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KANZLER-REISE Heiliger Schauer

aus DER SPIEGEL 45/1968

Der katholische Demokrat aus Bonn fand Gefallen an dem katholischen Diktator in Madrid. »Bei Franco"« so schwärmte Kurt Georg Kiesinger, »hat mich die präzise Analyse und »die Klarheit seiner Gedanken beeindruckt.«

Anderthalb Stunden lang weilte Staatsbesucher Kiesinger am Dienstag letzter Woche im El-Pardo-Palast hinter einem tief gestaffelten Sicherheitskordon zur Audienz bei Spaniens Staatschef. Das erste Gespräch mit einem deutschen Regierer seit Adolf Hitler eröffnete der Caudillo steif: »Herr Bundeskanzler, ich bin begierig, Ihre Ansicht über die weltpolitische Lage zu hören.«

Kiesinger referierte, sprach über den »Augenblick, da sich unsere Welt in einem ungewissen und unsicheren Zustand befindet«, und schloß zur Zufriedenheit des Gastgebers: »Es wird gut sein, wenn wir auf allen Gebieten zusammenarbeiten.«

Der Generalissimus verwies auf die Blöcke in Ost und West: »In der Weit spielen nur machtpolitische Überlegungen eine Rolle. Allein Ihre richtige Einschätzung garantiert den Frieden.«

Genauso wertfrei wollte Kiesinger seinen Abstecher zum iberischen Faschismus verstanden wissen. Kritik wies er ab: »Ich bin nicht hier, um Zensuren zu erteilen. Wir müssen pragmatisch denken lernen.«

Der schwäbische Ästhet und der spanische General fanden sich in gemeinsamer Abneigung gegen den Kommunismus. Francos Opposition, darunter Christliche Demokraten, bemühte sich vergebens schriftlich um ein Gespräch mit dem Kanzler.

Pragmatiker Kiesinger konnte seinen Partnern in Madrid und zuvor in Lissabon etliches bieten. Den Portugiesen versprach er, Bonn werde den für 140 Millionen Mark errichteten Flugstützpunkt in Beja nicht brachliegen lassen. Statt der Luftwaffe, deuteten die Deutschen an, könnte ihn die Lufthansa als Pilotenschule benutzen, und Flugkapitän Bertram erprobte gleich mit des Kanzlers gecharterter Boeing 727 die Start- und Landebedingungen des Platzes.

Auch den Lissabonner Wunsch, die Nato möge ihre Sicherheitsgarantie auf die portugiesischen Afrika-Provinzen ausdehnen, nahm Kiesinger wohlwollend auf. Bundestags-Vizepräsident Richard Jaeger, von dem sich der Kanzler im Flugzeug auf seinen Besuch hatte einstimmen lassen, versicherte in Portugal nach Kiesingers Staatsbesuch, die Kolonialkämpfer seien »nicht nur Soldaten Portugals, sondern auch Soldaten Europas«.

Versehen mit einem Ehrendoktor-Hut der Universität Colmbra, fuhr Kiesinger nach Madrid weiter und gab sich auch dort pragmatisch. Er sagte zu, daß

* Spaniens Bemühungen um eine Annäherung an die EWG Bonner Unterstützung finden werde;

* Spaniens 2. Entwicklungsplan deutsche Hilfe erhalten wird, unter anderem einen Kredit von 500 Millionen Mark für den Bau des Bonanza-Kanals bei Sevilla;

* die Probleme der spanischen Gastarbeiter in Westdeutschland zuvorkommend gelöst werden sollen. Vor allem aber gab sich der Schwabe den Bildungserlebnissen in diesem »klassischen Land Europas« hin, das er »schon als Tourist von vielen schönen Ferien her« kannte.

Im Prado meditierte Kiesinger vor Goyas Gemälde »Familia de Carlos IV": »Hier wird einem das Unheimliche der Unbedeutendheit des Menschen bewußt.«

Vor den Sarkophagen spanisch-habsburgischer Herrscher in der Grabkammer des Escorial versank der Kanzler in tiefe Gedanken, und sein Staatssekretär Baron zu Guttenberg flüsterte ergriffen: »Läuft Ihnen nicht auch ein heiliger Schauer über den Rücken?«

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