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KRIEGSVERBRECHEN »Haut ab, die Tschetniks kommen«

Serbengeneral Krstic, der bei den Greueln von Srebrenica das Kommando führte, kommt vor Gericht. Soviel steht jetzt schon fest: Ohne die absichtsvolle Duldung der Westmächte hätte das Massaker nicht geschehen können.
Von Renate Flottau und Erich Wiedemann
aus DER SPIEGEL 50/1998

Die Verhaftung traf General Radislav Krstic vollkommen unvorbereitet. Am Mittwoch, kurz nach 12.30 Uhr, mußte sein Fahrer den Nissan vor der Brücke bei Vrsani anhalten, weil ein Nagelbrett die Straße blockierte. Ehe Krstic reagieren konnte, schlugen zwei US-Soldaten die Windschutzscheibe ein und zerrten ihn aus dem Wagen. Fünf Minuten später landete ein Hubschrauber neben der Straßensperre. Krstic wurde eingeladen und nach Tuzla geflogen. Jetzt wartet er im Gefängnis von Scheveningen auf seinen Prozeß vor dem Haager Kriegsverbrechertribunal.

Radislav Krstic war Chef des Drina-Korps, das im Juli 1995 nach dem Sturm auf die bosnische Enklave Srebrenica Tausende von Bosniaken bestialisch umbrachte. Chefanklägerin Louise Arbor hofft, daß seine Vernehmung Licht in das Dunkel um den Massenmord bringen wird.

Krstic war auch deshalb so überrascht, weil die Stabilisierungstruppe (Sfor) in Bosnien jahrelang kein Interesse an ihm hatte. Sie hätte ihn längst greifen können, wenn sie ihn hätte haben wollen. Er arbeitete als Vorsitzender der Kommission zur Beseitigung von Minen eng mit den Nato-Einheiten zusammen. Daß er nun verhaftet wurde, signalisiert eine dramatische Wende in der westlichen Balkan-Politik.

Die Parforcetouren des jugoslawischen Staatschefs Slobodan Milosevic im Kosovo und die Drangsalierung der Opposition in Belgrad haben vor allem Washington zu der Überzeugung gebracht, daß eine Fortsetzung des Schmusekurses gegenüber den Stahlhelm-Serben dem Balkan keinen Frieden bringen wird. Deshalb ist die Schonzeit für die serbischen Kriegsverbrecher vorbei. Der Geheimdienst CIA hat im übrigen Order, den Sturz von Milosevic vorzubereiten.

Für die Ergreifung des ehemaligen Präsidenten der serbisch-bosnischen Republik, Radovan Karadzic, und seines Armeechefs Ratko Mladic setzten die Amerikaner Ende November eine Belohnung von fünf Millionen US-Dollar aus. Die beiden Gesuchten sollen sich vor allem für den Massenmord in Srebrenica verantworten. Der Name Srebrenica steht für den schlimmsten Massenmord in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Das Internationale Rote Kreuz hat 7363 Männer registriert, die nach der Eroberung Srebrenicas durch die serbisch-bosnische Armee im Juli 1995 verschwanden. Es können auch tausend mehr gewesen sein.

Die 40 000 in Srebrenica eingeschlossenen Flüchtlinge standen unter dem Schutz der Nato und der Vereinten Nationen. Doch als es darauf ankam, waren sie schutzlos. Das Megamassaker wurde erst möglich durch die augenzwinkernden Verbindlichkeiten, mit denen die westliche Wertegemeinschaft sich selbst zum Popanz machte. Srebrenica war auch ein krasser Fall von unterlassener Hilfeleistung, die in Einzelfällen in Mittäterschaft ausartete.

