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INTERBAU Heiliger Otto

aus DER SPIEGEL 31/1957

Ob die »Internationale Bauausstellung Berlin 1957« (Interbau) wirklich ein Bild der »Stadt von morgen« bietet - wie sich ein Teil der Ausstellung deklariert -, oder ob sie, nach dem Scherz einiger Fachleute, nur die »Stadt von heute abend« repräsentiert, ist noch nicht entschieden. Das Ergebnis hängt davon ab, wie hoch die Kosten der Versuchsbauten sein werden, die im Hansaviertel - dem Kernstück der »Interbau« - errichtet wurden oder noch ausgeführt werden. Über diese Kosten will der Berliner Senat aber erst nach Vollendung des Hansaviertels endgültig Rechnung legen.

Der Neubau des Westberliner Hansaviertels, eines 177 000 Quadratmeter großen Wohngeländes im Nordwesten des Tiergartens, gilt nämlich als Prüfstein für die Möglichkeiten des »sozialen Wohnungsbaus«, unter dessen Richtsätze fast der gesamte Wohnungs-Neubau in der Bundesrepublik und in Westberlin nach Kriegsende fiel. Um den durch Kriegszerstörungen verursachten Mangel an Wohnungen - geschätzter Bedarf im Jahre 1949:

fünf Millionen Wohnungen - abzuhelfen, waren in den Jahren 1953 und 1956 Gesetze über den »sozialen Wohnungsbau« erlassen worden. Diese Gesetze verschafften Bauherren, die einen bestimmten Prozentsatz Anfangskapital im Wohnungsbau investierten, ein Vorrecht auf niedrig zu verzinsende und langfristig amortisierbare öffentliche Gelder. Bedingung war, daß die Kosten für den Kubikmeter umbauten Raumes einen festgesetzten Höchstpreis - in der Regel zunächst etwa 65 Mark in Berlin - nicht überschreiten durften. Auch die Mietpreise für Häuser im »sozialen Wohnungsbau' waren gebunden. Für den Quadratmeter Wohnfläche darf höchstens 1,10 Mark - im sogenannten »gehobenen sozialen Wohnungsbau« bis zu 1,43 Mark - monatliche Miete erhoben werden. Die Größe der Wohnungen bleibt Im Regelfall ebenfalls bestimmten Richtmaßen unterworfen.

Die vom Gesetz für den »sozialen Wohnungsbau« freigemachten Gelder konnten zwar die Bautätigkeit ungewöhnlich beleben**, das Ergebnis dieser - für finanzkräftige Unternehmer recht rentablen - Bauaktivität war aber streckenweise vom städtebaulichen Aspekt und vom - gravierenderen - Standpunkt der Mieter aus nicht erfreulich.

Es entstanden nämlich vielerorts Häuserreihen und Wohnungen, die nicht nur äußerlich unschön und monoton wirkten, sondern auch innen so ausgestattet waren, daß sie den Benutzern nur ein Mindestmaß an Wohnlichkeit und Komfort bieten konnten. Die Hellhörigkeit der Wohnungen ging zum Teil über jedes zumutbare Maß hinaus, die Enge der Zimmer und der Wohnungseinheiten war zudem oft allenfalls auf die Bedürfnisse von Alleinstehenden oder kinderlosen Ehepaaren zugeschnitten. Den Familien verlangten diese Wohnungen ein Maß an gegenseitiger Rücksichtnahme und Platzbescheidung ab, das als unüblich gelten darf.

Auch für das Kernstück der Berliner »Interbau«, den Neubau- des Hansaviertels, wurden die Vorschriften des »sozialen Wohnungsbaus« zugrunde gelegt. In Berlin aber war die internationale Architektenprominenz geladen, sich am Aufbau des Hansaviertels zu beteiligen. Eine integrierende Idee dieser Bauausstellung war es, zu prüfen, wie international renommierte Architekten - etwa Walter Gropius, Oscar Niemeyer, Pierre Vago, Alvar Aalto, Luciano Baldessari oder Max Taut - mit den Einschränkungen fertig werden, die ihnen von der Gesetzgebung über den »sozialen Wohnungsbau« auferlegt werden.

