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Heinrich Böll

aus DER SPIEGEL 6/1964

Heinrich Böll, 46, westdeutscher Schriftsteller ("Ansichten eines Clowns"), in einer Besprechung des Buches »Deutsche Literatur in West und Ost« von Marcel Reich-Ranicki, der Böll in dem Band aufgefordert hatte, »mit der Entwicklung Schritt zu halten": »Wortwörtlich aufgefordert, 'mit der Entwicklung Schritt zu halten', wurde ich zuletzt vor fast genau siebenundzwanzig Jahren, als ein Schulkamerad, wohlwollend, fast schon gütig, mich aufforderte, nun doch endlich, so kurz vor dem Abitur, in die Hitler-Jugend einzutreten. Ich tat's nicht, nicht nur aus moralischen Gründen (weil ich zu wissen glaubte, wohin die Entwicklung führte), nicht nur aus politischen Gründen, auch aus ästhetischen: Ich mochte diese Uniform nicht, und die Marschierlust hat mir immer gefehlt; fünf Jahre vorher war ich, weil dort plötzlich Gleichschritt geübt wurde, nach einem kurzen, rasch vorübergehenden Anfall von Organisationsfreudigkeit aus einem katholischen Jugendklub ausgetreten. Wohin die heutige Entwicklung mich, würde ich Schritt mit ihr fassen, führen könnte, weiß ich nicht; selbst wenn ich's wüßte, Schritt halten mag und kann ich nicht.«

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