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Hausmitteilung Hausmitteilung Boykott

aus DER SPIEGEL 15/1992

Türken und Deutsche sind Freunde, Türken und Kurden auch - sagen die Türken. Um die einen Freunde mit Nachrichten darüber zu verschonen, was sie den anderen Freunden derzeit antun, stürzten sich Türken in unproduktive Kosten: In Stuttgart und Aalen, Heidenheim, Villingen-Schwenningen und Schwäbisch Gmünd erwarben sie massenhaft den SPIEGEL. Die meisten, rund tausend Exemplare, kauften Türken in Ulm in der Absicht, das unerfreuliche Papier auf dem Münsterplatz zu verbrennen. Der originelle Boykott durch Kauf statt durch Nichtkauf ist laut Ali Demir, Sprecher der Islamischen Vereine in Baden-Württemberg, Protest auch gegen die Serie über Karabach und den Völkermord der Türken an den Armeniern im Ersten Weltkrieg.

Es handele sich aber beileibe um keine koordinierte Aktion, sondern um eine spontane, wenngleich weitverbreitete Unmutsäußerung. Selbiger Unmut erfaßte allerdings auch die Türken in der Türkei. Dort fanden SPIEGEL-Leser in ihren Exemplaren die Kurdenseiten so gut verklebt, daß sie den Artikel nicht lesen konnten. Veli Nergiz, Sekretär des Türkisch-Islamischen Kulturvereins in Ulm, dessen Chef Cahit Ay dem SPIEGEL die teure Beute zeigte, riet der Redaktion in Hamburg: »Schreiben Sie die Wahrheit. Wir sind über tausend Jahre Freunde gewesen.« Letzteres zumindest ist geschönt. Denn bekanntlich brandeten Anno 1683 die Heere der türkischen Freunde noch bis vor die deutsche Kaiserstadt Wien.

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