Die geistige Vaterschaft an der Idee, den Aufbau eines zerstörten Berliner Wohnviertels mit einer Konkurrenz internationaler Architekten zu verbinden, ist bis heute umstritten. Noch Anfang dieses Jahres hatte der Schweizer Journalist Gody Suter, Deutschland-Korrespondent des Züricher »Tages-Anzeigers«, in der Zeitschrift »Der Monat« für sich in Anspruch genommen, als erster eine solche Bauausstellung in Berlin vorgeschlagen zu haben. Im November des Jahres 1953 war ein von ihm verfaßter Aufsatz in dem amerikanischen Deutschlandblatt »Die Neue Zeitung« erschienen, in dem Suter angeregt hatte, den Wiederaufbau Berlins durch eine Bauausstellung zu forcieren.

Demgegenüber können der ehemalige Westberliner Bausenator Dr. Karl Mahler und der ehemalige Westberliner Senatsbaudirektor Professor Ludwig Lemmer, Bruder des Bundespostministers Ernst Lemmer, darauf verweisen, schon bei dem Besuch der Ausstellung »Constructa« 1951 in Hannover eine kleinere Ausstellung für die alte Reichshauptstadt erwogen zu haben. Zudem hatte der Westberliner Senat bereits 1952 einen innerdeutschen Wettbewerb zum Aufbau des Hansaviertels ausgeschrieben.

Am 3. August 1953, ein Vierteljahr vor Suters Aufsatz, schlug der Senat dem Berliner Abgeordnetenhaus die »Vorbereitung einer internationalen Bauausstellung in Berlin 1956« vor, für die auch eine Beteiligung ausländischer Architekten gewonnen werden sollte.

Fast ein Jahr später, am 14. Juni 1954, wurde als Träger-Organisation die »Internationale Bauausstellung Berlin GmbH« gegründet, nach einem weiteren halben Jahr, am 2. Dezember 1954, die »Hansa-AG« (Aktiengesellschaft für den Aufbau des Hansaviertels) ins Leben gerufen. Die Gründung einer derartigen Gesellschaft erwies sich als notwendig, um die zum Teil sehr komplizierte Neuordnung der Grundstücksverhältnisse und Eigentumsrechte, aber auch den kaum weniger komplizierten Umgang mit den prominenten ausländischen Architekten in einer Instanz zusammenzufassen.

Das Hansaviertel diente noch vor hundert Jahren als Weideland für die Kühe von Schöneberger Bauern. Der Baugrund des Viertels, das im Norden des Tiergartens liegt, ist zum Teil sumpfig und von einer Faulschlammschicht durchzogen, die unter dem Sandboden stellenweise bis zu zwei Meter Tiefe erreicht: Der schlechte Zustand dieses Baugrundes hatte bereits einer Immobiliengesellschaft aus der Hansestadt Hamburg - daher der Name Hansaviertel -, die in den sogenannten Gründerjahren das Gelände parzellierte und bebaute, einige Sorgen gemacht. Obwohl ein königlicher Erlaß für die als vornehm empfundene Gegend nur den Bau von höchstens zweistöckigen Häusern gestattete, entstanden vier- bis fünfgeschossige Häuserfronten. In 161 Gebäuden mit Seitenflügeln und Hinterhäusern, die zumeist ohne unterbrechende Grünanlagen aneinandergrenzten, wurde Wohnraum für etwa 6500 Menschen geschaffen.

Das alte Hansaviertel - es nimmt auf Berliner Stadtplänen nur einen winzigen Raum ein - wurde bei einem Bombenangriff im Jahre 1943 fast total zerstört: 1945 waren auch bei zeitüblich generöser Auslegung der Sicherheitsvorschriften im gesamten Viertel nur noch 21 Häuser bewohnbar.

