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Hausmitteilung Hausmitteilung NS-Verbrechen

aus DER SPIEGEL 21/1996

Wie es sich in einer nationalsozialistischen Diktatur lebt, erfuhr SPIEGEL-Redakteur Fritjof Meyer von klein auf, beim »Jungvolk« und als Mitglied des »Volkssturms«, dem letzten Aufgebot vor dem reichsdeutschen Zusammenbruch. Zwölf Jahre alt war Meyer, als ihm 1944 auf dem Bahnhof Weimar Buchenwald-Häftlinge begegneten, und bald danach sah er einen Todesmarsch von KZ-Gefangenen im Harz. Während seines Politologie-Studiums nach dem Krieg arbeitete Meyer lange Zeit im Berliner Entschädigungsamt - tagtäglich konfrontiert mit den Schicksalen jüdischer Deutscher, zuständig für NS-Verfolgte mit den Anfangsbuchstaben S und W und somit für Leute wie Robert Siodmak oder die Erben von Theodor Wolff. Beim SPIEGEL etablierte er sich dann als Ost- und Kommunismusexperte, doch schon 1958 nach einem Besuch in Auschwitz hatte Meyer, wie er sich erinnert, sein »zweites Lebensthema« gefunden: den Nationalsozialismus und dessen Verbrechen. In der Titelgeschichte dieses Hefts untersucht er, wie zahlreich denn nun die Deutschen mit Herz und Hand am Holocaust des NS-Regimes beteiligt waren - ein Streit, der durch ein Buch des US-Soziologen Daniel Goldhagen ("Hitler's Willing Executioners") neuen Auftrieb bekommen hat. Hunderte von Quellen, aufbereitet von Eckart Teichert aus der SPIEGEL-Dokumentation, halfen bei der Beantwortung der Frage, was die Deutschen wußten, überhaupt wissen konnten oder gar nicht wissen wollten (Seite 48).

In den USA steht Goldhagens Werk, wonach die Bürger des NS-Reichs samt und sonders Beihelfer der Nazi-Mörder waren, auf den Bestsellerlisten. Es sei »davon auszugehen, daß es auf das Bild des Holocaust in der amerikanischen Öffentlichkeit prägend wirkt - mehr als andere Bücher«, analysierte die deutsche Botschaft in Washington in einem achtseitigen Papier. Ein großer Bewunderer des Autors ist Erich Goldhagen - der Vater, von jüdischer Herkunft und aus der heutigen Ukraine, später Dozent in Harvard. SPIEGEL-Redakteur Henryk M. Broder, von jüdischer Herkunft und aus Polen, besuchte ihn in Boston und entdeckte Verbindungslinien zwischen der Biographie des alten und der Arbeit des jungen Goldhagen, über die nun alle reden (Seite 58).

Die Fachwelt allerdings geht mit dem Kollektivschuld-Werk, dessen deutsche Ausgabe noch nicht auf dem Markt ist, eher kritisch um - »statt Geschichte«, so der Historiker Gordon A. Craig in der Zeit, »bekommen wir Simplifizierungen«. Mehrere Einladungen, seine Position in einem SPIEGEL-Gespräch zu vertreten, schlug Daniel Goldhagen aus.

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