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USA Heckenschütze gegen Dreckschleudern

Von Matthias Matussek
aus DER SPIEGEL 6/1996

Dieser Verrat funkelt. Er ist eine Gemeinheit der Sonderklasse. Ein Machwerk als Meisterwerk: »Primary Colors« heißt der Schlüsselroman, eine porentiefe Studie über die Clintons im letzten Präsidentschaftswahlkampf, über die Durchstecher und Steher in der Raumstation Washington, über die Moral der Baby-Boomer und den Verfall der öffentlichen Kultur. Der Autor: Anonymus*.

Natürlich hätte er sich ein schwungvolles Pseudonym zulegen können und damit Dampf aus der Sache gelassen. Ein Henry Smith als Verfasser hätte die schlafenden Hunde nicht geweckt. Aber »Anonymus«, das schreit nach Maulwurf und Sickergrube und Stimmen in dunklen Parkhäusern wie im Watergate-Film.

Seither sind die Paranoiker und Klatschtaschen in Washington an Whitewater und den rätselhaft wiederaufgetauchten _(* Anonymus: »Primary Colors«. Random ) _(House, New York; 368 Seiten; 24 Dollar. )

Rechnungsbelegen der First Lady nicht mehr interessiert. Presse und Regierung, Demokraten und Republikaner fragen sich: Wer ist Anonymus? Einer von uns? Einer von denen?

Ein möglicher Steckbrief: Weiß, männlich, Mitte vierzig, begabt bis zur Gerissenheit. Er kennt den Präsidenten und die First Lady aus der Nähe - ein enger Mitarbeiter im Weißen Haus, gar ein Freund also?

Clinton-Adjutanten wie George Stephanopoulos oder Mandy Grunwald dementierten die Autorenschaft wütend. Die Reportergrößen Washingtons taten es bedauernd - alle hätten dieses Buch gern geschrieben. Einhellige Meinung: Ein solches Werk lohnt jeden Verrat.

»Primary Colors« ist ganz sicher der beste psychologische Polit-Thriller seit Warrens »All the King''s Men«, eine 1946 erschienene Abrechnung mit dem autokratischen Louisiana-Gouverneur Huey Long, und sicher so witzig wie die Bush/ Atwater-Satire »American Hero« von Larry Beinhart.

Als der Verleger im letzten Juni die ersten Seiten anonym zugeschickt bekam, bot er eine sechsstellige Summe und kaufte über Mittelsmänner die Rechte. Mit sicherem Instinkt. Die erste Auflage ist schon wenige Tage nach Erscheinen vergriffen. Was ist aufregender als die Indiskretion?

Auf der Suche nach Anonymus gelang es einem der Hauptverdächtigen (und durch diesen Verdacht enorm Geschmeichelten), dem Time-Kolumnisten Walter Shapiro, den Geisterschreiber im Datennetz zu stellen. Anonymus, höflich und kühl und melancholisch ("Ich bin einsam"), verweigerte alle Auskünfte zur Person, gab allerdings zu, von Tom Wolfes »Fegefeuer der Eitelkeiten« inspiriert worden zu sein.

Tom Wolfe? Durchaus eine Möglichkeit. Über dessen stilistische Raffinesse, sein Talent, Facts und Fiction zu mischen, verfügt auch Anonymus. Also doch keine Politnase, sondern ein begabter Außenstehender, ein glänzender Bauchredner? Man müsse nicht überall dabeigewesen sein, ermahnt Anonymus den Mann von Time, »Recherche und Phantasie genügen«.

Und Stil. Der Roman beginnt mit einer brillanten politisch-anatomischen Studie über die Kunst des Händedrucks. Hintergrund: Clintons Ochsentour durch die Vorwahlen zur Präsidentschaft, Frühjahr 1992.