Für die Stadtplaner galt von vornherein als ausgemacht, daß im Hansaviertel eine neue Verteilung der Parzellen angestrebt werden müsse. Solchen Absichten kam entgegen, daß - wie zumeist in Berlin - dem überwiegenden Teil der Grundstücks - und Ruineneigentümer das Geld fehlte, den Bau neuer Häuser zu finanzieren oder mitzufinanzieren. Zudem hielt man in jenen Jahren die Anlage von Geld in Berlin für riskant.

Im Gründungsbeschluß der »Hansa-AG« wurde daher formuliert: »Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß ein grundstückweiser Wiederaufbau als eine Summe von mehr oder weniger zufälligen Einzelbauvorhaben in einer solchen Lage nicht in Betracht kommt. Hier ... ergibt sich vielmehr die Aufgabe, durch eine Neuordnung der Eigentumsverhältnisse, durch eine teilweise Änderung der Straßen und des Versorgungsnetzes und durch ein Hineinziehen der Grünflächen des Tiergartens in die Bebauung diesen Stadtteil in einer neuzeitlichen und städtebaulich vorbildlichen Form wiedererstehen zu lassen. Auch liegt die Bodenordnung im besonderen Interesse der Eigentümer, weil erst durch sie ein wirtschaftlicher Zuschnitt der Grundrisse geschaffen wird ...«

Die Idee, daß eine Neuordnung in ihrem eigenen Interesse liege, teilten nun allerdings nicht alle Eigentümer. Zudem brauchte es in manchen Fällen Jahre, bis der gegenwärtige Wohnsitz des Eigentümers ermittelt werden konnte. In einigen Fällen blieb diese Suche bis heute erfolglos, in anderen hatte es die »Hansa-AG« mit Erbengemeinschaften zu tun, die nur sehr schwer zu einer gemeinsamen Beschlußfassung zu bewegen waren.

Nur einer der Eigentümer von insgesamt 162 Parzellen brauchte nicht mit einer Verkaufsaufforderung konfrontiert zu werden: die Gemeinde der evangelischlutherischen Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche. Sie konnte auf ihrem angestammten Platz inzwischen einen Neubau der Kirche (Architekt: Ludwig Lemmer) einweihen.

Während aber die Masse der Grundstücksbesitzer doch nach und nach freiwillig verkaufte, mußten in 14 Fällen - darunter das ehemalige Kaiserreich Mandschukuo, dessen Gesandtschaft sich am Hansaplatz befunden hatte - Enteignungen auf Grund des Baulandbeschaffungsgesetzes vorgenommen werden. Vier Hausbesitzer weigerten sich bis heute mit Erfolg, ihre teilweise ausgebombten Gebäude zu verkaufen. Die am Rande des Viertels liegenden Häuser bieten in ihrer Bauweise aus dem 19. Jahrhundert einen demonstrativen Kontrapunkt zum Stil der Ausstellungsneubauten.

Aus dem endlich doch gewonnenen Baugrund wurden zwanzig Parzellen für Hochhäuser und etwa fünfzig Parzellen für Einfamilienhäuser geschnitten, ferner Grundstücke für zwei Kirchen, für eine Schule, eine städtische Bücherei, ein Postamt und ein Restaurant. Zudem wurde eine Anschlußverbindung an die Untergrundbahn geschaffen und ein neuer Untergrundbahnhof gebaut. Das Straßennetz wurde vereinfacht, der weitaus größte Raum blieb Grünflächen vorbehalten.

Die »Hansa AG« ist verpflichtet, die von ihr errichteten Gebäude später wieder an private Besitzer zu veräußern. Kennzeichnend für die finanzielle Lage der meisten ehemaligen Grundstückseigentümer im Hansaviertel ist, daß nur in fünf Fällen von der Möglichkeit Gebrauch gemacht wurde, sich einen Anteil an den Neubauten zu sichern: durch Hergabe des Grundstücks für Vorzugsaktien, die später gegen den Wert einer Neuparzelle verrechnet werden können.

So blieb die Finanzierung - vorläufige Gesamtkosten der »Interbau« 78,6 Millionen Mark* - eine der Hauptschwierigkeiten, die der Senat Berlin mit Mitteln aus herkömmlichen Etatposten zur Wohnungsbauförderung allein nicht beseitigen konnte. Aber auch wohlwollende Instanzen im Bonner Wohnungsbauministerium sahen keine Möglichkeit, Leihgelder für Objekte freizumachen, deren Umrisse noch nicht einmal von den Architekten festgelegt worden waren.

