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Briefe

Heimlich davongeschlichen
aus DER SPIEGEL 18/1986

Heimlich davongeschlichen

(Nr. 16/1986, SPIEGEL Titel: Der Fall Waldheim - Österreichs stiller Faschismus) *

Ein uneingeschränktes Bravo zu diesem Artikel. Er spricht an, was sich hierzulande kaum jemand zu sagen traut. Wien GERHARD EDLINGER

Jedes Volk hat die Regierung die es verdient! Als ob die Österreicher damit nicht schon genug gestraft wären, werden sie nun auch noch einen Bundespräsidenten bekommen, den sie verdienen: Waldheim. Wien FRANZ FRANKE

Ihr Artikel strotzt vor Unwahrheiten, Entstellungen und Fehlinterpretationen. Wien JOHANN SCHWARZ

Die Diskriminierung Dr. Waldheims durch Demagogen kann leicht zu Antisemitismus führen. Als ehemaliger »Nazi«, der sich jetzt voll zur Demokratie bekennt, berufe ich mich auf meine Vernunft und verurteile präjudizielle Meinungen, die im SPIEGEL zu finden sind. Bensheim (Hessen) ERNST MUTH

Immerhin haben wir Euch 40 Jahre lang an der Nase herumgeführt. Wien CHRISTIAN MARYSCHKA

Ihrem Titelbild entnehme ich eindeutig, daß der Hitlergruß in Nord-Süd-Richtung über die Alpen entboten wird! Wien MANFRED ZIMMETER

Österreich hat nichts mit Deutschland zu tun. Auch der Begriff »deutsches Land« gilt für Österreich nicht, obwohl wir deutsch sprechen. Zu viel unterscheidet uns von den Bayern und Preußen. Die Autoren machen es sich zu leicht, die Wurzeln der NS-Katastrophe nur in Österreich zu suchen. Wien JOHANNES MENSDORFF

Eine österreichische Nation gibt es nicht, sie wurde von den Kommunisten erfunden, wir Österreicher deutscher Zunge gehören zur deutschen Nation. Köflach (Österreich) DR. HERBERT TAX Em. Rechtsanwallt

Die Österreicher haben sich klammheimlich aus der gemeinsamen deutschen Geschichte und Verantwortung davongeschlichen. Uns Südtiroler hat diese seltsame Metamorphose angewidert. Das ist auch der Grund, warum wir mit großer Mehrheit einen »Anschluß« an die Republik Österreich ablehnen. Wir wollen lieber als loyale Bürger in einer autonomen Provinz Italiens leben und bleiben, was wir seit Jahrhunderten sind: Deutsche. Bozen (Italien) ANTON BERNER

Ich meine, daß die Deutschen mit ihren beiden Staaten genug Probleme haben. Also, bleibt bitte hinter Eurem Zaun! Es fehlt gerade noch, daß wir Euch den Hitler aus Revanche für Königgrätz geschickt haben. Wir Österreicher haben nicht vergessen, daß Bismarck sehr zur Unordnung in Europa und zum Ende der Donaumonarchie beigetragen hat. Graz (Österreich) DR. ERNST AMSTLER

Wieso benimmt sich die SPÖ so dumm? Weil sie, genau wie die ÖVP, nicht das Wählerpotential der alten Nazis und der zahllosen Mitläufer in ihren eigenen Reihen verlieren will und es deshalb nicht wagt, eine klare sozialistische Linie im Wahlkampf einzuschlagen. Das wird sie nicht nur die Wahl kosten, sondern auch die Stimmen aller Linken, aller ehemaligen Widerstandskämpfer und aller Waldheim-Gegner, die ein Bekenntnis zu der Kampagne gegen Waldheim erwartet hatten. Altenmerkt (Österreich) DR. THERESIA SCHNEIDER

Meine Generation, ich bin Jahrgang 10/1943, schwindelt sich allergrößtenteils

nicht über die jüngere Geschichte hinweg, und der Großteil der Österreicher ist nach 1945 geboren. Bitte, nehmen Sie das endlich zur Kenntnis, und rücken Sie nicht das ganze Land in die Nähe der Nazis! Wien DIPL. ING. DR. JOSEF MANNERT

