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Nachruf Heinrich Lübke †

aus DER SPIEGEL 16/1972

Die Republik braucht keine Regenten, aber sie braucht einen Mann, der die Nation verkörpert.« So stand es in einer Bilder-Broschüre, die sich die Bundeszentrale für politische Bildung ausgedacht hatte. um das Renommee des damals -- 1967 -- amtierenden Bundespräsidenten Heinrich Lübke ein wenig zu schmücken.

Verkörperte Heinrich Lübke, der letzte Woche, 77 Jahre alt, starb, die deutsche Nation? Sicher nicht ihr Genie und ebensowenig jenes desperate Abenteurertum, das 1933 unversehens aus ihr hervorgebrochen war. Er war kein Großer, nicht einmal ein Macher, aber auch kein Glücksritter.

Wohl jedoch verkörperte er jene breite Mittelschicht der Fleißigen und Geschubsten, der Rechtschaffenen und Gehorsamen. die, wenn die Zeiten ruhig sind, in Deutschland wie anderswo, unerkannt und unbehelligt durch die Geschichte gehen.

So ist es denn sehr wohl wahr, daß Heinrich Lübke mehr als sein Vorgänger, der Literat Theodor Heuss. und mehr als sein Nachfolger, der ernste Christ und Sozialist Gustav

Heinemann, die deutsche Nation verkörpert hat -- das, was an ihr tüchtig ist, und das, was an ihr kläglich ist.

Er stammte aus dem Kleinbürgertum und kämpfte sich empor, Energie aus den dürftigen moralischen Vorräten der wechselnden Zeiten schöpfend -- aus wilhelminischem Pflichtgefühl. sauerländischer Heimatliebe, katholischer Sozialgesinnung und deutschem Nationalismus.

So entstanden denn auch die Bilder seiner Biographie: das Bild des strebsamen Gymnasiasten. das des tapferen Weltkrieg-Offiziers, das des Vermessungs- und Kulturbau-Ingenieurs und schließlich des zähen Agrar-Funktionärs im Gerangel der Weimarer Parteien und Interessenverbände. Er wurde ein Mann, der Einfluß hat, ein stiller Gewinner -- auch im Skat. wie Ernst Lemmer erzählte.

Doch dann folgten Hitlers Machtübernahme, politische Drangsal und staatsanwaltschaftliche Untersuchungen, die nach 20 Monaten Untersuchungshaft mit einem gnädigen Amnestiebescheid endeten.

Lübke fand einen Platz im Baugewerbe. Es ergaben sich nach und nach Verbindungen zu Hitlers Rüstungswirtschaft, auch solche schließlich, während des Krieges, zu Betrieben, in denen KZ-Häftlinge arbeiteten.

Nach dem Kriege knüpfte Lübke da an, wo er 1933 gestoppt worden war. Seine Partei- und Staatskarriere führte in das Bundeslandwirtschaftsministerium, 1953. Er wurde der »Vater des Grünen Plans«.

Heinrich Lübke war der Pensionsgrenze nahe und 64 Jahre alt, als er sich plötzlich von der Hand eines Mächtigeren in ein Amt gehoben sah, für das er selbst sich nicht geeignet fühlte. Adenauer ließ ihn für das Amt des Bundespräsidenten nominieren.

Lübke wurde gewählt und seufzte: »Ich bin für das Amt eigentlich wenig geeignet.«

Doch er stand es durch, fast bis zum vorgeschriebenen Ende seiner zweiten Amtsperiode. Freilich bedurfte er dazu großer Festigkeit. Kabarettisten verspotteten den Biedersinn seiner Reden und Ansichten -- etwa über Günter-Oraß-Produkte: »So unanständige Dinge. über die nicht einmal Eheleute miteinander sprechen.« Journalisten deckten den launischen Umgang seiner Frau Wilhelmine mit ihrem Geburtsdatum auf.

Seine Parteifreunde düpierte er durch ehrenhaften Eigensinn. Er weigerte sich, Gesetze zu unterschreiben, Orden zu verleihen, belastete Beamte zu befördern. Er sperrte sich gegen die Ernennung des »arroganten« Schröder zum Minister. Er propagierte. dem Kanzler Erhard zum Trotz, die Große Koalition.

Doch am Ende wurde ihm Vergangenes zum Verhängnis. DDR-Propagandisten enthüllten seinen Umgang mit KZ-Häftlingen.

Pflichtgefühl hielt ihn bis zum 30. Juni 1969 im Amt fest. Sein Nachfolger Heinemann rühmte vier Monate später seine Treue. Redlichkeit und Pflichtauffassung -- Tugenden jener Nation. die er verkörperte.

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