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WERTPAPIERE / LUFTHANSA-ANLEIHE Heißer Happen

Ich werde mehr halten, als ich verspreche, wobei ich zu verstehen gebe, daß ich nichts versprochen habe. Hermann Josef Abs, Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Lufthansa AG.
aus DER SPIEGEL 38/1967

Im Jahr der leeren Kassen entsann sich der Patriarch der Deutschen Bank, Hermann Josef Abs, eines Finanzierungsmittels, mit dem Wertpapier-Händler in Deutschland letztmals vor der Weltwirtschaftskrise Kunden zur Börse lockten. Abs entdeckte die Optionsanleihe für die Luftfahrt.

Die Deutsche Lufthansa, die 1955 ihr erstes Nachkriegs-Flugzeug von Hamburg nach München schickte, ist heute hinter der British Overseas Airways Corporation und der Air France die drittstärkste Luftverkehrsgesellschaft in Westeuropa. Als Treibstoff für den weiteren geschäftlichen Steigflug braucht sie nun dringend neues Geld: 1,4 Milliarden Mark bis 1970.

Nur einen Teil dieser Investitionen die vor allem zum Kauf von 21 Kurzstrecken-Jets (Boeing 737) und zum Ausbau der internationalen Strecken zwischen Anchorage und Zagreb bestimmt sind, kann die Lufthansa selbst verdienen. Den Rest muß sie sich auf dem Kapitalmarkt beschaffen.

Der übliche Weg, neue Aktien zu verkaufen, bleibt der Gesellschaft vorerst versperrt. Denn den Kaufpreis hätte in erster Linie der Bund aufbringen müssen, der über 300 von insgesamt 400 Millionen Mark Lufthansa-Kapital hält und nicht auf seine Dreiviertel-Mehrheit verzichten möchte. Bonns Steuergeld aber ist auf Jahre hinaus in den Finanzplänen der Minister Schiller und Strauß festgelegt.

Um »des Vaterlandes liebstes Kind« (Lufthansa-Vorstandsmitglied Dr. Herbert Culmann) trotzdem neu ausstatten zu können, holte sich der Vorstand der Gesellschaft einen Tip von seinem Aufsichtsratsvorsitzenden Abs. Der Börsenkenner empfahl, statt neuer Aktien oder normaler Schuldverschreibungen, eine Optionsanleihe.

Deutsche Bank und Deutsche Lufthansa folgten dem Rat. Sie legten eine Anleihe über 150 Millionen Mark auf, die -- mit nur sechs Prozent Zinsen, dem hohen Verkaufskurs von 100 und einer Laufzeit von 15 Jahren -- weit weniger attraktiv ist als die gängigen Schuldverschreibungen. Die Bundeshahn beispielsweise bietet bei nur zehn Jahren Laufzeit und einem Ausgabekurs von 98,5 ein halbes Prozent mehr Zinsen.

Aber obwohl die Bundeshahn insgesamt 6,8 Prozent Rendite verspricht und die Lufthansa nur sechs, zogen Börsenprofis und informierte Laien das scheinbar schlechtere Papier vor.

Noch ehe das Bankenkonsortium seine Lufthansa-Offerte am Donnerstag letzter Woche in den Anzeigenteil deutscher Tageszeitungen einrücken ließ, war die Optionsanleihe weit überzeichnet. Sie mußte schärfer rationiert werden als das Paradestück des Bonner Volkskapitalismus, die VW-Aktie, vor sechs Jahren.

Der Grund für den Run: Wer die Lufthansa-Anleihe zeichnet, erwirbt gleichzeitig Bezugscheine (Optionen) für neue Aktien des Unternehmens, die zwischen 1968 und 1973 ausgegeben werden sollen. Für je 600 Mark Anleihe dürfen die Zeichner später Aktien im Nennwert von 100 Mark kaufen. Der Preis dafür steht heute schon fest: 225 Mark.

Große und kleine Spekulanten hoffen auf einen Coup. Sie wollen die Lufthansa-Aktien dann abrufen, wenn der Tageskurs weit über den garantierten Bezugspreis hinausgeklettert ist. Seit Jahresende 1966 bis zum Dienstag vergangener Woche war die Notierung bereits um 53 auf 225 Punkte gestiegen, bis zum Freitag schnellte sie noch einmal um acht Punkte hoch.

Obwohl die Lufthansa nach dem Zweiten Weltkrieg noch nie eine Dividende ausgeschüttet hat, gilt ihre Aktie an der Börse als Wachstumspapier. Abs-Adjutant Dr. Seipp: »Die Gesellschaft hat ein ausgezeichnetes Standing.« In den drei letzten Geschäftsjahren erzielte sie 137 Millionen Mark Überschuß.

Kursmanipulationen, etwa durch eine plötzliche Kapitalerhöhung, brauchen die Zeichner der Anleihe nicht zu fürchten. Dagegen sind sie durch eine Verwässerungsschutz-Klausel gefeit: Sinkt der Kurs, wird auch der Garantiepreis ermäßigt.

So appetitliche Börsenhappen wurden Deutschlands Aktionären lange nicht gereicht. Die Vorfreude auf risikolosen Gewinn zog freilich zuerst in die Direktionsfluchten der Banken ein.

Deren Börsenagenten sprachen sich, noch bevor die Lufthansa-Anleihe in den Handel kam, am Telephon inoffizielle Kurse zu: Für je 300 Mark Nennwert der heißen Options-Papiere boten die Banker 21,38 Mark Aufgeld.

* Beim Erstflug am 13. Mai 1967 in Seattle (USA).

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