Die Vereinten Nationen hatten 1993 Srebrenica und fünf weitere von den Serben belagerte bosnische Städte zu »Schutzzonen« erklärt. Die Uno-Friedenstruppen unterliefen aber den Entschluß, indem sie die Bevölkerung systematisch evakuierten und den Weg für die Serben freimachten. Barry Hollyworth, Mitarbeiter einer britischen Hilfsorganisation: »Die Muslime hatten nur die Wahl, wie Vieh abtransportiert oder wie Schafe abgeschlachtet zu werden.«

Nach Lage der Dinge war damit zu rechnen, daß die Serben im Juli 1995 im eroberten Srebrenica ein infernalisches Vendetta-Festival ausrichten würden. Am 11. Juli, kurz nach der Übernahme, drohte Mladic, der Oberkommandierende der serbisch-bosnischen Streitkräfte, nun sei der Moment gekommen, »Rache an den Türken zu nehmen«.

Der amerikanische Geheimdienst CIA und die U. S. Air Force hatten von dem bevorstehenden Angriff gewußt. Sie hatten hier alles im Einsatz, was lauschen und spionieren konnte. Die Nato hätte das serbische Kriegsgerät in dieser Offensivphase mit gezielten Raketensalven außer Gefecht setzen können. Doch die Unprofor-Stäbe in Tuzla, Zagreb und Sarajevo hatten keine Ahnung von den Angriffsvorbereitungen - weil die Amerikaner ihr Wissen für sich behielten.

* Im Jahr 1996.

Die Kriegsberichterstatter Cabell Bruce von Reuters Television und Roy Gutman von »Newsday« behaupten, der französische Unprofor-Oberkommandierende General Bernard Janvier habe in einem Geheimabkommen vom 4. Juni 1995 Serbengeneral Mladic den Verzicht auf den Einsatz von Nato-Luftstreitkräften zugesichert. Sicher ist: Janvier wollte nicht in eine militärische Auseinandersetzung mit den Serben verwickelt werden, vor allem wegen der sentimentalen Bindungen Frankreichs an Serbien, die noch aus den Tagen der Waffenbrüderschaft mit Tito herrührten. Ihm lag an einem schnellen Frieden, im wesentlichen zu serbischen Bedingungen.

Manche französischen Offiziere, so hieß es später in der Pariser Tageszeitung »Le Monde«, seien regelrechte Berater der Serben gewesen. Sie drängten die Serben auch dazu, sich der im Friedensabkommen von Dayton im November 1995 vereinbarten Wiedervereinigung Sarajevos unter der Hoheit des Staates Bosnien-Herzegowina zu widersetzen. Französische Offiziere bei der Unprofor (Schutztruppe der Vereinten Nationen) stehen auch in dem Verdacht, geheime militärische Operationspläne an die Serben verraten und Entlastungsluftangriffe auf die serbischen Belagerer von Srebrenica verhindert zu haben.

US-Präsident Bill Clinton rief bedenkenträgerisch den Europäern immer wieder ihre Solidarpflichten in Erinnerung. Aber die eigenen Boys wollte er natürlich nicht in diesen häßlichen Winkel des alten Kontinents schicken.

Die beiden Politikwissenschaftler Jan Willem Honig und Norbert Both schreiben in ihrem Buch »Srebrenica": »Was die Clinton-Administration betrifft, so verfolgte sie eine extrem moralische Politik, obwohl sie absolut nicht gewillt war, die Verantwortung für diese Linie zu übernehmen.«

Das komplizierte politisch-moralische Geflecht wird noch komplizierter dadurch, daß der bosnische Präsident selbst ein Zinker war. Fast alles spricht dafür, daß Alija Izetbegovic mit Serbengeneral Mladic heimlich einen Gebietsaustausch ausgekungelt hatte. Danach sollten sich die Serben Srebrenica holen und im Austausch dafür die serbisch besetzten Vororte von Sarajevo räumen.

