Geheime Videos belasten FPÖ-Chef Strache Ist Österreichs Vizekanzler käuflich?

Verdeckt aufgenommene Videos von 2017 belasten Heinz-Christian Strache: Er stellte einer angeblichen russischen Oligarchen-Nichte für ihre mögliche Hilfe im Wahlkampf öffentliche Aufträge in Aussicht.
Parteiobmann Strache

Parteiobmann Strache

Foto: Gianmaria Gava / Anzenberger

Maik Baumgärtner, Vera Deleja-Hotko, Martin Knobbe, Walter Mayr, Alexandra Rojkov, Wolf Wiedmann-Schmidt

Nachtrag vom 18. Mai 2019: Nach Erscheinen dieser SPIEGEL-Story hat FPÖ-Chef und Vizekanzler Heinz-Christian Strache Konsequenzen aus der Ibiza-Affäre gezogen und dem österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz seinen Rücktritt angeboten. Kurz verkündete danach das Ende der Koaltion, Österreich steht vor Neuwahlen. Alle aktuellen Entwicklungen finden Sie im Newsblog auf SPIEGEL ONLINE. Hier lesen Sie die Geschichte des Strache-Videos:


Ein schneeweißes Ferienhaus auf einem Hügel, wenige Kilometer von Ibiza-Stadt entfernt. Drei Schlafzimmer, vier Bäder, ein Außenpool, ein separates Gästehaus, auf rund 500 Quadratmeter Wohnfläche kostet die Nacht knapp tausend Euro.

Die Runde, die hier am Abend des 24. Juli 2017 auf der Terrasse bei Champagner, Thunfischtatar und Sushi zusammenkommt, diskutiert heikle Fragen: Wie können einer russischen Investorin Aufträge der österreichischen Wirtschaft und des Staates zugeschanzt werden?

Große Würfe werden erwogen, nichts scheint unmöglich. Es geht um Casinolizenzen, den Verkauf eines alten Luxushotels, Aufträge am Autobahnbau, alles für die Investorin aus Russland. Sogar von einer Übernahme der "Kronen Zeitung" ist die Rede. Sie zählt zu den auflagenstärksten Blättern des Landes.

Es mischen mit: eine angebliche Russin, eine Österreicherin mit serbischen Wurzeln und Masterabschluss, drei Österreicher in Freizeitkleidung.

Zwei von ihnen sind zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Sprung ins Zentrum der politischen Macht: Heinz-Christian Strache, Chef der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ), und Johann Gudenus, Mitglied des Bundesvorstands der FPÖ, ehemaliger Vizebürgermeister von Wien, der Mann der gebürtigen Serbin.

Knapp drei Monate später wird in Österreich ein neuer Nationalrat gewählt werden.

Strache wird fünf Monate nach dem Treffen in der Villa als Vizekanzler Österreichs vereidigt werden, Gudenus zum Fraktionschef aufsteigen. Auf Ibiza, beim feuchtfröhlichen Feilschen um millionenschwere Deals, wirken die beiden noch wie Zechkumpane in Urlaubslaune. Doch seit Dezember 2017 bestimmen sie mit über den Kurs der Regierung in Wien: als Koalitionspartner und Mehrheitsbeschaffer des konservativen Kanzlers Sebastian Kurz und seiner Österreichischen Volkspartei (ÖVP).

Knapp sechs Stunden lang sitzen sie schon beisammen an diesem warmen Abend, da beschleicht den FPÖ-Vorsitzenden Strache ein böser Verdacht: "Falle, Falle, eine eingefädelte Falle", flüstert er seinem Nachbarn Gudenus zu. Doch schnell scheinen die Bedenken wieder verflogen. "Des is ka Falle", beruhigt der Parteifreund.

Letztlich behält der FPÖ-Chef mit seiner Vermutung aber recht. Das Treffen ist eine Falle. Die Villa ist verwanzt und mit mehreren Kameras ausstaffiert, die verdeckt alles aufnehmen.