Es muß aber auch erwähnt werden, daß Hitlers Versuch einer NS-Machtergreifung in Österreich schon 1933/34 durch eine Tourismus-Sperre, die Drosselung österreichischer Importe, landesweiten Bombenterror und den bewaffneten SS- und SA-Aufstand in Wien und anderen Bundesländern von der österreichischen Bundesregierung mit Mut, Erfolg und der Rückendeckung Italiens abgewehrt wurde. Prominentestes Mordopfer war damals Österreichs Bundeskanzler Engelbert Dollfuß, der kurz zuvor (17. April 1934) Österreichern und Deutschen hinsichtlich des Nationalsozialismus zugerufen hatte: »Wer nicht nein sagt, ist mitschuldig!« Österreichs erster regulärer Nachkriegskanzler war der Dollfuß-Freund und vormalige KZler Leopold Figl. Als Staat stand Österreich dank seiner Minderheitsregierung 1933 bis 1938 gegen Hitler und verhinderte in Österreich dessen Machtergreifung von innen. Hierin liegt ein Hauptunterschied zu Deutschland. München PROF. DR. GOTTFRIED-KARL KINDERMANN Vorstand des Seminars für Internationale Politik an der Ludwig-Maximilian-Universität

Im Zuge der polemischen und völlig zutreffenden Titelgeschichte sollte doch nicht übersehen werden, daß es - wie das »andere Bayern« - auch das »andere Österreich« gibt: zum Beispiel Alfred Hrdlicka, der sich schon seit eh und je mit der »Tschecheranten-Republik« und dem »Land der Lächerlichkeiten« angelegt hat, Erich Fried, den dichtenden Aufklärer, Erwin Ringl, den Seelendoktor, der sich um die »österreichische Seele« bemüht, sowie viele andere Künstler, Wissenschaftler - und vor allem ein Großteil der Jugend. Münster PROF. DR. WALTER SCHURIAN

Die Österreicher sollen wählen, wen sie wollen. Mit Kurt Waldheim an ihrer Spitze allerdings steht ihnen ein Frost ins Haus, den sie mit noch so viel Glykol nicht werden wegtauen können. Bottmingen (Schweiz) JAKOB H. FÜNFSCHILLING

Mehrmals sprachen Sie in Ihrer Titelgeschichte Kärnten an. Leider muß ich Ihnen mitteilen, daß in Kärnten nicht nur nationalsozialistisches Gedankengut praktiziert wird, sondern das politische System der NS-Zeit so gut wie weiterlebt! Natürlich unter anderem Namen, aber wer politisch nicht paßt, kann seine Koffer packen. Klagenfurt (Österreich) GEORG TRATTNIGG

Sie veröffentlichten den Cover der »Wochenpresse« 14/1986 mit der Headline »Waldheims Widersacher: Der jüdische Weltkongreß«. Ihr Kommentar dazu:

»Titelblatt gegen Juden.« Ich muß mich entschieden gegen eine derartige Unterstellung verwahren. Der »Wochenpresse machte man bislang in Österreich höchstens den Vorwurf von »Judenhörigkeit«, die gegenständliche Cover-Story schrieb mein Stellvertreter Lucian O. Meysels, der 1938 Österreich verlassen mußte und erst 1955 aus Israel wieder Zurückkehrte, fünf Spalten dieser Nummer füllten ein Wiesenthal-Interview Was also soll's? Wien DR. HANS MAGENSCHAB Chefredakteur der »Wochenpresse«

Wußten Sie das nicht? Berge verhindern die Sicht. Im Tal ist jeder Nazi fromm und bieder. Auf dem Gipfel trifft man sie als Helden wieder. Vergasen und Morden, so was macht ja nur der Norden. Österreich hat's gut. Immer rum um den Berg. Wangerland (Nieders.) FRANZ KURTZKE

Judenfeind Karl Lueger kommt in Wien gleich mehrfach zu Ehren: Es gibt einen Dr.-Karl-Lueger-Platz, ein Dr.-Karl-Lueger-Denkmal und einen Dr.-Karl-Lueger-Ring. Samma antisemitisch? Aba wo! Bergheim (Nrdrh.-Westf.) DR. HELMUT HUNTEMANN

