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ZEITGESCHICHTE Hehre Banner

Die Schweiz, umzingelt von Kriegführenden, war im Zweiten Weltkrieg eine Festung, die notfalls wild um sich schoß -- und zugleich ein riesiger Flucht-Flughafen für kriegsmüde Kampfflieger.
aus DER SPIEGEL 14/1979

Ein kleiner, magerer Reiter im pensionsreifen Alter von fast 65 Jahren, Henri Guisan, übernahm am 31. August 1939 den Oberbefehl über das schweizerische Milizheer und wurde damit automatisch General. Angesichts drohender Kriegsgefahr ringsum setzte eine der kleinsten Armeen Europas die größten Stahlhelme der Welt auf und griff zu den Schießgewehren.

Der alte Herr in der straffsitzenden Uniform ließ in den folgenden Jahren keine Gelegenheit aus, mit dem Säbel zu rasseln. In Armeebefehlen verlangte er, notfalls die »blanke Waffe« zu zücken, »unsere Haut so teuer als möglich zu verkaufen« -- die Schweiz werde sich »bis zum Letzten verteidigen«.

Die Schweiz brauchte sich, wie jeder weiß, überhaupt nicht zu verteidigen -- dennoch feuerte auch sie bis zum Ende des Krieges aus allen Rohren. Als das Kampfgetöse in Europa verstummt war, verabschiedete sich General Guisan von seinen Fahnen ("Adieu, hehre Banner!") und Kriegern: »Eine wunderbare, göttliche Fügung hat unsere Heimat unversehrt gelassen«, die mehrfach »schwer bedroht« gewesen sei.

Wie bedroht das Alpenland wirklich war, wie es sich gewappnet hat und warum es auch in der Schweiz nicht ohne Hunderte von Kriegstoten abging, hat nun Buchautor Janusz Piekalkiewicz in seinem Report »Schweiz 39-45 / Krieg in einem neutralen Land« dargelegt. Der Autor polnischer Herkunft hat, wie der Verlag rühmt, zahlreiche bislang unbekannte Tatsachen aufgespürt und »mit bis heute unveröffentlichtem Bildmaterial« illustriert*.

Nach Auswertung schweizerischer Geheimprotokolle kam Piekalkiewicz zu dem Schluß: »Der Krieg in der neutralen Schweiz war eigentlich ein Krieg am neutralen Himmel.« Diesen Luftkrieg über Gipfeln und Gletschern führten die Eidgenossen mit belfernden Flakbatterien und -- pikant genug -- Jagdfliegerstaffeln, deren Fluggerät Deutsche und Westalliierte häufig irritierte: Es waren, neben einigen französischen Morane Saulnier 406, rund 90 aus Hitlers Rüstungsschmieden abgezweigte Jagdeinsitzer vom Typ Messerschmitt Me 109.

Zunächst freilich erwarteten die Schweizer den Feind am Boden. Als mutmaßliche Angreifer kamen offenbar nur die Deutschen in Frage. Am 15. Mai 1940 -- die deutschen Panzerkeile hatten die westalliierten Stellungen in Frankreich bereits durchbrochen -- zürnte General Guisan in einem auf moralische Aufrüstung abzielenden Armeebefehl über das »Versagen Einzelner«, denn dies sei »mit die Ursache des täglichen Vordringens gewisser Truppen«.

Dem eidgenössischen Heerführer war jedoch klar, daß Wilhelm Teils Nachfahren einem modernen Angreifer schwerlich durch Auflauern in der hohlen Gasse würden beikommen können. Am 12. Juli 1940- die Franzosen hatten inzwischen kapituliert -- eröffnete Guisan dem Bundesrat in einem geheimen Memorandum sein neues Verteidigungskonzept (das alte war etwa 150 Jahre in Kraft gewesen).

Knapp zwei Wochen später erläuterte der Oberkommandierende es sämtlichen schweizerischen Offizieren vom Bataillonskommandanten aufwärts, die er -- wo sonst wohl? -- auf dem Rütli versammelte.

»Staffelung in die Tiefe« hieß nun das Kredo schweizerischen Widerstands: den ersten Hieb sollten die Grenztruppen abwettern, der Feind sich danach in einer »Verzögerungszone« abmüden' um sich schließlich am

* Janusz Piekalkiewicz: »Schweiz 39-45 / Krieg in einem neutralen Land Motorbuchverlag, Stuttgart; 366 Seiten; 38 Mark.

