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HOBBYFUNK Heimlicher Piep

Den rund 2,5 Millionen westdeutschen Hobbyfunkern droht Verdruß. Neue Vorschriften des Bonner Postministers sind nach Experten-Ansicht »das Hirnverbrannteste, das die Welt auf diesem Gebiet je gesehen hat«.
aus DER SPIEGEL 46/1980

Aus Waldbröl im Bergischen Land meldete sich blutrünstig die »Station HOC 280« zu Wort: Es sei an der Zeit, den Beamten der Bundespost »durch Terroristen, nach italienischer Art, ins Knie schießen zu lassen«.

Diese »Halbidioten«, diese »Dümmles in Gscheidles Ministerium«, rumort es auch anderswo im Äther, planten insgeheim einen »Ausrottungsfeldzug« gegen all jene Westdeutschen, die sich in ihrer Freizeit mit Walkie-talkies, mit Auto- und Heimfunkgeräten vergnügen.

Für die Funkfreunde, argwöhnt in der Fachpresse ein »Pinguin 13 mobil«, sei in Bonn »eine Art Judenstern« schon vorbereitet. Das Funken auf kurzer Welle im »Citizens Band« (CB), barmt ein anderer namens »Schlumpf 34«, drohe »wie in der DDR ein lebensgefährliches Hobby« zu werden; der Postminister sei fest entschlossen, »den CB-Funk nach und nach zu liquidieren«.

Aufgebracht bis zur Geschmacklosigkeit reagieren Westdeutschlands Feierabendfunker auf eine zur Jahreswende anstehende Reform, die Gscheidle als Fortschritt ausgibt. Der CB-Funkverkehr soll um zehn auf 22 Kanäle erweitert und schrittweise von Amplitudenmodulation (AM) auf Frequenzmodulation (FM) umgestellt werden;

( Bei AM wird eine Schwingung durch ) ( Änderung der Schwingungsweite ) ( (Amplitude), bei FM durch Änderung der ) ( Schwingungszahl (Frequenz) ) ( abgewandelt. )

mittelfristig will die Post den CB-Funk zudem vom 27-Megahertz- in den 900-Megahertz-Bereich verlagern.

Jede der beiden Reformetappen, fürchten die Funker, werde die westdeutschen CB-Anhänger nötigen, sich neue Geräte zuzulegen. Nutznießer sei, hieß es in der Zeitschrift »Funk«, »eine ''heilige Allianz'' zwischen der Industrie und dem Postministerium«.

Tatsächlich kann ein Funk-Fan, der in den letzten Jahren 200 bis 1500 Mark für eine der herkömmlichen 12-Kanal-AM-Stationen ausgegeben hat, künftig kein einziges Wort mehr wechseln mit jemandem, der sich nächstes Jahr eines der neuen 22-Kanal-FM-Geräte zulegt. Und: Wenn, wie geplant, nach 1985 der CB-Funk auf 900 Megahertz betrieben wird, sind abermals S.92 neue Anschaffungen fällig -- bei keineswegs besseren technischen Bedingungen.

Auf den von 1985 an vorgesehenen Frequenzen, vermutet das Fachblatt »CB-Radio«, werde man »nur um die Ecke funken« können: »Eine Buschtrommel kommt dieser Leistung sehr nahe.« In einer Glosse empfahl die Zeitschrift ihren Lesern, sich dann lieber »eine gute Taschenlampe zu kaufen und das Morsealphabet zu lernen«.

So verbittert sind die Funker, daß auch Parteien und Parlamente sich nun mit ihnen befassen. Der CB-Funk, der nach seiner Zulassung im Juli 1975 vielen Politikern nur als ein reichlich skurriler Zeitvertreib von Kraftfahrern und Rentnern, Schülern und Hausfrauen erschien und wegen seiner merkwürdigen Geheimsprache ("Asterix ist QRV für Quasimodo") belächelt wurde, ist zum Politikum gediehen.

