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WAHLKAMPF Heiße Phase

Elfmal greift Franz Josef Strauß an Rhein und Ruhr in den Wahlkampf ein -- sechsmal zusammen mit dem Rechtsaußen der nordrhein-westfälischen CDU, Heinrich Windelen.
aus DER SPIEGEL 16/1975

Als heimatvertriebener Riesengebirgler kritisiert er das Fernsehen, das »zwar die israelisch besetzten Gebiete in Nahost schraffiert zeigt, aber Schlesien, Pommern und Ostpreußen überhaupt nicht mehr«.

Als gläubiger Katholik plädiert er für die Todesstrafe gegen Geiselgangster, die Politiker ermorden, während bei »herkömmlicher« Geiselnahme mit Mord von der staatlichen Exekution abgesehen werden könne.

Als prominenter CDU-Politiker disqualifiziert er den Westdeutschen Rundfunk (WDR) in dessen Verwaltungsrat er sitzt, pauschal als »Rotfunk": Heinrich Windelen, 53, Vorsitzender des CDU-Landesverbandes Westfalen-Lippe und stellvertretender Fraktionsvorsitzender in Bonn, wohnhaft im Reiterstädtchen Warendorf.

Mit der WDR-Attacke markierte der Präsidiums-Kompagnon des rheinischen CDU-Vorstehers und Oppositionsspitzenkandidaten Heinrich Köppler, findet die »Neue Ruhr-Zeitung«, das »sicherlich sinnloseste und überflüssigste Schlachtfeld der Parteien« im Landtagswahlkampf bis zum 4. Mai.

Die dreiwöchige heiße Phase hat nun begonnen. Gleich sechsmal -- erstmals am Donnerstag dieser Woche -- kommt in dieser Spanne Franz Josef Strauß in die westfälische Wahlheimat des, so SPD-Ministerpräsident Heinz Kühn, »Schwarzsenders Windelen«. Köpplers CDU genügen fünf Strauß-Auftritte im Rheinland reichlich.

Dabei decken sich Windelens Wahltaktik und Köpplers Kalkül durchaus: Das katholische nordöstliche Westfalen mit dem christlichen Wählerpotential in den Bischofsbezirken Münster und Paderborn bedeutet der CDU soviel wie der SPD das westliche Westfalen mit dem Kohle- und Industrierevier um Dortmund und Bochum: sichere Wahlkreise und möglicherweise noch die zusätzlichen Prozent-Bruchteile, mit denen die CDU auf Sieg hofft.

Denn die Stimmen-Superlative der CDU im Rheinland bei der letzten Landtagswahl im Juni 1970 (Kleve 65,9, Mönchengladbach 61,8 Prozent) wurden schon damals in einigen heute von Windelens Aktivitäten abgedeckten Wahlkreisen rings um Warendorf und Münster spektakulär übertrumpft: Büren-Warburg 73,6 Prozent, Ahaus 72,6, Borken-Bocholt 68,9 und Coesfeld 68,1 Prozent.

Die Chancen der CDU stehen dort auch 1975 gut. Windelen. der weder für den Düsseldorfer Landtag kandidiert noch zu Köpplers potentieller Minister-Mannschaft gehört, hatte im Oktober 1970 als Nachfolger von Josef Hermann Dufhues den CDU-Landesverband mit damals 57 000 Mitgliedern übernommen. Heute kann der »leptosome Typ mit dem gutgeschnittenen Eierkopf« (Befund des Bonner Köpfe-Chronisten Walter Henkels) mit über 100 000 eingeschriebenen Christdemokraten sogar noch auf Stimmenzuwachs spekulieren.

Heinrich Windelen, von einheimischen Stammtisch-Strategen als asketischer und humorloser »König von Warendorf« hofiert, hatte 1945 als Kriegsheimkehrer im konfessionell gefestigten Münsterland schnell Fuß gefaßt -- mit kaufmännischer Ausbildung, Praxis und Beteiligung in mehreren Industriebranchen. Ehefrau Ingeborg setzte das gemeinsame Lebensziel: »Eine heile und friedliche Welt.«

Basis der mehrgleisigen politischen Karriere, mit der Heinrich Windelen, CDU-Mitglied seit 1946, dieses Fernziel ansteuert, waren und sind die Vertriebenen -- in Nordrhein-Westfalen 2,5 Millionen, weit mehr als in jedem anderen Bundesland. Ortsvorstand« Kreisvorstand, Kreisvorsitz, Mitgründer der Jungen Union in Warendorf, Kreistagsabgeordneter und Stadtverordneter, seit 1957 direkt gewählter Bundestagsabgeordneter und 1969 sogar ein paar Monate Vertriebenenminister -- das sind die Stationen emsiger Parteiarbeit.

