit.

16 Personen setzten sich zu einem fast dreistündigen Essen nieder. Beim Mokka stand Cyrankiewicz auf, um Beitz als einen Freund Polens zu rühmen, der sich seit 20 Jahren bewährt habe. Beitz sei aber nicht nur ein Privatmann, sondern »ein Sonderbotschafter, wie mau ihn sich besser nicht wünschen kann«.

Unter die jüngste deutsch-polnische Vergangenheit, so wiederholte der Ministerpräsident noch einmal, solle ein Strich gezogen werden. Nicht alle Deutschen seien schlecht gewesen, ja nicht einmal alle Nazis. Ein neuer Anfang der Beziehungen zwischen beiden Ländern müsse auf kulturellem Gebiet liegen.

Bescheiden, wie es seine Art ist, erhob sich Beitz zu einer kurzen Erwiderung. Nicht ohne Rührung lehnte er die Ehrungen ab und versicherte, er sei nicht gekommen, um einen Orden in Empfang zu nehmen«.

Aus dem verschneiten Schloßpark kamen zahme Rehe zutraulich bis an die hohen Fenster des Speisesaals heran, um aus sanften Augen einen Blick auf das Bild der Eintracht zu werfen. Die übrigen Tage bis zum Abflug am 13. Dezember dienten einer Besichtigungsfahrt durchs Land. Eine Jagdeinladung ins südliche Ostpreußen schlug Beitz aus (Cyrankiewicz bekundete Verständnis), wohl aber besuchte der Protestant die schwarze Madonna von Tschenstochau.

Beitz hatte den Bundeskanzler und Außenminister von Brentano vor Beginn des Polen-Besuchs von seinen Reiseplänen unterrichtet. Adenauer vergab sich daher nichts, als er den Krupp-Manager brieflich einlud, ihm nach Rückkehr Bericht zu erstatten. Am 19. Dezember referierte Beitz 45 Minuten lang im Kanzleramt. Adenauer empfing ihn allein.

Der Ideenreichtum und die Phantasie, die Berthold Beitz befähigen, sich als Hecht im Kruppschen Karpfenteich zu gerieren, veranlaßten den von Cyrankiewicz als »Sonderbotschafter« apostrophierten Ruhrmanager, seinen Warschauer Gesprächen eine eminent politische Bedeutung beizumessen. Adenauer äußerte sich zu derlei Spekulationen zunächst nicht.

Erst Anfang des neuen Jahres, auf der ersten Fraktionssitzung der CDU/CSU am 10. Januar, erwähnte der Bundeskanzler seine Unterredung mit Beitz und sprach die Hoffnung aus, daß es gelingen werde, ein besseres Verhältnis zu Polen herzustellen. Adenauer: »Ich glaube, daß es möglich sein würde, mit Polen näher zusammenzukommen. Ich würde dies für gut halten.«

Der Kanzler hatte auf Washington geblickt, als er seine Abgeordneten der Möglichkeit konfrontierte, ungeachtet aller Pressionen der Vertriebenen-Verbände eine Verständigung mit Polen zu suchen. Daß er dabei Tabus

in Bonn angerührt hatte, wurde schon am nächsten Tag deutlich.

Bundespressechef Felix von Eckardt, im Umgang mit den Zeitungsleuten seit Monaten glücklos, entmannte das Kanzlerwort bis zur Bedeutungslosigkeit: Adenauer habe nur eine ganz allgemeine Bemerkung gemacht.

Von Adenauer über wichtige Dinge nicht mehr informiert, mutmaßte Eckardt, er werde nicht fehlgehen, wenn er sich an bewährte Bonner Grundsätze - die den kommunistischen Weltteil ignorierende Hallstein-Doktrin - halte. Damit entsprach Eckardt zwar den Vorstellungen des Auswärtigen Amtes, das sich über eine boshafte Bemerkung Adenauers ärgerte ("Beitz betreibt delikate Dinge besser als die Berufsdiplomaten"), nicht aber den Intentionen des Kanzlers.

Als Beitz am 18. Januar ein zweites Mal den Bundeskanzler aufsuchte, beschwichtigte Adenauer den aufgebrachten Polenfreund: Auch ihm selber seien Eckardts Interpretationen »unerklärlich«.

Beitz war durch den Glauben an seine Polen-Mission vor den in der Presse geäußerten Verdächtigungen gefeit, er wolle sich wichtig machen. Er ließ sich vom Kanzler beschwichtigen. Dies um so leichter, als ihm Konrad Adenauer einen Brief an Jozef Cyrankiewicz mitgab, in dem des Bundeskanzlers Wunsch nach einem besseren Verhältnis und seine Bereitschaft, den ersten Schritt zu tun, in vorsichtigen Worten umschrieben waren.

Am Sonntag, dem 22. Januar, flog Beitz, begleitet von Carl Hundhausen, mit der Learstar, die gerade aus dem Jagdlager Alfried Krupps im Sudan zurückgekehrt war, über Bornholm nach Warschau. Am Abend besuchten die beiden Missionare im Warschauer Kulturhaus ein Ballett.

Am nächsten Mittag, um 12.30 Uhr, wurden sie wieder bei Cyrankiewicz vorgelassen. Außer dem Dolmetscher

hatte der polnische Ministerpräsident

den stellvertretenden Außenhandelsminister Modrzewski zu der Unterredung hinzugezogen. Nach 130 Minuten vereinbarten Cyrankiewicz und Beitz, über ihr Gespräch Stillschweigen zu wahren. Montagabend, kurz vor 20 Uhr, landeten Berthold Beitz und Carl Hundhausen auf dem Düsseldorfer Flugplatz.

Der hinhaltende Widerstand, den Eckardt noch am selben Tag geleistet hatte ("Nein, Herr Beitz hat keinen Auftrag"), mußte von seinem Amt am nächsten Tag aufgegeben werden, als das Dreisatzkommuniqué erschien.

Mit seiner beharrlichen Skepsis dürfte Felix von Eckardt aber insoweit recht behalten, als auch jetzt noch die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Bonn und Warschau praktisch ausgeschlossen ist: Adenauer glaubt nicht, daß er so weit gehen muß, um Kennedys Ansprüchen zu genügen.

In Warschau denkt man ebenfalls nicht an einen Botschafter-Austausch. Die jüngste Rede des polnischen Parteisekretärs Gomulka über ein Junktim zwischen diplomatischen Beziehungen und der Anerkennung der Oder-Neiße -Linie hat nicht nur alle einschlägigen Spekulationen vorerst gegenstandslos gemacht. Sie hat auch das Gespräch zwischen den Freunden Beitz und Cyrankiewicz am Montag der vergangenen Woche belastet. Beitz rügte die Rede Gomulkas.

Eine Absicht der Polen ist allerdings unverkennbar: Trotz Adenauers Abscheu vor dem Ostblock möchten sie Bonn zu einem langfristigen Handelsvertrag bewegen und zu einer Finanzhilfe noch näher zu definierender Art.

In Essen bereitet man sich inzwischen auf das erste konkrete Ergebnis der Beitz-Diplomatie vor: Professor Hundhausen hat die Zusage der polnischen Regierung, ihm leihweise polnische Kunstschätze zu überlassen, mit der eine am 17. Mai in Villa Hügel beginnende belgisch-ägyptische Ausstellung bereichert werden soll.

Polen-Fahrer Beitz, Freunde Gomulka, Cyrankiewicz (1958: Wahrschau-Schau für Kennedy

Krupps Hundhausen, Ulbricht*: Gefährliche Begegnung?

Frankfurter Rundschau

Rapacki

Trampczynski

* Auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1960.

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