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ÄGYPTEN Heidnisches Fest

Moslemische Fanatiker wollen Ägypten zu einem Gottesstaat machen. Die Wirtschaftskrise treibt ihnen immer mehr Ägypter zu. *
aus DER SPIEGEL 33/1986

Mit durchdringender Stimme stieß der Greis im Weißen Gewand den islamischen Kampfruf aus. »Auf zum Heiligen Krieg! El-dschihad, el-dschihad!«, rief er immerzu vom fahrenden Auto aus.

Der Wagen mit dem Alten raste auf den Eingang der Moschee im oberägyptischen Assuan zu, den ein Polizeikordon schützte. Entsetzt stoben die Bereitschaftspolizisten auseinander. Drei der jungen Ordnungshüter sprangen zu spät, sie wurden erfaßt und zu Boden geschleudert.

Vor dem Portal stieg der blinde Alte aus, schüttelte die Faust und rief wieder »el-dschihad«. Im Innern der Moschee stimmte eine Gruppe von Sympathisanten in den Schlachtruf ein, mit dem die islamischen Reiterheere vor über 1300 Jahren Syrien, Mesopotamien, den Iran und Ägypten erobert hatten.

Die Polizei stürmte die Moschee und nahm die Glaubenskrieger in Gewahrsam. Doch schon 24 Stunden später wurden sie wieder auf freien Fuß gesetzt, das Verfahren wegen »Geringfügigkeit« eingestellt.

Dabei hatten die religiösen Fanatiker nicht nur zum Kampf gegen die von ihnen als »gottlos« angeprangerte laizistische Regierung der Arabischen Republik Ägypten aufgerufen, sie hatten ihre politischen Parolen auch noch in einer

Moschee verkündet, was gesetzlich verboten ist.

Der Blinde war Scheich Umar Abd el-Rahman, ein extremistischer Moslemprediger, der 1982 die Ermordung von Präsident Anwar el-Sadat für Rechtens erklärt hatte. In seinem jüngsten Buch »Ein offenes Wort« rief er die ägyptische Jugend auf, am Nil mit Gewalt den islamischen Gottesstaat zu errichten.

Jünger des Scheichs sind überall aktiv in Ägypten. In Minja, einer Großstadt 250 Kilometer südlich von Kairo, blieben am Schamm-el-nassim-Fest, dem pharaonischen Frühlingsfest, einem offiziellen Feiertag in den Nilländern Ägypten und Sudan, die Bewohner ängstlich zu Hause. Islam-Fanatiker hatten gedroht, alle Stadtbewohner zu »strafen«, die das »heidnische Fest« begehen würden.

Aggressiv forciert die Minderheit islamischer Extremisten den ägyptischen Staat heraus. Sie kann sich nicht wie im Iran zur Schah-Zeit auf tief verwurzelte antiwestliche Gefühle der Massen stützen, die den zivilisatorischen Zusammenstoß zwischen vergangenheitsorientiertem Orient und technologisch vorausgeeiltem Abendland nicht verkraftet hatten.

Ägypten hatte sich dem Westen schon früh geöffnet. Die auf dem schmalen Kulturlandstreifen am Nil und im Nildelta gedrängt zusammenlebenden Fellachen konnten schon in der Mitte des vorigen Jahrhunderts mit der Eisenbahn fahren - als in einigen Ländern Europas noch keine Schienen verlegt waren.

Tageszeitungen, politische Parteien und ein Parlament waren den Ägyptern schon seit den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts vertraut - auch wenn sie nominell unter türkischer, dann britischer Oberherrschaft standen.

Eine Islamreform, von dem großen Religionsphilosophen Mohammed Abduh vor der Jahrhundertwende angestoßen, hatte Ägypten schon früh zu einem religiös aufgeklärten Land werden lassen - lange bevor etwa die Türkei unter Atatürk auf laizistischen Kurs ging.

Am Aufstand gegen die britischen Besatzer beteiligten sich 1919 Moslems ebenso wie christliche Kopten. Die populäre liberale Wafd-Partei führte - unerhört in der moslemischen Welt - als Parteisymbol den islamischen Halbmond zusammen mit dem christlichen Kreuz.