Die angebliche Russin Aljona Makarowa, die auch die lettische Staatsbürgerschaft besitzen will, spielt die investitionswillige Nichte eines reichen Oligarchen. Ihre Legende: Sie wolle mehr als eine Viertelmilliarde Euro in Österreich anlegen, als Kapital, das "nicht auf die Bank darf", weil es "eigentlich nicht ganz legal" sei, wie der Begleiter der Frau freimütig erzählt. In anderen Worten: Schwarzgeld.

Die Videos von jenem langen Abend auf Ibiza wurden dem SPIEGEL und der "Süddeutschen Zeitung" zugespielt.

Die Aufnahmen bergen politischen Sprengstoff, sie offenbaren höchst fragwürdige Ansichten von Politikern, die heute Österreich mitregieren. Sie belegen, dass diese Politiker sich dazu bereit zeigten, mithilfe russischen Geldes das Wahlergebnis ihrer Partei, der FPÖ, nach oben zu treiben. Versprechen, die an diesem Abend gemacht, und Praktiken, die offenbart wurden, wären für politische Amtsinhaber womöglich strafrechtlich relevant.

Wegen der politischen Bedeutung und des öffentlichen Interesses haben sich SPIEGEL und "Süddeutsche Zeitung" dazu entschlossen, die Inhalte der Gespräche zu veröffentlichen.

Die Quelle ist den Redaktionen bekannt, sie besteht darauf, anonym zu bleiben. Ungeklärt ist, auf wessen Betreiben die FPÖ-Politiker in die Falle gelockt wurden und welches Motiv dahinterstand.

Die Bild- und Tondokumente wurden von zwei externen Gutachtern forensisch geprüft. Es fanden sich keine Hinweise, dass die Aufnahmen nachträglich manipuliert wurden. Dem SPIEGEL liegt ein Foto der Rechnung für die Villa auf Ibiza vor. Sie wurde demnach vom 22. bis zum 25. Juli 2017 gebucht, Kosten 2936 Euro. Die Bilder auf der Website der Vermietungsagentur zeigen nachweislich dieselben Räume, die im Video zu sehen sind.

Die Abschriften der Gespräche wurden abgeglichen und in wesentlichen Auszügen beglaubigt, ein vereidigter Dolmetscher hat zentrale Stellen der russischen Dialoge übersetzt. Am Ende wurden die beteiligten Politiker mit den Inhalten konfrontiert.

Die Videos aus Ibiza wirken wie der Werkstattbericht aus einer Bananenrepublik: Ungeniert erzählen zwei führende Politiker aus Österreich einer ihnen fast unbekannten Frau, wie sie sich das Leben an den Schalthebeln der Macht vorstellen. Und wie sie dieser Frau für Hilfestellung auf dem Weg nach ganz oben entgegenkommen würden.

An jenem Abend geht es nach zwei Stunden um das Boulevardblatt "Krone" und dessen Einfluss auf die anstehende Wahl. Die Runde beschließt, das Gespräch von der Terrasse nach drinnen zu verlegen. Heinz-Christian Strache will wissen: "Was ist da scho' vorangeschritten?"

Der jungen Russin aus Lettland wird nahegelegt, die Hälfte des Verlags der "Krone" diskret zu erwerben. Wenn diese Zeitung vor der Wahl "auf einmal uns pusht", begeistert sich Strache und spekuliert in Prozenten, "dann machen wir nicht 27, dann machen wir 34". Jeder Artikel, der "uns zugutekommt, treibt Rot und Schwarz die Weißglut ins Gesicht". Er meint die seit Kriegsende in Österreich meist gemeinsam regierenden Sozial- und Christdemokraten.

Die "Krone" erreicht mehr als ein Viertel aller Österreicher. Dem Politprofi Strache, Parteichef seit 2005, dürfte klar sein, dass es mit der Rückendeckung durch Österreichs Sturmgeschütz der Demagogie leichter werden würde, ins Kanzleramt am Wiener Ballhausplatz einzuziehen.

Genau das ist Straches Ziel im Sommer 2017. Damals hat der junge ÖVP-Aufsteiger Sebastian Kurz die in Umfragen lange führende FPÖ bereits abgehängt.

