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Schule Heizung runter

Mit einer pfiffigen Aktion sparen Hamburger Schulen jede Menge Energie - und füllen zugleich ihre Schulkasse auf.
aus DER SPIEGEL 21/1996

In jedem Klassenzimmer steht auf farbigen Plakaten »Haltet die Kippfenster geschlossen - wenn nötig, dann schocklüften«. Schilder neben den Waschbecken fordern zum Wassersparen auf, und wer unnötig viele Lampen anschaltet, fängt sich sofort einen Rüffel ein: »Eh Mann, das ist ja Energieverschwendung.«

Die Hamburger Gesamtschule Kirchdorf hat Energiesparen zum Lernziel erklärt - mit enormem Erfolg: Allein im vergangenen Schuljahr haben Lehrer und Schüler über 42 000 Mark bei der Energie- und Wasserversorgung eingespart.

Die Kirchdorfer treibt nicht nur der Umweltschutz an. Die Hälfte des eingesparten Geldes darf die Schule behalten und nach Gusto ausgeben, für einen Kickertisch etwa oder eine Musikanlage.

Ökologie steht heute bundesweit in allen Lehrplänen. Doch oft ist der Umweltschutz nur in der Theorie an der Klassentafel. Um die Schüler auch praktisch zu trimmen, wie sie Ressourcen sparen können, erfand die Hamburger Umweltbehörde die Aktion »fifty-fifty«. Jede Schule der Stadt, die ihren Verbrauch an Wasser und Energie senkt, bekommt drei Jahre lang die Hälfte der so eingesparten Kosten zur freien Verfügung - Umweltschutz und Eigennutz in einem.

24 Schulen haben bereits im letzten Schuljahr an »fifty-fifty« teilgenommen, insgesamt über 420 000 Mark eingespart und somit Prämien von rund 210 000 Mark kassiert. 8,6 Prozent der Heizenergie, 6,9 Prozent der Elektroenergie und 12,1 Prozent Wasser wurden gegenüber den Vorjahren weniger verbraucht.

Gegenwärtig beteiligen sich 40 Hamburger Lehranstalten, Mitte 1997 soll es, geht es nach der Schulbehörde, jede zweite der 423 Hamburger Schulen sein. Aus der gesamten Bundesrepublik kommen Anfragen zu »fifty-fifty«, in einigen Städten laufen schon ähnliche Projekte.

Die Kirchdorfer Gesamtschüler und ihre Pädagogen gingen die Sache systematisch an. Sie erfaßten zuerst alle elektrischen Geräte der Schule und protokollierten den jeweiligen Stromverbrauch, maßen die Temperatur in allen Zimmern und stellten die Helligkeit in Fluren und Räumen fest.

Dann wurde scharf gerechnet. Gemeinsam mit den Lehrern entschieden die Schüler, wo die Raumtemperatur gesenkt, Warmwasserboiler ausgeschaltet und Lampen abmontiert werden. Tropfende Wasserhähne reparierte der Hausmeister, energiefressende Geräte wie Hobelmaschine und Bandsäge durften nicht mehr in der teuren Spitzenlastzeit angeworfen werden.

Die Umweltaktion veränderte den gesamten Unterricht, fächerübergreifendes Lernen wurde plötzlich selbstverständlich. In Physik berechneten die Schüler die Sparpotentiale der Schule, in Chemie beschäftigten sich die Jugendlichen mit Gas und Öl, in Informatik bereiteten sie die Ergebnisse in einer Tabellenkalkulation grafisch auf, in Deutsch wurde ein Katalog »Energiesparen durch Verhaltensänderungen« erstellt, und im Fach Kunst entwarfen die Kids Symbole für die einzelnen Sparsparten. »Wir haben hier echt was geleistet«, sagt Christian Mündel, 18, aus der 12. Klasse stolz.

»Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der gleichberechtigten Beteiligung von Schülern, Lehrern und Hausmeistern«, sagt Physiklehrer Wilhelm Haars, 37. Die Jugendlichen erleben direkt den Nutzen und Erfolg ihrer Arbeit - und praktizieren ihr neues Öko-Bewußtsein auch außerhalb der Schule. »Ich dreh' jetzt auch zu Hause die Heizung runter«, verkündet Amika Schulenburg, 15.

Einen außergewöhnlichen Einfall hatten auch die Schüler und zwei Lehrer der Gesamtschule im Hamburger Stadtteil Blankenese. Sie wollten sich umweltfreundliche Sonnenkollektoren auf ihr Schuldach setzen, doch es fehlte das nötige Geld. Kurzerhand boten die Öko-Aktivisten Schuldurkunden im Wert von 100 Mark an, der Schulverein garantierte, diese Schuldverschreibungen von 1997 an wieder zurückzukaufen.

Lehrer, Eltern, sogar eine Schulklasse kauften Anteile, die Umweltgruppe Elbvororte gab ein zinsloses Darlehen von 6000 Mark; in zweieinhalb Monaten kamen über 27 000 Mark zusammen.

Dann legten die Schüler selbst Hand an. Sie bauten das Metallgerüst für die Anlage, gossen die schweren Betonfüße und halfen beim Aufbau. In ein bis zwei Wochen wird die Photovoltaikanlage mit einer Spitzenleistung von 1,71 Kilowatt angeschlossen, der erzeugte Strom in das Netz eingespeist. Das bringt der Schule etwa 2500 Mark pro Jahr.

»Die Kombination von Ökologie und Erziehung ist unschlagbar«, glaubt Clemens Krühler, 47, Lehrer für Physik und Geschichte. Natürlich beteiligt sich die Schule auch am Projekt »fifty-fifty«. Und das neue Oberstufengebäude, das von 1997 an entsteht, ist als Energiesparbau mit einem Blockheizkraftwerk und einer Regenwassersammelanlage geplant.

Bei den Schülern kommt das Umweltthema an, die meisten Pennäler finden das Engagement »echt stark«. Denis Drescher, 14, aus der Klasse 8a: »Wir müssen ja schauen, daß die Welt nach uns auch noch besteht.«

Geschäftstüchtig sind die Kids von Blankenese auch: Sie rechnen schon heute damit, daß ein Teil der Geldgeber in einigen Jahren die eingezahlten 100 Mark gar nicht mehr zurückhaben will. Damit, das ist klar, werden dann weitere Sonnenkollektoren gekauft. Y

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