Nachdem ich - ohne mein Zutun - bereits seit über einem Monat von ausländischen Agenturen und Medien als »Waldheim-Experte« zitiert und strapaziert werde, ist nun auch die deutsche Presse auf meine Spur gestoßen. Da ich auch in Ihrer Titelgeschichte - die ich in ihren wesentlichen Zügen für zutreffend halte - genannt werde, möchte ich meine - dort zwangsläufig stark verkürzte - Position präzisieren. Aufgrund langjähriger Forschungen zum Gesamtkomplex der deutsch-italienischen Okkupation Griechenlands im Zweiten Weltkrieg (sowie auch - für ein demnächst erscheinendes

Sammelwerk des Münchener »Instituts für Zeitgeschichte« - zum speziellen Thema der Judendeportationen) hatte ich auf Anfragen stets meiner Überzeugung Ausdruck gegeben, daß Waldheim Kriegsverbrechen weder begangen noch angeordnet hatte und in seiner damaligen, doch relativ subalternen Position auch nicht dazu in der Lage war. Im gleichen Zusammenhang charakterisierte ich aber Waldheims stereotype Behauptung, zumal er - vor allem 1944 als »03« - zu den am besten informierten Wehrmachts-Offizieren in Griechenland zählte (nicht »der Bestinformierte«, wie mich der SPIEGEL zitiert, da ich Superlativ-Kriterien zu vermeiden pflege). Für beide komplementäre Feststellungen nannte ich jeweils eine Liste von Indizien beziehungsweise Beweisen, dennoch verschoben nicht wenige Medien diese Gewichtung in die jeweils genehme Richtung. Ihren Höhepunkt erreichte diese Methodik mit einer Waldheimschen Werbebroschüre, die mich unter Verschweigung meiner zweiten Aussage zum Entlastungszeugen umfunktioniert: »Das ist die Wahrheit - der bekannte Militärhistoriker (richtig: Zeitgeschichtler) Professor Fleischer von der Universität Kreta sagt, Waldheim sei unschuldig«. - Von dieser Aktion, für den Durchschnitts-Leser kaum nachprüfbare Tatbestände quasi mit der Heckenschere »passend« zurechtzustutzen, erfuhr ich erstmals durch den SPIEGEL. Athen/Rethymnon PROF. DR. HAGEN FLEISCHER

Die Frage, die wir uns jetzt stellen, ist: Wie werden sich die ausländischen Politiker verhalten, wenn Herr Dr. Kurt Waldheim Bundespräsident wird? Brüssel MARAM STERN Präsident der Europäischen Union Jüdischer Studenten

BRIEFE

Barfuß in die Wand

(Nr. 15/1986, Sportklettern: Freeclimbing verdrängt Bergsteigen) *

Ihr Artikel scheint von jemandem geschrieben zu sein, der vom Klettern keine Ahnung hat. Davon zeugt der Satz, den Sie im Vorspruch untergebracht haben: »Ohne technische Hilfen steigen sie selbst senkrechte Felswände hoch.« Als ob das etwas Neues wäre! Ich bin schon in den dreißiger Jahren in senkrechten Felswänden geklettert, und zwar im Stile des Freikletterns, also ohne künstliche Hilfsmittel, als manche sich hier- in den Alpen - von Haken hochhangelten. Das habe ich gelernt in der sogenannten Sächsischen Schweiz, der Keimzelle des Freikletterns, die Ihr Autor mit keiner Silbe erwähnt, obwohl das Freiklettern erst von dort in die USA »exportiert« worden ist. Ihr Autor bestätigt seine Ignoranz durch die Behauptung, die »Hippies« hätten »statt in die im Alpinismus üblichen klobigen Bergstiefel ihre Füße in einige Nummern zu kleine (!!) Turnschuhe mit griffigen Sohlen« gezwängt. Ich habe schon in den dreißiger Jahren in Kletterschuhen - wie Hunderte von Bergsteigern - die Westwand des Totenkirchls und andere schwere Wände erklettert (um nicht zu sagen »gemacht").