Solche Stockungen bei der Aufbringung der notwendigen Gelder machten es nötig, den Termin der Ausstellungseröffnung zweimal zu verschieben, wenn eine internationale Blamage vermieden werden sollte. So wurde die »Interbau« zunächst um ein halbes, bald darauf noch einmal um ein ganzes Jahr auf den Sommer 1957 verlegt. Der bereits auf senatseigenem Grund begonnene Bau des »Objekts 1«, eines siebzehngeschossigen Appartement-Hochhauses der Architekten Müller-Rehm und Siegmann, mußte im Januar 1956 vorübergehend wegen Geldmangels wieder stillgelegt werden.

Als die Panne mit dem »Objekt 1« exemplarisch zu werden drohte, konnte der Westberliner Bausenator Rolf Schwedler (SPD) die Veranstaltung der »Interbau« nur durch eine Art Gewaltmaßnahme retten. Er stattete zwei Beamte aus dem Bausenat mit besonderen Vollmachten aus, die es ermöglichten, die Finanzierungs - und Kostenpläne zumindest für jenes Drittel der »Objekte« zu sichern, die programmgemäß bei der Eröffnung fertig sein sollten und auch wirklich fertig wurden.

Beträchtliche Hilfe leistete ihnen dabei der Direktor der Gewobag-Siedlungsgesellschaft, Heinz-Kurt Steinkampf, 42, den Schwedler als technischen Bauleiter der »Hansa-AG« gewonnen hatte. Der im Nachkriegs-Baugeschäft versierte Steinkampf verstand es, auch da noch Gelder freizumachen, wo die herkömmlichen Mittel versagten. Zudem verschob er insgeheim die Lagepläne einiger seitdem fertiggestellter Großbauten gegenüber der verbindlichen Planung um so viele Meter, wie es die zu jener Zeit noch nicht geregelten Bodenbesitz-Verhältnisse um der gebotenen Eile willen notwendig machten.

Kein Platz für Le Corbusier

Kaum weniger leicht aber als die Finanznot waren jene Schwierigkeiten zu überwinden, die der »Hansa-AG« von den Architekten gemacht wurden. Viele der international renommierten und mit Aufträgen überlasteten Baumeister ließen sich nur sehr widerstrebend in das enge Geschirr spannen, das die Sparsamkeits-Richtlinien des »sozialen Wohnungsbaus« ihnen auferlegten. Ihre phantasievollen Entwürfe, mit denen sie allenfalls auf einer internationalen Bauausstellung vertreten zu sein wünschten, waren nur zum Teil zu jenen Preisen zu realisieren, die vom Gesetzgeber für aus öffentlichen Mitteln zu fördernde Wohnbauten vorgeschrieben sind. Immerhin ließ sich nach vielem Streit sogar der französisch-schweizerische Architekt Charles-Edouard Jeanneret, genannt Le Corbusier, überreden, das von ihm errechnete und für ideal gehaltene System von Richtmaßen für Wohnräume (3,66 Meter breit, 2,26 Meter hoch) über Bord zu werfen. In seinem »Interbau«-Haus - es enthält 527 zumeist Ein- und Zweizimmer -Wohnungen und mußte wegen seiner Größe außerhalb des Ausstellungsgeländes, nämlich in der Nähe des Olympia-Stadions, erbaut werden - hat er sich auf in Deutschland erwünschte Maße eingestellt und sein 17geschossiges Wohnhaus resignierend »Typ Berlin« genannt.

Der Miterbauer des Uno-Gebäudes in New York wiederum, der Brasilianer Oscar Niemeyer, war ungehalten, als die »Hansa -AG« ihm zumutete, die in nördlichen Breitengraden überflüssigen Sonnenblenden von seinem siebengeschossigen Wohnblock wegzulassen.