Die Zahl der westdeutschen CB-Funker wird von Branchenkennern mittlerweile auf 2,5 Millionen geschätzt. Schon seit Monaten drohen Funker allerorten mit Protestaktionen und einem »Marsch auf Bonn«, bombardieren CB-Verbände den Petitionsausschuß, das Postministerium und das Kanzleramt mit bösen Briefen samt Tausenden von Unterschriften.

Bonns FDP-Fraktion veranstaltete prompt ein Hobbyfunk-Hearing, CDU und CSU erzwangen mit einem Antrag auf »bessere Bedingungen für den CB-Funk« im Mai eine CB-Debatte im Bundestag, und auch das Europaparlament befaßte sich, auf deutsche Anregung, mit den »Sprechfunkanlagen kleiner Leistung«, wie sie offiziell heißen.

Einig scheinen Postverwaltung und Privatfunker nur in einem einzigen Punkt: Die Bedingungen auf den derzeitigen CB-Frequenzen, von Profis verächtlich »Schrottband« genannt, sind miserabel.

Gestört wird der Jedermannfunk im 27-Megahertz-Bereich durch Hochfrequenzgeneratoren, -schmelzöfen und -schweißgeräte der Industrie ebenso wie durch ärztliche Geräte und bei bestimmten ionosphärischen Bedingungen durch ausländische Sender. »Oft hört man da«, jammern CB-Praktiker, »lauter Schrappschrapp und Gequatsche aus Italien, aber nicht den Partner.«

Zudem sind die bislang zugelassenen CB-Kanäle -- auf denen innerhalb der Reichweite stets nur jeweils einer sprechen darf -- in Ballungsgebieten hoffnungslos überbelegt, so daß nur selten ein längeres Gespräch über ein paar Kilometer hinweg zustande kommt. »Im Chaos der zwölf Kanäle«, urteilte die Stiftung Warentest, »ist ein normaler Sprechverkehr kaum noch möglich.«

Die Preise für CB-Geräte sind denn auch, wie ein Hamburger Händler sagt, in den letzten Jahren »tief in den Keller gerutscht«. Große Elektronikunternehmen wie Grundig und Blaupunkt, Saba und ITT haben sich vom deutschen CB-Markt zurückgezogen.

Zum Ärgernis geworden ist der Freizeitfunk aber auch für viele Nicht-Funker. Denn um die Konkurrenz zu übertönen, halten sich die meisten CB-Fanatiker nicht an die zulässige Sendeleistung von 0,5 Watt, sondern betreiben verbotene Importanlagen oder »Nachbrenner«, die den Output auf das Vielfache steigern und für elektronische Umweltverschmutzung sorgen.

Die Folgen bekommen ahnungslose Nachbarn zu spüren. Wie von Geisterhand bewegt, öffnen sich mancherorts S.94 ferngesteuerte Garagentüren; auf TV-Mattscheiben erscheinen mysteriöse Diagonalstreifen; aus Heimorgeln und Radios können unversehens Sätze tönen wie »Bismarck, komm mal rein für den Rollmops« oder »Lugano hat die Hose offen«.

An Vorschlägen der CB-Verbände zur Reform des Hobbyfunks mangelt es nicht. Seit langem wünschen sich die Jedermannfunker, was zur Zeit ausschließlich den staatlich lizenzierten Amateurfunkern vorbehalten ist: eine Vielzahl von Frequenzen, die Verwendung von Richtantennen, hohe Sendeleistungen und die Genehmigung, auch von Feststation zu Feststation und Land zu Land kommunizieren zu dürfen.

Derlei Wünsche, sträubt sich indes der Postminister, ließen sich vor allem wegen allgemeiner Frequenzknappheit »im Rahmen des CB-Funks nicht realisieren«. Wer fernsprechen wolle, solle halt telephonieren oder die Amateurfunk-Lizenz erwerben, für die in jüngster Zeit die Zugangsbedingungen »erheblich erleichtert« worden seien.