Gemessen an den anderen Staaten des Orients, kannte die Lebensfreude der Ägypter kaum Schranken. Das libertine Alexandrien und das fesche Kairo galten den engstirnigen Eiferern immer schon als »Sündenpfuhle«.

Natürlich gehörten auch tanzende Derwische und religiöse Fanatiker zum breiten Spektrum der ägyptischen Gesellschaft. Die 1928 Von dem Volksschullehrer Hassan el-Banna gegründete orthodoxe Islam-Organisation der »Moslembruderschaft« propagierte den Kampf gegen den »Unglauben« und gegen die längst vollzogene Hinwendung zur religiösen Toleranz.

Schon damals legte sich die Bruderschaft eine Doppelstruktur zu, einen streng hierarchisch aufgebauten, öffentlich tätigen Kader-Apparat und ein Befehlsnetz im Untergrund.

Doch die Moslembrüder hatten nur begrenzten Zulauf. Die von ihnen geforderten Kandidaten schafften damals nicht den Sprung ins Parlament. Von sich reden machten die Brüder eher durch Terror-Aktionen, etwa die Ermordung des laizistischen Ministerpräsidenten Nukraschi 1948.

Mit der Revolution von 1952 gelangte die Bruderschaft zum ersten Mal in die Nähe der Schalthebel der Macht. Volksführer Gamal Abd el-Nasser, der sich in seiner »Philosophie der Revolution« indirekt zum islamischen Staat bekannte, und die meisten seiner »freien Offiziere« standen der Bruderschaft nahe. Folgerichtig _(Millionärshochzeit mit Bauchtänzerin. )

lösten die Militärs sämtliche politischen Parteien auf, nur die Bruderschaft durfte ein Stückchen Macht mit ihnen teilen. Ein Führungsmitglied der Organisation wurde sogar Kabinettsminister.

Als die Bruderschaft 1954 den Weg zur Alleinherrschaft abkürzen und ihren Gönner Nasser gewaltsam aus dem Weg räumen wollte, schlug der Diktator unbarmherzig zu: Hunderte Moslembrüder wurden festgesetzt, gefoltert, hingerichtet oder ins Exil getrieben.

Nasser-Nachfolger Sadat ließ die inhaftierten Islamstreiter frei. Er wollte die militanten Religionsfanatiker als Instrument in seinem Feldzug gegen die Linke benutzen, die ihm gefährlicher erschien. Die auch heute noch in Ägypten offiziell nicht zugelassene Moslembruderschaft hat in allen arabischen Ländern Schwesterorganisationen aufgebaut. In Marokko, Tunesien und sogar im sozialistischen Algerien fordern sie die etablierten Regierungen heraus.

Oberster Führer der Organisation war im vergangenen Jahrzehnt der vor wenigen Wochen verstorbene Umar el-Talmassani - »er war mächtiger als der Katholikenpapst Woijtyla«, urteilte ein ägyptischer Minister. Dabei hatte die Bruderschaft in Ägypten kaum mehr als 200000 Mitglieder, die Zahl der Sympathisanten wird auf knapp drei Millionen geschätzt.

Acht Jahre vor der Revolution der religiösen Fundamentalisten im Iran begann in Ägypten die zweite Welle systematischer Wühlarbeit der Bruderschaft und ihrer noch extremeren Ableger. Direkte Verbindungen zu dem Schiiten-Ajatollah Chomeini bestanden nicht. Den ägyptischen Integristen halfen großzügige Finanzspritzen aus Saudi-Arabien und Libyen.

Nassers fehlgeschlagenes sozialistisches Experiment und seine vernichtende Niederlage im Kampf gegen Israel, dann Sadats Frieden mit Israel führten den machthungrigen Frommen Tausende enttäuschter Jugendlicher zu. An allen zwölf ägyptischen Universitäten siegten bei den letzten Wahlen der studentischen Vertretungen die islamischen Ultras.

1984 kam es zu einem bis dahin unvorstellbaren Wahlbündnis zwischen der alten laizistischen Wafd-Partei und der Moslembruderschaft - so stark war die Dynamik der Integristen inzwischen geworden.