Im Bosnien-Krieg war die schwächere Partei nicht immer auch die menschlichere, wie aus dem Protokoll jener gemeinsamen Sitzung von Vertretern internationaler Organisationen und bosnischen Militärbefehlshabern am 30. Mai 1993 in Tuzla hervorgeht. Vormittags hatte sich ein Konvoi mit 2500 Flüchtlingen von Srebrenica auf den Weg nach Tuzla gemacht. Die bosnische Militärdelegation reagierte abweisend. Abdullah Basic, ein enger Mitarbeiter von Präsident Izetbegovic, forderte kategorisch: »Der Konvoi darf nicht in die Stadt kommen. Wir sind bereit, diese Leute zu opfern.«

Die fortgesetzten Evakuierungen unter der Führung von Uno-Truppen deckten sich nicht mit ihren militärischen Zielen. Die Bosnier wollten die Zivilbevölkerung in den Krieg hineinziehen, um die serbischen Gegner bloßzustellen: Seht her, die Barbaren vergreifen sich an Frauen und Kindern. Die Flüchtlinge kamen dann später doch in die Stadt. Aber nur, weil nachgeordnete Instanzen die Blockade-Order ignorierten.

Die niederländischen Soldaten, die in Srebrenica stationiert waren, um die Zivilbevölkerung vor Übergriffen zu schützen, waren total überfordert. »Wir glaubten, und manche glauben noch immer, daß Holland ein weißer Engel in einer finsteren Welt ist«, sagte der liberale Parlamentsabgeordnete Jan Hoekema. »Jetzt fragen wir uns, ob wir wirklich immer Helden gewesen sind.« Nein, in Srebrenica ganz gewiß nicht.

Um bösen Menschen zum Sieg zu verhelfen, so hatte Verteidigungsminister Joris Voorhoeve gesagt, brauchten gute Menschen nur die Hände in den Schoß zu legen. Deshalb müsse man handeln. Dafür bekam Voorhoeve viel Applaus. Die unverschämte serbische Konquista sollte notfalls mit Waffengewalt auseinandergejagt werden. Die Niederländer gingen verwegenerweise davon aus, daß ihre zivilisationsverwöhnten Soldaten den kampferprobten serbischen Tschetniks ebenbürtig waren.

Der Einsatz der Dutchbatter, wie sie neckisch genannt wurden, war von Anfang an ein grundnaives Unternehmen. Sie sollten dem serbischen Bären, falls nötig, das Fell versohlen. Aber sie sollten es möglichst im Einklang mit den humanitären Grundwerten der Nation tun. Am besten den Störer mit guten Argumenten zur Einsicht bringen.

Um weniger bedrohlich zu wirken, sollte das Dutchbat keine Kettenfahrzeuge, sondern nur bereifte Panzerwagen mit auf den Weg bekommen. Weil die Umrüstung zu teuer war, setzte Minister Voorhoeve dann doch Schützenpanzer vom Typ YPR ein. Damit sie nicht so provozierend wirkten, wurden aber vorher die Kanonen gegen Maschinengewehre ausgetauscht.

Die Dutchbatter waren entsetzt über die kongolesischen Zustände in der Enklave. Die lokale Mafia plünderte die eigenen Landsleute gnadenlos aus. Sie klaute den Holländern Waffen und verkaufte diese an die serbischen Belagerer. Krankenhausärzte beschwerten sich darüber, daß Mafiosi in den Operationssaal eingedrungen seien und narkotisierte Patienten umgebracht hätten. Einmal lief einer ihrer Führer mit einer Art Lanze durch den Ort, auf die er den abgehackten Kopf eines angeblichen Spions gespießt hatte.

Am 9. Juni 1995 schrieb Feldwebel Piet Hein Both in einem Brief an seine Frau: »Nach sechs Monaten stelle ich mir selbst die Frage: Was sollen wir überhaupt hier?«

Am 6. Juli griffen die Serben an. Und zwar gegen alle Vereinbarungen. Dutchbat-Kommandeur Oberstleutnant Ton Karremans ließ aber nicht zurückschießen, obwohl er dazu nach den Statuten ermächtigt gewesen wäre. Er war wie gelähmt.

Als von der Zentrale der Fax-Befehl zur Abriegelung der Zufahrtsstraßen kam, sei seinen Leuten ein tüchtiger Schreck in die Glieder gefahren, erinnert sich Feldwebel

* Nach der Ankunft in Tuzla.

Arthur Batolona. Denn: »Bei so einem Einsatz konnte man leicht getötet werden.« Man denke. Daß ein Krieg für die darin verwickelten Soldaten unter Umständen lebensgefährlich werden konnte, das war in Den Haag wohl nicht bedacht worden.

