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PRESSE Heiße Kastanien

Die SPD ist mit ihren parteieigenen Zeitungen am Ende. Als letzte kommt nun die »Hamburger Morgenpost« dran: Verkauf oder Untergang.
aus DER SPIEGEL 31/1979

Kurz nach Kriegsende, im Juli 1945, erteilten die Sowjets in Berlin den deutschen Sozialdemokraten die Lizenz für deren erste Nachkriegszeitung, Titel: »Das Volk«. Zehn Monate später war es damit schon wieder vorbei, die Ost-SPD mit den Kommunisten verschmolzen. Sang- und klanglos ging das »Volk« im SED-Organ »Neues Deutschland« unter.

Anders die sozialdemokratischen Blätter im Westen. Sie erhielten von den Besatzern, vor allem den Briten, beständige Rechte. Ruhmlos endeten auch sie, zumeist durch die Unfähigkeit ihrer eigenen Macher. Die letzte größere SPD-Tageszeitung, die »Hamburger Morgenpost«, ist jetzt an der Reihe.

Um das gefährdete Boulevardblatt ganz oder teilweise zu verkaufen, sucht der Bonner Partei-Schatzmeister Friedrich Halstenberg nach neuen Gesellschaftern. Mißlingt die Transaktion bis zum Spätsommer, ist am Jahresende für die »Morgenpost« Feierabend.

Fast ein Wunder, daß es -- bei einem sofortigen Investitionsbedarf an die zwanzig Millionen Mark -- überhaupt noch jemand gibt, mit dem die SPD auf die schnelle ins Gespräch kommen konnte. »Wir sind bereit«, sagt Altverleger John Jahr, Teilhaber des Hamburger »Stern«-Konzerns Gruner +Jahr (G + J), »mit einem größeren Betrag hineinzugehen, wenn es sich machen läßt.«

Auch mit Branchenfremden bandelten die Kapitalsucher an, mit Bauunternehmern, Dienstleistern, mit dem »sprichwörtlichen Fuhrmann, der sich »ne Zeitung kaufen will« (Halstenberg) -- wohl nach dem Vorbild jenes Frankfurter Spediteurs Carl Eberhard Press, der sich letztes Jahr den defizitären Berliner »Abend«, ein parteiunabhängiges Blatt, aufbuckelte. Mindestens einer von ihnen, der Hamburger Paketdienst-Unternehmer Werner Velbinger ("Hermes-Versand"), hat bereits abgesagt, gerade weil er »im Zeitungsgeschäft leider völlig unerfahren« sei.

Die Ursachen für den Notverkauf der letzten nicht zum Axel-Springer-Konzern gehörigen Hamburger Zeitung sind die gleichen wie immer beim Niedergang der SPD-Presse: Mißmanagement unter der Parteifuchtel, fehlendes journalistisches Profil, Qualitätsverf all. Letzthin war's nur noch Krampf: »Was die SPD«, hieß es in einem Brief der Chefredaktion an Parteispitzen, »hier Arbeitnehmern monatelang an nervlicher Belastung und Existenzangst zumutet, ist nicht länger erträglich.«

Eine klotzige Auflage von 2,6 Millionen Exemplaren, die sozialdemokratische Tageblätter vor gut drei Jahrzehnten schon erreicht hatten, wurde auf diese Weise nach und nach wieder verwirtschaftet: »Westfälische Rundschau« und »Hannoversche Presse« in fremde Hände übergegangen, das Hamburger »Abendecho«, der Berliner »Telegraf«, die Mainzer »Freiheit« -- alles ausgezehrt und eingestellt. Mit der einst erfolgreichen, vor 30 Jahren gegründeten »Hamburger Morgenpost« ging es bergab, seit Springer 1952 mit der »Bild« -Zeitung nachzog.

Heute wirkt die »Morgenpost« (Auflage: 236 000) nur noch wie ein blasser Abklatsch der »Bild«-Zeitung, die -- mit rund fünf Millionen Gesamtauflage und viel Geld für Informanten -- ihre Schlagzeilen-Käufer oft alleine lüstern macht: »Russen lauschten im Bonner Bordell ... und sahen zu.« Mühsam suchen die Parteischreiber in der Themenkonkurrenz um Krebsangst und Fußball, Prominentenklatsch und Crime mitzuhalten.

Alternatives gibt es nur manchmal, in den knappen politischen Kommentaren, zu lesen -- etwa zur »Bild«-gepflegten Person Franz Josef Strauß, den die »Morgenpost« einen »Machtpolitiker ohne viel Skrupel« nennt. Bleibendes aber konnte der -- unlängst zur »Wirtschaftswoche« abgewanderte -- Chefredakteur Conrad Ahlers der gedeckelten 60köpfigen Redaktion auch nicht hinterlassen.