Die erfundene Behauptung der lettischen Russin, sie erwäge, die Hälfte der "Krone"-Anteile zu kaufen, und sei dafür bereits mit zwei der vier Erben des verstorbenen "Krone"-Herausgebers Hans Dichand in Kontakt, erstaunt den FPÖ-Chef anfangs noch. "Das hätt ich nicht erwartet", sagt er. Nach und nach aber schwinden offenbar die Zweifel, und es siegt der Appetit auf einen Deal, der Strache dem Ziel der Kanzlerschaft näher bringen könnte, aber natürlich "immer rechtskonform", wie er betont.

Mit dieser Zeitung, so wirbt Strache, spiele sie "mit bei den zehn mächtigsten Leuten Österreichs". Zwar gebe es in der "Krone"-Redaktion noch Querköpfe, "drei, vier Leute, die müssen abserviert werden", aber "wir holen gleich noch mal fünf neue herein". Ob das so einfach ist? "Journalisten sind ja sowieso die größten Huren auf dem Planeten", sagt Strache.

Die junge Frau fragt, was für sie persönlich bei dem Investment herausspringen würde. "Du hast die Waffe in der Hand, dass alle dich schalten und walten lassen in Österreich", antwortet Strache. Wer die "Krone" besitze, verfüge nicht nur über die Meinungshoheit, sondern auch über "das Machtmonopol, andere Geschäftszweige zu eröffnen". Später wird Strache der Frau öffentliche Aufträge im Autobahnbau in Aussicht stellen, die bislang das Unternehmen Strabag erhalten habe.

Er könne den "Missing Link" zur Funke-Mediengruppe herstellen, behauptet Strache. Der deutschen Verlagsgruppe, einst WAZ, gehörte damals noch die eine Hälfte der "Kronen-Zeitung", den Nachkommen des langjährigen Herausgebers Hans Dichand die andere.

Den richtigen Mann, um bei der Neuausrichtung des Boulevardblatts zu helfen, kenne er auch schon, sagt Strache: Heinrich Pecina. Der Investor, ein "großer Player", habe "für Orbán alle ungarischen Medien der letzten 15 Jahre aufgekauft und für ihn aufbereitet".

Tatsächlich war es der aristokratisch auftretende Unternehmer Pecina, der für den ungarischen Premierminister Viktor Orbán die Flurbereinigung der ungarischen Presselandschaft organisiert hat. Blätter wie "Népszabadság" und andere regierungskritische Zeitungen wurden erworben, über Nacht eingestellt oder an orbánfreundliche Interessenten weiterverhökert. Von Ungarn lasse sich lernen, findet Strache: "Wir wollen eine Medienlandschaft ähnlich wie der Orbán aufbauen."

Heinrich Pecina sagt auf Anfrage, er habe mit der "Krone" nie etwas zu tun gehabt: "Auf jeden Fall hatte und habe ich keine Möglichkeiten, die 'Kronen Zeitung' in welcher Weise auch immer zu kontrollieren oder zu beeinflussen. Was ich deshalb auch niemals behauptet habe."

Neben der "Krone" sei nur der öffentlich-rechtliche Sender ORF wirklich wichtig, führt Strache in dem Video weiter aus. Denkbar sei dessen teilweise Privatisierung, etwa zugunsten des Unternehmers Dietrich Mateschitz, Chef von Red Bull und dem dazu gehörigen Medienunternehmen: "Wir könnten uns vorstellen, den ORF völlig auf neue Beine zu stellen." Sich selbst nennt Strache den "Red Bull Brother from Austria".

Immer wieder stellt die angebliche Russin die Frage nach einer Gegenleistung. Wenn sie die "Krone" noch vor der Wahl übernehme und "uns zum Platz eins bringt", sagt der FPÖ-Chef schließlich, "dann können wir über alles reden".

Es ist der größte Offenbarungseid, den Strache an diesem Abend leistet: Man könne über alles reden. Über alles.