»Reduit«, Guisans neukonzipierter Alpenfestung, den Schädel einzurennen. »Für mich steht fest«, so Guisan später über die Rütli-Versammlung, »daß dieser Rapport ein entscheidender Wendepunkt in unserer Geschichte des Zweiten Weltkriegs gewesen ist«

Der Zivilbevölkerung wurde aufgetragen, im Falle eines Angriffs »an Ort und Stelle« zu verbleiben. Der General begründete: »Mit dem Verzicht darauf. alles zu verteidigen, um uns lange zu verteidigen, tauschten wir Raum gegen Zeit ein, die im Leben einer Nation viel bedeutsamer ist als ihre Oberfläche.«

Mit »einem gigantischen Maulwurfshügel« verglich Autor Piekalkiewicz das heranwachsende Bollwerk, bald für stärker als Frankreichs Maginot-Linie und schließlich für unüberwindlich angesehen. Den Feind erwartete ein verwobenes System aus gas- und schalldichten Verliesen, Panzerkuppeln mit automatischen Geschützen, Filteraggregaten, Kraftwerken, Vorräten für Jahre in Monstertanks und Unterwasserdepots.

Wie einst durch Andreas Hofers Bauern gegen Bonaparte am Berg Isel, sollten auch in der Schweiz gegen den Feind Lawinen losgelassen werden, von Kundigen im rechten Moment ausgelöst.

Mit Eifer trainierten die kampfungewohnten schweizerischen Soldaten den Ernstfall, wobei sie sich sogar auf Luftlandeunternehmen präparierten. Der Manöver-Feind kam in DC-3-Maschinen der Swissair angeflogen, trug Fliegerkappen und lange, schwarze Ledermäntel. Er wurde überwältigt, getreu der ausgegebenen Devise, »die Angriffshandlungen des Gegners nie passiv über sich ergehen« zu lassen, ihm vielmehr »höchst aktiv und aggressiv entgegenzutreten.

Von der Kampfbereitschaft der Schweizer zeigten sich ausländische Manövergäste beeindruckt. Nach einer Übung der Gebirgssoldaten' denen die Sicherung der Befestigungen am St. Gotthard oblag, rief der Militärattaché Finnlands begeistert: »Wunderbar war das, einfach großartig! Macht nur so weiter, dann werden euch die anderen nichts tun!«

Immer wieder, zuerst im Frühjahr 1940, prophezeite der Schweizer Geheimdienst einen in Kürze bevorstehenden Angriff der Deutschen. Vor allem beunruhigte es die Militärs im Lande Winkelrieds, daß die Deutschen in Frankreich Dokumente erbeutet hatten, aus denen Einzelheiten über geheim abgesprochene schweizerischfranzösische Militärhilfe hervorgingen. Bis auf einen schmalen Streifen, wo sie zunächst an die 38 Krieger des Fürstentums Liechtenstein geraten wären, hatten Hitlers kampferprobte Divisionen die Schweiz schließlich von allen Seiten umstellt.

Aber nicht nur von Deutschen drohte Gefahr. Im Herbst 1944, als die Normandie-Invasion den größten Teil Frankreichs schon wieder zurückerobert hatte, verlangte Generalissimus Stalin von seinen Westalliierten kurzerhand den Vormarsch durch die Schweiz, um rasch den deutschen »Westwall« umfassen zu können. Den Kremlherrn hatte ohnehin verdrossen, daß »die Schweizer Schweine« in diesem Krieg -- wie Autor Piekalkiewicz interpretierte -- »eine falsche Rolle spielten«.

Von dieser Rolle des eingekesselten Neutralen hatten alle etwas. Hitler nutzte auf Teufel komm raus das leistungsfähige Eisenbahnnetz der Schweizer, die zu einem der Hauptlieferanten der großdeutschen Rüstungsindustrie wurden.

43 verschiedene Staaten übertrugen den beflissenen Schweizern ihre diplomatischen Vertretungen bei jenen Ländern, gegen die sie Krieg führten. Und als wahrlich »einig Volk von Brüdern« walteten Schweizer in nicht weniger als 219 fremden Botschaftsresidenzen für andere -- sonst wäre die verwaltungstechnische Seite des Zweiten Weltkrieges womöglich in chaotische Bahnen geraten.

Zugleich wurde die Schweiz zwangsläufig zu einem Augiasstall des Agentenwesens -- aber auch zu einem ersehnten Fluchtziel für geschlagene Soldaten. Rund 104 000 besiegte und kriegsmüde Waffenträger flohen in die Schweiz.

Es waren zur Hauptsache Männer in französischen Uniformen -- von den verstörten Spahis, berittenen afrikanischen Elite-Kämpfern, die von Guderians Panzerdivisionen über die Schweizer Grenze gedrängt wurden, bis zu jenen polnischen Freiwilligen, die zum Erstaunen der schweizerischen Grenzer vor dem Einzug ins Internierungslager erst einmal ein befreiendes »Noch ist Polen nicht verloren« schmetterten.

Geradezu unentbehrlich war die Schweiz für den von Jahr zu Jahr immer stärker betriebenen Luftkrieg der Alliierten gegen die Deutschen und ihre Verbündeten. Jeden Tag schickte der britische Luftwaffen-Attaché Wetterberichte per Telegramm über das öffentliche Telegraphenamt Bern nach London -- sonst hätten, meint Piekalkiewicz, die alliierten Luftflotten gar nicht erst losfliegen können.

