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Presse Heiliger Stuhl

Wie kommen die Deutschen durch das Sommerloch? Mit päpstlicher Notdurft und einer »Boa im Klo«.
aus DER SPIEGEL 29/1993

Ist es denn möglich, kann es sein, ist's Blendwerk nur, Erfund, oder ist es wirklich wahr, daß *___Andre Agassi, Tennisspieler und derzeitiger ____Streisand-Buhle, tatsächlich unter Enuresis nocturna ____leidet, wie die Mediziner das nächtliche Einnässen ____nennen; *___Ilona ("Cicciolina") Staller, vom Nabel abwärts die ____beste Schauspielerin der Welt, wirklich empfohlen hat, ____die Blätter des Ginkgo-Baumes als Masturbationshilfe zu ____benützen; *___Boris bald Vater, Stephanie von Monaco abermals Mutter ____und Brigitte Seebacher-Brandt, die lästige Witwe, ____vielleicht doch Mitglied in der CSU wird; *___der in den Dolomiten bergwandernde Papst seines Leibes ____Notdurft hinter einem Gebüsch verrichtet (und so dem ____Begriff vom Heiligen Stuhl eine gänzlich neue Bedeutung ____gegeben) hat?

Voll, übervoll mit Geschichten wie diesen waren in den letzten Wochen die deutschen Zeitungen, vor allem die des Boulevards. Der Unterhaltungswert der Storys war, übers ganze gesehen, umgekehrt proportional zu ihrem Wahrheitsgehalt - aber schließlich ist Sommer, Sauregurkenzeit, und da rufen die Preßbengels ihre schönste Nothelferin, die Phantasie, in reicherem Maß als sonst zu Hilfe.

Doch so einfallsreich in der Themenfindung, so glanzvoll im Kolportieren wie in diesem Jahr waren sie selten zuvor - ein Leistungszenit im Sommerloch, aus dem natürlich auch Nessie kroch, diesmal in der eher ungewöhnlichen Form einer »bioorganischen Unterwasserstation der Außerirdischen«.

Allenthalben erfuhren die Leser von neuen Gefahren: für den deutschen Wald ("wird rot"), das deutsche Eichhörnchen ("wird grau"), den deutschen Mann ("wird einsam") und den deutschen Geldbeutel im Ausland - wird leer: »Würstchen ohne Senf 9 Mark, Bier ohne Schaum 12 Mark!«

Erhebend dagegen waren die neuesten Erkenntnisse über die Morgensonne ("Ideal für Sex"), über Lilo Pulver ("lebt wieder"), über das Büro ("erogene Zone") sowie die Alkohol-Belastbarkeit der teutonischen Physis: »Rekordrausch - Deutscher überlebt vier Flaschen Schnaps.«

Für den vorläufigen Höhepunkt der »Silly Season«, wie die Engländer das nennen, was die Journalisten aus dem nachrichtenarmen Sommer zu machen pflegen, sorgte Bild - schon die Schlagzeile war ein Meisterstück: »Mallorca soll deutsch werden. Erbpacht auf 99 Jahre. Palma heißt dann Palmenhausen.«

Drei Ausgaben lang fabelte das Blatt auf der Titelseite über den »verrücktesten Vorschlag aus Bonn«, zu dem sich die CSU-Abgeordneten Peter Ramsauer und Dionys Jobst freundlicherweise hatten inspirieren lassen - die beiden sind ein Herz und eine Kehle mit Teilen der Bonner Bild-Redaktion. Ebenso exklusiv verfügte das Blatt auch über das Dementi: »Mallorca deutsch? Spaniens König greift ein.«

Nicht neu, aber alle paar Sommer wieder in einer Zeitung zu finden ist die Geschichte vom Liebhaber, der sich aufgrund der überraschenden Ankunft des Gatten unter die Couch rollt: Als sich der Ehemann in das Sitzmöbel fallen läßt, erleidet der Nebenbuhler - Liegen haben kurze Beine - eine Brustkorbquetschung und bittet röchelnd um Befreiung.

Zum medialen Standard-Repertoire der Silly Season gehört auch der Einbrecher, der sich in der Küche einer Gaststätte verbirgt - wahlweise in der Gefriertruhe oder im großen Kochtopf. Vorletzte Woche wurde er wieder aufgestöbert, diesmal in Frankfurt, wobei er - kleine Variante - zwecks zusätzlicher Tarnung einen kleinen Kochtopf auf dem Kopfe trug.

Dem Recherchenfleiß der Münchner Abendzeitung verdankt die Öffentlichkeit frohe Kunde über das Triebleben deutscher Film- und Fernsehschaffender. »Sind alle Show-Stars sexkrank?« sorgte sich das Blatt in einem Bericht über das Geschehen »hinter den Kulissen«, wo »die Küsse noch heißer sind«.

Dann informierte es mit schöner Detailtreue über die interessantesten Seitensprünge der Saison: daß der Wickert was mit der netten Kollegin Schanzen habe, der Menge mit dem »rassigen Revuegirl« Kerstin und der Harald Schmidt mit einer Studentin namens Ellen, die er sich »als Gspusi« halte.

Von anderer Art, aber womöglich nicht minder innig ist die Partnerschaft, die der Presse letzte Woche packenden Sommerstoff lieferte: Es ging um den Hamburger Mediziner Dr. Ingo Migule und seine Herta, eine 150 Zentimeter lange Regenbogen-Boa.

Nachdem die Schlange im Badezimmer ihre übliche Rattenration verzehrt hatte, schlängelte sie zur Kloschüssel, um sich dort am Wasser zu laben - zu gierig offenbar, denn Herta verschwand im Abort.

Zwei Tage lang lebte die armdicke Gefährtin in der Kanalisation, bis sie über das Klo der darunterliegenden Wohnung wieder in die Welt des Dr. Migule zurückkehrte. Y

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