Zumal »der schwarze Heinrich« (CDU-Etikett) nicht nach Landes-Würden strebt, kooperieren die beiden früher rivalisierenden CDU-Landesverbände vorzüglich, und der designierte Ministerpräsident und vergleichsweise liberale Köppler (CDU: »Der graue Heinrich") hat im Wahlkampf den Rücken frei für den Straßen-Einsatz im hart umstrittenen Ruhrgebiet, für Fernseh-Diskussionen und Pressekonferenzen. Dennoch übertrifft Windelen seinen Regional-Gefährten Köppler bereits an Publizität, gemessen in Druckzeilen, und an politischer Popularität, ausgedrückt in frontaler Schlagwort-Aggression.

Windelen hatte auch früher als Köppler erkannt, daß mit gängigen landes- und wirtschaftspolitischen Negativ-Themen kaum noch neue Wähler für die CDU mobilisiert werden können: Die Zahl der Arbeitslosen liegt in Nordrhein-Westfalen niedriger als im Bundesgebiet (März 1975: NRW 4,8; Bundesschnitt 4,9 Prozent), Opel in Bochum und Ford in Köln fahren volle Kapazität, Braun- und Steinkohlezechen fördern ohne Halden und in Sonderschichten.

Die Schulpolitik verprellt kaum noch, seit sogar der konservative »Bund Freiheit der Wissenschaft« die vor Monaten noch umstrittenen, dann revidierten Politik-Richtlinien des Kultusministers als verfassungskonform und »positiv« gelobt hat.

Rechtzeitig zum Wahlkampf-Auftakt im Februar machte daher Windelen den WDR als Zielscheibe aus. Vor Vertriebenen in Recklinghausen heizte er Ressentiments an: »Wir wollen keinen Schwarzfunk in diesem Lande, aber wir werden uns nicht länger den Rotfunk gefallen lassen.« Konsequenz: Nach der Landtagswahl müsse sich beim WDR »etwas ändern«.

Windelen hatte ins Schwarze getroffen: SPD-Landespolitiker protestierten, WDR-Verwaltungsrat und Redakteursausschuß ("Unverhüllte Androhung«, »Diffamierung") debattierten und insistierten. WDR-Intendant Klaus von Bismarck verteidigte sich und seine Anstalt mit einer öffentlichen Erklärung auf eigenen Wellen gegen die »Kampagne mit abwegigen Verallgemeinerungen und Reizworten«.

Der Konflikt war programmiert, der Eklat absehbar, seit letztes Jahr in Köln als Nachfolger des CDU-Abteilungsleiters Friedrich Wilhelm Räuker, der zum NDR nach Hamburg ging, der parteilose WDR-Redakteur Dr. Klaus Katz zum Fernseh-Programmchef für »Wissenschaft und Erziehung« avancierte -- und nicht der CDU-Kandidat Hans Heiner Boelte vom ZDF. Zwar bestreiten christdemokratische Funk-Funktionäre Katz nicht etwa die größeren fachlichen Qualitäten. Aber die Position selbst, so gestand Windelen unumwunden ein, sei für die CDU »eine ganz wichtige Stelle«.

»Unausgewogenheit« ist jetzt die Kampfparole der CDU in Nordrhein-Westfalen. Windelen agitiert mit einem Sammelsurium angeblich rotkarierter WDR-Verfehlungen der letzten Jahre -mit linker Poesie von 1972, aufmüpfigen Zitaten aus Jugendprogrammen. mit dem Frühschoppen-Wunsch des Publizisten Jean Améry an die damals hungerstreikenden Baader-Meinhof-Häftlinge ("Nicht aufgeben"), mit BM-Sympathisanten in den Redaktionen.

Fernseh-Programmdirektor Werner Höfer sieht den Kölner Sender ohnehin in »zwei Wahlkämpfe« verstrickt. Nach der Wahl am 4. Mai beginnt nämlich im neuen Landtag und im WDR-Verwaltungsrat (drei SPD-, drei CDU-Mitglieder, ein Freidemokrat) das Tauziehen um die Neuwahl des Intendanten für den WDR.

Bismarcks Amtszeit läuft am 31. März nächsten Jahres ab, die CDU will ihn -- wie schon beim letztenmal -nicht wiederwählen und wird wahrscheinlich erneut den Ex-Kultusminister Professor Paul Mikat präsentieren. So lange herrscht Kriegszustand.

Windelen: »Dies ist eines unserer Wahlkampfziele, nämlich beim WDR für politische Ausgewogenheit auch bei Personalentscheidungen zu sorgen.«

Ob aber mit »Rotfunk« und Strauß noch zusätzliche CDU-Wähler zu mobilisieren sind, erscheint fraglich. Während Umfragen im Januar immerhin noch ein Patt von 49 zu 49 Prozent -- Stimmengleichheit von SPD/FDP und CDU -- auswiesen. prophezeien die neuesten Testergebnisse einen Vorsprung der sozialliberalen Koalition.

So errechnete Infratest Anfang April 44 Prozent für die SPD, neun für die FDP und 44 für die CDU. Etwas realistischer wird ein neues Infas-Ergebnis gewertet: SPD 44,5, FDP 6,5, CDU 47 Prozent. SPD-Chef Kühn freut sich über alles: »Wenn Strauß unser Wahlhelfer sein will -- bitte schön.«

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