Der SPD-Vorstand in Bonn hat die insgesamt 343 Beschäftigten im Hamburger Pressehaus bereits ihrem Schicksal überlassen, und zwar spätestens mit dem Beschluß im Juni, Halstenberg solle eine »Auffanggesellschaft auf breiterer unternehmerischer Grundlage« zusammenbringen. Damit hatte, wie es in Hamburg hieß, der Schatzmeister, der im Gremium Entlastung suchte, »die heißen Kastanien gleich wieder in der Hand«.

Doch statt die brenzlige Ware schleunigst möglichen Interessenten schmackhaft zu machen, ging Halstenberg erst mal in Urlaub, was dann -- bis Mitte August -- auch G+J-Vorstandschef Manfred Fischer tat. »Wir haben«, heißt es bei Gruner + Jahr, »eigentlich gar nicht den Eindruck, daß es denen ernsthaft um Rettung geht.«

Die »Morgenpost« -- das wohl letzte »klassische Beispiel«, wie Springer-Vorstand Peter Tamm spottete, für Parteiwirtschaft in Presseverlagen. Dieselben Parteistrategen, die sich jetzt die Verantwortung gegenseitig zuschieben, wollten früher um keinen Preis davon lassen -- Herbert Wehner etwa, der als zuständiges Vorstandsmitglied die SPD-Presse lange Zeit wie ein »stalinistischer Organisator« kommandierte, so der (inzwischen gestorbene) Karl Gerold' Verleger der linken »Frankfurter Rundschau«.

Die SPD-Verleger wurden bis auf wenige, die sich weigerten wie Gerold, durch Treuhänderverträge an die Partei gebunden -- damit sie bloß nicht zuerst Zeitungsmacher und »erst dann Sozialdemokraten« wären, wie sich seinerzeit ein Spitzengenosse entsetzte. Auf keinen Fall, forderte ein anderer, gehörten Zeitungen »in die Hände einzelner Verdiener«.

Abgabepflichtig und bei den Lesern bald abgestempelt, fielen die SPD-Gazetten hinter die Zeitungen der CDU/CSU zurück. Deren Verleger wirtschafteten auf eigene Rechnung, taten sich nur lose im zurückgezogenen »Verein Unionspresse« zusammen und brachten ihre unabhängig firmierenden Bürgerblätter auf heute 1,5 Millionen Auflage, darunter regionale Riesen wie die Düsseldorfer »Rheinische Post«.

Den Großen der Branche und selbst dem Größten, Springer, glaubte die »Hamburger Morgenpost« freilich vor zehn Jahren noch Paroli bieten zu können. Sie legte sich die »modernste Druckmaschine Europas« für »die farbige Weltstadtzeitung«, alle Tage im Buntdruck, zu. Doch die Maschine produzierte viel zu teuer und konnte schließlich nur noch verkauft werden. Ein Loch von heute noch zweistelligen Millionenbeträgen wurde aufgerissen -- der Anfang vom Ende. Seither druckt die »Morgenpost« wieder auf ihrer alten Rotation, nach wie vor kostenungünstig. Ein Unterschlupf im Lohndruck bei Springer scheiterte.

Halstenbergs Vorgänger Wilhelm Dröscher steuerte daher letztes Jahr auf den Bau einer gemeinsamen Druckerei mit Springers »Bergedorfer Zeitung« zu, einem Stadtteilblatt. Doch Dröscher starb. Halstenberg schreckte vor dem hohen Einsatz des Vorgängers, mehrheitlicher Finanzierung und Beteiligung, bei der geplanten Druckerei zurück und begann sich nach hilfreichen Gesellschaftern umzusehen. Springer wandte sich daraufhin anderen Druckereiplänen zu.

Eine später anvisierte Mehrheitsbeteiligung des SPD-Gegners Springer an der »Morgenpost« scheiterte an Bedenken im SPD-Vorstand: zuviel Verlust an Glaubwürdigkeit. Nun soll, würde Gruner + Jahr das Blatt übernehmen, erst mal eine Druckerei mit marktgängigen Produktionsbedingungen erstellt werden. Ein neues Konzept und neue Leute müßten her. »Wir haben den guten Willen, aber noch gewisse Zweifel«, sagt John Jahr.

Nur an einem gibt es bei der »Morgenpost« nichts zu zweifeln: an der Lesertreue. So dürftig und bedürftig das Blatt, so stabil ist seit Jahren die stattliche Käuferzahl, weit über 200 000. Neuerdings steigt sie sogar um ein paar tausend im Monat. »Dieses Blatt«, sagt Verlagschef Klosterfelde, »hat endlich mal eine Chance verdient.«

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