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GESTAPO Heberlein ist abgereist

aus DER SPIEGEL 28/1950

Am blauen Spanien-Himmel deutscher Gestapo-Pensionäre zogen Wölkchen auf. Sie beschatteten auch das idyllische Gartenheim des einstigen Gestapochefs Vey im Madrider Villenviertel Viso.

Ihn und die anderen deutschen Gestapostäbler - Mosig, Hammes, Singer und sonstige - hatten die Spanier im Frühjahr 1946 auf alliiertes Verlangen den Amerikanern an den Madrider Flugplatz geliefert. Die flogen mit ihnen zum historischen Hohenasperg.

Den Zwangsaufenthalt auf dem schwäbischen Festungshügel überstanden die Gestapo-Gäste gut. Schlank, doch guter Dinge kehrte zwei Jahre später einer nach dem anderen nach Spanien zurück.

Jetzt veröffentlicht einer der höchsten Beamten des spanischen Außenministeriums, José Maria Doussinague, während der zweiten Weltkriegszeit rechte Hand der sich ablösenden Minister, als Rechtfertigung der damaligen spanischen Politik ein aufschlußreiches Buch: »Espana tenia razon« - Spanien hatte recht.

Viele Worte widmet er dem für Spanien sensationellsten Menschenraub der Gestapo. Ueber den durfte die spanische Presse bis heute kein Wort schreiben.

Minister Erich Heberlein. Botschaftsrat bei der Deutschen Botschaft in Madrid, wurde während des Krieges mit seinem Chef v. Stohrer in die Wilhelm-Straße zurückversetzt. Anfang der Sechziger schon, war er für den resoluteren NS-Kurs des späteren Botschaftsgewaltigen v. Bibrach und des der Botschaft als Polit-Kommissar beigeordneten Landesgruppenleiters Thomsen untauglich.

Es gelang ihm, beim Berliner Auswärtigen Amt einen spanischen Krankheitsurlaub zu erwirken. Von diesem Urlaub kehrte er nicht mehr zurück. Drängen und Drohen nützte absolut nichts. Er blieb mit seiner Frau, der in der Madrider Gesellschaft beliebten Spanierin Margot Calleja, auf seinem Landgut »La Legua« in der Nähe von Toledo.

Nicht lange. In der Nacht vom 17. zum 18. Juni 1944 erhielt er späten Besuch. Die Dienstboten schliefen bereits. Heberlein öffnete die Tür. Er prallte zurück. Zwei in Madrid stationierte Ehrenmänner der Gestapo hielten ihm ihre Revolver vor die Nase und drangen ins Haus ein.

Draußen standen zwei Autos mit weiterer Gestapo-Besatzung. »Raus mit den Schweinen, rin ins Auto!« lautete ihre Order. Im Nu hatten sie das Ehepaar in beiden Wagen verstaut.

Alles rollte ab, ganz wie in einem Gangsterfilm. Auf dem Flugplatz Barrajas wartete schon das Sonderflugzeug des deutschen Luft-Attachés General Krahmer. Donna Margot, immer die Pistolenläufe an den Rippen, wurde im Auto durch halb Spanien zur französischen Grenze transportiert. Ohne Schwierigkeiten passierte man an der internationalen Brücke in Irun die spanische Grenzschranke. Auf der anderen Seite begann damals noch das Dritte Reich.

Am nächsten Morgen suchten auf »La Legua« die Dienstboten vergeblich ihre Herrschaft. Die schien vom Erdboden verschwunden. Mittags kamen spanische Freunde, zum Essen eingeladen. Die Gastgeber blieben weiterhin verschwunden. Man schöpfte Verdacht. Das Zivil-Gouvernement von Toledo wurde benachrichtigt, dann die Madrider Sicherheits-Generaldirektion.

Die wandte sich an die Deutsche Botschaft. Dort wußte man Bescheid: »Das Ehepaar Heberlein ist abgereist, um in Deutschland den an der Front schwerverwundeten Sohn zu besuchen.«

Im Madrider Außenministerium war man außer sich vor Empörung über den Fall Heberlein. Für Sir Samuel Hoare, Londons Botschafter in Madrid, war er eine wahre Götterspeise. Auch in seinen Erinnerungen - »Gesandter in besonderer Mission« - erinnert er an den Menschenraub. Der sei »mit Billigung der spanischen Polizei, ja sogar mit ihrer Hilfe« geschehen. »Außenminister Jordana, ein typischer Spanier, der einen Widerwillen gegen jede fremde Einmischung hatte, empfand die tiefe Schmach dieses Verbrechens, das auf spanischem Boden verübt worden war.«

Jordanas Ministerium wollte die Verschleppten zurückhaben. Es ließ seinen Berliner Botschafter Vidal scharf auftrumpfen.

Vidals Worte wirkten nicht. Die Eheleute waren längst gut untergebracht - in zwei verschiedenen KZs. Nach dem Kriege konnte Madrid als Erfolg für sich buchen, daß die beiden Heberleins am Leben blieben: Amerikaner befreiten sie und ließen sie bald nach Spanien abreisen.

Nun rätselraten der gewesene Gestapochef Vey, der bei der Verschleppung eine Rolle spielte, und seine Getreuen, was es zu bedeuten hat, daß der Fall plötzlich aufgewärmt und der spanischen Oeffentlichkeit vorgesetzt wird.

Die a.D.-Gestapo-Größen befürchten, ein Prozeß wegen Menschenraubs könnte in USA einen guten Eindruck machen.

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