Als Niemeyers weitgehende Pläne, die auch einen separaten Fahrstuhlturm neben dem Gebäude mit freiliegenden Brücken als Zugängen vorsahen, immer wieder beschnitten wurden, hüllte sich der Baumeister jenseits des Atlantiks monatelang in Schweigen. Erst einem nach Brasilien entsandten Berliner Architekten gelang es nach einem Monat Arbeit in Niemeyers Büro, die Pläne des Brasilianers auf das vom »sozialen Wohnungsbau« geforderte Niveau herabzustimmen.

Wie aus dem »Leitenden Ausschuß« der »Interbau« berichtet wird, forderten abwechselnd fast alle prominenten Auslandsarchitekten bei Zwischenbesuchen an ihren Baustellen die Entfernung ihrer Namensschilder. Luciano Baldessari, Mailand, der in einem 24stöckigen Wohnturm eine besondere Kombination von Wohnungen mit Arzt- oder Anwalts-Praxen plante, mußte, sich nach langwierigen Diskussionen schließlich sieben Stockwerke von seinem Projekt abschneiden lassen. Der ehemals deutsche Architekt Walter Gropius ließ sich sogar vernehmen: »Man hat hier Schindluder mit unseren Namen getrieben!«

Der Londoner Architekt Francis Reginald Stevens Yorke war nur schwer zu überzeugen, daß der »soziale Wohnungsbau« mit einem Kamin ausgestattete Sieben -Zimmer-Wohnungen nicht zu tragen vermöge. Der französische Architekt Pierro Vago dagegen protestierte noch unmittelbar vor der »Interbau«-Eröffnung gegen das billige Gelb auf einem Teil der farbigen Glasplatten, mit denen die Westfassade seines Hauses verkleidet worden war.

Als größter Pechvogel unter der Architekten-Prominenz erwies sich wieder einmal Professor Hans Scharoun, umstrittener Preisträger im Berliner Philharmonie-Wettbewerb. Sein Entwurf eines sternförmigen Restaurants (Scharoun: »Im Massenzeitalter wollen die Menschen sich separieren") wurde von Ex-Senator Mahler allen Berliner Großbrauereien ohne jeden Erfolg angeboten und bleibt Modell: Auch bei großzügigster Auslegung der Gesetze ließ sich keine Möglichkeit finden, diesen Bau aus öffentlichen Mitteln zu finanzieren.

An die Geduld, die nötig ist, um die architektonischen Absichten der internationalen Teilnehmer in den Spanischen Stiefel des »sozialen Wohnungsbaus« zu pressen, denken die Mitglieder des »Leitenden Ausschusses«, der sich als Experten-Parlament des Projekts konstituiert hatte, noch heute mit Bedrückung. Daß dabei nicht die ganze Bauausstellung scheiterte, wird von vielen Ausschußmitgliedern der vermittelnden Zähigkeit des Ausschußvorsitzenden Professor Otto Bartning zugeschrieben. Bartning, heißt es, trage den Spitznamen »Heiliger Otto« nicht zu Unrecht, den er sich durch zahlreiche Kirchenbauten erwarb.

Das Ergebnis der Mühen hat der »Interbau« inzwischen immerhin viele enthusiastische Kritiken eingebracht. Für den Berichterstatter der Zeitung »Die Welt« ist sogar »das Ganze der genialste Versuch der Nachkriegszeit, dem 'sozialen Wohnungsbau' neue Impulse zu geben«. Das Wochenblatt »Die Zeit« attestierte: »Unbestreitbar ist diese internationale Ausstellung eines der eindrucksvollsten Schaufenster einer modernen Baugesinnung und Lebensauffassung ...« In der »Frankfurter Allgemeinen« schwärmte Professor Will Grohmann: »Ein Stil wird im Bauen fraglos sichtbar. Er ist so international wie alle Kunst heutzutage, die Wurzeln stecken im Erdreich, aber die Krone geht frei über alle Grenzen hinweg.«

