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I. DAS JAHRHUNDERT DER IMPERIEN: 5. Der Vatikan und die Weltkirche Heiligkeit und Sünde

aus DER SPIEGEL 50/1998

Das Jahr 2000 präsentiert sich uns als christliches Datum. Denn es ist ja das Jahr 2000, weil wir von der Geburt Jesu Christi an mit eins zu zählen begonnen haben. Das war die Zeitenwende, die uns die Kirche brachte.

Sie hat sich aus kleinsten Anfängen schon im ersten Jahrtausend auf der ganzen Welt ausgebreitet, und wenn wir im Jahr 2000 auf das Jahr 1000 zurückschauen, machen wir eine überraschende Feststellung: Von der gesellschaftlichen Wirklichkeit des Jahres 1000 ist heute alles vergangen - Reiche und Herrschaften, Ideologien, Gesellschaftsformen, ja sogar ganze Völker. Nur noch die Kirche ist da: mit dem gleichen Evangelium, dem gleichen Credo, dem gleichen Papsttum und der gleichen Apostolischen Sukzession.

Alles andere ist verändert und vergangen, die Kirche ist da, ob im Jahre 1000 oder 2000. Das ist deshalb um so beachtlicher, als sie ja in diesem Jahrtausend doch ungefähr tausendmal totgesagt worden ist.

Das begann mit den römischen Kaisern und zog sich über Jahrhunderte mit Bekämpfung, Verfolgungen und Abspaltungen hin in immer neuen Varianten. Auch die Aufklärung vermeinte, der Kirche den Todesstoß zu geben. Unvergessen bleibt Voltaires »Ecrasez l''infame!«

Wo aber ist die Göttin der Vernunft geblieben? Wo Robespierre? Die Kirche aber erhob sich mit neuer Kraft aus dem Blut der Märtyrer. Immer wieder totgesagt, immer vom gerade herrschenden Zeitgeist verlacht und verspottet - und dann verschwindet der in den Müllkippen der Geschichte, aber die Kirche ist da.

Es gibt also - das ist unser erstes Fazit - nichts Dümmeres als Voraussagen, die den Untergang der Kirche betreffen. Und doch, wie oft hört man das: »Wenn die Kirche jetzt nicht auf unsere Wünsche eingeht, wenn sie sich jetzt nicht der modernen Zeit anpaßt, dann hat sie ausgespielt, dann wird das ihr Ende sein« ... und so weiter.

Nein, wir brauchen uns über den Bestand der Kirche in der Zukunft keine allzu großen Sorgen zu machen, denn Gott hat sie gegründet und ihr verheißen, daß er bei ihr bleiben wird bis ans Ende der Welt. Wenn dem lieben Gott das Welttheater hier unten nicht zuviel wird, wird die Kirche im Jahre 3000 mit demselben Evangelium, demselben Credo und einem Papst und Apostelnachfolgern dabeisein, wenn nach den Schreiern von heute kein Hahn mehr kräht.

Dabei ist der Weg der Kirche durch die Zeit ja kein reiner Triumphzug gewesen. Da der Herr seine Kirche Menschen anvertraut hat, Menschen mit freiem Willen, mit Fehlern und Schwächen, ist sie auch immer eine Kirche der Sünder gewesen, von Anfang an.

Heilig ist sie von ihrem Ursprung her, heilig ist ihr Auftrag, heilig sind die ihr anvertrauten Sakramente und Heilsgaben, aber sie weiß auch: »Diesen Schatz tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen« (2. Korinther 4,7). Zu ihrem Hochzeitsmahl drängen sich auch solche, die kein hochzeitliches Gewand tragen und schließlich hinausgeworfen werden (Matthäus 22,11ff); ja selbst der über das Gesinde des Herrn gesetzte Knecht kann verworfen werden (Matthäus 24,45ff).

So bestürzend es ist, daß wir im Erscheinungsbild der geschichtlichen Kirche Heiligkeit und Sünde zugleich finden, ist doch klar erkennbar, daß die Heiligkeit ihr Wesensgrund ist, die Sünde aber eine Wirklichkeit, die ihrem Wesen widerspricht. Sowenig der Tanz um das Goldene Kalb dem Wesen des Auserwählten Volkes entsprach, sondern ihm vielmehr widersprach, sowenig können die »Sünden« der Kirche die Göttlichkeit ihrer Stiftung, die Wahrheit ihrer Offenbarung und die erlösende Wirkung ihrer Sakramente je aufheben.

Der Tanz um das Goldene Kalb war übrigens eine sündhafte Anpassung der Auserwählten an die sie umgebenden Mehrheiten. Und so sind auch die sündhaften Abfälle der Kirche immer da entstanden, wo man dem Druck ausgebreiteter Massenneurosen (etwa beim Hexenwahn) oder mächtiger Herrschaften nicht mehr standgehalten hat. Eigenartig erscheint dabei allerdings, daß ausgesprochen häufig gerade diejenigen, die der Kirche ein Versagen durch Anpassung in der Vergangenheit vorwerfen, heute lauthals ihre Anpassung an den modernen Zeitgeist fordern.

So ergibt sich als zweites Fazit, daß selbst die Sünden und die Sünder in der Kirche ein beredtes Zeugnis für ihren göttlichen Ursprung ablegen; denn wäre sie nur ein menschlicher Verein, wäre sie mit dieser Geschichte längst untergegangen wie alle anderen menschlichen Gesellschaften auch.