Die Niederländer gaben in der Schlacht von Srebrenica keinen einzigen gezielten Schuß ab. Sie feuerten nur ein paar MG-Salven über die Köpfe der Angreifer hinweg und gaben ein paar Schüsse aus einer Haubitze ab.

Erst am 10. Juli um 19 Uhr forderte Dutchbat-Vizekommandeur Major Rob Franken beim Sektor Nordost in Tuzla Luftunterstützung an. General Janvier ließ daraufhin seinen Krisenstab zur Beratung antreten. Die Mehrheit der Teilnehmer war sich einig: Bomben - und zwar sofort. Nur General Janvier war dagegen. Er sagte, er brauche mehr Informationen, um sich entscheiden zu können.

Daraufhin telefonierte der amerikanische Verbindungsoffizier erst einmal mit dem italienischen Nato-Luftwaffenstützpunkt Vicenza, der niederländische Verbindungsoffizier setzte sich mit Den Haag in Verbindung und General Janvier mit Sarajevo. Um 21.10 Uhr sprach Janvier auch noch mit Mladic - ausgerechnet mit Mladic.

Kurz nach 21 Uhr formierte sich über Norditalien ein Schwarm von Nato-Kampfbombern. Wenn sie den Einsatzbefehl erhalten hätten, wäre eine halbe Stunde später ein Bombenteppich auf die Serben niedergegangen. Aber der Befehl kam nicht. Ab 6 Uhr früh am nächsten Tag hoben auf verschiedenen italienischen Luftstützpunkten erneut 60 Bomber, Abfangjäger, Tankflugzeuge und Awacs-Aufklärer ab. Target Time: 6.50 Uhr. Bedingung: Dutchbat mußte rechtzeitig eine aktualisierte Zielliste übermitteln. Dieser Befehl erreichte Srebrenica aber nicht. Um 8 Uhr Anfrage vom Dutchbat-Kommando in Sarajevo: Wo bleiben die Bomber? Wieder Fehlanzeige. Diesmal konnte die Anfrage nicht rechtzeitig weitergeleitet werden, weil in Sarajevo das Faxgerät kaputt war.

Das Bombardement verzögerte sich später noch einmal um eine Stunde, weil der diensthabende pakistanische Operationschef in Tuzla das Antragsformular mit der Überschrift »Luftangriffe« zurückwies. Er wollte einen Antrag auf »Luftnahunterstützung«.

Nach einem weiteren Hilferuf gab General Janvier kurz nach zwölf endlich den Befehl zur Attacke. Er hätte wissen müssen, daß die Flugzeuge um 11.30 Uhr auf ihre Luftstützpunkte zurückgekehrt waren. Nun mußte erst wieder ein neues Geschwader zusammengestellt werden. Statt 60 waren es diesmal nur 18 Maschinen. Aber nur eine einzige niederländische F-16 warf eine Bombe ab. Zwei amerikanische Jets kreisten ein paar Minuten über dem Kampfgebiet und flogen dann zurück, angeblich weil sie ihr Ziel nicht gefunden hatten.

Nachdem die Bomber verschwunden waren, liefen die Holländer durch die Stadt und schlugen Alarm: »Haut ab nach Potocari, die Tschetniks kommen!« Kurz nach 16 Uhr übernahmen die Serben dann das Rathaus und das Postamt.

Tausende, die zu schwach für den Marsch nach Potocari im Norden der Enklave waren, drängten in die alte Textilfabrik, in der die Bravo-Kompanie des Dutchbat Quartier bezogen hatte. Die Holländer nahmen so viele von ihnen auf, wie sie konnten. Als der Hof voll war, schlossen sie die Tore. Dabei wurden auch Männer von ihren Frauen und Kinder von ihren Eltern getrennt.