In der Tat haben die Architekten, die am Hansaviertel beteiligt sind - 19 Ausländer, 16 Westdeutsche, 18 Berliner -, eine Silhouette schaffen können, die nur wenigen im »sozialen Wohnungsbau« errichteten Häuservierteln erreichbar sein wird. Das Verhältnis von bebauten zu unbebauten Flächen (Straßen, Grünanlagen), das früher 1:1,5 war, beträgt im neuen Hansaviertel 1:5,5. Bei einigen Architekten ist das Grün des Tiergartens sogar bis unter das Haus gezogen worden, so von Oscar Niemeyer, dessen Wohnblock auf V-förmigen Trägern ruht

Im alten Hansaviertel wohnten etwa 6500 Personen, das neue bietet demgegenüber in etwa 1200 Wohnungen nur für 3500 Personen Raum. Die entstehenden Wohnungen sind seit Jahren sämtlich vergeben. Nur von den zwischen die Hochhäuser placierten Einfamilienhäusern sind

einige noch nicht verkauft: Sie kosten ungefähr 80 000 Mark.

Fast alle der vollendeten, halbfertigen oder erst im Plan erkennbaren Objekte wirken bereits äußerlich repräsentabler als übliche Wohnungsneubauten in Deutschland sonst. Soweit Häuser bereits fertig sind und von den Mietern bezogen wurden, waren die beziehbaren Wohnungen fast alle mit Einbauschränken, Elektroherden und Kühlschränken ausgestattet.

Vor allem bei der Raumaufteilung haben die Architekten einige Anstrengungen unternommen, die üblichen Schemata zu vermeiden. Die Baumeister Le Corbusier, Vago und Schwippert zum Beispiel richteten mindestens einen Teil der Wohnungen als sogenannte »Maisonnetten« ein, die den Eindruck eines eigenen Hauses vermitteln sollen. »Maisonnetten« sind Wohnungen, die über anderthalb oder zwei durch Innentreppen verbundene Etagen gehen.

Schwedische und finnische Architekten haben die knapp bemessene Fläche der Wohnungen dadurch entlastet, daß sie Küche und Eßraum entweder vereinten oder nur durch eine bewegliche Wand trennten. Der Finne Alvar Aalto, dessen achtgeschossiges, blendend weißes Wohnhaus beim Publikum die meiste Zustimmung fand, hat seine Wohnungen mit so großen Balkons ausgestattet, daß nach einer Schätzung der »Welt« eine »vierköpfige Familie in Liegestühlen um einen Kaffeetisch herum Platz hat«. Büfett in der Betinische

Walter Gropius bekam für sein wie ein Reflektor leicht gekrümmtes, neunstöckiges Wohnhaus besonderen Applaus bei den Hausfrauen. Er hat nämlich, gegen die Bautradition, die Küchen nach Süden gelegt und ihnen die lohnendste Aussicht vorbehalten. Ein überdachter Balkon, breit genug als Kinderspielplatz, schützt die Küche vor allzu starker sommerlicher Sonneneinstrahlung. »Man muß auch die Himmelsrichtungen neu durchdenken«, kommentierte die »Süddeutsche Zeitung": »Warum eigentlich keine Südküchen - wenn doch Kühlschränke da sind!«

Der in Brasilien lebende Oscar Niemeyer hat im fünften Geschoß seines sieben stöckigen Wohnhauses einige Gemeinschaftsräume eingeplant. Sie können von den Bewohnern, denen für größere Geselligkeiten in ihren kleinen Wohnungen kein Platz bleibt, bei Bedarf tagweise gemietet werden.

Fußböden und Zwischenwände sind in den meisten Häusern mit einer in den Vereinigten Staaten entwickelten Isolierschicht ausgestattet worden, die verstärkten Schutz gegen Geräusche aus Nachbarwohnungen oder vom Großstadtverkehr bieten soll. Die schwedischen Architekten Fritz Jaenecke und Sten Samuelson haben ihr zehngeschossiges Wohnhaus ganz mit dreifachen Fensterscheiben versehen. Dieser Sonderschutz gilt allerdings nicht nur als Wall gegen den Lärm, sondern auch zur Konservierung der Wärme. Das Schwedenhaus ist nämlich mit Fußbodenbeheizung ausgestattet, die angeblich um drei bis vier Grad unter den üblichen Heiz-Temperaturen bleiben darf. Fußbodenbeheizung erzeugt, im Gegensatz zur üblichen, keinerlei Luftbewegung, die stets auch abkühlend wirkt.

