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aus DER SPIEGEL 48/1996

Seit der Knabe Kaspar Hauser 1828 wie aus dem Nichts in Nürnberg erschien und später dann in Ansbach durch einen Messerstich starb, beschäftigt sein Schicksal die Deutschen. Das Ergebnis sind mehr als 2000 Bücher über ihn und Abertausende Berichte, diverse Dramen und Filme und schließlich auch eine Oper. Forscher wie Künstler und die vielen Amateure waren sich prinzipiell einig: Kaspar Hauser - ein Opfer dynastischer Tücke, als Kind in grausamer Kerkerhaft, in Wahrheit ein badischer Prinz.

Daß der Beweis fehlte am Ende aller Indizienketten, war niemandem vorzuhalten, denn den konnte erst jetzt die Wissenschaft liefern - durch einen DNS-Test, die molekulare Analyse, die gleichsam einen genetischen Fingerabdruck ermittelt. Nachdem mit dieser Methode das Schicksal der von Bolschewiken massakrierten Zarenfamilie bestätigt und die angeblich überlebende Zarentochter Anastassija alias Anna Anderson als Schwindlerin entlarvt worden war, machten sich der Forensic Science Service des britischen Innenministeriums und das Münchner Institut für Rechtsmedizin im Auftrag von SPIEGEL und SPIEGEL TV sowie der Stadt Ansbach auf die Spur des Findelkindes (SPIEGEL 13/1996). Die Fährtensuche fand lebhaftes Interesse unter Kollegen: Etliche Male und mitunter trickreich bemühten sich Medienvertreter, bei den britischen oder den deutschen Wissenschaftlern vorab an die Ergebnisse zu kommen. Doch die stehen erst in diesem Heft: Ein badischer Erbprinz, so die DNS-Analyse, kann Kaspar Hauser nicht gewesen sein, der Märchenprinz ist entzaubert. Die Suche nach seiner Herkunft darf also weitergehen, und eine neue Spur gibt es auch schon (Seite 254).

Auch die Titelbildgestalter ließen Kaspar Hauser nicht ungeschoren. Aus der getuschten Federzeichnung, die ihnen als Vorlage diente, entfernten sie das Briefchen in Hausers Hand. Und sie ersetzten es, ein wenig frivol, durch die Diskette mit den ernüchternden Forschungsresultaten.

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