Es gab Holländer, die ihr Leben riskierten, um Flüchtlingen zu helfen. Dutchbat-Kommandeur Ton Karremans war allerdings keiner von ihnen. Bei den Unterlagen des Uno-Kommandos in Sarajevo fand sich nach Kriegsende auch ein an Karremans gerichtetes Schriftstück, in dem es hieß, es seien »alle vernünftigen Maßnahmen zum Schutz der Flüchtlinge und Zivilisten zu ergreifen«. Karremans hatte darübergekrakelt: »Nicht möglich.«

Am Tag nach dem Sturm wurde Mladic gesehen, wie er sich hoch zu Roß am Anblick der muslimischen Flüchtlinge erfreute. Er soll gerufen haben: »Es wird ein Fest werden, dann reicht das Blut bis zu den Knien.«

Mladic übertrieb nicht. Dutchbat-Soldaten erzählten später von Reihenvergewaltigungen und abgeschnittenen Ohren. Ein Mann sei mit Kupferdraht an den Hoden aufgehängt worden. Feldwebel Johan Bos sagte dem Londoner »Independent on Sunday": »Sie prahlten damit, wie sie Leute umgebracht und Frauen vergewaltigt hatten ... Sie schienen auf eine professionelle, unaufdringliche Art mit sich selbst zufrieden zu sein.«

Für die Krankenschwester Christine Schmitz von der Hilfsorganisation »Ärzte ohne Grenzen« kulminierte das Grauen in der Begegnung mit jenem jungen Mann, der von einem serbischen Soldaten bewacht wurde und der ihr sein Baby entgegenstreckte. Er sagte, seine Frau sei bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen, und er selbst müsse mit dem Schlimmsten rechnen, das Kind habe dann niemanden mehr. Er weinte.

Christine Schmitz notierte den Namen des Vaters auf einem Zettel und nahm ihm das Kind ab. Dann wurde der Mann weggeführt. Seitdem ist er verschollen. Christine Schmitz schrieb abends in ihr Tagebuch: »Dies ist der schrecklichste Moment für mich, den ich die ganze Zeit erlebe.«

In der Nacht zum 12. Juli rückten mehrere tausend überwiegend unbewaffnete junge Männer aus Srebrenica aus, um sich quer durch serbisches Gebiet ins bosnisch kontrollierte Tuzla durchzuschlagen. Sie kamen bis kurz vor Kravica. An der Asphaltstraße, die die Ortschaften Nova Kasaba und Konjevic Polje miteinander verbindet, liefen sie ins Feuer der Serben. Einige Bosnier begingen Selbstmord, um nicht in Gefangenschaft zu geraten. Sie steckten sich Handgranaten in den Mund und zogen ab. Die meisten wurden gefangengenommen und in Lager getrieben.

Bei den amerikanischen Srebrenica-Akten sind zwei Luftbilder, die ein U-2-Aufklärer von dem Fußballplatz nördlich von Nova Kasaba und seiner Umgebung geschossen hat. Das erste Foto vom 13. Juli zeigt etwa 600 Menschen auf dem Spielfeld, das zweite zeigt ein leeres Spielfeld und in der Nähe des Fußballplatzes ein frisch umgegrabenes größeres Areal.

Die Bilder wurden auch der amerikanischen Uno-Botschafterin Madeleine Albright vorgelegt. Allerdings erst einige Wochen später. Warum schlug die Air Force nicht gleich am ersten Tag Alarm? So, wie die Serben in und um Srebrenica gewütet hatten, mußte man wohl davon ausgehen, daß die 600 Männer auf dem Sportplatz in akuter Lebensgefahr waren.

Zwei niederländische Uno-Soldaten, die am 13. Juli in Nova Kasaba übernachteten, haben ausgesagt, sie hätten zwischen 2.30 und 3.30 Uhr Schüsse vernommen. Am nächsten Vormittag sahen sie dann etwa 700 noch nicht beerdigte Leichen an der Straße nördlich der Stadt liegen.

Doch die Uno reagierte auch nicht, als Oberst Charlef Brantz am 13. Juli meldete, nur noch »rechtzeitiges Handeln (könne) Menschenrechtsverletzungen unterbinden«. Ratko Mladic wäre für die Unprofor Tag und Nacht telefonisch zu erreichen gewesen. Warum rief nicht mal einer an: Mach Schluß, sonst hagelt es Bomben auf Pale.