Die Post will im CB-Tohuwabohu mit technischen Änderungen für Ordnung sorgen. Durch die Umstellung von AM auf FM werde, verlautbart das Ministerium, »die Störbeeinflussung von Radio- und Fernsehgeräten stark reduziert«. Daß während einer Übergangszeit zwei nichtkompatible CB-Gerätetypen nebeneinander existieren, müsse in Kauf genommen werden -- zumal die neue Betriebsart bessere Verbindungen ermögliche. FM-Verkehr komme, bestätigt Bernd Sieverts, Prokurist der hessischen Funkfirma »dnt«, »an die Qualität des Taxifunks heran«.

Nur Nachteile erwarten Experten hingegen von der mittelfristig vorgesehenen Verlagerung des Hobbyfunks auf 900 Megahertz. Dieser Frequenzbereich, der letztes Jahr bei der Genfer Wellenkonferenz auf Betreiben der Bundesregierung für den Jedermannfunk reserviert worden ist, gilt Fachleuten als »äußerst kritisch« (Sieverts).

Eine Verbannung des CB-Funks auf 900 Megahertz würde beispielsweise die Reichweiten drastisch reduzieren -bei gleicher Sendeleistung auf »circa ein Drittel des bisherigen Standes«, wie der CSU-Fernmeldefachmann und Ex-Postminister Werner Dollinger schätzt.

»Die wenigen Experten«, sagt der hannoversche Funkhändler Reinhard Richter, »sind voller Entsetzen.« Aufgrund starker Abschattungen sei Gesendetes auf den vorgesehenen Frequenzen »mal brüllend laut, mal unhörbar leise« zu empfangen. Grundsätzlich, klärte »CB-Radio« seine Leser auf, könne man im »quasioptischen« 900-Megahertz-Bereich nicht »eiter funken als sehen: Hier hätte nur noch der eine Chance, der« » auf einem Berggipfel oder im obersten Stock eines Hochhauses » » wohnt. Mobilfunk ist da nicht mehr drin. Nehmen wir an, Sie » » fahren im ebenen Gelände (vom Gebirge wollen wir gar nicht » » reden) auf einer geraden Straße und es schiebt sich zwischen » » Sie und Ihren CB-Partner ein Lastzug. Aus ist der Ofen] »

Möglicherweise ließen sich die Nachteile des 900-Megahertz-Betriebs durch technische Raffinessen kompensieren -- doch das, meint dnt-Sieverts, »dürfte nicht billig sein«. Geräte für die vorgesehenen Frequenzen, schätzt CSU-Dollinger, würden »etwa 2000 Mark« kosten.

Schlechte Zeiten stehen vor allem den Besitzern ortsfester Anlagen bevor. Den Postlern mißfallen die Heimfunker S.96 seit langem. Mit ihren vergleichsweise sendestarken, weil mit Hochantennen bestückten Feststationen blockieren sie in vielen Gegenden durch stundenlange Dauerdialoge oder regelmäßige Plauderrunden die Kanäle; der Post entgehen durch die drahtlosen Ferngespräche zudem Telephongebühren.

Um die Zahl der stationären Anlagen niedrig zu halten, hat das Ministerium den Betrieb dieser Geräte bisher schon nur auf Antrag und gegen eine Gebühr von jährlich 180 Mark gestattet (Mobilfunken dagegen ist anmelde- und gebührenfrei) und den Sprechverkehr zwischen Feststationen ausdrücklich untersagt.

Die Einhaltung dieses Verbots haben Gscheidles Fernmeldekontrolleure bislang nicht durchsetzen können. Die wenigen Funküberwacher (CB-Jargon: »Gelbe Gefahr") vermögen in ihren Peilwagen und an ihren Monitoren kaum auszumachen, ob sich hinter den ständig wechselnden Phantasienamen der Hobbyfreunde, von »Biene Maja« bis zum »Grünen Blitz aus Buxtehude«, jeweils eine Fest- oder eine Mobilstation verbirgt.