Den Bombenfliegern galt die Schweiz ohnehin als willkommene Navigationshilfe. Die Flieger nahmen gern Abkürzungen über schweizerisches Gebiet, auch dann noch, als ihnen die Helvetier (vom 15. September 1940 an) das verbotene Überfliegen durch Verdunkelung und Radio-Funkstille erschwerten.

Weder Protestnoten noch Schießbefehle konnten die kriegerischen Aviatiker von der Schweiz fernhalten. »Jedes Flugzeug einer fremder, kriegführenden Macht!, befahl General Guisan, sei »ohne Zögern anzugreifen«. So kam es, daß während des ganzen Krieges immer wieder schweizerische Flakbatterien aus allen Rohren auf Feinde feuerten, mitunter auch auf harmlose Swissair-Maschinen. Zugleich stiegen die eidgenössischen Messerschmitt-Jäger auf, schossen etliche Neutralitäts-Verletzer ab, wurden mitunter selber abgeschossen.

Trotzdem sausten, meist bei Not- oder Irrwürfen, Bomben auf schweizerische Städte nieder, so auf Genf, Zürich und Basel. Der schwerste Luftangriff, irrtümlich, gleichwohl schulmäßig durchgeführt, traf Schaffhausen. Für die durch 371 amerikanische Spreng- und Brandbomben dabei angerichteten Schäden, darunter 40 tote Schweizer, erstritten die Geschädigten und Hinterbliebenen noch 1949 bei der US-Regierung eine Ersatzzahlung von 62 Millionen Schweizer Franken.

Ob Heinkel-Bomber, »Mosquito« oder »Lancaster« -- in immer größerer Zahl gingen nach und nach, zu Bruch geschossen oder verirrt, Kriegsflugzeuge aller Typen auf Schweizer Boden nieder. Am 13. August 1943 landete der erste viermotorige US-Bomber vom Typ B-24 »Liberator« glatt in der Schweiz. Er war in Bengasi gestartet, hatte Wien bombardiert und sich nun, weidwund geschossen, auf neutrales Gebiet gerettet. Ihm folgten während der nächsten 21 Monate ganze Luftflotten.

Insgesamt gerieten, häufig freiwillig, 189 schwere US-Bomber die nach ihren Notlandungen großenteils noch verwendbar waren, in Schweizer Gewahrsam. Während notgelandete oder abgeschossene England er und Deutsche meist auf dem Rücktransport in das bedrängte Vaterland bestanden, waren Amerikaner weniger kampffreudig. Eine US-Sonderkommission ermittelte, daß die US-Bomber-Besatzungen »meistens die Notlandung auf neutralem Boden einem weiteren Einsatz vorzogen« und dort in Ruhe das Ende des Krieges abwarteten.

Gelegentlich kamen die landenden Bomber in Minutenabständen angetorkelt. » Rekorde« wurden mit je 14 Viermotorigen am 18. März und am 24. April 1944 verzeichnet. Etliche Boeing B-17 oder »Liberator« freilich gingen noch auf den letzten Kilometern in Flammen auf, nicht selten, weil ihre deutschen Verfolger auch über Schweizer Boden nicht von ihnen abließen. Im Eifer der Jagd mußten dabei Jäger wegen Spritmangels selber zu Boden.

Zwei deutsche Mc 109 beispielsweise, die alliierte Bomberpulks angegriffen hatten, wurden sogar kampflos Opfer der schweizerischen Territorialverteidigung: Die eine geriet in Wurflöcher für Handgranaten, die andere stieß mit einer Panzerattrappe zusammen- beide waren nur noch Schrott.

Schweizer Messerschmitt-Jäger gaben Landehilfe, wenn die ungebetenen Gäste sich fügsam zeigten. »Es war jedesmal ein Problem«, erinnerte sich ein schweizerischer Jägerpilot, »wie man sich den waffenstarrenden fliegenden Monstern nähern sollte, um ihnen den Befehl zur Landung zu erteilen.« Zwei Schweizer wurden dabei kurzerhand abgeschossen.

Manchmal kamen die Feinde einander in der neutralen Schweiz auch menschlich näher. So wurden deutsche Nachtjäger, in Zürich zwischen abgestellten US-Bombern zur Landung gezwungen, im Flugplatz-Kasino von amerikanischen Bombenfliegern mit Champagner begrüßt: »Mit lautem Hallo stürzten sie sich auf uns, fielen uns um den Hals wie alten Freunden.«

Einer der prominentesten Kriegsflüchtlinge kam am 2. Mai. 1945 in einer zweimotorigen deutschen Sichel Si 20 in das gelobte Land, wo er den letzten Luftalarm der Bundeshauptstadt Bern verursachte. Es war Hitlers nahöstlicher Bundesgenosse, der Großmufti von Jerusalem. Die Schweizer jagten ihn, ohne Flugzeug, sofort wieder über die Grenze.

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