Die Kette der Killing Fields zieht sich quer durch die »Schutzzone« von Srebrenica am Westufer der Drina entlang, etwa 50 Kilometer nach Norden. Jeder Ortsname steht für infernalisches Grauen: Karakaj, Pilica, Bratunac, Kravica, Potocari, Nova Kasaba.

Drazen Erdemovic, ein kroatischer Deserteur in serbischen Diensten, sagte im November 1996 vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag aus, allein in Pilica seien rund tausend Männer aus Srebrenica entwaffnet und anschließend umgebracht worden. Die Niederländer wußten das. Trotzdem unterschrieb Dutchbat-Vizekommandeur Robert Franken eine Erklärung, in der er den Eroberern bescheinigte, sie hätten sich »an die Genfer Konvention und an das internationale Kriegsrecht gehalten«.

Wahr ist: Die Serben veranstalteten in Srebrenica eine planmäßige ethnische Säuberung, und die Holländer sahen tatenlos zu. Schlimmer noch: Einige von ihnen sollen den Mördern sogar noch zur Hand gegangen sein. Die Staatsanwaltschaft in Arnheim, ein unabhängiger Untersuchungsausschuß und das Amsterdamer Reichsinstitut für Kriegsdokumentation prüfen jetzt - unabhängig voneinander - die Frage, ob Dutchbat-Soldaten sich der Kollaboration mit den Massenmördern schuldig gemacht haben.

Einige wichtige Beweisstücke sind nicht mehr verfügbar. Ein Kleinbildfilm mit Fotos vom Tatgeschehen, den Leutnant Ron Rutten aufgenommen hat, wurde zerstört, weil ein Laborant im Verteidigungsministerium den falschen Entwickler verwendete - versehentlich, wie es hieß. Die anderen Filme waren auf Wunsch von General Ratko Mladic schon vorher vernichtet worden.

Minister Voorhoeve weist den Verdacht zurück, es habe ein geheimes Abkommen mit den Serben gegeben, in dem sich die Holländer verpflichtet hätten, belastendes Material unbrauchbar zu machen. Allerdings seien im allgemeinen Durcheinander durchaus »Fehler und Fehlerchen« (fouten en foutjes) passiert.

Das Fernsehmagazin »Nova« deckte Anfang August auf, daß auch die Ermittlungsakten des Ministeriums gefleddert worden waren. Es fehlt zum Beispiel das Protokoll der Vernehmung von Leutnant Rutten. Er hatte ausgesagt, einige seiner Kameraden hätten den Serben bei der Selektierung der Todeskandidaten geholfen.

In der Tat räumten Dutchbatter ein, daß sie mitselektiert hatten. Es sei ihnen aber nicht bewußt geworden, daß die ausgewählten Männer und Frauen hätten ermordet werden sollen.

Mitte August wurde in Arnheim ein Strafverfahren gegen acht holländische Blauhelme eingeleitet, die in der Nacht zum 12. Juli mit ihrem Panzer 20 bis 30 bosnische Muslimsoldaten absichtlich niedergewalzt haben sollen. General Hans Couzy hat seinen Jungs vorab schon mal Dispens erteilt. Er sagte, es gebe Gefechtssituationen, in denen man die Verkehrsregeln nicht beachten könne.

In einem »Management-Bericht« der niederländischen Militärpolizei wird auch erwähnt, daß todgeweihte bosnische Gefangene holländischen Soldaten Bargeld anvertraut hatten, mit der Bitte, es daheim auf die Namen von Familienangehörigen auf Sparkonten einzuzahlen. In einem Fall waren es nicht weniger als 120 000 Mark. Das Geld ist verschwunden.

