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USA / KONJUNKTUR Heißer Sommer

aus DER SPIEGEL 38/1966

Zweieinhalb Jahre Präsidentschaft trugen Lyndon B. Johnson den Ruf ein, er könne mit Amerikas Wirtschaftsführern besser umgehen als John F. Kennedy. Ein heißer Preis-Sommer und Aktien-Kursverluste in Höhe des gesamten westdeutschen Bruttosozialprodukts (450 Milliarden Mark) seit Februar haben sein Freundschaftsverhältnis zum Big Business zerstört.

Noch im Januar dieses Jahres hatte Johnson gegen das Votum seines Wirtschaftsberaters Gardner Ackley auf Steuererhöhungen verzichtet und dafür den Dank der Unternehmer geerntet. Am Montag vergangener Woche dagegen drohte er der Wirtschaft in einer Rede in Detroit: »Ich habe nicht vor, untätig zuzusehen, wie die Inflation uns

die Früchte sechsjähriger Anstrengung wieder wegnimmt.«

Die Mahnung kam zu einem Zeitpunkt höchster Not:

- Die Lebenshaltungskosten klettern gegenwärtig in einem Jahrestempo von 3,5 Prozent (1965: zwei Prozent);

- der Überschuß der Handelsbilanz sank im Juli auf eine Milliarde Mark (Juli 1965 noch zwei Milliarden);

- die Goldreserven in Fort Knox verminderten sich im Juli um 464 Millionen auf den Stand von 53,6 Milliarden Mark (Juli 1965 noch 56 Milliarden).

Hauptmotor der überdrehten Konjunktur ist der Krieg in Vietnam. In der Wallstreet werden die jährlichen Kosten des Konflikts inzwischen auf 120 Milliarden Mark - beinahe doppelt soviel wie der gesamte Bonner Haushalt des Jahres 1965 - geschätzt. Verteidigungsminister Robert McNamara wird vermutlich nach den Herbstwahlen zum Kongreß um zusätzliche Mittel in Höhe von 48 Milliarden Mark einkommen.

Das Dilemma begann, als Präsident Johnson vor einem Monat die in Streit geratenen großen US-Luftfahrtgesellschaften und die Gewerkschaft der amerikanischen Flugzeug-Mechaniker an den Verhandlungstisch zwang. Damit die Amerikaner nach sechswöchigem Streik wieder ungehindert fliegen konnten, ließ Johnson die Luftlinien bis zu acht Prozent höhere Löhne zahlen. Seitdem beherrschen die US-Düsenclipper zwar wieder den zivilen Luftraum der Erde; Amerikas Gewerkschaftler aber fordern inzwischen auch für andere Branchen gleiche Lohnzulagen.

Mit dem achtprozentigen Geschenk an die Düsen-Monteure hatten die Luftlinien das seit Jahren propagierte Limit des Präsidenten, bei Lohn- und Preiserhöhungen im Einzelfall nicht über 3,2 Prozent jährlich hinauszugehen, überboten. Walter P. Reuther, Chef der Detroiter Automobil-Arbeiter, verlangte sofort zwei Mark mehr, Stundenlohn (bisheriger Durchschnitt: 13,20 Mark) für

250 000 Kollegen: Falls die Manager nicht zahlen, wollen Reuthers Männer streiken.

Auf acht Prozent mehr Lohn drängen auch die 175 000 Angestellten der Telephongesellschaften, 139 000 Arbeiter des Elektro-Giganten General Electric und die städtischen Angestellten New Yorks sowie der meisten anderen Großstädte des Landes.

Dem Boom der Lohnforderungen droht eine Welle neuer Preiserhöhungen zu folgen. So kündigten die Automobilfirmen in Detroit bereits um 200 bis 400 Mark höhere Preise für die 67er Modelle an. Und auch die Stahlfirmen der Vereinigten Staaten beabsichtigen nach der bescheidenen Preiserhöhung von zwei Prozent im letzten Monat, mit der sie lediglich - Johnsons Reaktion testen wollten, eine neue Verteuerung ihrer Produkte.

Um die Inflation zu stoppen, verpflichtete die amerikanische Zentralbank die Geldinstitute im August, größere Geldbeträge als bisher stillzulegen. Die Banken erhöhten daraufhin die Zinsen für kurzfristige Kredite auf sechs Prozent ("Hoover-Zins"). Seit den Tagen der Weltwirtschaftskrise und des amerikanischen Präsidenten Hoover waren die Kredite in Amerika nicht mehr so teuer und das Geld nicht mehr so knapp.

Ohne Steuer-Hilfe des Präsidenten war der Bremsversuch der Zentral-Bankiers jedoch zum Scheitern verurteilt. In New Yorks Wallstreet sackten die Börsenkurse tiefer als auf die Nachricht von Kennedys Ermordung. Der Dow-Jones-Index, der die Kurse 30 führender Industrie-Aktien zusammenfaßt, fiel am Montag vorletzter Woche auf die Jahres-Rekordtiefe von 767,03 (absoluter Spitzenstand im Februar dieses Jahres: 995,15).

Bis noch vor zwei Wochen hatte Johnson gehofft, die fällige Dämpfung der Nachfrage auf die Zeit nach den November-Wahlen aufschieben zu können. Wallstreet-Baisse und beharrliche Kritik seines Chef-Beraters Gardner Ackley bewogen ihn jedoch, früher als geplant loszuschlagen.

Am Donnerstag vergangener Woche kündigte der Präsident in einer Botschaft an den Kongreß an, er werde die Staatsausgaben kürzen. Außerdem will er jene siebenprozentige Steuererleichterung streichen, die Amerikas Unternehmern gewährt wird, wenn sie ihr Geld in den Kauf neuer Maschinen und Anlagen stecken. Mit dieser Maßnahme hofft Johnson, den am kräftigsten sprießenden Zweig am amerikanischen Inflations-Baum zu kappen: In den vergangenen sechs Jahren stiegen die Investitionen um 73 Prozent, während sich die Industrie-Produktion nur um 44 Prozent erhöhte.

Je mehr die Eskalation in Vietnam die Kriegskosten der USA in die Höhe treibt, desto wahrscheinlicher wird, was an Amerikas Heimatfront bisher nur von republikanischen Politikern verkündet wird: Unmittelbar nach den November-Wahlen werde Johnson eine Kongreß-Sondersitzung einberufen und die Steuern in ganzer Breite erhöhen.

New Yorker Börse: Ruckschläge an der Heimatfront

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