Dabei ist das zu Ende gehende Jahrhundert, das mag manchen vielleicht überraschen, das Jahrhundert des bei weitem größten Wachstums der Kirche seit dem 1. Jahrhundert. Die Zahl ihrer Mitglieder hat sich mehr als verdreifacht und wird zur Jahrtausendwende die Milliardenmarke überschreiten. Überdurchschnittliche Zuwächse haben wir vor allem in den Ländern der Dritten Welt. So stieg die Zahl der Katholiken in Afrika von 1,7 Millionen zu Beginn des Jahrhunderts auf 110 Millionen an seinem Ende. Das ist ein Vielfaches des allgemeinen Bevölkerungswachstums.

Große Zuwächse gab beziehungsweise gibt es auch in Nordamerika sowie im asiatischen und pazifischen Raum. In Neuseeland etwa stieg die Zahl der Katholiken von 50 000 zu Beginn des Jahrhunderts auf rund 450 000, und zur Zeit verzeichnen wir die stärksten, ja geradezu turbulente Zuwächse in Südkorea. Auch bei den Priester- und Ordensberufen gab es kräftige Aufwärtsentwicklungen. Betrug die Zahl der einheimischen Priester in Afrika um 1900 noch einige wenige Dutzend, so ist sie bis heute auf rund 14 000 angewachsen.

Dem entsprach ein großer Einsatz der Kirche in den Ländern der Dritten Welt, wobei neben der Mission gewaltige Leistungen auf dem Bildungssektor sowie im Gesundheitswesen erbracht wurden. In vielen Ländern waren die ersten und oft einzigen Schulen die Missionsschulen, auch Hospitäler und Leprastationen kamen erst mit der Kirche ins Land. Das war weltweite Entwicklungshilfe durch Männer und Frauen der Kirche, Jahrzehnte bevor man bei uns Ende der fünfziger Jahre die »Entwicklungshilfe« überhaupt erst entdeckte.

Von Mutter Teresa weiß heute die ganze Welt. Dabei wird oft übersehen, daß es Zehntausende solcher Schwestern und Brüder gibt, die sich, von der Kirche motiviert und ausgesandt, in allen Ländern der Welt für die Ärmsten der Armen einsetzen.

Ich habe in langen Jahren in Afrika viele von Kriegen zerfetzte, von Diktaturen unterdrückte und von unausrottbarer Korruption weißgeblutete Länder kennengelernt, in denen die Kirche mit ihren Werken als das einzige Zeichen der Hoffnung angesehen wird.

Was haben dieser Bilanz der Kirche die nichtchristlichen, atheistischen, ideologischen Erlösungsbewegungen dieses Jahrhunderts entgegenzusetzen? Vor allem die größten Massenmorde aller Zeiten, die alles geschichtlich bisher Dagewesene um das Hundertfache übertreffen. Mehr als 150 Millionen unschuldige Menschen wurden niedergemetzelt.

* Ölgemälde von Nicolas Poussin, um 1635.

Nach dem Ende des Nationalsozialismus mit seinen Hekatomben von Opfern ging die Massenvernichtung von Menschen für den »Sieg des Sozialismus« ja weiter, vor allem in der Sowjetunion und in China, bis hin zur Ausrottung der gesamten gebildeten und städtischen Bevölkerung in Kambodscha. 100 Millionen Tote hat uns allein der Kommunismus beschert. Eine Zahl, die die Nationalsozialisten womöglich auch erreicht hätten, wenn sie nicht als Verlierer nach zwölf Jahren schon ausgeschieden wären.

Wir haben Gottes Gesetze verlassen und tanzen zur Zeit wieder um das Goldene Kalb. Das ist aber auch ein Tanz auf dem Vulkan, denn wir verschleudern bereits das Erbe unserer Tradition, und der bevorstehende Ausbruch wird auch kirchliche Strukturen verändern, vor allem jene, die sich von der säkularisierten Gesellschaft besonders in Dienst nehmen lassen.

Aber das ist keine Gefahr für die Kirche. Vor 200 Jahren waren meine Vorgänger in Fulda noch Fürstbischöfe und regierten das Land. Das haben wir verloren - hat es der Kirche geschadet? Vor 130 Jahren war der Papst noch Oberhaupt eines Kirchenstaates, mußte ein Heer unterhalten und Todesurteile bestätigen. Heute beschränkt sich seine weltliche Souveränität praktisch auf Diplomatie und Philatelie - hat das dem Papsttum geschadet?

Das Drama des Gleichnisses vom verlorenen Sohn wiederholt sich immer wieder. Auch heute werden noch viele das Vaterhaus verlassen, um in der weiten Welt der Möglichkeiten ihr Erbe zu verprassen. Aber viele, die den Schweinekram dann satt haben, werden zurückkehren. Wichtig ist, daß das Vaterhaus immer da ist. Die Sehnsucht des Menschen nach dem Sinn des Lebens, nach Größe, nach Glück, nach Geborgenheit wird nie aufhören - nur die Kirche kann sie erfüllen. Nur sie kann ihn in Dimensionen des Lebens führen, die weit über seine irdische Existenz hinausgehen.

Ist die Kirche ein Imperium? Die Antwort findet sich eingegraben im Granit des Obelisken, der auf dem Petersplatz emporragt wie ein mahnender Finger, der zum Himmel weist und zu dessen Füßen schon die Christen im Zirkus des Nero von den Bestien zerrissen wurden: »Christus vincit, Christus regnat, Christus imperat.«

Erzbischof Dyba, 69, gilt als konservativster unter den deutschen Bischöfen. Nach Jurastudium und Absolvierung der vatikanischen Diplomatenakademie vertrat er den Heiligen Stuhl in Argentinien, den Niederlanden, Liberia und Gambia. Seit 1983 ist er Bischof von Fulda, seit 1990 auch Militärbischof.

* Ölgemälde von Nicolas Poussin, um 1635.

Johannes Dyba
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