Um ortsfesten Funkfrevlern auf die Schliche zu kommen, erdachten Bonns Fernmeldebürokraten letztes Jahr eine technische Schikane, die nach den ursprünglichen Planungen von 1981 an Pflichtbestandteil aller CB-Stationen sein sollte: einen eingebauten »Kennungsgeber«; er sendet automatisch ein verschlüsseltes Mehrton-Signal, das den Überwachern die Zulassungsnummer der Station verrät.

Doch die Bonner Postministerialen haben den von ihnen favorisierten Kennungsgeber politisch nicht durchsetzen können. Parlamentarier aller Parteien kritisierten, daß eine solche Zusatzeinrichtung die Kosten einfacher Geräte nahezu verdoppeln würde.

Um dennoch den Funkverkehr zwischen Feststationen verhindern zu können, hat die Post während der letzten Monate ein Verfahren entwickelt, das weltweit einzigartig ist. Künftig sollen laut einer Richtlinie des Fernmeldetechnischen Zentralamts (FTZ) in Deutschland nur noch CB-Feststationen verkauft und bedient werden dürfen, die einen unhörbaren »Pilotton« (90 Hertz) ausstrahlen, der innerhalb der Sendereichweite automatisch alle auf dem gleichen Kanal betriebenen Feststationen ausschaltet.

Was die Postler offenbar für eine Patentlösung halten, erscheint unabhängigen Fachleuten als »das Hirnverbrannteste, das die Welt auf diesem Gebiet je gesehen hat«, wie der hannoversche Experte Richter formuliert: »Die Bundespost gibt sich damit international der Lächerlichkeit preis.«

Denn, malt Richter sich die Konsequenzen der Pilotton-Vorschrift aus, »wenn jemand die Sendetaste seiner Station drückt, kann er damit sämtliche Feststationen in seiner Stadt stummschalten. Auch wenn eine Feststation völlig legal mit einer Mobilstation funkt, genügt der Knopfdruck eines Dritten, um die Verbindung sofort zu unterbrechen«.

Schlimmes befürchtet auch dnt-Manager Sieverts: »Wer künftig die Taste drückt, pustet im Umkreis von bis zu 50 Kilometern alles tot.« Manch ein Betroffener, dem der unhörbare Pilotton aus der Ferne den eigenen Sende- und Empfangsteil ausknipst, werde sich dann wahrscheinlich an den Hersteller wenden und das vermeintlich defekte Gerät reklamieren.

Rentnern und Behinderten, für die das CB-Heimgerät den wichtigsten Kontakt zur Außenwelt darstelle, werde, so der Düsseldorfer Hersteller und Importeur Peter Weber, »echt der Spaß vergehen, wenn sie nicht mehr mit anderen Feststationen sprechen können. Für die ist aus dem CB-Funk dann der Dampf raus«.

Für so absurd halten die Fachleute die Vorschrift mit dem heimlichen Piep, daß fraglich erscheint, ob am Stichtag, Neujahr 1981, überhaupt CB-Stationen mit Pilotton im westdeutschen Handel erhältlich sein werden. Bei einem Treffen in Frankfurt protestierten letzte Woche Vertreter aller namhaften westdeutschen CB-Firmen gegen das »Kuriosum«; einhellig forderten sie die Post zu einer »verbraucherfreundlichen Lösung« auf.

»Wir jedenfalls«, sagt dnt-Mann Sieverts, »werden keine einzige Feststation neuer Art auf den Markt bringen, solange es bei dieser Richtlinie bleibt.«

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Hier hätte nur noch der eine Chance, der auf einem Berggipfel oder

im obersten Stock eines Hochhauses wohnt. Mobilfunk ist da nicht

mehr drin. Nehmen wir an, Sie fahren im ebenen Gelände (vom Gebirge

wollen wir gar nicht reden) auf einer geraden Straße und es schiebt

sich zwischen Sie und Ihren CB-Partner ein Lastzug. Aus ist der

Ofen]

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S.90Bei AM wird eine Schwingung durch Änderung der Schwingungsweite(Amplitude), bei FM durch Änderung der Schwingungszahl (Frequenz)abgewandelt.*

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