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WARENTEST-INSTITUT Heimlicher Start

aus DER SPIEGEL 11/1966

In Berlins Stauffenbergstraße 11-14, einst Sitz, des ehemaligen Oberkommandos der Wehrmacht und der 20.-Juli-Verschwörer, umgibt sich ein 58 Kopf starkes Team von Volkswirten, Naturwissenschaftlern, Ingenieuren, Journalisten und Hilfspersonal mit konspirativer Geheimhaltung.

Schriftlich haben sich die Insassen des historischen Bendlerblocks verpflichten müssen, »gegenüber jedermann strengstes Stillschweigen zu bewahren«. Kein Namensschild an der klassizistischen Fassade weist den Weg zu jener Institution, die als »Stiftung Warentest«, Stiftung des Privatrechts, firmiert.

Sie soll laut Satzung »Untersuchungen an miteinander vergleichbaren Waren und Leistungen nach wissenschaftlich gesicherten Methoden« vornehmen lassen und die Ergebnisse dieser Warentests in einer eigenen Zeitschrift veröffentlichen. Stifter ist die Bundesrepublik Deutschland.

Noch Ende März wollen die Tester jenes Geheimnis lüften, das die Satzung »bis zur Veröffentlichung des Prüfungsergebnisses« verhängt: Nummer 1 ihres 24,5 mal 29,5 Zentimeter großen Monatsblattes »Test« soll den Verbrauchern gegen Zahlung von 1,50 Mark Aufschlüsse unter anderem über Nähmaschinen und Küchen-Handmixer vermitteln. Geplante Verkaufsauflage: 150 000 bis 200 000 Exemplare.

Ein Test in der zweiten Nummer soll das Publikum darüber aufklären, daß sich die meisten elektrischen Heizkissen nur durch ihren Stoffbezug voneinander unterscheiden. Ein weiterer Test läßt die Leser in den üppig wuchernden Markt der geruchsbindenden Substanzen (Deodorants) hineinriechen. Insgesamt hat die Stiftung bislang 15 Untersuchungsaufträge vergeben. Bis zu vier Waren-Examina sollen in jeder Ausgabe publiziert werden, durchschnittlich je zwölf Seiten stark.

Mit dem Aushang der ersten Nummer an den Kiosken soll das siebenjährige Zerren um den öffentlich subventionierten Warentest beendet sein. Schon bevor der Stuttgarter Verleger Waldemar Sehweitzer 1961 mit seiner »DM« konkrete Kaufempfehlungen und -warnungen unter die Leute brachte, hatten Bonner Ministerialbeamte darüber nachgesonnen, wie sie den Verbrauchern die Teststrecke in Erhards gelobtes Land zeigen könnten.

Aber alle Pläne scheiterten an der Hürde, das erstrebte Testinstitut sowohl von der Bundesregierung als auch von Interessenten unabhängig zu machen. Erst Ende 1964 entschied sich der Bundestag für eine Stiftung des privaten Rechts mit dem Bund als Stifter.

Die Satzung garantiert Stiftungs-Vorstand und -Geschäftsführung die erforderliche Unabhängigkeit. Beirat sowie Wirtschafts- und Verbraucherausschuß des Instituts sind vom Bundeswirtschaftsministerium aus dem pluralistischen Interessentopf so beschickt worden, daß sich die insgesamt 44 Mitglieder gegenseitig in Schach halten. Sie haben außerdem keine Weisungsbefugnis. Dem Wirtschaftsministerium selbst ist durch Satzung ebenfalls jeder Einfluß auf Vorstand und Geschäftsführung entzogen.

Den Testfahrern durch Deutschlands Warenkörbe stellte Bonn reichlich bemessene Steuergelder zur Verfügung: Im Gründungsjahr 1964 flossen 400 000 Mark, 1965 schon zwei Millionen Mark in die Testkasse. Bis 1969 darf die Stiftung pro Jahr bis zu vier Millionen Mark aus öffentlicher Hand nehmen.

Zum Geschäftsführer bestimmten die Bonner Stifter den gelernten Autoelektriker, einstigen Medizinstudenten und promovierten Diplom-Volkswirt Olaf Triebenstein, 42. Zum Vorsitzenden des Vorstands machte das Bundeswirtschaftsministerium den Intendanten der Deutschen Welle und Rundfunk-Kommentator ("Soll und Haben") Dr. Hans Otto Wesemann.

Das »Oberkommando Warentest« (Triebenstein) besetzte alsbald-39 Bürozimmer, zwei Lagerräume und ein Photoatelier im bundeseigenen Anwesen der Berliner Stauffenbergstraße.

Überdies nahm Geschäftsführer Triebenstein einen Tausendsassa unter Vertrag, der mit Waldemar Schweitzer zusammen das Testblatt »DM« gegründet hatte: Justus Ptach, 41, derzeit Herausgeber einer Musikzeitschrift in Hamburg.

Der gelernte Schauspieler Ptach soll namens des Berliner Oberkommandos die verbreitete Ansicht entkräften, ein Blatt müsse - weil amtlicher Herkunft - schon deshalb uninteressant sein. Um die Leser nicht mit den jeweils zwölf Seiten langen Tests zu ermüden, steuert Ptach zu jeder Nummer der Zeitschrift 44 Seiten bei mit Rubriken wie »Schon notiert?«, »Schon gewußt?« und »Schon gesehen?«, verfaßt aktuelle Verbraucher-Nachrichten, Kurzbeiträge etwa über Bahntarife und den Umgang mit Autoversicherungen sowie Hinweise auf Ausstellungen, verbrauchsnahe Literatur und einschlägige TV-Sendungen. Schließlich führt Ptach die Hausfrauen zu billigen Einkaufsquellen.

Auf Tips wie »empfehlenswert« oder »nicht empfehlenswert« nach dem Muster von Schweitzers »DM« wollen sich die Herren der Stiftung freilich nicht einlassen. »Der letzte Schluß«, so »Test«-Chef Triebenstein, »muß dem Leser überlassen bleiben.«

Zweifelhaft ist freilich, ob es Triebenstein überlassen bleibt, sein Blatt, wie geplant, im März herauszubringen. Widerspruch gegen den geplanten Zeitpunkt erhob der Hamburger Druck- und Zeitschriftenkonzern Gruner + Jahr GmbH & Co., der laut Vertrag drei Jahre lang das mit Steuergeldern finanzierte Verbraucherblatt durch seinen Vertriebsapparat an die Kioske schleusen will.

Zeitschriftenverleger John Jahr, Herr über »,Constanze«, »Brigitte« und »Petra«, hält den Plan, die erste Teststufe bereits im März zu zünden, für verfrüht. Von Jahr gedrängt, intervenierte Kompagnon Gerd Bucerius ("Stern«, »Zeit") in Bonn und Berlin: Zwecks gründlicherer Vorbereitung des Projekts müsse der Erscheinungstermin von »Test« zumindest in den Herbst verlegt werden. Das Frühjahr sei für den Start einer Zeitschrift ungeeignet.

Sollte die Stiftung Warentest den Empfehlungen der erfahrenen Verleger nachkommen, müßten alle Beteiligten noch einmal von vorn beginnen. Die bereits fertiggestellten Nummern 1 und 2 der Verbraucher-Postille müßten, da die gezeigten Nähmaschinen und Handmixer im Herbst veraltet wären, mit neuen Tests versehen werden.

Warentest-Chef Wesemann, Wegweiser

Strengstes Schweigen gegen jedermann

Die Weit

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