Was auf Ibiza noch Wunschdenken ist, wird unter der Koalition von ÖVP und FPÖ nach und nach Wirklichkeit. Den Vorsitz im ORF-Stiftungsrat führt heute Norbert Steger, ehemals Parteichef der FPÖ. Steger wurde vor drei Wochen mit einem Angriff auf den bekanntesten ORF-Journalisten über Österreich hinaus bekannt: Sarkastisch empfahl er Armin Wolf, dem Moderator der Hauptnachrichtensendung des ORF, nach einem FPÖ-kritischen Interview: "Ich würde ein Sabbatical nehmen, auf Gebührenzahler-Kosten durch die Welt fahren und mich neu erfinden."

Es ist nicht so, dass politisch motivierte Interventionen beim ORF etwas Neues wären. Sie sind seit Jahrzehnten die Regel. Doch seitdem die FPÖ in der Regierung ist, wird die redaktionelle Unabhängigkeit des Senders massiv infrage gestellt. "Wie ein Löwe", versprach Vizekanzler Strache auf Facebook, werde er sich dafür einsetzen, dass die "ORF-Zwangsgebühren" abgeschafft werden.

Die FPÖ hat heute nicht nur im öffentlich-rechtlichen Rundfunk Macht, sondern auch in vielen anderen Bereichen des Landes. Sie führt zum Beispiel die Schlüsselministerien für Äußeres, für Inneres, für Verteidigung und Soziales.

Alle drei österreichischen Geheimdienste unterstehen Ministerien, die von der FPÖ geführt werden, einer Partei, die durch ein 2016 besiegeltes Kooperationsabkommen mit der Kremlpartei "Einiges Russland" verbandelt ist. Die Angst, Moskau höre nun überall mit, hat bei westlichen Geheimdiensten dazu geführt, dass sie ihr Wissen nur noch beschränkt mit Wien teilen.

Die Affinität der Partei zu Russland spielt auch beim Treffen auf Ibiza eine entscheidende Rolle. Johann Gudenus, der für die angebliche Russin dolmetscht, belegte Kurse an einer Universität in Moskau. Der Sohn eines früheren FPÖ-Parlamentariers und verurteilten Holocaust-Leugners ist seit seiner Jugend im freiheitlichen Lager verankert. Mittlerweile gilt Gudenus als einer der wichtigsten Kontaktleute der FPÖ nach Russland. Vom tschetschenischen Gewaltherrscher Ramsan Kadyrow ließ sich Gudenus nach Grosny einladen und von den russischen Besatzern auf die annektierte Halbinsel Krim. In der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale wetterte er 2014 gegen die EU als Hort einer "Homosexuellenlobby".

Parteichef Strache sieht in "Joschi" seinen Mann fürs Grobe. Beide Männer sind seit Jahren vertraut: In der Studentenverbindung Vandalia in Wien war der junge Gudenus Straches "Leibfuchs". Nun ist Gudenus der Mann für Russland, er hat das Treffen in der Villa mit Strache eingefädelt.

Dem jungen FPÖ-Funktionär war geraume Zeit zuvor die vermeintlich reiche Russin angepriesen worden. Sie wolle Grundbesitz in Österreich kaufen, Gudenus' Familie gehören Ländereien in Niederösterreich. Man traf sich in Wien. Im Video hört man Gudenus sagen, dass die Frau den fünffachen Preis für ein Grundstück bieten würde. In den Gesprächen entstand offenbar der Plan für einen größeren Coup.

Österreich solle künftig "die Visegrád-Gruppe" ansteuern, sagt Strache in einem der Videos, die informelle Länderkooperation der osteuropäischen EU-Staaten Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn. Das Land müsse sich "sehr stark Richtung Osten öffnen", nach Russland. "Wir haben die Dekadenz im Westen", sagt Strache, "im Osten sind sie normal."

Er sei ja oft in Moskau gewesen, erzählt der FPÖ-Chef, bereits vor mehr als zehn Jahren habe er sich mit einem Putin-Berater getroffen und Pläne geschmiedet, "wie wir strategisch zusammenarbeiten". Auch Serbien sei ein fantastisches Land, einige seiner Freunde hätten dort kräftig investiert. Er selbst sei in Umfragen in dem Land fast so beliebt wie Putin.