Die angebliche Sorge von DAV-Funktionären: »Uns bleibt nur die Flucht nach vorn, wenn wir nicht von einer Lawine überrollt werden wollen«, halte ich für Panikmache, denn artistisches Freiklettern wird stets eine Sache weniger Individualisten bleiben. Wer diese Lawine fürchtet, hat noch nicht gemerkt, daß der DAV längst von einer anderen Lawine überrollt worden ist, der des Massentourismus. Wenn sich die Freikletterer in den Klettergärten oder in Wänden der Sportartikel-Warenhäuser austoben wollen, so: »laß' sie doch, chacun a son gout«. Lenggries (Bayern) DR. G. NOLLAU Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz a.D.

Vor hundert Jahren gab es Bergsteiger, die sind barfuß ohne Seil die schwersten Wände geklettert, dafür haben sie vorher im Klettergarten trainiert, also Freeclimbing gemacht. München REINHILDE NATTERER

Natürlich kann einem Guttrainierten auch eine »Siebener-Stelle« gelingen. Ein sicherer Freeclimber ist er damit noch keineswegs! Sicheres Freiklettern wird in den unteren Schwierigkeitsbereichen geübt, wo Hakenabstände durchaus auch 10 bis 15 Meter betragen können. Beim möglichen Sturz wären das dann schon 30 bis 35 Meter Fallstrecke in einem Gelände, das nicht senkrecht oder überhängend ist. Was bedeutet, daß man von Felsvorsprung zu Felsvorsprung fallen würde. Wem das in der Saison einmal passiert, klettert zukünftig im Krankenbett oder sogar in himmlischen Sphären:

Auch beim Freiklettern will das Backen kleiner Brötchen gelernt sein! Marburg RAINER MÜLLER

BRIEFE

»Edle Tat«

(Nr. 15/1986, SPIEGEL-Titel: CDU-Kriminalfall Berlin / Lummers Kontakte zu Rechtsextremisten) *

Inzwischen ist Herr Lummer zurückgetreten. Ich finde, das ist ein beruhigender Beleg für die Funktionsfähigkeit unseres demokratischen Systems. Bonn DR. BURKHARD HIRSCH MdB/FDP

Daß Lummer nach Bonn gehen wird/ will, als Bundestagsabgeordneter - also, das haben der Deutsche Bundestag und Berlin nicht verdient. Ehrlich, nee. Das nicht! Berlin DIETRICH SCHMIDT-HACKENBERG

Otto Schwanz wird sich jetzt bestimmt nicht lumpen lassen und Lummer aufgrund seiner bestechenden Qualitäten ein reizvolles Angebot unterbreiten: Als Rausschmeißer vor allem unerwünschter Ausländer. Referenzen reichlich. Bonn FRANK WEGERICH

Nachdem der Rücktritt des Herrn Lummer bereits zur edlen Tat hochstilisiert wurde, könnte man ihm ja auch noch das Bundesverdienstkreuz überreichen oder ihn mit einem Fackelzug ehren - den hatten wir schon lange nicht mehr! Schwelm (Nrdrh.-Westf.) E.C. MEISNER

Sie besaßen die »Liebenswürdigkeit«, in Ihrem Artikel unser Unternehmen im Zusammenhang mit den Berliner Vorfällen als »internationale Waffenschieberfirma« zu bezeichnen. Wir verwahren uns entschieden auch im Namen unserer Mitarbeiter gegen diese böswillige und dazu geschäftsschädigende Behauptung. Seit über 25 Jahren arbeitet unser Unternehmen erfolgreich auf dem deutschen Exportmarkt, wobei wir den Export auf dem zivilen Sektor steigern konnten und die Logistik, basierend auf den veränderten und nicht immer verständlichen neuen Gesetzen, einen untergeordneten Stellenwert einnimmt. Wir legen Wert auf die Feststellung, daß sämtliche Exportgeschäfte, auch auf dem logistischen Sektor, ausnahmslos unter Beachtung der jeweils geltenden Gesetzbestimmungen durchgeführt wurden. Königswinter (Nrdrh.-Westf.) GERHARD GEORG MERTINS Aufsichtsrat Merex AG

Sie behaupten, ich sei 1971 mehrfach wegen Diebstahls vorbestraft. Diese falschen Behauptungen sind 1975 Gegenstand eines Strafverfahrens gewesen, in dem geklärt worden ist, daß ich nicht wegen Diebstahls, sondern überhaupt nicht vorbestraft gewesen bin. Dietfurt (Bayern) MANFRED PLÖCKINGER

Herr Plöckinger hat Recht -Red.