Hans Couzy, der Oberkommandierende der niederländischen Landstreitkräfte, sagte, die Dutchbatter seien fast ausnahmslos davon überzeugt gewesen, daß »die Serben die good guys waren«. Oberstleutnant Karremans machte später auf einer Pressekonferenz in Zagreb auch noch mal deutlich, wem seine Sympathien gehörten. General Mladic, so schwärmte er, habe einen »korrekten Angriff« geführt. Die Eroberung von Srebrenica sei eine »hervorragend geplante Militäroperation« gewesen. »Fast wie ein Pac-Man-Spiel.«

Oberstleutnant Karremans fand auch nichts dabei, mit Mladic auf dessen bestialischen Sieg anzustoßen und sich dabei fotografieren zu lassen. Hinterher sagte er zu seiner Entschuldigung, es sei nur Wasser in den Gläsern gewesen.

Die Niederländer durften zehn Tage nach dem Fall von Srebrenica ungehindert abziehen. Drei Tage danach reisten Premierminister Wim Kok, Verteidigungsminister Joris Voorhoeve, zahlreiche Abgeordnete, eine Blaskapelle und Kronprinz Willem Alexander in der Uniform eines Majors der Streitkräfte nach Zagreb, um ihre Helden zu begrüßen.

Oberstleutnant Karremans wurde später auf eine Luftwaffenbasis im US-Staat Virginia versetzt, weil er nicht länger daheim als Antiheld der Nation herumlaufen sollte. General Rupert Smith, Kommandeur der britischen Uno-Truppen, gilt dagegen weiterhin als untadelig, obwohl unter den gegebenen Umständen nicht auszuschließen ist, daß er indirekt am Tod vieler Opfer mitschuldig war.

Smith schloß nach dem Einmarsch der Serben mit General Mladic eine Art Abkommen, in dem ausdrücklich vereinbart wurde, daß gefangengenommene Bosnier im wehrfähigen Alter nicht als Kriegsgefangene betrachtet werden sollten. Zivilisten, die im Krieg Waffen tragen, dürfen nach der Genfer Konvention aber als Partisanen behandelt und unter Umständen erschossen werden. Kann es sein, daß ein Nato-General das nicht wußte?

Diese Frage wird spätestens dann aufgeworfen werden, wenn sich die zwei Kriegsherren Radovan Karadzic und Ratko Mladic in Den Haag für ihre Verbrechen verantworten müssen.

Der Belgrader Anwalt Toma Fila hat sie in ihren Verstecken besucht. Er sagt: »Karadzic wird sich irgendwann stellen, aber Mladic ist ein Soldat, er wird niemandem lebend in die Hände fallen.«

Der französische Verbindungsoffizier Major Hervé Gourmillon hat Karadzic 1996 und 1997 mindestens ein halbes dutzendmal heimlich getroffen und ihn angeblich vor seiner geplanten Festnahme gewarnt. Das Verteidigungsministerium in Paris räumte ein, Gourmillon habe »Beziehungen gehabt, die umstritten erscheinen könnten«. Es hat aber das angekündigte Untersuchungsverfahren bis heute nicht eingeleitet. Die Regierung Jospin weigert sich auch, französischen Offizieren die Genehmigung zur Aussage vor dem Haager Tribunal zu erteilen.

Weil der politische Wille zur Aufklärung bislang fehlte, blieb die Mehrheit der Leichen anonym, die in und um Srebrenica exhumiert wurden und die jetzt in einem Tunnel in der Nähe des Leichenschauhauses von Tuzla verwahrt werden.

Die Toten liegen, in fleckige weiße Laken gehüllt, auf langen hölzernen Regalen. An jeder Leiche ist ein Zettel mit Angaben über den Fundort und die mutmaßliche Todesursache befestigt. Auf ganz wenigen Zetteln steht auch ein Name. Die Leichen könnten fast alle nur noch mit Hilfe von Gentests identifiziert werden. Doch das ist teuer, und die Republik Bosnien ist arm, sie braucht ihr Geld für die Lebenden.

RENATE FLOTTAU, ERICH WIEDEMANN

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Kartenausriß Schutzzone Sebrenica

Flüchtlingsrouten seit dem 12. Juli 1995 - Kartenausriß

[GrafiktextEnde]

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Kartenausriß Schutzzone Sebrenica

Flüchtlingsrouten seit dem 12. Juli 1995 - Kartenausriß

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* Im Jahr 1996.* Nach der Ankunft in Tuzla.

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