Neben vielen Eitelkeiten des Parteichefs ist Geld das bestimmende Thema dieses Treffens. Es geht auch darum, wie die FPÖ finanziell unterstützt wird. Strache offenbart der angeblichen Russin einen Weg, wie sie ihr Geld womöglich an gesetzlichen Hürden vorbei an die FPÖ bringen könnte. Sollte das, was Strache schildert, tatsächlich existieren, wäre es offensichtlich ein Modell der illegalen Parteienfinanzierung.

"Es gibt ein paar sehr Vermögende, die zahlen zwischen 500.000 und anderthalb bis zwei Millionen", behauptet Strache. Geflossen sei das Geld noch nicht, schränkt er an anderer Stelle ein, er habe aber bereits Zusagen erhalten. Für solche Summen gebe es einen Verein, der gemeinnützig sei und nichts mit der Partei zu tun habe. "Dadurch hast du keine Meldungen an den Rechnungshof", doziert Strache und holt dabei weit mit den Armen aus, in den Fingern fast immer eine Zigarette. Gudenus ergänzt auf Russisch, über diesen Verein wisse niemand etwas. Er werde von drei Rechtsanwälten geführt, sagt Strache.

Spenden an politische Parteien unterliegen in Österreich ähnlichen Regeln wie in Deutschland: Überschreiten sie den Betrag von 50.000 Euro, müssen sie ans höchste Finanzkontrollorgan des Bundes gemeldet werden. Spenden von Ausländern dürfen nur bis zu einer Höhe von 2641 Euro angenommen werden.

Strache behauptet, es gebe zehn potenzielle FPÖ-Großspender, die er alle persönlich aufsuchen wolle: Gaston Glock zum Beispiel, sagt er, während Gudenus stehend die Hände zu einer Pistole formt, um Aljona zu verdeutlichen, womit der Kärntner Waffenhersteller sein Geld verdient. Heidi Horten, die milliardenschwere Kaufhauserbin. Außerdem gebe es Unterstützer, erzählt Strache weiter, die an den heutigen Kanzler Sebastian Kurz "und uns" zahlten oder vielleicht zu zahlen beabsichtigten, wie angeblich der Milliardär und Immobilienkrösus René Benko. Und "ein paar Big Player" wie den Glücksspielkonzern Novomatic, einer von Österreichs größten Steuerzahlern: "Die zahlen an alle drei", so behauptet Strache, also an die konservative ÖVP, an die sozialdemokratische SPÖ und an die FPÖ.

Alle genannten Firmen und Personen teilen auf Anfrage mit, dass sie niemals direkt oder indirekt an die FPÖ gespendet haben. Nach den angeblichen Spendern gefragt, bestätigen auch Strache und Gudenus schriftlich, dass von den "genannten Personen und Unternehmen keine Spenden an die FPÖ" eingegangen seien.

Auf Ibiza allerdings sagt Strache, Aljona sei herzlich eingeladen und könne "uns jederzeit über den Verein spenden", vorausgesetzt, sie sei "positiv gestimmt". Die Sponsoren der Partei seien in der Regel Idealisten, sagt Strache und wendet sich an seinen Freund Gudenus. "Joschi" möge der Frau erklären, "dass da Leute dahinterstehen, die nicht wollen, dass Österreich islamisiert wird; sie wollen nicht, dass ihre Kinder und Enkelkinder verrecken".

Die FPÖ versteht sich als "soziale Heimatpartei", ein Slogan, den in Deutschland auch die NPD verwendet. Sie punktete bei den letzten Wahlen überdurchschnittlich unter Arbeitern und einfachen Angestellten. Wer den volksnahen Vizekanzler Strache zuletzt erlebte, etwa am 1. Mai im Linzer Bierzelt, und wer weiß, wie Strache schwierige Sachverhalte auf simple Nenner zu bringen versteht, der staunt über das, was auf Ibiza über den tatsächlichen Umgang des FPÖ-Chefs zur Sprache kommt.

