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JUGENDBUND ADLER Heiliges Wort

aus DER SPIEGEL 13/1966

Zwei Dutzend Deutschen zwischen neun und achtzehn fährt jeden Mittwoch das Machtwort »Achtung« in die Glieder. Die Jungschar schnellt hoch und steht stramm vor dem Führer, der zügig den Raum betritt, den rechten Arm hochwinkelt und sagt: »Deutschland.« Zackig gibt die Tischrunde zurück: Deutschland!«

Mit diesem Donner-Dialog beginnen die Heimabende des Großhorstes Lübeck im »Jugendbund Adler«. Großhorst-Führer Horst Promnitz, 35, hat es gern laut - zur Abwechslung, denn als Versicherungskaufmann weiß er, daß »man bei der Kundschaft nur auf die Sanfte« etwas wird.

Zuweilen greifen die Jungen in ihrem Adlerhorst - unter dem Spitzdach eines ehemaligen Luftschutzbunkers - zu Landsknechtstrommeln und Fanfaren, Instrumente des gleichen Modells, mit dem einst die Hitler-Jugend einer ganzen Volksgemeinschaft den Marsch blies. Glanzstück des Repertoires: die »Kreuzritterfanfare«.

Die Trommelbuben gehören zur »ältesten heute noch existierenden nationalen Jugendbewegung« (Promnitz). Vom Allgäustädtchen Memmingen aus leitet der ehemalige Oberjungbannführer Richard Etzel die Bewegung, die vorerst nur 800 Mitglieder zählt.

Horstführer Promnitz aus Lübeck wo 1950, etwa gleichzeitig mit Bayreuth, der Jugendbund gegründet wurde -

sieht den Nistplatz seiner noch nicht ganz flüggen Adler so: »Als ein national ausgerichteter Bund stehen wir zwischen der Hitler-Jugend und den Pfadfindern.« Und: »Ansonsten richten wir den Bund bewußt kämpferisch aus. Mit Absicht wählten wir als Symbol den angreifenden Adler, das Wappentier der großdeutschen Fallschirmjäger.«

Der Vogel beflügelt denn auch den Liedschatz der Jungen. Sie singen das Fallschirmjäger-Lied der alten Wehrmacht: »Rot scheint die Sonne, fertiggemacht« oder die Hitler-Jugend-Schnulze: »Ein junges Volk steht auf zum Sturm bereit.« Und Alt-Adler Promnitz, über dessen Bunkerplatz ein Schild mit dem SS-Spruch »Unsere Ehre heißt Treue« hängt, deklamiert inbrünstig vor den Nesthäkchen: »Deutschland, heiliges Wort, du voll Unendlichkeit...«

Zur bevorzugten Lektüre der Adler gehören Werke des Judenhassers Adolf Bartels, zu dessen Grab sie gern wallfahren, und des NS-Barden Venatier ("Der Major und die Stiere"), aus dessen Weltschau sie einige »Grundsätze« für die Vereins-Ideologie entlehnt haben. Etwa: »Das Recht hat die Gesunden vor den Kranken zu schützen. Gegen Gewaltverbrecher hilft ... nur Ausrottung.« Oder: »Ich hege keinen rassischen Hochmut. Aber den rassischen Mischmasch lehne ich ab.«

Promnitz weiß, was Jungen wünschen: »Wir wandern, zelten und treiben Sport, damit die Jungen gesund, zäh, kräftig. hart und flink werden.« Den Einwand das habe schon Adolf Hitler gewollt. wehrt er ab: »Der Führer hat auch gesagt, daß zwei und zwei vier sind. Wollen Sie deshalb nun die Mathematik umkrempeln?«

1961 wurden die Adler gerupft. Das Bundesinnenministerium verbot ihnen das Tragen einer Tracht, die der Pimpfen-Montur nachempfunden war, und weigerte sich, den Bund als einen Verein anzuerkennen, der Jugendpflege betreibt. Die Adler zogen zwar vor das Kölner Verwaltungsgericht. Doch der Termin im Juli 1965 platzte, weil - was den Zorn der Adler noch heute erregt - das beklagte Innenministerium vorgab, wegen eines Betriebsausflugs nicht vor Gericht erscheinen zu können. Die Gelegenheit, das Interesse der Nation auf sich zu lenken, war dahin.

Doch jüngst fand sich Anlaß öffentlich Ärgernis zu erregen: Ein Hamburger Fernseh-Team ließ sich im Lübecker Bunker-Horst etwas vorsingen und -sagen.

Die Sendung beeindruckte den Deutschland-Korrespondenten der amerikanischen Fernsehgesellschaft CBS. Daniel Schorr, so sehr, daß er den amtierenden NDR-Intendanten Ludwig von Hammerstein-Equord um leihweise Überlassung des 100-Meter-Films bat. Aber Hammerstein lehnte ab. Er befürchtet. Amerika könne »zu einseitig« über die Deutschen informiert werden.

Adler Promnitz hat für solche Rücksicht kein Verständnis: »Wir haben nichts zu verbergen.« Den amerikanischen Fernsehern bescheinigt, er gar Adler-Tugenden: »Die sind jedenfalls keine Nestbeschmutzer wie viele Deutsche!«

Lübecker Adler-Funktionär Promnitz

»Der Führer hat gesagt ...

... daß zwei und zwei vier sind": Lübecker Jung-Adler beim Heimabend

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