Einen besonderen Einfall realisierte der Berliner Architekt Professor Günther Gottwald: In dem von ihm entworfenen vier stöckigen Wohnhaus, aber auch in dem sechzehngeschossigen Hochhaus des Architekten Gustav Hassenpflug sind die Wände zwischen den Zimmern nach Wunsch der Mieter versetzbar: Es handelt sich dabei um besonders schallisolierende Leichtwände, die - in der Art der Bretter bei einem Bücherregal - an beliebigen Stellen festgeschraubt werden können.

Ob ein bei deutschen Architekten umgehendes Scherzwort - »Wir bauen nicht so gut, wie wir können, sondern so schlecht, wie wir müssen« - durch die Elitehäuser der »Interbau« tatsächlich widerlegt wird, hängt freilich ganz von den in Berlin entstehenden Kosten ab: Nur wenn sich der Preis für die Neubauten ungefähr in den Grenzen hält, die von den Gesetzen über den »sozialen Wohnungsbau« festgelegt sind, werden die bundesdeutschen Bauunternehmer bereit sein, Anregungen aus dem Repertoire der »Interbau« zu übernehmen.

Daß die Baukosten völlig aus dem üblichen Rahmen fallen, wird von dem Westberliner Senatsbaudirektor Stephan schon heute dementiert. Nach seinen Angaben sind die üblichen Richtsätze bei den Gebäuden der »Interbau« im Höchstfalle um dreißig Prozent überschritten worden. Solche Übertretungen erklären sich aber nach seiner Ansicht aus dem Charakter dieser Häuser als Modell- oder Versuchsbauten: »Wenn man es zum erstenmal macht, wird es teurer.«

Eine andere Frage ist, wie sich die Mieter im neuen Hansaviertel auf jene eleganten und nach neuzeitlichen Überlegungen komponierten Wohnungen einstellen, die ihnen die prominentesten Architekten der Welt gerichtet haben. Um das herauszufinden, besuchte die Berichterstatterin der »Süddeutschen Zeitung« eine Mieterin, die mit eigenen Möbeln bereits im dreizehnten Stock eines Appartement-Hochhauses eingezogen war.

Die Reporterin fand in dieser Wohnung die raffiniert eingebaute Bettnische durch ein neues Chippendale-Büfett verstellt und das Zimmer mit einem riesigen Sofa und »Sesselungetümen« verbaut. Im eingebauten geräumigen Wandschrank hatte die Mieterin einen kleineren eigenen Kleiderschrank untergebracht.

** In der Bundesrepublik und in Westberlin wurden an Wohnungen neu gebaut: 1953: 534 000; 1954: 561 000; 1955: 563 000; 1956: 581 000. Etwa die Hälfte dieser Wohnungen fällt unter den aus öffentlichen Mitteln, der Rest zu einem großen Teil unter aus privaten steuerbegünstigten Mitteln geförderten sozialen Wohnungsbau«.

* In dieser Summe sind die Kosten zweier außerhalb des Ausstellungsgeländes liegender Objekte nicht enthalten: der Kongreßhalle und des Corbusier-Baus »Typ Berlin«.

Architekten Le Corbusier (l.), Gropius

»Schindluder mit unseren Namen«

Baustelle Hansaviertel*: Stadt von heute abend?

Ehemaliges Hansaviertel (1940): Mehr Raum für den Rasen ...

... weniger Raum für die Mieter: Neues Hansaviertel (Modell)

Wohnzimmer im Schwedenhaus (Architekten Jaenecke, Samuelson): Neue Möglichkeiten ...

Maisonnette (Architekt Vago)

... für den »sozialen Wohnungsbau«

* Von links Wohnblock des brasilianischen Architekten Niemeyer, des Franzosen Vago, des Finnen Aalto. Hochhaus im Hintergrund: Architekten Müller-Rehm und Siegmann, Deutschland.

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