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HAITI Heilige Pflicht

Mit Terror gegen die Opposition versucht sich Präsident Aristide im Amt zu halten - das Land versinkt in Anarchie.
aus DER SPIEGEL 8/2004

Die Todesschwadronen des Präsidenten tragen schwarze Kapuzen mit Sehschlitzen und Stahlhelme. Sie fahren in schweren Geländewagen ohne Nummernschilder, aus den Seitenfenstern ragen Maschinenpistolen und Flammenwerfer. In der Bevölkerung werden sie Chimères genannt, nach einem Feuer schnaubenden Ungeheuer der griechischen Sagenwelt.

Vergangene Woche rasten die paramilitärischen Mordkommandos durch die Straßen von Saint-Marc, einer Hafenstadt 80 Kilometer nordwestlich der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince. Sie zerrten sechs Männer aus ihren Häusern, erschossen sie und steckten die Gebäude in Brand.

Stunden später schwelen die Trümmer immer noch. Im Schutt liegen ein Schädel und zwei Beinstümpfe. Schweigend versammeln sich die verängstigten Bewohner um die verkohlten Leichenteile. Während der Auseinandersetzungen, bei denen die Rebellen zeitweise bis zu elf Städte besetzt hielten, starben mindestens 50 Menschen.

»Der Terror ist schlimmer als unter Baby Doc«, sagt Jean-Hugues Narcisse, 34. Der bärtige Kahlkopf ist Chef von »Ramikosm«, der »Vereinigung der Aufständischen von Saint-Marc«. Er hat Erfahrung im Kampf gegen die Repression: Als Jugendlicher schlug er sich mit den »Tontons Macoutes«, den Todesschwadronen des Diktators »Baby Doc« Duvalier. Bei den ersten freien Wahlen nach dem Ende der Gewaltherrschaft stimmte Narcisse für Jean-Bertrand Aristide. Es war ein Lichtblick für den Inselstaat, von dem die französischen Kolonialherren 1804 vertrieben worden waren.

Der erdrutschartige Sieg brachte den linken Armenpriester und seine Bewegung »Lavalas« (Die Lawine) 1991 an die Macht. Nach wenigen Monaten putschte zwar das Militär, doch drei Jahre später setzte die US-Regierung den Gestürzten mit einer militärischen Intervention wieder ein. Aristide löste sofort die Streitkräfte auf, der Terror schien beendet.

»Wir waren total naiv«, räumt Narcisse ein. Er hätte sich nie träumen lassen, dass sein Idol eines Tages Killerbanden auf ihn hetzen würde. Die Chimères haben zwei Neffen ermordet, sein Haus in Schutt und Asche gelegt.

Der strahlende Freiheitskämpfer hat sich als düsterer Autokrat entpuppt. An der letzten Präsidentschaftswahl im Jahr 2000 nahmen nach Angaben der Opposition nicht einmal fünf Prozent der Stimmberechtigten teil; Aristides Sieg haben seine Kritiker deshalb nicht anerkannt. »Er war nie ein Demokrat, aber das hatten wir verdrängt«, sagt Jean-Claude Bajeux, ein früherer Kulturminister, der heute eine Menschenrechtsorganisation leitet.

Unter Aristide blühen Vetternwirtschaft und Korruption, ein Patenonkel seiner Tochter ist in den Drogenhandel verwickelt. Vor allem bei der staatlichen Telefongesellschaft, die das Monopol auf die lukrativen internationalen Verbindungen hat, kassiert der Präsident ab. Während das Land immer tiefer in Elend und Kriminalität versinkt, schwelgt der ehemalige katholische Kleriker im Luxus. Er baute sich ein riesiges Anwesen und heiratete eine Mulattin aus reichem Hause - er, der einst als Geistlicher gegen die hellhäutige vermögende Oberschicht predigte.

Den wachsenden Widerstand bekämpft der Präsident wie seine Vorgänger mit Terror. Aristide persönlich soll für den Mord an dem beliebten Journalisten Jean Dominique vor vier Jahren verantwortlich sein. Die Opposition hat sich in der »Gruppe der 184« zusammengeschlossen, einer bunt gemischten Vereinigung von Studentenorganisationen, Unternehmern und Altpolitikern. Ihre Anführer sind gut situierte Geschäftsleute. Den Widerstand steuern sie von Pétionville aus, einem wohlhabenden Vorort der Hauptstadt.

Pierre Robert Auguste versteckt sich in der Suite eines Luxushotels vor Aristides Häschern. »Die Rebellion ist unsere heilige Pflicht«, sagt der elegant gekleidete Unternehmer. Von den schwer bewaffneten Horden, die einen Aufstand in der Stadt Gonaïves angezettelt hatten, distanziert er sich allerdings: »Wir sind gegen Gewalt.«

Dabei sind die meisten Rebellen unbewaffnet, Gonaïves ist ein Sonderfall. Die Waffen wurden den Aufständischen einst im Auftrag des Präsidenten ausgehändigt. Sie gehörten der »Kannibalen-Armee« an, einem von Aristides Schlägertrupps. Als ihr Anführer ermordet wurde, wandten sie sich gegen das Regime.

Jetzt hat der Terror der Chimères auch bei den Aufständischen in anderen Städten den Wunsch nach Feuerwaffen geweckt. »Wir brauchen Gewehre, um uns zu verteidigen«, sagt Rebellenführer Narcisse in Saint-Marc. Das würde Haiti vermutlich total in die Anarchie treiben.

Nur eine internationale Intervention könne das Land noch retten, glauben deshalb viele Oppositionspolitiker. Regimegegner Bajeux: »Der entscheidende Faktor in unserer Geschichte waren immer die Amerikaner.«

Bislang aber scheint US-Präsident Bush wenig gewillt, in einem weiteren internationalen Krisenherd einzugreifen. Die Amerikaner erwägen lediglich die Entsendung einer Polizeitruppe - zusammen mit Kanada und Haitis Nachbarstaaten.

So wird sich der Showdown auf der Karibikinsel wohl noch einige Zeit hinziehen. Freiwillig will Aristide jedenfalls nicht abtreten: Er hat die Fenster seines Präsidentenpalasts mit kugelsicherem Glas geschützt und den Zaun erhöht. Und zu alledem wird das Gebäude auch noch neu gestrichen. JENS GLÜSING

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