Der Kandidat schreitet die Reihen ab und schüttelt Hände. Millionenmal hat er das getan. Nichts Besonderes an diesem Händedruck. Der Kandidat allerdings ist ein »Genie mit der anderen Hand": Er legt sie auf deinen Ellbogen oder auf den Bizeps. Reflexartig. Er freut sich, dich kennenzulernen. Manchmal legt er sie auf deine Schulter - ihr seid Freunde und teilt ein Geheimnis. Dann gibt es den innigen, seriösen Zweihänder, wobei er seinen berühmten feuchten Blick zeigt. Und keiner kann zuhören wie er. »Das aggressivste Zuhören, das die Welt je erlebt hat: Hör-Aerobics.«

Der Kandidat heißt Jack Stanton und ist Bill Clinton, ein unbekannter Südstaaten-Governor, ein übergewichtiger Missionar, der die einfachen Menschen liebt, die einfache Kost, Hamburger vorzugsweise und Schokoladenkringel, sowie den einfachen, schnellen Friseusen- und Empfangsdamen-Sex.

An seiner Seite hat er Susan, einen eisernen Drachen in Chanel, eine machthungrige Tugend-Dröhne vom gelackten Scheitel bis zur hochhackigen Sohle, durchaus in der Lage, dem Kandidaten den Handrücken ins Gesicht zu schlagen, und zwar, wenn es denn das höhere Ziel erfordert, vor versammelter Mannschaft.

Beide sind als studentische Wahlkampfhelfer McGoverns in die Politik geraten und süchtig geworden, Anfang der Siebziger, als es noch die Guten und die Bösen gab und die Revolution über Wahlkampfslogans zu haben war. Jetzt sind sie auf dem Sprung nach ganz oben.

In Rudimenten ist der alte Glaube noch vorhanden, zerhämmert und gestreckt auf dem Weg durch die Institutionen. Es sind diese Rudimente, die den Erzähler Henry Burton als Wahlkampfoffizier in ihr Lager treiben. Burton ähnelte George Stephanopoulos, Clintons smartem Wunderknaben, wäre er nicht farbig. Er ist Kind eines Bürgerrechtlers und einer weißen Südstaatlerin, ein Mischling, einer zwischen den Stühlen, den radikalen schwarzen Demagogen ebenso verdächtig wie den weißen Reaktionären. Das erlaubt ihm (und dem Autor) den skeptischen Blick.

Er ist begeisterungsfähig und trotzdem jederzeit in der Lage, einen Schritt zurückzutreten. Deshalb ist dieser Roman auch eine Studie über Rassen-Identität. Burton notiert amüsiert die Verrenkungen, mit denen das liberale Establishment sich bemüht, »nichts Verletzendes zu sagen - ständig zu beweisen, daß sie ohne Vorurteile sind - so daß sie sich ständig verkrampfen«.

Doch in erster Linie ist »Primary Colors« ein Buch über den Krieg, der sich Wahlkampf nennt. Politik aus der Kantinenperspektive, in der die missionarische Parole und die zynische Kampagnenrhetorik nebeneinander existieren, die pathetische Pose ebenso wie die Fußtritte unter dem Tisch, und alle bekommen ihr Fett weg: Clintons Mitbewerber Paul Tsongas ("eitler Professor") und Bob Kerrey ("ein Bewerbungsschreiben auf der Suche nach einem Grund") ebenso wie Mario Cuomo, Darling der Intelligenzija ("aufgeblasener motherfucker"), und New Yorks Ex-Bürgermeister David Dinkins ("bösartig und gemein").

Doch was in billigem Tratsch hätte steckenbleiben können, ist ein spannender Roman über die politische Klasse und den Irrsinn des amerikanischen Wahlkampfes geworden: Da ist die Tristesse der Schul-Aulen und der Wärme-Ersatz durch schnellen Sex, der Adrenalinschub nach der letzten günstigen Hochrechnung, der Stimmenfang in gesichtslosen Shopping-Malls und die leere, zynische Show der TV-Duelle. Da sind die Schlammschlachten der 30-Sekunden-Spots und die Hinterzimmerkämpfe mit eitlen Parteifürsten und die Presseleute mit ihrer untrüglichen Witterung für Schwäche und Schund.