Die liberale »Ahrar«-Partei leistete sich einen gestandenen Moslembruder als Chefredakteur für ihr Parteiblatt. Die Sozialistische Arbeitspartei schürte den Haß gegen Israel und die Juden - den Religionsfanatikern zuliebe.

Die Syndikate der Rechtsanwälte, der Ingenieure, der Internisten und der Zahnärzte sind bereits voll in der Hand der Religiösen. 70 Parlamentsabgeordnete forderten die Einführung der Scharia, der islamischen Rechtsprechung.

Wahrscheinlich hätten die Moslembrüder nicht so viel Anhang beim Volk finden können, wenn Ägypten nicht in eine schwere Wirtschaftskrise geraten wäre. Schon unter Sadat kam es 1977 zu Hungerunruhen. Im Februar 1986 stürmten unterbezahlte Bereitschaftspolizisten, erbittert über die tiefe Kluft zwischen Arm und Reich, die Hotels und Nachtlokale bei den Pyramiden von Giseh.

Der Staat kann, wegen sinkender Einnahmen, das Heer seiner Diener nicht angemessen bezahlen, die Grundnahrungsmittel nicht noch höher subventionieren als jetzt schon - mit 2,1 Milliarden Dollar im Jahr.

Auslandsschulden von über 30 Milliarden Dollar können nicht mehr termingerecht zurückgezahlt werden. Viele tausend jener ägyptischen Gastarbeiter, die 1985 noch vier Milliarden Dollar nach Hause schickten, werden in diesem Jahr aus den Golfstaaten zurückkehren.

Auch der Besuch von US-Vizepräsident George Bush ließ das Land nicht hoffen. Der Gast aus dem befreundeten Washington mochte sich weder auf eine Erhöhung der direkten und indirekten Hilfen von jetzt schon 2,3 Milliarden Dollar, noch auf die von Ägypten gewünschte Senkung der Zinsen für Kairos Rüstungsschulden (ebenfalls vier Milliarden Dollar) festlegen.

Staatschef Husni Mubarak weiß, daß ein weiteres Absinken des ohnehin niedrigen Lebensstandards der vier Millionen Staatsdiener von den religiösen Fanatikern genutzt werden würde. »Wer um sein täglich Brot zu kämpfen hat, ist für die Parolen der Radikalen anfällig.«

Bislang scheute sich der Präsident, die Moslembruderschaft mit Gewalt zu stoppen und damit offen herauszufordern. Mubarak setzt noch auf Beschwichtigung. So ließ sich der laizistische »rais« ostentativ beim Bewundern einer Islam-Reliquie ablichten - eines Barthaares des Propheten.

»Wenn Ägypten nicht allmählich in den Abgrund stürzen soll, muß die Regierung den radikalen Islampolitikern möglichst bald eine politische Partei zugestehen«, verlangt Farag Foda, ein prominenter Verteidiger des laizistischen Staates, »denn dann müssen sie mit Programmen aufwarten, die sie nicht haben - und die Gefahr ist gebannt.«

Ein hoher Regierungsvertreter glaubt nicht, daß die Gleichung heute noch stimmt. Er fragt: »Warum greift der Innenminister nicht auf die Sondergesetze zur ''Wahrung des nationalen und sozialen Friedens'' zurück, die Präsident Sadat 1981 erlassen hat?«

Das Verlangen des Internationalen Währungsfonds, die Subventionierung der Preise für Grundnahrungsmittel abzubauen, könnte die Lage noch weiter dramatisieren - die Fanatiker warten nur darauf, und die Behörden haben Angst.

Der Regierungsbezirk Assuan blockte den Bau eines Tourismus-Komplexes auf einer malerischen unbewohnten Nilinsel ab. Der Grund: Der Bauherr hatte auch ein Spielkasino vorgesehen, aber der Islam verbietet das Glücksspiel.

Und der Gouverneur von Giseh untersagte den Besitzern der bei den Februar-Unruhen abgebrannten Nachtlokale, ihre Betriebe wieder zu eröffnen. Er bot ihnen an, ihre Etablissements in Richtung der Oase Fajum wiederaufzubauen - an einer abgelegenen Wüstenstraße

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