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KUPPELEI Heidi war bedrückt

aus DER SPIEGEL 12/1954

Über die Nachmittagsstunden des 15. März konnte der Oberstadtdirektor der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover, Karl Wiechert, nicht frei verfügen. Mit der Maßgabe, ab zwölf Uhr telephonisch abrufbereit zu sein, hatte Landgerichtsdirektor Dr. Hübner die Ladung des Beamten als Zeugen vor die Erste Strafkammer des Landgerichts veranlaßt.

Das Verfahren, zu dem der Oberstadtdirektor sein Wissen zur Verfügung stellen soll, geht gegen drei Personen, die wegen gemeinschaftlicher gewohnheitsmäßiger Kuppelei angeklagt sind.

Für den Vormittag des 15. März war eine Reihe sachkundiger Zeuginnen geladen, samt und sonders ehemalige und derzeitige Bewohnerinnen des Hauses Derfflingerstraße 2 in Hannover. Dieses Haus war im Kriege zerstört worden. Es gehörte Hermann Dobbermann, dem Besitzer des »Nord-Hotel« in der Kleiststraße.

Als man Derfflingerstraße 2 im Rohbau wieder hochgezogen hatte, war zuerst eine Verwendung als Klinik geplant, später als zweites Hotel. Beim Planen blieb es, denn im Laufe des Jahres 1950 war das Geld alle.

Daran hatte sich auch zwei Jahre später noch nichts geändert. D 2 - wie das Anwesen in den Akten bezeichnet wird - stand immer noch im Rohbau, nur statt des inzwischen verstorbenen Besitzers war dessen Witwe Auguste Eigentümerin der Grundstücke geworden. Sohn Hermann Wolfgang Dobbermann, Dr. med., fuhr nicht - wie ursprünglich geplant - als Assistent nach den USA, sondern blieb als Mutters Berater zu Hause.

Zu D 2 sagt der Sohn Hermann Wolfgang: »Im März 1952 verhandelte ich mit dem städtischen Verwaltungsdirektor Hartwig Grabenhorst über ein anderes Bauprojekt.« Während dieser Unterredung habe Grabenhorst die Frage aufgeworfen, ob in der Derfflingerstraße 2 nicht ein Etablissement spezieller Art eingerichtet werden könne, an dem es der Messestadt Hannover in vornehmer Form noch gebrach.

Dr. med. Dobbermann, der außerdem sagt, auch als Arzt interessiert worden zu sein, weiter: »Es fanden dann zahlreiche Besprechungen mit Grabenhorst, Stadtrat Schmerse und Oberrat Peter von der hiesigen Kriminalpolizei statt. Auf Grund dieser Besprechungen gewann ich die Überzeugung, daß der Einrichtung einer Unterkunft für Frauen keine Bedenken entgegenstanden. Ich gewann sogar die Überzeugung, daß die Einrichtung eines anständigen Hauses von den Behörden gewünscht wurde.«

War es bis dahin nicht möglich gewesen, den Bau in der Derfflingerstraße zu vollenden, so erwies sich die nun geplante Verwendung als Anreiz, weiteres Geld in das Projekt zu investieren. Die Fertigstellung als Klinik oder Hotel war mit 40 000 Mark veranschlagt, die in fast zwei Jahren nicht beschafft werden konnten. Jetzt wurde D 2 über 100 000 Mark teurer.

Nach emsiger Bautätigkeit konnten am 6. September 1952 die ersten sechs Damen in D 2 ihre Koffer auspacken, während ein Walter Bufe als erster Pächter die Honneurs machte. D 2 galt im Hannöverschen bald als eines der besseren Häuser.

Noch ehe Bufe - genau so wie sein Nachfolger Willy Diedrich - mit der von ihrem Sohn Dr. med. Dobbermann beratenen Auguste Dobbermann den Pachtvertrag schloß (Monatspacht 6000 Mark), hatte er sich bemüht, allen Widrigkeiten vorzubeugen. So werden von ihm jetzt Besprechungen

in dieser Sache mit Stadtrat Schmerse und Kripo-Oberrat Peter erwähnt. Ende August oder Anfang September 1952, so meint Bufe, habe er durch den Verwaltungsdirektor Grabenhorst vom Ordnungsamt Hannover die Genehmigung für eine Zimmervermietung in D 2 erhalten.