BRIEFE

Nur noch emotional

(Nr. 14/1986, Briefe: Massenplage Mensch - Tierschutz zu Lasten der Menschen) *

Die Leserbriefe zur Tierschutz-Story sind erschreckend, auch das Schreiben von Herrn Grzimek geht meines Erachtens am Thema vorbei.

Nur ein Beispiel von vielen: So rettet Herr Andreas Grasmüller, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, vor ungefähr zwei Jahren sechs (oder acht?) Hunde aus Manila, die dort geschlachtet werden sollten, da man in Manila nun mal Hunde verzehrt. Man sollte Herrn Grasmüller konsequenterweise empfehlen, die deutschen Kühe nach Indien zu bringen, um sie vor dem Geschlachtetwerden hier in Deutschland zu retten. Ich finde es schlimm, daß auch hier die eigentlichen Probleme nicht gesehen werden, sondern daß mit schrecklichen Bildern (die übrigens immer dieselben sind) die Volksseele aufgeputscht wird, die dann nur noch emotional reagiert. Für diejenigen, die die Elaborate produzieren ist es ein gutes Geschäft. Wer nicht selbst betroffen ist, der kann sich leicht auf die Seite des »armen« Tieres stellen und lamentieren. Der Mensch pflegt zwischen nützlichen Tieren und Schädlingen zu unterscheiden, wobei die Meinungen, zu welcher Gruppe eine Tierart zu rechnen ist, je nach Standort des Betreffenden sehr auseinandergehen werden. Aber schon in dieser unserer Einteilung in nützliche und schädliche Tiere von denen letztere ohne jeden Protest umgebracht werden dürfen, kommt zum Ausdruck, wie stark einerseits Utilitätsdenken, zum anderen Emotionen die Diskussion bestimmen und wie weit wir noch von einer Lösung der anstehenden ökologischen Probleme entfernt sind. Für um so unerläßlicher

halte ich es daher, daß auf diese Probleme immer und immer wieder hingewiesen wird, wie es in dem Artikel von Herrn Wiedemann geschehen ist.

Bonn PROF. DR. HANNA-MARIA ZIPPELIUS Zoologisches Institut der Universität Bonn

BRIEFE

Reine Schnapsidee

(Nr. 15/1986, Agrarpolitik: Union will die Bauern mit absurden Rezepten locken) *

Die vor allem von Ernst Albrecht forcierte Idee, die Bioalkoholerzeugung voranzutreiben, kann nur als Schnapsidee bezeichnet werden. Wer dann den Landwirten noch verspricht, dies könne in absehbarer Zeit eine lohnende Alternative zur Nahrungsmittelproduktion sein, der betreibt schlicht Bauernverdummung. Kleine und mittlere landwirtschaftliche Betriebe - denen ja vor allem geholfen werden muß - hätten in der Bioalkoholproduktion ohnehin keine Chance, denn die funktioniert, wenn überhaupt, nur mit großen Einheiten. So ist einer der intensivsten Befürworter von Bioalkohol auf EG-Ebene der italienische Konzern Ferruzzi. Und der fordert gleich eine Marktordnung für Bioalkohol. Im Klartext also: Der alte Schwachsinn in neuem Gewand. Göttingen KLAUS WETTIG Mitglied des Europäischen Parlaments

Der Bonner Witz zur Produktion von »Biosprit« ist noch größer, als in Ihrem Artikel dargestellt. Berücksichtigt man nämlich den geringen Energieinhalt von Ethanol (2/3 von Benzin), so entspricht der Liter Benzin zu weit unter 50 Pfennigen 1,5 Liter Alkohol zu etwa zwei Mark. Auch ist der Nachweis noch nicht gelungen, daß die Energiebilanz für Erzeugung des »Bioalkohols« positiv ist. Es sieht so aus, daß ein riesiger Apparat mit Steuergeldern und zu Lasten der Umwelt betrieben werden soll, der günstigstenfalls soviel Energie erzeugt, wie hineingesteckt würde - ein famoser Beitrag zur »Energiesicherung« Mühltal (Hessen) JÜRGEN KRÄMER

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