Zur Ausgabe
Artikel 4 / 88
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Hausmitteilung Hausmitteilung DDR

aus DER SPIEGEL 32/1990

»Leipzig steht vor dem wirtschaftlichen Kollaps«, warnten vergangene Woche in einem dramatischen Appell die Präsidenten der Handwerkskammer, der Industrie- und Handelskammer und des Unternehmerverbandes Sachsen: Weil keine Gewerberäume zur Verfügung stünden, könnten auch keine neuen Arbeitsplätze geschaffen werden.

Wie der Mangel an Büroraum und die Trägheit der Verwaltung jede Initiative blockieren, hat auch der SPIEGEL in Leipzig erfahren müssen. Über einen Monat lang suchte SPIEGEL-Redakteur Lutz Spenneberg, 42, nach Räumen für die neue Leipziger Redaktionsvertretung - eine nervenverschleißende Odyssee durch Amtsgebäude, in denen Spenneberg oft stundenlang anstehen mußte. Allein den jeweils zuständigen Mitarbeiter der Kommunalen Gebäudewirtschaft Leipzig ausfindig zu machen kann Tage kosten. Sachbearbeiter sind telefonisch nicht erreichbar, Sprechtag ist nur einmal wöchentlich, dienstags.

Private Hauseigentümer, deren Räume nicht unter kommunaler Kontrolle stehen, behindern den Zuzug neuer Unternehmen durch überhöhte Mietforderungen. 50 bis 80 Mark pro Quadratmeter werden bereits außerhalb der Innenstadt verlangt, weit mehr als in der City von Hamburg und Düsseldorf. Ein Hausbesitzer wollte nur unter der Bedingung an den SPIEGEL vermieten, daß seine Frau als Redakteurin eingestellt wird.

Vergangene Woche bestand gute Aussicht, daß der SPIEGEL mit dem Leipziger Kulturbund einig wird. In dessen Räume soll so bald wie möglich die erste DDR-Redaktionsvertretung des SPIEGEL außerhalb Berlins einziehen. Dann fehlt dem neuen Korrespondenten nur noch eine Wohnung, wenn's geht mit Telefon.

Zur Ausgabe
Artikel 4 / 88
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel