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»HEITERE FRAUEN BEDIENTEN«

aus DER SPIEGEL 13/1966

So war es auch in Korinth: Im Nu wurden kleine Tische herbeigebracht und in Hufeisenform oder im Halbkreis aufgestellt. Hier saß der arme Sklave, die Sklavin, die zu Hause oft gescholten und geschlagen wurden, im brüderlichen Verein neben dem Stadtrentmeister Erastus, dem ehemaligen Synagogenvorsteher Crispus, dem reichen Titius Justus, und wurden von heiteren, liebenswürdigen Frauen bedient, die wie Verkörperungen der »Agape« und der »Irene« (Friede) zwischen den Tischen wandelten.

Einer der Ältesten saß jeweils in der Mitte jeder Tafelrunde, wie wir es noch auf den Katakombenbildern sehen. Kleine Zugaben, wie warmes und kaltes Wasser, Oliven, Sardinen. Näpfe und Schalen wurden vom Hausherrn geliefert ...

Welchen liturgisch-religiösen Rahmen diese Agapen in der kultischen Feier hatten, wissen wir nicht mehr, aber irgendeine kultische Weihe müssen sie gehabt haben. Sie scheinen schon sehr bald dem nächtlichen Lichtgottesdienst der »Eucharistia lucernaris« gewichen zu sein.

Nach dem Liebesmahl entfernten sich die noch nicht Getauften, die anderen begaben sich zum Opfermahl in den Obersaal ...

Zahlreiche Lichter wurden angezündet (Apostelgeschichte 20,8). Männer und Frauen legten ein gemeinsames Sündenbekenntnis ab in die Hand des Apostels (Paulus), traten in vollkommener Ordnung an den Opfertisch und stellten ihre Körbchen voll Weizenmehl, Trauben, Weihrauch und Öl für die heiligen Lampen, reines Weizenbrot und Wein aus den Gärten von Isthmus und aus Argos nieder, während das Kyrie eleison in Wechselchören ertönte. Teile jenes Brotes und Weines nahm Paulus in seine Hände und nahm die

Weihe jener Elemente vor, die von jeher das einfachste, vornehmste und keuscheste Mahl der Menschheit bildeten und auch in den Händen Christi ruhten.

Im Ton inspirierten Anrufs entwickelte sich der Wechselgesang zu einer Art feierlichen Dialogs zwischen Paulus und den Anwesenden: »Erhebet die Herzen!« - »Wir haben sie zum Herrn erhoben!« - »Wir wollen Lob sagen dem Herrn, unserm Gott!« - »So ist es würdig und recht.«

Dann sprach Paulus im feierlichen Tonfall den Abendmahlsbericht, so wie er ihn selbst vom Herrn durch Vermittlung der Mutterkirche in Jerusalem empfangen hatte: »In der Nacht, da der Herr Jesus verraten ward ...« (1 Korinther 11,23). Die Gemeinde antwortete: »Wir danken dir, unser Vater, für den heiligen Weinstock Davids (= Blut Christi ...), deines Knechtes, den du uns kundgetan hast durch Jesus, deinen Knecht. Dir sei die Ehre in Ewigkeit. Wie dieses Brot zerstreut war auf den Bergen und zusammengebracht eins wurde, so laß auch deine Kirche von, den Enden der Erde in dein Reich zusammengebracht werden« (Didache, Kapitel 9).

Einer nach dem andern, näherten sich die Gläubigen, um aus der Hand ihres Apostels Stücke des konsekrierten Weizenbrotes zu empfangen und aus dem dargereichten Kelche zu trinken, und traten nach leichter Umarmung und heiligem Friedenskuß zurück ...

Während die Reste des heiligen Mahles für etwaige Kranke fortgetragen wurden, erreichte die Freudigkeit ihren Höhepunkt im Gesang einer Dankeshymne, nach der die ganze Feier ihren Namen (Eucharistie) erhielt und die nach der Didache mit dem Sehnsuchtsruf nach der Wiederkunft des Herrn schloß: »Gedenke, o Herr, deiner Kirche, sie zu retten von allem Bösen und sie zu vollenden in deiner Liebe.«

* Aus »Paulus«. Herder-Verlag. Freiburg: 548 Seiten 34 Mark.

Frühchristliches Liebesmahl**: »Das keuscheste Mahl der Menschheit«

** Fresko aus der Katakombe von Petrus und Marcellinus (4. Jahrhundert)

Josef Holzner
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