Chef des Ordnungsamtes war und ist Stadtrat Schmerse. Der Stadtrat indessen hat an die Gespräche mit Dr. med. Dobbermann und Walter Bufe eine andere Erinnerung. Die beiden Herren müßten bei den Besprechungen irrtümlich einen nicht ganz richtigen Eindruck bekommen haben. Ganz einfach schon darum, weil ihm - dem Stadtrat Schmerse - die Beschäftigung mit diesem Problem sehr unsympathisch sei.

Der Dr. med. Dobbermann erinnert sich dagegen heute nicht, daß ihm eine solche Zurückhaltung des Stadtrats jemals aufgefallen wäre, obgleich die beiden mancherlei Kontakte hatten, nicht nur im stadträtlichen Dienstzimmer, sondern auch während Kurt Schmerses Urlaub in Steinhude am Meer.

Dem Dr. med. Dobbermann war des Stadtrats Zurückhaltung in diesen Dingen auch nicht während der gemeinsam verlebten Stunden in der Dobbermannschen Privatwohnung bewußt geworden, auch nicht während der Besprechung, die noch vor kurzem zwischen dem Stadtrat und Dr. med. Dobbermann im Hause Derfflingerstraße 2 selbst stattfand, von Mitternacht bis morgens früh.

Auch Verwaltungsdirektor Grabenhorst kann sich, wie Stadtrat Schmerse, kaum noch an Walter Bufe erinnern. Schon aus Zuständigkeitsgründen habe er überdies niemals die Genehmigung für eine Zimmervermietung im Hause D 2 erteilen können.

Und auch der Kripo-Oberrat Peter ("Ich war lediglich einmal bei Dr. Dobbermann in der Wohnung") erklärte, von Bufe und Dobbermann entweder »falsch verstanden oder falsch ausgelegt« worden zu sein.

Oberrat Peter, der inzwischen seinen repräsentablen Amtssitz im Polizeipräsidium mit einem winzigen Dachzimmer im

Regierungsgebäude wechseln mußte (Peter: »Ein Sonderauftrag"), sagt: »Ich habe mich zwar selbst um das Haus Derfflingerstraße 2 gekümmert. Aber nur dienstlich!«

Dabei hatte eine der Bewohnerinnen des Hauses, die schwarzhaarige Heidi Rack, die besondere Aufmerksamkeit des Polizei-Oberrats erregt: »Ich hatte den Eindruck, daß das Mädchen bedrückt war.« Heidi wurde schließlich, nachdem sich der Beamte mit ihrer Lage vertraut gemacht hatte, in des Oberrats Amtszimmer zum Zwecke einer dienstlichen Aussprache bestellt.

Peter: »Ich hatte mir überlegt, wie dem Mädchen zu helfen sei.« Der Beamte hatte eine Stellung für das Mädchen als Telephonistin bei der hannoverschen Firma Hackethal gefunden. Heidi Rack zeigte sich zunächst tief gerührt; aber sie ging nicht zu Hackethal, sondern wieder in die Derfflingerstraße 2.

Jetzt sitzen der Dr. med. Dobbermann und die Pächter Walter Bufe und Willy Diedrich gemeinsam unter der Anklage gemeinschaftlicher gewohnheitsmäßiger Kuppelei auf der Anklagebank.

Sagt der Dr. Dobbermann: »Das Haus D 2 entstand auf Anregung und mit vollem Wissen der verantwortlichen Behörden. Was im Hause D 2 geschah, haben sich die für diese Häuser zuständigen Beamten sehr genau angesehen und für gut und in Ordnung gefunden.«

Stadtrat Kurt Schmerse, der städtische Verwaltungsdirektor Hartwig Grabenhorst und der Kripo-Oberrat Peter sind zum Prozeß als Zeugen geladen. Gegen alle drei Herren hat sich der Staatsanwalt Heinz-Peter Holst bei der Bearbeitung des Falles die Einleitung eines Verfahrens wegen Beihilfe zur Kuppelei vorbehalten.

Dr. med. Dobbermann hat inzwischen fleißig Material gesammelt. »Schade«, sagt er, »die werden alle keine Pension kriegen, wenn das Gericht meinen Ausführungen folgen wird.« - Das Haus D 2 ist weiterhin geöffnet.

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