Von Abenden mit Kaviar und Austern für 1600 Euro pro Tisch schwärmt Strache da, "so teuer war's ned". Auch von einem Freund, der eine Diamantenmine in Afrika gekauft habe, und von einem Geschäftsmann, der in seinem schwer bewachten Büro in Tel Aviv angeblich Diamanten im Wert von 400 Millionen Euro hortet.

In der Öffentlichkeit gibt Strache gern den Kämpfer gegen das Establishment. In der Villa klingt es nun so, als stünde der FPÖ-Vorsitzende mit Österreichs Milliardären seit Langem auf Du und Du. Mit dem vermögenden, von jeher der Linken nahestehenden Wiener Händler Martin Schlaff habe er "eine gute Gesprächsbasis", den Immobilienmogul und Karstadt-Eigentümer René Benko habe er angeblich auf Ibiza getroffen, der sei dort auf der 62-Meter-Jacht "Roma" gewesen. Auch dem Salzburger Red-Bull-Produzenten und Betreiber von Servus TV, Mateschitz, ist Strache verbunden. Der sei "lieb", sagt Strache, aber verstehe das Mediengeschäft nicht. Von ukrainischen und russischen Freunden mit viel Geld spricht Strache, von Kontakten zu einem Milliardärsclan in China. "Die Hunde", sagt der heutige Vizekanzler in dem Video, "haben dicke Kohle."

Straches eigener Weg nach oben war steinig. Von der Mutter, einer Drogistin, allein erzogen, geriet der junge Wiener über eine schlagende Schülerverbindung schnell in Kontakt mit Rechtsextremen. Fotos zeigen ihn später bei Wehrsportübungen mit Neonazis. Vom äußersten rechten Rand des politischen Spektrums wandte sich der gelernte Zahntechniker erst Anfang der Neunziger ab. Als Strache 2005 Vorsitzender der von Jörg Haider heruntergewirtschafteten FPÖ wurde, lagen die Freiheitlichen in Umfragen bei etwa vier Prozent. Innerhalb der nächsten zwölf Jahre aber gelang es dem FPÖ-Chef, die Zustimmungsrate für seine Partei zu versechsfachen.

Strache versucht gar nicht erst zu verbergen, wie stolz er darauf ist. Seine wiederkehrenden Bekenntnisse zur Ehrlichkeit an diesem Abend auf Ibiza klingen wie eine Selbstbeschwörung. "Das ist mir heilig, ich mach nichts, was rechtswidrig ist", sagt er mehrmals auf dem Sofa zwischen Red-Bull-Drinks und Aschenbechern. "Das ist mein Werdegang, und das ist meine Stärke." Bestechungsversuche habe er immer abgelehnt, denn: "Ich brauch den Scheiß nicht." Er wolle guten Gewissens "in der Früh aufstehen und sagen, ich bin sauber". Das sei immer sein Weg gewesen, der "hat mich in Wahrheit dorthin gebracht, wo ich heute bin. Heute sagen die Großen: Den müssen wir ernst nehmen".

Während sich Strache selbst für unangreifbar hält, spricht er genüsslich über die Verletzbarkeit anderer "Schneebrunzer", also Trottel. Über angebliche Eskapaden zweier Politiker der früheren Koalition aus Sozial- und Christdemokraten sei belastendes Material im Umlauf, behauptet der FPÖ-Chef in der Villa. Diese Politiker wüssten das und hätten deshalb eine Art Nichtangriffspakt geschlossen.

Würde man die dazugehörigen Fotos "übers Ausland spielen", wäre bei Roten und Schwarzen der Teufel los, sagt Strache. Dann ginge "der atomare Krieg" los.

Der, der gerade noch seine Unbestechlichkeit gepriesen hat, bleibt allerdings sitzen, als es in der Villa um ganz offensichtlich unsaubere Geschäfte in der Zukunft geht. Über eine mögliche Privatisierung von Staatsliegenschaften diskutiert die Runde bald, in die das russische Schwarzgeld fließen könnte.