Governor Stanton liefert ihnen zu. Er stolpert von einer Tretmine zur nächsten, rudert, als es um seine Demonstrantenvergangenheit geht, schwimmt, als seine Protektionen ruchbar werden, und säuft schließlich fast ab, als seine Affären die Runde machen. Etwa die mit der alternden Friseuse Cashmere McLeod, deren Foto in den Groschenzeitungen einem Beobachter den Kommentar entlockt: »Eines muß man dem Governor lassen - er ist nicht stolz.«

Jeder kämpft mit seinen Schwächeanfällen auf seine Weise. Clinton/Stanton zieht sich nach erschöpfenden Palavern in einen »Dunkin'' Donuts«-Laden am Rande eines finsteren Parkplatzes zurück. »Ein verkrüppelter Junge arbeitete dort in der Nachtschicht. Nun saß Stanton fast jede Nacht da - die Kombination aus Zucker und Sympathie war überwältigend. Er machte aus Danny Scanlon seinen Leitstern. Danny war es, um den sich diese ganze Wahl drehte. Er arbeitete hart und beklagte sich nie; er servierte Apfelkrapfen, heiß aus dem Ofen, und verdiente eindeutig ein besseres Land.«

Selbst Susan/Hillary ist eines Abends am Ende. Sie zieht Henry Burton ins Bett. »Susan Stanton war nicht unattraktiv; die verbotene Natur der Angelegenheit war darüber hinaus von enormem Reiz . . . Es war Service, nicht Sex - ein merkwürdig erniedrigender Service.«

Irgendwann schickt der schwer angeschlagene Stanton seine Adjutanten aus, um Schmutz über den überraschend starken Gegenkandidaten zu sammeln. Die werden fündig. Alles, was das dunkle Herz begehrt: Korruption, Drogen, Homosexualität. Material für den Image-Overkill, die Kampagnen-Atombombe. Und dann stellt sich die Frage der Fragen: Was machen wir mit unserem Wissen?

Das Kunststück dieses Romans: Man hat Mitleid mit den Figuren, die in ihrem Höllenkreis aus Größenwahn und Selbstverachtung schmoren und die jede krumme Tour damit entschuldigen, daß sie, einmal an der Macht, Gutes im Großen bewirken könnten.

Stanton führt diese Philosophie aus, in einem letzten großen Showdown, in dem er von einem zunehmend angeekelten Burton zur Rede gestellt wird: »Wir leben dieses endlose falsche Lächeln - und warum? Weil genau das der Preis ist, den du bezahlen mußt, wenn du führen willst. Glaubst du etwa, Abraham Lincoln war keine Hure, bevor er Präsident wurde?«

Natürlich entkommt »Primary Colors« nicht der eigenen Ironie. Der Roman attackiert den Verrat der Ideale und ist selbst einer im großen Maßstab - eine literarische Dreckschleuder gegen die Dreckschleudern.

Präsident Clinton hat gelernt, lässig mit dieser unappetitlichen Dialektik politischer Aufklärung umzugehen. Mehr noch, er hat moralisch gewonnen. Wieder einmal. Daß die Kritik von einem Heckenschützen stammt, beweist doch vor allem eines: Charakterhelden gibt es auf keiner Seite.

So spielt der Präsident gut gelaunt mit: »Ihr kriegt doch sonst alles heraus«, stichelte er letzte Woche das Pressecorps. »Das ist doch das mindeste, was wir von euch erwarten können: den Namen herauszufinden. Ich muß sagen, ich bewundere den Verleger und den Verfasser. Es ist das einzige Geheimnis Washingtons in den letzten drei Jahren, das bisher gewahrt wurde.«

* Anonymus: »Primary Colors«. Random House, New York; 368 Seiten; 24Dollar.

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