Manche der von den Lockvögeln aufgebrachten Vorschläge schließt Strache kategorisch aus. Es gebe "Bereiche, die privatisieren wir nicht". Zu anderen schweigt er und nimmt nur einen tiefen Zug von seiner Zigarette oder kaut an den Nägeln. Immer wieder betont er, dass sich alles im legalen Bereich abspielen müsse.

Wieder andere Ideen kommentiert er. Als der Begleiter der angeblichen Oligarchennichte unverhohlen darauf hinweist, dass es ihr nicht nur darum gehe, an öffentliche Aufträge zu kommen, sondern vor allem einen "Überpreis" dafür bezahlt zu bekommen, also einen Aufschlag zulasten des Steuerzahlers, reagiert Strache zunächst abweisend. Dann antwortet er mit "Jaaa. Ja. Ja". Als der Begleiter schließlich von einem Überpreis spricht, der "garantiert wird", antwortet der FPÖ-Chef: "Noch einmal, beim staatlichen Auftrag hast du das."

Auch um einen Einstieg der angeblichen Russin in die vom Staat kontrollierten Spielcasinos geht es. Diese müssten endlich ihrer Machtstellung beraubt werden, stimmt Strache zu. "Dieses Monopol wollen wir aufbrechen." Das sei aber "verdammt schwer". Strache wird wissen, warum. Ein Verfahren gegen den früheren Finanzminister Karl-Heinz Grasser wegen des – von ihm bestrittenen – Verdachts auf Bestechlichkeit im Zusammenhang mit der geplanten Aufweichung des Glücksspielmonopols war gerade erst eingestellt worden.

Doch beim Thema Autobahn und Straßenbau wird der FPÖ-Obmann hellwach: "Das Erste in einer Regierungsbeteiligung, was ich heute zusagen kann", verspricht er der Frau mit dem angeblichen russischen Vermögen: "Der Haselsteiner kriegt keine Aufträge mehr!"

Der Tiroler Industrielle und Philanthrop Hans Peter Haselsteiner war Vorstandsvorsitzender des Baukonzerns Strabag, der 2018 mehr als 15 Milliarden Euro Umsatz auswies. Haselsteiner hält bis heute mit seiner Familie mehr als ein Viertel der Aktien.

In den Neunzigerjahren saß der Unternehmer für das Liberale Forum im Nationalrat, zuletzt unterstützte er die wirtschaftsliberale Partei "Neos" mit insgesamt 1,7 Millionen Euro an Spenden. Dass es "dem Oligarchen Haselsteiner und anderen rot-schwarzen Systemgünstlingen offensichtlich nur um öffentliche und staatliche Aufträge ... geht", erzürnt den damaligen Oppositionsführer Strache wenige Tage vor seinem Abflug nach Ibiza so sehr, dass er seiner Wut öffentlich auf Facebook Luft macht.

So scheint ihm die Frage der angeblichen lettischen Russin und ihres männlichen Begleiters nach Aufträgen beim Autobahnbau gerade recht zu kommen. Wenn sie der FPÖ entscheidend helfe vor der Wahl, "dann brauchen wir gar nicht reden, tschuldige, tschuldige, dann sag ich ihr: Dann soll sie eine Firma wie die Strabag gründen. Alle staatlichen Aufträge, die jetzt die Strabag kriegt, kriegt sie dann."

Für einen Vizekanzler wäre es vermutlich strafbar, eine solche Auftragsvergabe in Aussicht zu stellen. Damals, 2017, war Strache aber noch in keinem Amt, das ihm erlaubt hätte, Bauaufträge zu vergeben. Strafbar dürften seine Aussagen deshalb wohl nicht sein, ethisch bedenklich sind sie allemal: Als eine Art Gegenleistung für Unterstützung im Wahlkampf öffentliche Aufträge zu offerieren hat zumindest den Beigeschmack von Korruption.

Nach dem Treffen in der Villa gefragt, erinnert sich Heinz-Christian Strache daran, dass eine "vermeintlich lettische Staatsbürgerin" mit ihrem Vertrauten zu einem Abendessen eingeladen habe. Es sei ein "rein privates" Treffen in "lockerer, ungezwungener und feuchtfröhlicher Atmosphäre gewesen", teilt Strache per WhatsApp mit. "Auf die relevanten gesetzlichen Bestimmungen und die Notwendigkeit der Einhaltung der österreichischen Rechtsordnung wurde von mir in diesem Gespräch bei allen Themen mehrmals hingewiesen." Das gelte auch für "allenfalls in Aussicht gestellte Parteispenden bzw. Spenden an gemeinnützige Vereine im Sinne der jeweiligen Vereinsstatuten". Er oder die FPÖ hätten "niemals irgendwelche Vorteile" von diesen Personen erhalten oder gewährt. "Im Übrigen", rechtfertigt sich Österreichs Vizekanzler, "gab es neben dem Umstand, dass viel Alkohol im Laufe des Abends gereicht wurde, auch eine hohe Sprachbarriere, wo ohne einen professionellen Übersetzer von Russisch, Englisch auf Deutsch übersetzt wurde."

Ähnlich äußert sich Johann Gudenus, der sagt, er habe die lettische Staatsbürgerin schon länger gekannt. Sie habe sich für einen Jagdgrund von ihm interessiert. Die Frau habe erzählt, dass sie mit ihrer Tochter nach Wien ziehen und in Österreich wirtschaftlich Fuß fassen und investieren wolle. Beide Politiker geben an, nach dem Treffen keinen Kontakt mehr zu der Frau gehabt zu haben.

Die fragwürdigen Äußerungen des österreichischen Vizekanzlers und seines engen Vertrauten dürften trotz der Erklärungen den Druck auf Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz erheblich erhöhen. Die Koalition der ÖVP mit der FPÖ stand zuletzt ohnehin unter Spannung. Die Verbindungen der Freiheitlichen zu rechtsextremen Gruppen wie der "Identitären Bewegung", rassistische Äußerungen und Publikationen im Umfeld der Partei, ihr Umgang mit kritischen Berichterstattern des ORF, all das wurde in Österreich zuletzt heftig diskutiert.

Im Umfeld von Kurz hieß es dennoch, zu einem Bruch der Koalition in Wien werde es nicht kommen. Zwar wünsche man sich lieber eine andere Koalition, zugleich sei die FPÖ derart inhaltsleer, dass die ÖVP mehr oder weniger durchregieren könne. Ob Kurz bei dieser Haltung bleiben kann, wenn sich sein Vizekanzler zumindest in der Vergangenheit für Geschäfte mit illegalem Geld offen gezeigt hat, ist fraglich.

Mehr als sechs Stunden dauert das Treffen in der Villa, gegen Ende entwickelt sich eine Atmosphäre, die Strache misstrauisch werden lässt. Aljona habe schmutzige Zehennägel, fällt dem FPÖ-Chef plötzlich auf, "das passt nicht zum Gesamtbild", murmelt er irritiert. Bereits zuvor hatte er geklagt, seine aufstrebende rechtspopulistische Partei müsse ständig auf der Hut sein: "Wir wissen, dass wir 24 Stunden beobachtet werden, dass man uns bei jeder Kleinigkeit vernichten will." Doch sein Vertrauter Gudenus wiegelt ab. Strache trinkt und plaudert schließlich munter weiter.

Weit nach Mitternacht drängen die Besucher zum Aufbruch. Sie wollen noch in einen Klub, ins "Hï Ibiza" im wenige Kilometer entfernten Playa d'en Bossa.

Beim Hinausgehen redet Strache dem Vertrauten der Russin und Gudenus noch einmal zu. Sie solle das "Gescheite und Richtige" machen und die "Krone" kaufen. Der Komplize von Aljona aber warnt: "Sie fliegt morgen weg, wenn ihr es machen wollt, müsst ihr es machen, bevor sie weg ist."

Bevor sie ins Auto steigen, schickt Strache seinen Günstling Gudenus nochmals zurück. "Joschi, mach das jetzt klar!"

Gudenus und Aljona verziehen sich in die Küche. Auch dort filmt eine Kamera mit.

Der FPÖ-Mann flüsterte der Frau in leicht holprigem Russisch zu: "Wir sind zu 100 Prozent bereit zu helfen, egal was kommt."